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Das Schwert
Das Schwert
Nun war er gekommen, dieser magische Moment, wenn die Dinge sich lichten. Der Schleier des Unverständnisses, der Angst sich beginnt zu lichten. Die zurückliegenden Schmerzen Wunden des Lebens, entzündet, mißbraucht, welche mich beim Versuch zu gehen betäubten. Doch sind diese bereits gänzlich verheilt, beherrsche den aufrechten Gang des Lebens. Bin dankbar, dankbar für alles, kann nun beginnen meine Seele zu pflegen.
Wo, in diesem Wust der Dinge, versteckte sich jenes eine Buch, welches von mir bisher nicht gelesen worden war? Ein Buch, in all den Jahren zu einem Wanderer geworden. Wo soll ich suchen, wo könnte es sich zur momentanen Ruhe gelegt haben? Plötzlich, in einem Moment der geistigen Abwesenheit, schimmerte etwas in meinem Augenwinkel, wollte auf sich aufmerksam machen. Versuchte mich zu orientieren, begann meine Suche, gelang endlich zu dem Objekt meiner Aufmerksamkeit. Dort lag es, verstaubt, ausgeblichen, traurig über die ihm nicht entgegengebrachte Zuwendung. Meine Hände griffen es, verspürte, die Zeit war gekommen dieses Buch zu lesen.
Ein Buch zu lesen bedeutet zu versuchen die Bilder der Schrift zu enträtseln, gar in diese Welt hinab zu tauchen. Bücher sind Magie, jeder Buchstabe für sich ein Absurdum an Strichen und Farben, doch werden die richtigen, zueinander passenden zusammengefügt ergibt sich das Wunder der Schrift. Diese vermag die Lehre des Denkens, Lesens, Lebens an uns weiterzugeben. Die scheinbare Leere zwischen den Wörtern, den Zeilen macht erst den Reiz des Lesens aus, denn dort spielt sich alles ab. Nicht innerhalb der Satzkonstellationen. Sie helfen uns nur den Weg des Geschriebenen zu finden, den vorgezeichneten Weg zu gehen.
Ich hielt dieses wunderschöne alte Buch in meinen Händen. Seine Wärme breitete sich auf meinen Handflächen aus, meine Augen sahen auf den Titel desselben: `Komm mit!´
Ein seltsamer Titel, wahrlich, geheimnisvoll anmutend. Verführer in Form eines Buches. Jene Aufgewühltheit in mir wurde stärker, meine Seele war gefüllt mit den größten und stärksten Propellermaschinen des Universums. Mein Herz begann nervös schneller zu schlagen. Sank hernieder, formte das Reich der Kissen und Laken passend der Situation, dann schlug ich es vorsichtig auf, begann zu lesen.
Diese Geschichte liegt in einer Zeit der tiefen Vergangenheit begraben, das Land ist nie wieder so geworden wie es vor dieser gewesen war. Du, der Leser meiner Geschichte, wirst verführt sein das Abenteuer der Findung einzugehen. Jedoch rate ich dir ab, denn Dinge die wir als schön empfinden, der Vergangenheit angehören, können niemals wieder so ihren Glanz entfalten, wie zu dem Zeitpunkt des Erlebten.
Das Leben ist ein Fluß, die Dinge fließen stetig weiter, unaufhaltsam, unterliegen einem stetigen Wechsel. Nichts wird, wie es war. Genieße den Augenblick, lebe von der Erfahrung, jedoch trauere nicht dem Vergangenen nach, dadurch verblaßt das Schöne, an dessen Stelle gesellt sich der Schmerz, das Wissen des Unwiederbringlichen. Folge mir, nimm dein teuerstes Handgepäck, deine Seele, mit, versuche zu verstehen.
Dieses Land war seit vielen Jahreszeiten ein Zufluchtsort: Ruhe, Schönheit, überwältigende
Eindrücke.
Weite Felder, ein unbeschreibliches Wechselspiel der Wolken am Firmament, weitläufige, grüne, saftige Wiesen, Bäume mit ausladenden Kronen, gewaltigen Stämmen, Berge mit der weißen Garnierung der Götter, umschlossen von einem Meer mit der Farbe von Edelsteinen.
Die Menschen dort arbeiteten um zu leben, nicht der Arbeit wegen, es war ein stolzes Volk der Müßigkeit, Harmonie. Auch dort gab es Krankheit, Schmerz, Tod, aber in weitaus größerem Maße Liebe, Wärme, Geborgenheit.
Doch schon bald begann eine Zeit der Verzweiflung, Verwirrung, welche die Herzen der Menschen weinen ließ, deren Seelen scheinbar den Weg hinaus nicht mehr zu finden schienen. Sie wurden unterdrückt, hatten keinerlei Rechte, bereits ein unausgesprochener Gedanke flößte ihnen Angst ein. Angst um ihr kostbares Leben, Angst um die wertvolle Liebe ihrer Liebsten.
Ihr Beherrscher war ein grausamer Mensch. Gefühle störten ihn, Liebe konnte nicht zu ihm durchdringen, er war blind vor Haß und Ungeduld, nicht gereichte ihm zur Freude. Den Glauben, die Musik, das Lachen, die Liebe. All jene Dinge woran sich ein Menschenherz erfreuen und erquicken kann. Niemand erfuhr je, warum dieses ehemals menschliche Herz so verhärtete.
Eines Tages wurde in einem der zahlreichen Dörfer ein Junge geboren. Er zog die Bewunderung aller auf sich, da er einnehmende, farbenprächtige Augen hatte. Sie spiegelten nicht nur die Liebe des Lebens wieder, auch Entschlossenheit und Stärke.
Dieser Knabe wuchs heran, war stolz auf sich, seine Welt. Doch je älter er wurde, desto öfter erfuhr er vom Leid und Schmerz des Volkes, in dem er aufwuchs. Oft schon hatte er sich gefragt, warum diese Menschen um ihn herum so wenig lachten, nie viel über Dinge des Lebens sprachen. Mit der Zeit lichtete sich der Nebel der Ungewißheit in seinem Herzen, seine Seele begann zu sehen.
Sein Weg führte in die Wälder, um die Dinge zu erforschen, verstehen zu lernen. Eines Tages jedoch, es war einer dieser Spätsommertage, stolperte er beim Herumtollen. Trotzdem seine Schritte gut überdacht gewesen waren, eine Fußfalle nicht offensichtlich erkennbar gewesen war, riß es ihn zu Boden. Er ging zurück an die Stelle des vermeintlichen Sturzes, durchpflügte den Untergrund mit seinen scharfen Blicken.
Dort lag irgend etwas. Verwurzelt mit dem Erdreich. Vorsichtig begab er sich zu Boden, fing mit seinen Fingern an zu graben. Es war ein Schwert! Dieses Schwert, vollendet in Schliff und Form, zog den Bann des Finders auf sich. Seine Hände nahmen es behutsam in sich auf. Es wog gewaltig, doch wurde es emporgehoben mit einer Leichtigkeit die niemand hatte erklären können.
Dort stand er nun, der Junge aus dem Dorf, mit der Aura der Götter, hielt dieses Schwert in seinen Händen. Sein Körper begann sich zu bewegen, mit der Leichtigkeit eines erfahrenen Kämpfers. Plötzlich fuhren ihm ungehörte Klänge in seinen Kopf, Klänge die nicht real waren. Doch sie waren da, explodierten in seinem gesamten Körper, sie waren schön, berauschend, wundervoll, vollendet.
Der Körper bewegte sich zu den Klängen, das Schwert durchpflügte die Luft. Ein jeder der dieses Schauspiel mit angesehen hätte, würde ernsthafte Gedanken an den Zusammenfall der Atmosphäre gehegt haben. Trotz seiner jungen Jahre begann er eins zu werden mit sich, dem Ganzen dieser Welt. Stunden des Tanzes, des Schattenkampfes vergingen, die Sonne neigte sich dem Meeresspiegel entgegen, der Mond erschien am Himmelszelt, umspielt von den Lichtern vergangener Tage. Erschöpft neigte er sich zu Boden, versteckte sein Schwert und begab sich auf den Weg.
Im Lebensraum seiner Familie angekommen, wurde er stürmisch, voller Ungeduld empfangen. Sorgen hatten sich um den einzigen Sohn angestaut und Angst, Angst um den Verlust desselben.
Leise erzählte er seinen Eltern das Erlebte und nachdem er seine Ausführungen beendet hatte, da sah er zum ersten mal in seinem Leben Tränen in den Augen seiner Eltern, ein Lachen des Glücks formte ihre Lippen zu Wellen der Sanftheit. In diesem Moment kehrte ihre Freude zurück in ihrer aller Leben. Der Vater erhob sich, ging wortlos hinaus, kam nach einer Weile des Wartens zurück.
Er trat hinein in das Zwielicht der Behausung, hielt etwas für den Sohn Unbekanntes in der Hand. Doch er verspürte plötzlich diese Wärme in sich, begann sich zu entsinnen, wie in den Geschichten der Alten von dem ` verbotenen Instrument´ gesprochen wurde. Dieses mußte es sein. Der Vater gab es dem Sohne in dessen Hände, ohne Worte zu verschwenden, beobachtete ihn dabei so präzise, wie nie zuvor in seinem Leben.
Der Sohn, nahm es behutsam in seine Hände auf, schloss die Augen, führte das Instrument an seine Lippen, füllte seine junge Lunge mit Luft und begann zu spielen. Seine Seele spielte die Musik seiner Ahnen. Voller Ekstase, Hingabe spielte er und spielte und spielte. Schon bald begaben sich die Bewohner des kleinen Dorfes zu dem Haus, aus dem diese Musik klang. Den Alten traten Tränen der Freude, des Wissens in ihre Augen. Die Erinnerungen übermannten sie. Nun würde sie bald kommen, die Zeit der Veränderungen. Erst nach Stunden verstummte das Spiel des Jungen, alle schwiegen. Die Stille des Verständnisses, des Wissens, des Glaubens. Viele der jüngeren Menschen sahen die Alten tanzen, in einer ihnen unbekannten Sprache zu den Klängen singen. Was war geschehen, welcher Herkunft waren diese Klänge?
Noch in jener Nacht wurde ein Feuer entfacht, der Junge erzählte von seinem Erlebnis in dem Wald, die Alten ihre Überlieferungen. Danach begaben sich die Familien in ihre Hütten, legten sich in ihr Lager für die Nacht. Doch schlafen konnte niemand, entfacht war das Feuer der Gedanken. Die Emotionen überschlugen sich, die Bilder der Seele kamen immer deutlicher und drängten nach außen. Freiheit der Gedanken ist eine unbeschreiblich starke Kraft. Wird diese Kraft einmal freigesetzt, wächst die innere Stärke ins Unermeßliche.
Wer stand nicht schon in einer dieser, hoch in den Himmel emporragenden Kathedralen, empfand das Werk an sich als mächtig. Doch wer stand in eben dieser, erkannte deren Größe und die Liebe Gottes? Wer vermag zu behaupten die wahrliche Größe erkannt zu haben? Erkennen die Spiegel der Seele ihre wahre Größe, wird es warm in uns, Farben werden prächtiger, Klänge nehmen uns auf ihren Schwingungen mit auf ihre Reise.
So ging die Zeit ins Land, der Junge wurde zum Mann, die Alten nahmen ihn auf, sorgten für ihn, bildeten seine Seele und sein Herz aus. Er war ein starker Mann geworden, voller Liebe, Geist, Kampfeslust, die Jugend in sich tragend, mit der Vorstellung des Verändern Wollens, Unbesiegbarkeit und den Kräften eines Unbeugsamen.
Unwillkürlich hielten die Geschichten über ihn Einzug in die Dörfer des Umlandes. Nicht lange, da erfuhr auch der Beherrscher von der Kunde. Er sandte Gefolgsleute seiner Streitkraft aus, zu holen diesen Unbeugsamen.
Auf dem Weg zu dem Dorf des Mannes trafen diese im Wald auf ihn. Er spielte gerade das verbotene Instrument, im Raume seines Rückens befand sich jenes besagte Schwert.
Zunächst wurden die Gefolgsleute des Beherrschers von einem Gefühl überwältigt, das diese zwar einmal kannten, jedoch das Wissen daran bereits verdrängt hatten. Sie waren bekannt für ihre Brutalität, Uneinsichtigkeit, doch nun standen sie dort, sitzend auf ihren monströsen Rössern in aufwendigen furchteinflößenden Rüstungen und waren verwirrt.
Ihre Pferde standen still, seine Musik durchdrang den Forst, für einen Augenblick schien es, als werde diese groteske Szene des Lebens für immer Bestand haben. Doch da bemerkte der Mann die Reiter, beendete sein Spielen, sah sie an. Er bewegte sich nicht, sagte kein einzig Wort, sah sie nur an. Es waren nur Sekunden im Evolutionsspiel der Ewigkeit, doch diese Sekunden waren für jeden von ihnen eine scheinbare Ewigkeit. Da stürmten die Reiter auf ihn zu, der Mann ergriff sein Schwert, ein blutiger Kampf entfachte. Nur knapp entging er dem Tode, schickte die Pferde zurück des Weges.
Dieses sollte nicht sein letzter Kampf gewesen sein. In den darauffolgenden Jahren wurde er für vogelfrei erklärt. Doch je mehr Kämpfe er erfolgreich bestritt und siegte, je öfter die Menschen seine Musik vernahmen, desto größer wurde der Wunsch nach Freiheit, der Drang zum Leben hin begann sich in den Köpfen der Menschen seinen Weg zu bahnen. Zu Lebzeiten eine Legende, die Schar derer, die sich ihm anschlossen wurde unermeßlich. Sie verloren viel, jedoch nicht für einen Augenblick den Glauben an ihr Ziel, an sich selbst.
Die Jahre gingen ins Land, Schlacht um Schlacht wurde geschlagen, das Leben zeichnete sich in und an ihm deutlich ab. Er war zu einem Mann geworden dessen Anblick einem Respekt abverlangte, seine Stimme, dessen gewaltiges Wort rissen jeden in seinen Bann. Eines Tages jedoch wurde er von einem seines Volkes verraten. Einem Menschen der nie gelernt hatte selbständig zu leben, zu handeln, ein verwirrter Geist der Angst und Unterwürfigkeit.
Verraten und Überwältigt wurde er in das Schloß des Beherrschers geführt, in Ketten, mit blanken Füßen. Im Kerker versperrt vermochte niemand dessen starkes und stolzes Herz zu brechen oder ihn gar dazu zu bringen sich, sein Ziel, zu verleugnen, nur um des eigenen Lebenswillen. So wurde überall im Land kundgetan zu sehen wie der Held aller Schlachten nun zu Tode kommen solle und das Volk geladen sei zu sehen, dass niemand unbesiegbar, nur das Recht des Stärkeren von wahrer Größe und Stärke sei. Das Volk sollte ihren Helden gebrochen und enthauptet, zuvor seine Ziele widerrufend, um Gnade für sein Volk bittend, sterben sehen.
Der Tag war gekommen, ein großes Fest in und um das Schloß wurde gefeiert. Ein Markt wurde errichtet, Gaukler versammelten sich, Feuerspucker faszinierten die Menge, es gab reichlich und in Übermaßen zu trinken und zu essen. In diesen Trubel hinein platzten Fanfaren.
Es erschien der Beherrscher. Der Mann der Freiheit wurde zum Opferblock geführt, das anwesende Volk innerhalb dieser Schloßmauern verstummte ehrfürchtig, die Musik hörte auf zu spielen und die Menge schaute nur auf diesen einen Mann, auf den unbesiegbar geglaubten.
Die schwarze Seele sprach, daß er diesem Mann seine Freiheit schenken wolle, sollte dieser Einsicht zeigen, auf seinen Knien sitzend um Gnade für sein Volk bitten. Doch dieser stand aufrecht, voller Stolz und sagte nur diesen einen Satz: „Steht auf, spielt die Musik eurer Väter, und kämpft mutigen Herzens für das wahrlich Richtige und Wertvolle, das Leben.“
Die Augen des Beherrschers glühten auf, gab dem Henker Zeichen, sein erlerntes Können zu vollbringen. Die Helfer des Henkers wollten ihn, den Helden und Menschen, niederdrücken zu legen seinen Kopf in die Mulde des Todes, doch niemand vermochte diese Kraft aufzubringen.
Er kniete sich von selbst nieder, schaute in ihre Augen, ihre Gesichter, für welche er gekämpft hatte, schloß seine Augen, sein Herz spielte die Musik seines Volkes. Er verspürte das Ende seines Lebens nicht mehr, da sein Innerstes zu diesem Zeitpunkt sich schon von dieser Welt entfernt hatte.
Das Volk ging daraufhin wortlos zurück in ihre Dörfer, beriet sich und es stand auf, wahrlich, es stand auf und es schwor, den Geist des Einen in sich und seiner Idee weiterleben zu lassen. Es schaffte das Unglaubliche, Herbeigesehnte. Nach vielen schweren Kämpfen wurde der Beherrscher getötet, sein Schloß dem Erdboden gleich gemacht. In jeder ihrer Schlachten wehte das Banner des Zieles, auf dem das verbotene Instrument und das Schwert der Schwerter zu sehen war.
Dieses war die Geschichte, welche zu erzählen war.
Ein mutiges Herz, eine starke Seele, der Glaube an Gott sind niemals zu brechende Dinge. Wer dieses in sich trägt, verfügt über große Kräfte.
Wer Geschichten niederschreibt, wer Geschichten liest, der ist auf der Suche. Auf der Suche nach dem, was hinter der Wirklichkeit verborgen ist. Geschichten sollen weitergegeben, gelebt werden damit wir selbst nicht verfehlen, das Unerwartete nicht ausgeschlossen wird und in uns die Melodie von Hoffnung und Freude nicht verstummt.
Das Ziel allein ist nicht so wichtig, denn entscheidend ist das Gehen auf dem Weg dorthin. Etwas nicht zu wissen ist in der Regel ein zaghafter Schritt auf dem Weg zu einer neuen Erkenntnis.