Das Schloss
Das Schloss
Es war schon immer da, niemand wusste wirklich, wer es erbaut hatte und seit wann es die kleine Hafenstadt am Fuße des Hügels, den die Bewohner liebevoll "den kleinen Riesen" nannten, mit seinem märchenhaften Glanz erhellte. Sagen und Legenden rankten sich um das Schloss, doch der Touristenandrang blieb aus und so war es immer noch die kleine ruhige Hafenstadt am Ende der Welt. Die jungen Leute hielt es nicht in der kleinen Stadt, die zauberhaft den Charme vergangener Zeiten widerspiegelte, wie es sonst kein Ort dieser Welt vermochte. Auch Ranja zog es in die Großstadt und doch vergaß sie ihre Heimatstadt nie. Immer wieder träumte sie von dem Schloss, sah Bilder und Menschen, die sie nicht kannte. "Du hast zuviel Phantasie! Willst du diesen Träumen wirklich hinterher rennen?" Ranja lächelte und war mit ihren Gedanken doch schon längst wieder beim Hafen, bei dem Schloss, dessen Anziehungskraft mit all den Jahren nicht schwächer geworden war. "Ich will nur etwas ausspannen, die Natur spüren und ... einfach mal wieder Zuhause vorbeisehen. Es ist doch nichts dabei!" Jana war ihre beste Freundin, aber wirklich verstehen konnte sie Ranja auch nicht. "Du und dein verzaubertes Schloss. Vielleicht findest du ja den dazu gehörenden Prinzen!" Sie klopfte ihr lachend auf die Schulter und half ihr, den Koffer in den Zug zu tragen. "Mach keine Dummheiten und vergiss nicht das R..." -"Hey Ranja, ich komme schon klar. Viel Spaß!" Ein Pfiff erklang und der Schaffner schloss die Türen als sich dann auch schon mit einem heftigen Ruck der Zug in Bewegung setzte. "Nach Hause!" seufzend sank Ranja auf einen freien Platz und ließ ihre Blicke aus dem Fenster schweifen, sah die Stadt verschwinden und Bäume, die am Zug vorbei zu fliegen schienen und in Gedanken sah sie das Schloss, "ihr" Schloss.
Es hatte sich nichts verändert, es waren noch dieselben Häuser, dieselben kleinen Boote, die sanft auf dem Wasser auf -und ab den Wellenbewegungen folgten und dieselbe märchenhafte Stimmung. Es war, als wäre sie nie weg gewesen, als wäre sie noch immer ein Mädchen von 16 Jahren, das verträumt durch die Straßen lief und andächtig vor dem Schloss stand. - 5 Jahre lagen dazwischen. Ihr Herz schlug schneller, als sie den schmalen, steilen Schlosspfad hinauflief und mit jedem Schritt die prächtigen Mauern näher kamen. Nie hatte sie es betreten. In den Legenden und Erzählungen hieß es, es wäre verflucht, jeder, der es je betreten hatte, wurde nie mehr gesehen. Und tatsächlich verschwanden auf rätselhafte Weise Kinder, die in der Nähe des Schlosses tollend zuletzt gesehen worden waren. Sie würde es betreten, heute würde sie es endlich betreten. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Brust, als würde es gleich zerspringen und ihr Atem ging stockend immer schneller. Vorsichtig legte sie ihre Hand auf die Türklinke der massiven goldgeprägten Tür. Kaum hatte sie die Tür sanft berührt, öffnete sie sich schon knarrend einen Spalt und Ranja hielt einen Moment inne, eh sie Tür vollends öffnete und eintrat. Sie hatte Spinnenweben und meterdicke Schichten Staub erwartet, doch weißes Marmor und ein spiegelglattes Parkett strahlten ihr entgegen. Es war wie in einem Traum. Sie sah geisterhaft Hofdamen, die elegant mit ihren weiten Kleidern über den Boden zu schweben schienen und Männer, die mit feinsten Gehröcken aus edlem Samt majestätisch stolzierten und die Damen höflich zum Tanz baten.
Ranja hörte ihre Stimmen, fröhliches Gelächter, sie war wie verzaubert. Sie lief den Saal entlang und folgte mit ihren Blicken den tanzenden Paaren. Plötzlich zuckte sie zusammen, als ein Fenster aufschlug und ein heftiger Windstoß Laub durch dieses blies und die Blätter tanzend auf dem Parkett liegen blieben. Die Stimmen waren verschwunden und auch der Saal war nun nicht mehr mit Menschen gefüllt, sondern schien auf einmal bedrückend dunkel und kalt. Ranja rieb sich fröstelnd die Arme und sie bemerkte, wie ihr Herz wieder schneller zu schlagen begann. "Oh mein Gott, jetzt beruhig dich wieder, es ist nur ein Gebäude, ein ganz normales Schloss." versuchte sie sich selbst zu beruhigen. Ein warmes Licht schien durch den Saal und zog Ranja in seinen Bann. Gemälde. Ranja stutzte. Konnte so etwas wirklich von Menschenhand erschaffen worden sein? Behutsam strich sie über eines der Bilder, welches auf einer Wiese herumtollende Kinder zeigte. "So lebendig ..." flüsterte sie. Sie lief weiter von Bild zu Bild und war wie versunken, eine andere Welt. Am Ende des Flures angelangt hing ein Gemälde, dass das Schloss zeigte mit seinem riesigen Saal in all seinem prachtvollen Glanz. Aber etwas verwirrte sie. Ranja trat näher an das Bild und fuhr mit der Hand über die junge Frau, die in einem traumhaften Kleid in der Mitte des Saales stand und verträumt in die Leere sah. "Oh mein Gott!" sie hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund und stolperte vom Bild zurück. Sie stieß einen Schrei aus, als sie auf ihre Hände herabsah, die transparent schimmernd wie auch der Rest ihres Körpers langsam verschwanden und gleichzeitig das letzte Bild in der Gemäldesammlung sich schärfte und in märchenhaftem Glanz die übrigen erhellte.
Es wurde wieder dunkel im Schloss und das Laub fuhr wirbelnd mit dem kalten Windhauch des Winters über den Schlossboden und der erste Schnee bedeckte sanft die schlafenden Engel, über die schwebend wie ein Geist eine junge Frau in prachtvollem Kleid tanzte und im Schatten der Säulen verschwand.
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Das ganze entstand für einen Schulaufsatz Anfang 2002, bei dem man die Wahl zwischen 5 verschiedenen Bildern hatte, wovon man zu einem eine Geschichte schreiben sollte. Ich hatte mich für das Bild eines prunkvollen Schlosssaals (was für ein Wort ...) entschieden.