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Das Scheusal
Das Scheusal
"Volltreffer! Sechs Stockwerke. So eine Scheiße."
Ich hielt in der zweiten Reihe und ignorierte Franks Missmut. Um das Treppenhaus machte ich mir keine Gedanken.
"Vogelkäfigfahrstuhl und eine zwei Zentner Oma mit Oberschenkelhalsbruch im Dachgeschoss. Das käme mir bei der Hitze gerade recht." Er stieg mit dem Gerätekoffer aus und wurde bereits in der Eingangstür von einem Mann in 'Hausmeisteruniform' erwartet. Ich meldete unsere Ankunft der Zentrale, griff mir meine Ausrüstung und hielt kurz inne.
Mir graute es jedes Mal vor Einsätzen auf Verdacht der Nachbarn. Keine genaue Weisung. Der Vorstellungskraft allein oblag es, sich vorzubereiten und einzustimmen. Selbst nach nur einem Jahr auf der Wache konnte die Erinnerung von zahlreichen Erlebnissen zehren, die viel zu bitter waren, als dass sie verdaut werden konnten. Vielleicht hatte Frank einen Weg gefunden.
Ich schloss zu meinem Kollegen auf und nickte dem Hausmeister einen kurzen Gruß zu. Eine Handvoll Mieter des Hauses hatte sich hinter dem Mann versammelt. Nicht ungewöhnlich.
"Dachgeschoss", sagte Frank und lächelte schief, während wir auf den Fahrstuhl warteten. Dieser war tatsächlich für eine Trage viel zu klein. Der Hausmeister begleitete uns.
"Für das letzte Stockwerk müssen wir die Treppe nehmen. Eine ältere Dame wohnt dort, die bereits seit einigen Wochen von keinem Menschen mehr gesehen wurde."
Frank und ich sahen uns an. Wir machten uns keine Illusionen, denn diesen Anfang einer Geschichte kannten wir bereits. Sie endet fast immer gleich. Schweigend fuhren wir die Stockwerke hinauf. Gestank wurde deutlich, bevor der Fahrstuhl sein oberes Ende erreichte. Ich verzog das Gesicht.
"Sagen sie, wann haben sie denn den Geruch bemerkt? Das muss doch schon vor Tagen gewesen sein." Der Hausmeister zuckte unbehaglich mit dem Mundwinkel, als er die Kabinentür öffnete.
"Die Mieterin war stets etwas eigentümlich, und ein übler Geruch ging ständig sowohl von ihrem Wohnort, als auch von ihrer Person aus." Die Selbstverständlichkeit in seiner Stimme sollte Erklärung genug sein.
Neben dem Gerüst des Fahrstuhls befand sich eine weitere Gittertür, hinter der sich eine schmale Holztreppe in ein stickiges Halbdunkel erhob. Vereinzelte, winzige Fliegen durchschnitten die Luft. Der Hausmeister schloss vorsichtig die Tür auf, ganz so, als öffne er den Käfig zu einem wilden Tier. Frank wischte sich sein schwitziges Gesicht. Der Gestank war unerträglich.
Ich ging voran und spähte erst einmal in die Dunkelheit.
"Gibt es hier kein Licht?" Kopfschütteln.
Nur schemenhaft konnte ich die Tür am Ende der Treppe erahnen. Flecken aus tiefstem Schwarz verwehrten mir die Sicht, fraßen Strukturen und spieen sie willkürlich wieder aus. Es wirkte, als ob ich ein düsteres Bild betrachten würde, dass ein unzufriedener Maler mit dunklen Flecken versehen hatte. Der Schweiß rann an meinem Gesicht herunter, doch ich fror in dieser stinkenden Hitze.
Ich spürte Furcht. In meinen Kindheitstagen hatte ich diese Furcht vor der Dunkelheit verloren, doch nun fühlte ich sie wieder, als hätte sie all die Zeit an diesem Ort auf mich gewartet.
"Was ist?" Frank fasste meine Schulter. Ich wusste nicht, wie lange ich die Treppe hinaufgestarrt hatte.
"Nichts. Es ist nichts." Ich setzte einen Fuß auf die unterste Stufe und begann hinaufzugehen.
Dann erfasste mich das Scheusal, das dort oben lauerte.
Ich kann mich nicht erinnern, was genau geschah, ob es sich erst bewegte oder ob es zuvor schrie.
Die Dunkelheit, die ich fürchtete, hatte eine Gestalt angenommen, und diese kreischte aus unzähligen Mäulern in einem entsetzlichen Konzert des blinden Chaos. Der schwarze Leib des Scheusals stürzte sich auf mich herab, aufgescheucht. Es umringte mich in einer abartigen wahnsinnigen Liebkosung, die ich ekelhaft kühl und schleimig schwitzig auf meinem Leib fühlen konnte. Es verschlang meine Welt in seiner Dunkelheit, tötete jeden Laut mit seinem teuflischen Tosen und fuhr in meinen Rachen, als ich schrie.
Ich merkte nicht, dass ich fiel. Den Schmerz spürte ich jedoch, denn hart stürzte ich zu Boden. Unbarmherzig kroch das Scheusal über mich. Die Furcht fraß meine Gedanken.
Ich hörte einen Schrei des Entsetzens, es mochte Frank sein. Doch er war fern von mir. Ich war allein, als Panik und Grauen mich erfüllten.
Fürchtest du dich? Fürchtest du dich vor mir? So oft hast du mich zuvor gesehen, und jetzt erkennst du mich erst? Armer Narr, dass du eine meiner Gestalten brauchst, um mich zu fürchten...
Ich floh in meine eigene Dunkelheit.
"So etwas habe ich noch nie gesehen. Scheiße, das kann man sich einfach nicht vorstellen." Frank zog zittrig an seiner Zigarette. Wir standen auf einem Balkon der Klinik, da das Raucherzimmer zu verqualmt war für meinen Geschmack. Noch immer fühlte mein Kopf einen leichten, tauben Schmerz. Ein geringer Preis für einen derartigen Treppensturz.
"Diese Fliegen, das war das ekelhafteste, was ich in meinem ganzen Leben gesehen habe. Ich dachte, ich müsste sterben, als dich dieser Schwarm plötzlich verschluckte. Verdammt, waren das viele." Er schnippte den Filterstummel den Balkon hinunter und sah mich von der Seite an.
"Und die Bude der Alten sah aus, das glaubst du nicht. Wenn du dir nicht fast den Schädel eingeschlagen hättest, würde ich dich dafür beglückwünschen, dass du das nicht mit ansehen musstest. Die hat mindestens fünf Wochen in ihrem Dreck gelegen. Ihre Sittiche waren alle verreckt. Kein Schwein will etwas gemerkt haben." Er schüttelte den Kopf.
"Und überall Fliegen. Horden von Fliegen. Kein Schimmer, wo die alle herkamen und warum das so viele waren. Das Ordnungsamt könnte das gesamte Haus abreißen, so verseucht war der Ort." Frank fischte sich eine weitere Zigarette aus seiner Schachtel.
"Man will nicht glauben, was es für eine Scheiße auf der Welt gibt."
Ich sah ihn an. Er versuchte ohne Erfolg, mit seinem Feuerzeug den Tabak zu entzünden.
"Darum sieht man sie nicht." Er schaute auf, die unangezündete Zigarette im Mund, als ich sprach.
"Und wenn man sie nicht sieht, fürchtet man sich nicht, bis irgendwann das Scheusal seine wahre Gestalt zeigt."
Frank starrte für einen Augenblick unsicher. Dann schnaufte er amüsiert.
"Es scheint so, als ob du härter auf den Kopf gefallen bist, als ich dachte. Kurier dich mal lieber aus, Junge."
Wenn man erst einmal gesehen hat, wird man nicht mehr aufhören, sich zu fürchten, nicht wahr?