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Das neue Outfit
Humorlos sind wir wirklich nicht, aber diesem Karnevalsklamauk mit Purzelgarde und Prinzenpaar gingen wir alljährlich aus dem Weg. Für unsere Kinder war Karneval immer ein Riesenspaß und ich war gerne bereit Kostüme zu nähen, Hütchen zu basteln und Schminktöpfchen einzukaufen. Aber ich selber mochte mich da nicht zum Affen machen.
Wir würden ins Theater gehen. Gershwin stand auf dem Programm, getanzte Einsamkeit einer Großstadt.
Ich schaute in den Kleiderschrank. Irgendwie passte das, was da hing, nicht zu Gershwin und überhaupt bedurfte der Bestand an schwarzen Jeans und leberwurstgrauen Pullovern einer dringenden Erneuerung.
Unser Konto sah ganz gut aus und so beschloss ich, einen Einkaufsbummel durch die neuen Geschäfte mit ihren unternehmungslustigen Citytrends zu machen. Etwas zögerlich betrat ich den mondänen Modesalon Henke. Shopping und mehr war dort angesagt, also nicht einfach Kaufhaus. Ich wurde auch sofort von einem jungen Mann nach meinen Wünschen gefragt.
Mit seinen für meinen Geschmack etwas zu hochhackigen Schuhen, der traumbunten Weste und den zupfig gestylten Igelhaaren gehörte er zu der Gattung junger Männer, die man unter einen besonderen Artenschutz stellen sollte.
Ich erklärte ihm meine Vorstellung von einem Kleid für den Abend.
Ja, ein langer Rock mit einem passenden Oberteil durfte es auch sein.
„Bei Ihrer Figur ist das kein Problem“, stellte der Verkäufer fest. Er hatte mich längst abtaxiert und wahrscheinlich auch schon einer Käufergruppe zugeordnet.
„Wir hätten hier ein Out-Dor–Modell in aktueller Cabanform.“
Ich betrachtete das Kleid mit dem viel zu tiefen Ausschnitt, das er mir mit einer Ehrfurcht präsentierte, als handle es sich um ein Messgewand. Also der Ausschnitt.....in meinem Alter?
„Oh, nein, die Farbe steht mir nicht“, wandte ich ein,“ sie ist ein wenig zu gedeckt.“ Das sei kein Problem, meinte der junge Mann und präsentierte mir einen Traum von Kleid in gieriggrün. „Micro-Modal- Faser, trägt sich wie eine Feder.“ Na, er musste es ja wissen.
Ich sollte das Kleid einfach anprobieren, dann würde ich schon sehen. Trotz einer gewissen Skepsis wagte ich nicht, zu widersprechen und betrat die Umkleidekabine.
Das Kleid saß wie angegossen.
„Perfekt“, stellte mein Berater fest. „Es ist nur...“
„Ja, bitte?“
„Es macht Sie ein wenig blass, und wenn Sie mir noch eine Bemerkung erlauben....“
Ich erlaubte.
„Ein Kurzhaarschnitt würde die Rundhalsverarbeitung des Kragens besser zur Geltung kommen lassen.“
Erstaunlich, was einer Fachkraft so auffiel. Vielleicht hatte er recht.
„Wenn Sie meinen“, sagte ich nur.
„Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Mein Freund ist Stylist. Ich rufe mal an, vielleicht kann er Sie kurz zwischenschieben.“ Das hatte ich nicht eingeplant, aber eine fachliche Beratung würde sicher nicht schaden. Eine halbe Stunde später saß ich im Frisörsalon mit integrierter Kosmetikabteilung.
Die Beratung war überzeugend. Ich ließ mir die Haare waschen und in Kurzform schneiden, bekam ein Tönungsmousee aufgetragen und nach einer weiteren Haarwäsche fönte man mir flotte Fransen in die Stirn.
Dann kam der Visagist. Er reinigte die Haut, trug Packungen auf, puderte und cremte und malte mir mit unglaublicher Geschicklichkeit ein neues Gesicht in mein altes. Ich war zufrieden.
Und auch der Verkäufer im Modehaus Henke schien nun zufrieden. Als ich zurückkam, lächelte er dezent und nickte anerkennend mit dem Kopf. Mein Selbstbewusstsein machte einen Sprung nach oben. Das grüne Kleid war gekauft. Und weil mein Budget noch nicht ganz überschritten war, kaufte ich noch einen cognacfarbenen Cardigen in Brisaoptik mit supersoftem Lammkragenimitat, einen hochgeschlitzten langen Rock in Retrolook und eine teufelsrote Bluse. Als ich dann auch noch die passenden Stiefeletten in Careeform mit Kappnaht gefunden hatte, war mein Outfit perfekt. Ich ließ die Schuhe und das grüne Kleid gleich an und fuhr nach Hause.
Mein Sohn sah mich im Auto kommen und öffnete mir die Tür.
Dann starrte er mich an wie das neueste Weltwunder.
„Wow“, machte er, „geht ihr heute Abend doch zum Karneval?“
„Wieso?“ fragte ich bass erstaunt.
„Geiles Kostüm“, stellte mein Sohn fest. „Aber als was gehst du denn?“