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Das Licht
Er blieb nachts gerne lange wach und hing seinen Gedanken nach. Manchmal zappte er sich dabei durch die Fernsehkanäle. Immer wieder ließ er nur die Programme aufblitzen, gewährte den Menschen auf dem Bildschirm kaum genug Zeit für ein ganzes Wort.
Seine Frau lag währenddessen wie immer seit Stunden im Bett und schlief.
Ihn zog es schon lange nichts mehr dort hin. Er blieb einfach sitzen, schlürfte sein Bier und dachte daran, wie es ist, wenn alles anderes wäre. Wenn er ein reicher Pinkel wäre, ein großartiger Geschäftsmann, Sportler oder Held oder einfach nur anders. Woanders sein, in einem anderen Zuhause, vielleicht auch mit einer anderen Frau. Es gab so viele Häuser, so viele Frauen ... Wie oft träumte er davon, die Zeit zurück drehen zu können oder einfach nur anzuhalten. Was würde er alles machen: Vieles anders, vieles neu oder einfach gar nicht.
Wie zum Beispiel nie wieder in solch eine Wohnsiedlung ziehen. Er hatte schon immer solche "Massentierhaltung" gehaßt. Aber die Kinder waren damals noch klein und zusammen suchten sie ein finanzierbares Häuschen mit Nachbarn, die das gleiche Schicksal teilten, um zusammen 'stark' zu sein. Aus 'stark' wurde 'Quark'; jeder kochte jetzt, nachdem die meisten Kinder aus dem Haus waren, sein eigenes Süppchen und ging sich schimpfend aus dem Weg.
Er griff wieder zur Bierflasche und füllte sich sein Glas mit dem Rest auf. So hing er seinen letzten Gedanken nach, als er merkte, daß etwas nicht stimmte. Irritiert blickte er auf und sah sich um. Aber alles war wie sonst auch. Nur - es war so still geworden. Er starrte wieder auf den Fernseher. Ein junger Reporter hatte dort über irgend einen Vorfall in irgend einem Land berichtet. Das Bild stand. Die Geste des Moderators hing in der Luft, der Mund formte gerade den Vokal eines ihm entgangenen Wortes, aber sprach nicht weiter, rührte sich nicht. Der Mann wartete - wohl eine Bildstörung, dachte er bei sich. Aber das Bild veränderte sich nicht. Kein Flackern, kein Flimmern. Ärgerlich werdend schaltete er in ein anderes Programm. Aber auch dort war Totenstille. Bei der jungen Frau, die wohl gerade beim Strippen war, blieb der gerade von ihr herab geklappte Träger in der Luft schweben. Er schaltete weiter. Überall eingefrorene Szenen, Gesten, Gesichter.
"...Scheiß Apparat", fluchte er und drückte den roten Knopf der Fernbedienung. Mit einem hellen Blitz zog sich das letzte Bild zusammen und verlöschte.
Wütend wuchtete er sich aus dem Sessel und schlurfte mit der leeren Bierflasche in die Küche, zum Kühlschrank.
Zufällig fiel sein müder Blick auf die Küchenuhr. Die Zeiger waren stehen geblieben. Dann sah er auf seine Armbanduhr. Auch hier keine Bewegung. Irritiert drehte er sich zum Radiowecker auf der Küchenabseite um und starrte eine Zeitlang wie gebannt auf die digitalen Zeichen. Nichts bewegte sich. Er machte das Radio an, um auf die Nachrichten zu warten. Es knackte im Sender. Ein Ton, ähnlich einem "A", ertönte, dann war auch hier Totenstille. Auf allen Kanälen. Was sollte er von diesem Blödsinn bloß halten?
Er blickte ratlos durch die Küche. Sein Blick traf das Fenster und durch dieses die Szene bei den Nachbarn gegenüber. Ungläubig trat er an das Fenster und starrte hinaus. Da waren sie um das Feuer versammelt. Schon vor Stunden hatten sie mit dem Grillen begonnen, als er sich gerade in den Sessel gefrachtet hatte. Aber - sie bewegten sich nicht. Sie standen, saßen und knieten um ein rotleuchtendes Holzfeuer. Wie fest gefroren. Selbst das Feuer flackerte nicht. Es strahlte einen dauernden Schein auf die bewegungslosen Gesichter.
"Was wird hier gespielt?", brummte der Mann. "Wollen mich alle verarschen?"
Er wischte mit der Hand über das Fensterglas. Die Szene veränderte sich nicht. Das mußte er sich vorn Nahem ansehen. Er zog sich Puschen an, schloß die Haustür auf und trat in die Dunkelheit. Da stieß sein Kopf gegen etwas Festes, das in der Luft schwebte.
"Das wird ja immer irrer!" stammelte er. Da hing doch tatsächlich eine Fledermaus in der Luft
Er tickte sie an, blies ihr ins Ohr, strich über und unter dem Tier längs. Kein Zweifel, sie schwebte ohne fremder Hilfe in der Luft. Das Tierauge schien ihn anzustarren. Um den Nachtschwärmer herum ging er zu den Nachbarn rüber. Alles vor ihm, um ihn blieb bewegungslos und still.
Der Mann schlich um die Gesellschaft herum, schaute einigen auf den Teller oder ins Glas. Das Feuer ließ ihre Augen glänzen. Sie starrten, hatten ein gefrorenes Lachen, einen vom Reden offenen Mund und fliegende Hände, von denen einige, wie er bei seiner Exkursion feststellte, nicht immer dort waren, wo sie hingehörten. Er wurde das blöde Gefühl nicht los, daß ihn alle beobachteten, ihn aufzogen. Doch wenn er seinen Nachbarn ins Gesicht sah, merkte er, daß sie stur in ihre Richtung sahen, ohne mit einer Wimper zu zucken, ohne den Blick zu verändern. Er war für sie einfach nicht da, aus irgend einem Grunde waren alle, war einfach alles um ihn herum eingefroren. Nur er nicht.
'Ob eine Neutronenbombe das alles ausgelöst haben könnte und ich der einzige Überlebende bin?', schoß es ihm durch den Kopf. Da juckte es ihn, da war seine einmalige Chance. Verstohlen linste er, ein inneres Bedürfnis nachgebend, einigen Damen in die weite Bluse. Mit dem pubertären Gefühl im Bauch, etwas erregendes und gleichzeitiges verbotenes zu tun, ging er mit hämmerndem Herzen weiter durch die steinerne Gesellschaft. Nun reizte ihn das Feuer. Wie es so, in Stein gehauen, in die Luft schnappte. Er griff danach und riß mit einem lauten Fluchen seine Hand wieder zurück. Das Feuer war zwar vielleicht still, aber immer noch heiß! Heiß! Heeeiiißßß! Hastig stippte er seine angesengten Fingerspitzen in ein Bierglas, das ein Nachbar, dicht am Feuer sitzend, angesetzt hatte.
Vor sich hin fluchend sah er sich um, ob er noch etwas Interessantes übersehen hatte. Da sah er etwas am Horizont. Ein Licht erschien langsam über der Bergkuppe, über die die Straße führte. Interessiert schlenderte er zur Straße, wo die Autos aus der Bewegung herausgerissen standen.
Der Hügel leuchtete jetzt. Immer weiter ging er auf den Hügel zu. Das Licht schien sich unablässig auszubreiten. Es gab also noch jemanden oder noch etwas, daß hier lebte und sich bewegte. Rasch ging er auf das Licht zu, sein Herz schlug hart gegen die Brust. Es wuchs und wuchs, überstrahlte bereits die Kuppe und die Wiesen an der Straße. Es wuchs immer schneller - und es kam auf ihn zu! Gleißend grelle, alles durchdringende Strahlen! Schützend warf er seine Arme vor die Augen, aber das Licht war stärker.
Seine Frau fand ihn am nächsten Morgen verkrümmt vor dem Fernseher liegen. Im Hospital erklärte ihr später ein Arzt, daß ihr Mann wohl durch einen Schock gestorben sein müsse. Anders könne sich der Arzt diese über den Tod hinaus beibehaltene Schutzhaltung, diese hoch gerissenen Arme vor dem verzerrten Gesicht, nicht erklären.