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Das Leuchten der Zitronen am Nachthimmel

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15.02.2003
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Das Leuchten der Zitronen am Nachthimmel

Sie muss sich hinknien, auch heute, sogar heute, anders kommt sie mit dem Lappen nicht an die Innenseite der Kloschüssel. Das Gefühl der Fliesen unter den Knien, hart und kalt. Sorgfältig und mit kleinen Spritzern, um nicht zuviel von dem Mittel zu verbrauchen, benetzt sie die Klobrille mit dem Desinfektionsspray.
Es gibt dieses Leben, umgeben von strahlend weißen Kacheln. Ein Leben im fahlen Licht irgendwelcher Neonsonnen, die insektenähnlich surren. Und es gibt diesen Job, der einer Zitrone gleicht.

Ihre Augen sind gerötet vom Zitronenaroma, manchmal hält sie sich die Nase zu, um das Niesen zu unterdrücken. Und doch ist es nicht genug, den penetranten Uringeruch gänzlich zu vertreiben. Nie ist es genug. Sie fährt mit dem Tuch über das glatte, weiße Plastik der Sitzfläche. Ganz behutsam streicht sie über die Ränder, damit der rauhe Stoff der Tücher keine Kratzer hinterlässt. Mit der anderen Hand hebt sie die Klobrille an, um auch die Unterseite zu besprühen. Sie summt. Keine bestimmte Melodie, aber doch auf eine Art melodisch. Ganz leise, obwohl sie weiß, dass außer ihr niemand mehr da ist. Vielleicht ist es die Stille, die sie nicht noch einmal wecken will, diese Stille, die nach Zitrone riecht.

Ächzend steht sie auf, wirft die benutzten Trockentücher in die Schüssel und betätigt die Spülung. Das Geräusch wird von den bekachelten Wänden zurückgeworfen und klingt nach dem verzweifelten Versuch, einen Wasserfall zu imitieren. Irgendwie verloren in der Stille der Etage, die nur durch das gleichmäßige Brummen der Deckenlampen unterbrochen wird. Die letzte Toilette für dieses Stockwerk. Das darüber gelegene muss sie noch machen, dann ist Feierabend. Nur der Zitronengeruch wird bleiben, wird sich in der Nase festsetzen bis zum Morgengrauen. Langsam und bemüht, nirgends anzuecken, manövriert sie den Putzwagen mit den quietschenden Gummirädern zurück auf den Gang. Sie drückt den Lichtschalter und zieht die Tür hinter sich zu.

Als sie sich umdreht, steht da der Schneckenmann. Der Schneckenmann ist zuständig für das Abschließen der Eingangstüren, wenn sie mit Putzen fertig ist. Er wohnt im Haus, er sperrt von innen ab. Für die Nacht gehört das Haus ganz ihm. Sie versucht sich vorzustellen, wie er nachts, ohne die Beleuchtung anzuschalten, durch die Gänge kriecht und die Wände mit seinen langen, dünnen Fühlern abtastet. Das einzige, was am Morgen noch von seinen nächtlichen Streifzügen durch die verlassenen Büroräume zeugt, ist eine schmale Schleimspur auf den Teppichen, die nur bemerkt, wer danach sucht.

Der Schneckenmann beäugt sie wie einen vom Himmel gefallenen Fisch. Er ist dick und quillt hier und dort aus seinem blauen Overall hervor. Das Wasser will nicht bei ihm bleiben, er schwitzt aus allen Poren und die Röte seines Gesichts verleiht ihm den Anschein von Leben. Dass es nur ein Trug ist, merkt man, wenn man ihn eine Zeitlang beobachtet. Sein Ausdruck verändert sich nicht, er bleibt gleich wie eine Maske. Nur ein sehr ungeschicktes Kind könnte eine solche Maske basteln. Was für eine widerliche Maske hast du denn da, würden die Leute sagen. Aber zum Schneckenmann sagen sie nichts. Sein Gesicht ist einfach irgendwann erstarrt, zwischen zwei beliebigen Augenblicken, wie ein Tier, das seinen Winterschlaf beginnt.

„Na, sind Sie bald mal fertig? Das dauert ja immer ewig bei Ihnen.“
Wie alles an ihm, sind auch seine Worte zu einem zähflüssigen Klumpen verwoben.
Sie zuckt ratlos die Schultern.
„Und jetzt auch noch frech werden, wie? Würden Sie wenigstens gründlich arbeiten! Das muss alles blitzblank sein, jede Schüssel, jede Ritze. Ich frag mich immer, wie Sie es bloß schaffen, das ganze teure Sprühzeugs zu verschwenden, wenn die Klos am Ende doch nicht sauber sind.“

Sie will nichts als diesen seinen Blicken ausweichen, die sich wie Fühler nach ihr strecken und sie betasten. Gleich wird er wieder drohen, sie zu entlassen. Sie ist sich nicht sicher, ob er das überhaupt könnte. Außerdem arbeiten wenige zu ihrem Lohnsatz. Das weiß sie, und das weiß er. Trotzdem ist sie angewiesen auf die Arbeit, das Geld reicht schon so kaum für das Nötigste. Das weiß sie. Und das weiß auch er.

Sie seufzt. Am Anfang hat sie sich noch entschuldigt, wieder und wieder hat sie geklagt, dass sie auch so schon Überstunden mache, aber geholfen hat es nichts. Der Schneckenmann hat sich aufgebläht wie ein Frosch und geredet wie ein Wolkenbruch. Mit den Armen hat er versucht, sich neue Luft in den Mund zu schaufeln, aber irgendwann konnte er dann doch nicht mehr.
Die Wahrheit, denkt sie, ist, dass er den Augenblick herbeisehnt, wo niemand außer ihm mehr im Gebäude ist und er endlich das Licht ausschalten, die Nacht anschalten kann. Dann hat er es wieder ganz für sich, sein riesengroßes Schneckenhaus. Eine weitere Nacht als König der Schnecken erwartet ihn.
Was sollte sonst der Grund für seine Ungeduld und Gereiztheit sein?

Er hat aufgehört zu sprechen. Es ist still auf dem Gang, die Neonröhren tauchen alles in ein weißes, künstliches Licht. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, zu wissen, dass da unten das Leben weitergeht, weiterrollt und weitertanzt. Auch im Regen. Noch bleiben die Wolken eine leere Drohung. Die Menschen kaufen ein und auf ihren Gesichtern zerfließen die letzten Sonnenstrahlen. Und hier im zehnten Stock merkt man nichts davon, man steht sich gegenüber und weiß nicht, was man sagen soll.

Sie ist diejenige, die sich als erste losreißt. Sie dreht sich um und schiebt den Wagen auf den Aufzug zu. Der Schneckenmann kriecht ihr langsam hinterher, sie hört, wie sich sein schwerer Körper über den Teppichboden wälzt. Die Teppichhärchen zischeln unter dem Gewicht wie trockenes Gras. Es reicht nicht. Die Aufzugtüren schwingen zu, als er noch einen Meter vom Lift entfernt ist. Das letzte, was sie von ihm sieht, ist das unbeholfene Zucken seines knallroten Gesichts.

Sie beeilt sich, arbeitet noch schneller als sonst; es quietscht, als sie mit dem Lappen über die Klobrillen schrubbt. Als draußen gerade die ersten Gäste in die Restaurants strömen, ist sie mit der letzten Kabine fertig. Beim Hinausgehen sieht sie in den Spiegel. Ein flüchtiges Lächeln. Sie löst ihr Haar im Nacken, wo es während der Arbeit von einem Knoten zusammengehalten wird. Den Putzwagen schiebt sie in den Abstellraum am Ende des Korridors. Durch das kleine Fenster dringt Sonnenlicht. Matt und warm fällt es auf die Fensterbank.

Sie wischt noch einmal mit dem Lappen darüber, dass der Staub aufwirbelt, dann holt sie ihre Sachen aus dem Spind in der Ecke und zieht sich um. Der Wagen steht wie ein erhobener Zeigefinger an der Tür. Sie schiebt ihn vorsichtig neben den Spind.
Das Klicken der Tür und das sanfte Blau des Teppichbodens sind das letzte, was sie noch bewusst wahrnimmt, kurz darauf ist sie mit den Gedanken bereits ganz woanders.

Die Lichter der Autos und Busse spiegeln sich in den Schaufenstern. Am Himmel haben sich Wolken vor die Sonne geschoben. Was bleibt, ist ein verklärtes Licht, das wohl baldigen Regen verheißt.
Das Geklapper von Stöckelschuhen auf dem Gehsteig reißt sie zurück in die Wirklichkeit. Da gibt es noch etwas zu tun, etwas sehr wichtiges. Nachdenklich geht sie über die Straße. Sie achtet nicht auf die Autos, in ihren Gedanken gibt es keine Autos.

Die Schaufenster sind hell erleuchtet. Sie preisen Dinge an, nicht alle davon sind schön, aber alle kosten Geld. Geld, das sie nicht hat. Wenn sie nicht mit dem Bus fährt, bleibt ihr ein bisschen was, aber eben nur ein bisschen was. Auf jeden Fall zu wenig. Zu wenig, um ein Geschenk zu besorgen. Ein Geschenk für ihre Tochter. Sie ist zwölf. Seit heute. Alt genug, um zu begreifen. Und alt genug, keine Geschenke mehr zu erwarten. Vielleicht im nächsten Jahr, vielleicht ist dann alles anders. Vielleicht schon morgen, nach dem Regen. Schneckenwetter.

Sie macht sich auf den Weg nach Hause. Der Bus wird heute ohne sie fahren. Sie geht zu Fuß. Von dem Geld, das sie dadurch spart, kauft sie den Regenschirm. Er ist bedruckt mit verschiedenen Tieren, die durch Regenpfützen springen. Mit zwölf war sie ganz vernarrt in Tiere. Tiere mit weichem Fell, aber auch schöne Insekten wie Schmetterlinge. Zitronenfalter zum Beispiel.

Vielleicht schon nächstes Jahr. Es wird sich zeigen, ein Jahr, ein Tag, ein Flügelschlag. Gar nicht weit.

 

Hallo wolkenkind!

Eine wunderschöne, traurige, aber optimistische Geschichte. Sehr schön geschrieben, sehr realistische Situation, dabei realitätsferne Gedanken der Frau. Einfach toll! Sehr bildhaft, sehr poetisch - mehr kann ich im Moment eigentlich nicht sagen; die Geschichte hat mir einfach gefallen.

Übrigens, ein Tippfehler:

Das Gefühl der Fließen unter den Knien, hart und kalt.
Fliesen

Und du hast "Sie" und "Ihnen" klein geschrieben, das solltest du nochmal durchgehen.

Mfg
xka

 

Servus Wolkenkind!

Wieder eine beeindruckend gut geschriebene Geschichte von dir. Der Alltag einer Reinigungsfrau, der Blick in die Welt außerhalb des Neonlichts, der Schneckenmann der sich an ihr, sich selbst erhöhend, vorbeischleimt. Dennoch ist ihre Sichtweise nicht resignierend. Sie flüchtet sich ganz bewusst mit weitertragenden Gedanken aus der Realität die sich mit einem Flügelschlag ändern könnte.

Ich finde das alles sehr einfühlsam, fast liebevoll erzählt.

Lieben Gruß an dich - Eva

 

Hallo,

ich habe hier und anderswo lange nicht mehr so eine gute Geschichte gelesen. Diese bedrückende, fast schon ein bisschen surreale Stimmung nächtlicher leerer Bürogebäude und dieses Neonleuchten, das einem beim Lesen fast schon in die Augen strahlt, hast du richtig gut rübergebracht. Ebenso die Gefühle der Frau. Nachvollziehbar. Auch ein Verdienst deiner Formulierungen und Worte, die Abgedroschenheit vermeiden.

Fein! :D

Liebe Grüße,
Mario

 

Hallo und danke an alle fürs Lesen, auch wenn fast die 1500-Worte-Marke gerissen wurde ;)

@xka
Hab die Fehler gleich ausgebessert, hoffe es verstecken sich nicht noch mehr.

Danke besonders an euch schnee.eule und mario, macht mich wieder ganz verlegen, das Lob...
Das einzige, was wieder mal nicht passen will, ist der Titel, gibt halt kaum feste Dinge im Text. Hier warn es die Zitronen :)

Liebe Grüße
wolkenkind

 

Der Titel ist richtig schön... Weiß nicht, was du dagegen hast...

 

Hallo Wolkenkind,
ich kann mich meinen Vorgängern nur anschliessen.
Wirklich einfühlsamer Text mit sehr schönen bildhaften Formulierungen.
Ich finde den Titel auch gut. Er macht zunächst einmal neugierig.
LG
Blanca

 

Hallo Wolkenkind!

Schön, wieder einen Text von Dir zu lesen. Er hat mir gut gefallen, mit einfachen, unspektakulären Worten hast Du eine tolle Atmosphäre geschrieben, die verlassenen Gänge, die Arbeit, der Geruch, der Schneckenmann.
Ich finde es beeindruckend, wie dieser Text bei mir ankommt.Da werden gleich mehrere Gedanken ausgelöst, über die es sich lohnt, nachzudenken. Zum Beispiel die Tochter: wie viel bekommt sie mit, wie reagiet sie?
Es muss für beide eine schlimme Situation sein, und dennoch bringt der Schluss Hoffnung.

schöne Grüße
Anne

 

Hallo Blanca, hallo Maus!

Meine Antwort kommt reichlich spät, trotzdem danke für das Lob. Die Geschichte ist mal wieder zu kurz, lediglich ein winziger Ausschnitt. Schön, dass selbst dann noch was von der Athmosphäre rüberkommt.
Hätte ich die Protagonistin genauer beschrieben, wäre es etwas langatmig geworden, denke ich.

Liebe Grüße
wolkenkind

 

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