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Das Holz der Zwölfapostelbuche
Das Sägewerk rief freitag morgens bei meinem Bruder in der Werkstatt an. Sie sagten, er könne das Holz sofort abholen, es sei jetzt kammertrocken.
Ich hatte den Sommer über für einen belgischen Architekten schwarz auf dem Bau gearbeitet, Rigipswände und Schutt wegfahren, der Mann schuldete mir noch zweitausend Mark Lohn, war aber nach seinem letzten Projekt in Lüttich untergetaucht. Seitdem lag ich auf Eis und verbrachte meine Zeit mit Backgammon und Gin Tonic.
Mein Bruder hielt mit seinem Kastenwagen direkt vor dem Cafe, in dem ich jeden Tag verkehrte und fragte, ob ich mitkommen wollte, und ich hatte nichts Besseres zu tun.
Das Sägewerk lag mitten im Sauerland, die Fahrt dauerte zwei Stunden. Wir tranken Kaffee aus Thermoskannen, rauchten selbstgedrehte Zigaretten und hörten Creedence Clearwater Revival.
Und, fragte mein Bruder. Haste schon was Neues?
Noch nicht, bin am gucken, sagte ich, und mein Bruder nickte, aber ich erkannte an seinem Blick, dass er mir nicht glaubte.
Kannst du dich noch an den Turhan erinnern?
An wen?
Der blaue Junge …
Ich sah ihn vor mir stehen, unten auf dem schattigen Vorplatz der Genossenschaftshäuser, klein, schmächtig, die Lippen blass, seine blau angelaufenen Hände ständig am Zittern.
Ach ja, klar. Dem sein Bruder war doch ‘n klasse Boxer, oder?
Du meinst den Erdinc, ja … sechsmal deutscher Meister, hat dem bis heute keiner nachgemacht.
Ist der dann nicht auch Profi geworden?
Profi, das ist nochmal eine andere Sache.
Und? Also, ich meine, was ist jetzt mit dem … Turhan?
Tja, sagt mein Bruder. Der ist letztes Jahr gestorben. Er sieht mich an und hebt die Braue. Dabei haben die doch immer gesagt, der machts nicht mal bis er volljährig ist. Wegen seiner Krankheit.
Und von wem weißt du das?
Hat mir’n Kunde erzählt, letzte Woche erst.
Ach was … und wie alt war der jetzt?
Sowas um die Vierzig, denk ich. Aber kannste mal sehen, die wissen auch nicht alles.
Hatte der Frau und Kinder, Familie?
Weiß ich doch nix drüber, keine Ahnung.
Na, stell dir das mal vor, da erzählen die dir erst, dass du quasi demnächst den Löffel abgibst, und dann … da weißt du nachher ja gar nicht mehr, was du noch glauben sollst.
Irgendwann vergisst du’s wahrscheinlich einfach, sagte mein Bruder.
Bis es dann soweit ist …
Wir schwiegen, rauchten, durchquerten das Sauerland Richtung Brilon.
Da lernst du ‘ne Frau kennen, Kinder, Haus, sagte ich nach einer Weile.
So ist das Leben, oder?
Beschissen ist das.
Der Erdinc, sagte mein Bruder, er lachte und schüttelte den Kopf, der hat mit mir damals seinen ersten Joint geraucht.
Ja?
Unten am EDEKA, an der Treppe bei den Parkplätzen, die lag doch so hintenrum, da konnte uns keiner sehen.
Weiß ich noch, sagte ich. Da ist jetzt ‘n TEDI drin, mein ich.
Ich habe mal zwei Jahre lang im Sauerland gelebt, in einer Kleinstadt, in der es außer zwei großen Fabriken und einem Discounter nur dichten Wald gab. Das ist schon lange her, ich kann mich kaum daran erinnern. Nur dass ich in einer feuchten Bude im Souterrain gewohnt und in einem Baumarkt gearbeitet habe, den der Inhaber dann heiß sanierte.
Was?, fragte mein Bruder.
Nichts.
Ach so, ich dachte, du hast was gesagt.
Wir kamen gegen Mittag beim Sägewerk an. Mein Bruder übernahm das Reden, er ist gut darin, seine Gesten souverän, seine Aussprache klar und bestimmt, er weiß immer, was er sagen soll, wie er es sagen soll, auch heute noch. Das Geschäftliche war rasch erledigt, ein paar Scheine wechselten den Besitzer, dann luden wir das Holz auf den Kastenwagen; lange Bohlen, schwer und griffig, ohne jede Risse.
Auf der Rückfahrt hielten wir nach halber Wegstrecke bei einer Raststätte, parkten vor dem pavillon-artigen Gebäude mit Glasdach und vertraten uns erstmal die Beine auf einem Grünstreifen.
Hunger?
Nee, ich muss nix essen.
Mein Bruder lachte. Komm schon, geht auf mich.
Wir setzten uns an einen großen Tisch weiter hinten, blickten aus dem Fenster auf die Fahrzeuge. Mein Bruder bestellte Kartoffelsalat mit Frankfurter Würstchen und Diätcola. Wir teilten uns die letzte Tüte Senf.
Hast du hier in der Nähe nicht mal gewohnt?
Ich nickte. Schon zwanzig Jahre her.
Bisse den Baumarkt abgefackelt haben …
Ist jedenfalls das, was sie gesagt haben.
Nee, du hast doch sogar erzählt, dass sie den Typen damals extra in seinem Ferienhaus in Holland festgenommen haben, wegen Verdunkelungsgefahr.
Ja?
Weißt du das nicht mehr?
Wie gesagt, schon was länger her.
Mein Bruder schüttelte den Kopf.
Wir kamen am späten Nachmittag auf dem Hof der Werkstatt an und luden das Holz vom Kastenwagen in die dunkle Vorhalle.
Legen wir hier auf die Böcke, sagte mein Bruder und machte Licht.
Was willste da eigentlich draus machen?
Tafeltisch, ganz klassisch.
Und für wen machste den?
Ist kein Kundenauftrag.
Für dich selbst?
Mein Bruder nickte.
So ‘n Riesending?
Für zwölf Personen.
Zwölf?
Zwölf Aposteln Buche, sagte er und strich über die Hirnholzkanten. Dann standen wir schweigend in der Werkstatt, in der es nach Sägespänen und Teeröl roch, bis mein Bruder mich fragte, was ich noch vorhabe.
Nichts, antwortete ich, und das war die Wahrheit.
Könnten grillen, sagte er und trat aus der Werkstatt ins Freie. Wetter hält ja.
Holen wir paar Bier beim PM.
Nee, ich hab noch welches …
Mein Bruder verteilte Grillanzünder über den Kohlen.
Was hasten da?, fragte ich und zeigte auf den Teller.
Rumpsteaks …
Und was essen wir dazu?
Glaub, da is noch Krautsalat im Kühlschrank.
Ach nee, scheiß was drauf, dann nur Fleisch.
Wir lachten. Ich holte zwei Flaschen Bier aus dem Coleman und öffnete sie mit dem Zollstock meines Bruders.
Hab lange nicht mehr gegrillt, sagte er und setzte sich auf den Anglerstuhl neben mir. Aber hat ja auch keiner mehr Zeit, oder?
Ja, sagte ich. Ich, ich hab Zeit.
Er nahm einen Schluck Bier. Wie viel schuldet dir dieser Belgier nochmal?
Knapp zweitausend.
Zweitausend?
Ich nickte.
Ist ‘ne Menge Kohle.
Tja, da werd ich nix von sehen, der Typ ist weg, untergetaucht. Hätte ich ahnen können. Einer von den Albanern von der Baustelle hat erzählt, dass der wohl immer ‘ne Knarre in seiner Aktentasche mit sich rumträgt.
Dann weißer Bescheid, würd ich sagen.
Auf jeden Fall richtiger Drecksack.
Das Fleisch war gut. Wir nahmen es vom Grill, ließen es auf einem Servierbrett abkühlen, schnitten es dann in schmale Streifen, aßen es mit den Fingern.
Fressen hier wie die Schweine, sagte mein Bruder und wischte sich die Hände an der Arbeitshose ab.
Egal, guckt doch keiner zu.
Ich drehte mir eine Zigarette und reichte Blättchen und Tabak an meinen Bruder weiter.
Kannst mir helfen, wenn du willst, sagte er dann. Bei dem Tisch, mein ich. Also nich für Umme, klar, ich zahl schon was.
Weiß nicht, ob das so ne gute Idee ist …
Mein Bruder rieb sich ein paar Tabakkrümel von der Oberlippe. Solange du machst, was ich sage.
Wir lachten, sahen der Kohle beim Verglühen zu, rauchten unsere Zigaretten.
Hast mich nie mitgenommen, sagte ich nach einer Weile.
Was meinst du?
Da, auf den Parkplatz beim EDEKA.
Ja?
Ja. Nie.
Er nickte und lächelte. Willste noch ‘n Bier?
Ich schaute auf die halbvolle Flasche in meiner Hand und versuchte mir Turhan vorzustellen, wie er mit seiner Familie am Tisch sitzt, seine Frau, seine Kinder, doch es gelang mir nicht. Ich konnte mich nicht mal mehr an sein Gesicht erinnern, da waren nur seine Hände, die schmalen, bläulich verfärbten Finger, die Finger eines Kindes.
Ja, sagte ich dann. Ich nehm noch ‘n Bier, klar.