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Das Grauen im Amt
Das Grauen im Amt
Nur die mutigsten Sonnenstrahlen quälten sich durch das staubige Flurfenster und sickerten weiter durch die matte Struktur der Glastür bis in Schröders und Müllers gemeinsame Amtsstube.
Im Raum herrschte müde Stille, die von einem seltenen “Tok” immer dann unterbrochen wurde, wenn Müller seinen Stempel mit höchster Präzision auf ein Formular preßte. Müller strahlte Korrektheit und Selbstbewußtsein aus. Aufrecht saß er an seinem Amtstisch, strahlend weißes Hemd, dazu rot gepunktete Fliege, das Jackett ordentlich auf einen Bügel neben den Schrank gehängt. Alles hatte seinen Platz: Schreibmaterial, Formular, Stempelkissen. Müller war für seine Genauigkeit und Ordnung im Amt bekannt, und dies trug ihm allgemeine Achtung ein.
Er war berühmt für seine sauberen und exakten Stempel, deren Geheimnis darin bestand, daß die Stempelfarbe vom Kissen auf dem Weg zum Formular immer genau denselben Trocknungsgrad erreichte, so daß alle Abdrücke eine gleichbleibende, deutliche Färbung auf dem Papier hinterließen.
Schröder war anders, gut zehn Jahre jünger als sein Gegenüber und von einer gedämpften Dynamik, die es besonders den weiblichen Kollegen im Amt angetan hatte. Seit jeher hatte er Jeans und T-Shirt als Dienstkleidung gewählt. Sein ganzes Erscheinungsbild war das eines jungen, naturverbundenen Beamten. Äußeres Zeichen seiner Naturnähe waren unter Anderem auch die vielen Fachzeitschriften auf seinem Tisch, die ihn als Experten, besonders auf dem Gebiet der Balkonbotanik, auswiesen. Die Pflege der Büroblumen oblag ausschließlich ihm und das zeitigte Erfolg.
So unterschiedlich die Beiden auf den ersten Blick sein mochten, so gab es doch eine sonderbare Eigenheit, die sie verband.
Sie konnten nicht schwitzen, jedenfalls nicht so, wie andere Menschen.
Einem Amtsfremden, der auch nur einen der Beiden bei einer anstrengenden Tätigkeit oder in Eile anträfe, würde zunächst wohl nichts weiter auffallen, und er würde alles für völlig normal halten: Halb geöffneter Mund, hängende Zunge, trüber Blick.
In Wirklichkeit waren dies jedoch Zeichen höchster Anstrengung. Tatsächlich schwitzten sie über ihre Zungen. Wie ihrem Herren treu ergebene Hunde hechelten Schröder und Müller für das Gemeinwohl.
Selbstverständlich war Beiden dies bewußt und wen wunderts, daß sie das Schwitzen zu vermeiden suchten. Dennoch schob sich Müllers Zunge ein klein wenig durch die Lippen. Ein deutlicher Hinweis darauf, daß ihm das Stempeln volle Konzentration abverlangte.
Schröders Interesse an einem Artikel über Balkongurken und deren Nährstoffgehalt wurde durch eine Bewegung, die er mehr spürte als daß er sie sah, jäh gestört. Woher diese Störung kam, konnte er nicht sofort lokalisieren und richtete deshalb seinen Blick zunächst auf Müller. Dieser führte in gewohnter Korrektheit seine Stempelarbeiten durch und gab sich nicht besonders auffällig.
Eine erneute Bewegung zog seine Aufmerksamkeit auf die gläserne Bürotür.
Seine Augen wurden groß, das Gesicht etwas länger und augenblicklich trieb ein eisiger Schauer durch seinen Körper. Grauenhafte Visionen zogen vor seinem geistigen Auge dahin.
Auf dem Amtsflur hinter der geschlossenen Tür zeichnete sich eine Gestalt ab, die, verzerrt durch die Struktur der Glasscheibe, zu einem Wesen aus einer finsteren Dimension mutiert schien, groß und tief schwarz umhüllt. Noch regte sich das Wesen nicht und Schröder hatte Zeit und Kraft leise „da“ zu raunen, wodurch Müller seinerseits aufmerksam wurde, die Gesichtsfarbe verlor und mit einem langgezogenen und kehligen „booah“ antwortete.
Daraufhin herrschte Stille.
Sekunden vergingen, bis sich langsam die Türklinke senkte, und mit jedem Millimeter schien die Lebensenergie aus den treuen Beamten zu schwinden, bis die Tür endlich vollends aufschwang und die Gestalt in den Raum trat. Groß, mächtig, in einen bodenlangen, schwarzen Umhang gehüllt stand sie da, das Haupt mit einer weiten Kapuze bedeckt, aus deren dunkler Öffnung nur zwei funkelnde Augen auf die von Grauen erstarrten Männer herabblickten.
Müller brachte wiederum die Kraft auf und bestätigte Schröders letzte Äußerung. Sein „ooah“ klang sogar noch eine Idee kehliger. Er bereute dies sofort, denn in die Erscheinung kam Bewegung. Sie machte einen weiteren Schritt in den Raum hinein, mit einem schnellen Satz sprang sie auf einen Besucherstuhl und wuchtete sich letztendlich auf die gegeneinandergeschobenen Tische der Amtsdiener.
Hoch aufgerichtet stand er da, mächtig, gebieterisch, den stechenden Blick mal auf Schröder, mal auf Müller gerichtet. Seiner Kehle entwich ein tiefes Grollen aus Wut und Rachedurst, das wohl nur in anderen Welten seine Entsprechung fand.
Müller und Schröder schwitzten. Sie schwitzten, wie noch nie zuvor. Ihr leises, disharmonisches Hecheln erinnerte an das Demutsgebaren von Hunden und ein achtsames Herrchen hätte Müller jetzt an einen Baum geführt, aber das kam zu spät.
Wieder vergingen Sekunden des stillen Abtastens.
Die bohrenden Blicke des Fremden fraßen sich in die Seelen der ergebenen Amtsdiener wie ätzende Säure.
Was dann geschah, kam so urplötzlich, daß die Bewegungen nur als blitzartige Schatten wahrzunehmen waren. Die schwarze Robe schwang zur Seite. Rosige Haut mit schwarzem Flaum bedeckt glänzte im Schein der Schreibtischlampe. Das Wesen schrie: „Ich scheiß auf Eure Baugenehmigung.“ Und wie in Zeitlupe senkte sich die zähe Rache auf die polierte Tischplatte.
Mit einem Aufschrei sprang das Phantom vom Tisch, war mit wenigen Sätzen aus dem Raum und verschwand mit höhnischem Gelächter in den weiten Fluren des Rathauses.
Es dauerte lange, bis Müller und Schröder wieder zurück in die Realität fanden.
Der zähe Atem der Hölle erfüllte den Raum und bald versammelte sich die gesamte Population der Amtsfliegen am Tatort.
Herbeigeeilte Kollegen bemühten sich um die Beiden, und nach langen Minuten kam wieder Leben in die geschundenen Seelen.
Bald zeigte sich auf Schröders Gesicht ein Schimmer der Erkenntnis, dann Erleichterung und schließlich ein breites hämisches Grinsen. Zögernd hob er eine Hand und deutete in die Richtung der Schande.
Müller hingegen war benommen und schwitzte noch immer. Die Zunge störte ihn beim Sprechen. Dennoch fand er Kraft die Frage zu stellen, die in allen Gesichtern stand: "Waff if denn?"
Schröder richtete sich leicht auf. „Der war doch blöd.,“ kicherte er. „Der Idiot wollte bestimmt zum Bauamt und das ist doch eine Etage höher.“
Nun linste Müllers Pflichtbewusstsein für eine Sekunde aus sicherer Deckung hervor. An seiner immer noch hängenden Zunge vorbei lispelte er benommen: „Dann müffen wir daf feiterleiten.“
"Geht nicht", kam dann eine trockene Stimme aus den Reihen. „Dazu brauchen wir eine zweite Ausfertigung."
Die Umstehenden tauschten entsetzte Blicke.
Resignation legte sich mit grauem Schleier über die Beamten.