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Das Grauen im Amt

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23.07.2001
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Das Grauen im Amt

Das Grauen im Amt

Nur die mutigsten Sonnenstrahlen quälten sich durch das staubige Flurfenster und sickerten weiter durch die matte Struktur der Glastür bis in Schröders und Müllers gemeinsame Amtsstube.
Im Raum herrschte müde Stille, die von einem seltenen “Tok” immer dann unterbrochen wurde, wenn Müller seinen Stempel mit höchster Präzision auf ein Formular preßte. Müller strahlte Korrektheit und Selbstbewußtsein aus. Aufrecht saß er an seinem Amtstisch, strahlend weißes Hemd, dazu rot gepunktete Fliege, das Jackett ordentlich auf einen Bügel neben den Schrank gehängt. Alles hatte seinen Platz: Schreibmaterial, Formular, Stempelkissen. Müller war für seine Genauigkeit und Ordnung im Amt bekannt, und dies trug ihm allgemeine Achtung ein.
Er war berühmt für seine sauberen und exakten Stempel, deren Geheimnis darin bestand, daß die Stempelfarbe vom Kissen auf dem Weg zum Formular immer genau denselben Trocknungsgrad erreichte, so daß alle Abdrücke eine gleichbleibende, deutliche Färbung auf dem Papier hinterließen.
Schröder war anders, gut zehn Jahre jünger als sein Gegenüber und von einer gedämpften Dynamik, die es besonders den weiblichen Kollegen im Amt angetan hatte. Seit jeher hatte er Jeans und T-Shirt als Dienstkleidung gewählt. Sein ganzes Erscheinungsbild war das eines jungen, naturverbundenen Beamten. Äußeres Zeichen seiner Naturnähe waren unter Anderem auch die vielen Fachzeitschriften auf seinem Tisch, die ihn als Experten, besonders auf dem Gebiet der Balkonbotanik, auswiesen. Die Pflege der Büroblumen oblag ausschließlich ihm und das zeitigte Erfolg.
So unterschiedlich die Beiden auf den ersten Blick sein mochten, so gab es doch eine sonderbare Eigenheit, die sie verband.
Sie konnten nicht schwitzen, jedenfalls nicht so, wie andere Menschen.
Einem Amtsfremden, der auch nur einen der Beiden bei einer anstrengenden Tätigkeit oder in Eile anträfe, würde zunächst wohl nichts weiter auffallen, und er würde alles für völlig normal halten: Halb geöffneter Mund, hängende Zunge, trüber Blick.
In Wirklichkeit waren dies jedoch Zeichen höchster Anstrengung. Tatsächlich schwitzten sie über ihre Zungen. Wie ihrem Herren treu ergebene Hunde hechelten Schröder und Müller für das Gemeinwohl.
Selbstverständlich war Beiden dies bewußt und wen wunderts, daß sie das Schwitzen zu vermeiden suchten. Dennoch schob sich Müllers Zunge ein klein wenig durch die Lippen. Ein deutlicher Hinweis darauf, daß ihm das Stempeln volle Konzentration abverlangte.
Schröders Interesse an einem Artikel über Balkongurken und deren Nährstoffgehalt wurde durch eine Bewegung, die er mehr spürte als daß er sie sah, jäh gestört. Woher diese Störung kam, konnte er nicht sofort lokalisieren und richtete deshalb seinen Blick zunächst auf Müller. Dieser führte in gewohnter Korrektheit seine Stempelarbeiten durch und gab sich nicht besonders auffällig.
Eine erneute Bewegung zog seine Aufmerksamkeit auf die gläserne Bürotür.
Seine Augen wurden groß, das Gesicht etwas länger und augenblicklich trieb ein eisiger Schauer durch seinen Körper. Grauenhafte Visionen zogen vor seinem geistigen Auge dahin.
Auf dem Amtsflur hinter der geschlossenen Tür zeichnete sich eine Gestalt ab, die, verzerrt durch die Struktur der Glasscheibe, zu einem Wesen aus einer finsteren Dimension mutiert schien, groß und tief schwarz umhüllt. Noch regte sich das Wesen nicht und Schröder hatte Zeit und Kraft leise „da“ zu raunen, wodurch Müller seinerseits aufmerksam wurde, die Gesichtsfarbe verlor und mit einem langgezogenen und kehligen „booah“ antwortete.
Daraufhin herrschte Stille.
Sekunden vergingen, bis sich langsam die Türklinke senkte, und mit jedem Millimeter schien die Lebensenergie aus den treuen Beamten zu schwinden, bis die Tür endlich vollends aufschwang und die Gestalt in den Raum trat. Groß, mächtig, in einen bodenlangen, schwarzen Umhang gehüllt stand sie da, das Haupt mit einer weiten Kapuze bedeckt, aus deren dunkler Öffnung nur zwei funkelnde Augen auf die von Grauen erstarrten Männer herabblickten.
Müller brachte wiederum die Kraft auf und bestätigte Schröders letzte Äußerung. Sein „ooah“ klang sogar noch eine Idee kehliger. Er bereute dies sofort, denn in die Erscheinung kam Bewegung. Sie machte einen weiteren Schritt in den Raum hinein, mit einem schnellen Satz sprang sie auf einen Besucherstuhl und wuchtete sich letztendlich auf die gegeneinandergeschobenen Tische der Amtsdiener.
Hoch aufgerichtet stand er da, mächtig, gebieterisch, den stechenden Blick mal auf Schröder, mal auf Müller gerichtet. Seiner Kehle entwich ein tiefes Grollen aus Wut und Rachedurst, das wohl nur in anderen Welten seine Entsprechung fand.
Müller und Schröder schwitzten. Sie schwitzten, wie noch nie zuvor. Ihr leises, disharmonisches Hecheln erinnerte an das Demutsgebaren von Hunden und ein achtsames Herrchen hätte Müller jetzt an einen Baum geführt, aber das kam zu spät.
Wieder vergingen Sekunden des stillen Abtastens.
Die bohrenden Blicke des Fremden fraßen sich in die Seelen der ergebenen Amtsdiener wie ätzende Säure.
Was dann geschah, kam so urplötzlich, daß die Bewegungen nur als blitzartige Schatten wahrzunehmen waren. Die schwarze Robe schwang zur Seite. Rosige Haut mit schwarzem Flaum bedeckt glänzte im Schein der Schreibtischlampe. Das Wesen schrie: „Ich scheiß auf Eure Baugenehmigung.“ Und wie in Zeitlupe senkte sich die zähe Rache auf die polierte Tischplatte.
Mit einem Aufschrei sprang das Phantom vom Tisch, war mit wenigen Sätzen aus dem Raum und verschwand mit höhnischem Gelächter in den weiten Fluren des Rathauses.
Es dauerte lange, bis Müller und Schröder wieder zurück in die Realität fanden.
Der zähe Atem der Hölle erfüllte den Raum und bald versammelte sich die gesamte Population der Amtsfliegen am Tatort.
Herbeigeeilte Kollegen bemühten sich um die Beiden, und nach langen Minuten kam wieder Leben in die geschundenen Seelen.
Bald zeigte sich auf Schröders Gesicht ein Schimmer der Erkenntnis, dann Erleichterung und schließlich ein breites hämisches Grinsen. Zögernd hob er eine Hand und deutete in die Richtung der Schande.
Müller hingegen war benommen und schwitzte noch immer. Die Zunge störte ihn beim Sprechen. Dennoch fand er Kraft die Frage zu stellen, die in allen Gesichtern stand: "Waff if denn?"
Schröder richtete sich leicht auf. „Der war doch blöd.,“ kicherte er. „Der Idiot wollte bestimmt zum Bauamt und das ist doch eine Etage höher.“
Nun linste Müllers Pflichtbewusstsein für eine Sekunde aus sicherer Deckung hervor. An seiner immer noch hängenden Zunge vorbei lispelte er benommen: „Dann müffen wir daf feiterleiten.“
"Geht nicht", kam dann eine trockene Stimme aus den Reihen. „Dazu brauchen wir eine zweite Ausfertigung."
Die Umstehenden tauschten entsetzte Blicke.
Resignation legte sich mit grauem Schleier über die Beamten.

 

Hallo Dreimeier, Du hast einen sehr akzentuierten, trockenen Stil gewählt, meine Gratulation dazu. In der Wortwahl liegt eben das Datail. Die ein, zwei Tippfehler stören mich überhaupt nicht (wer will denn schon spitzfindig sein...).
Weiter so!

 

Hallo Schlachtpaulchen,
hallo apollox,
ich denke, Humor ist eine besonders schwere Sache. Der selbe Text kann den Einen zum brüllen bringen und den Anderen total langweilen.
Zwei Kritiken und beide positiv, das ist schon toll. Danke dafür.
Danke auch für die Korrektur, ich hab’s geändert. Rechtschreibung ist leider eine Sache, von der ich überhaupt nichts verstehe. Meiner Lektorin (meine Frau) werde ich was erzählen.:mad:
Nur die Sache mit „die volle Konzentration“ habe ich so gelassen. Ich finde es nicht falsch.
Danke und viele Grüße
Manfred

 

Hallo Schlachtpaulchen,
du hast mich überzeugt. Ich werde es ändern.
Daß Du bei mir diesen Sprachgebrauch entdeckt hast, und das bei meinem Alter!
Cool!:D :D :D
Hochachtungsvoll
Manfred

 

Moin Dreimeier

Ja, so richtig neu war die Idee wirklich nicht. Zwei Beamte in der essigsauren Hartleibigkeit ihrer Amtsstube geben sich der passiven Arbeitsverweigerung hin und werde in ihrer selbst geschaffenen Idylle vom bösen Phantom des Bürgers gestört. Derartige Satiren gab es schon häufiger. Aber das macht nichts, man kann da ja gar nicht oft genug auf diese Zustände in Behörden hinweisen... ;)

Allerdings gefällt mir deine Geschichte trotzdem sehr gut. Dein Wortwahl, dein Satzbau sind wirklich hervorragend

Er war berühmt für seine sauberen und exakten Stempel, deren Geheimnis daher rührte, daß die Stempelfarbe vom Kissen auf dem Weg zum Formular immer genau denselben Trocknungsgrad erreichte, so daß alle Abdrücke eine gleichbleibende, deutliche Färbung auf den Formularen hinterließen.

Einfach klasse. Insgesamt von mir ein Kompliment für diese wirklich lustige und gute Geschichte.

 

Hallo Dreimeier,

ob die Idee neu ist oder nicht, ist mir wurscht: Ich hab mich köstlich amüsiert und am Ende herzhaft gelacht (auch wenn die Schlusspointe nicht neu ist: sie hat gesessen, und das ist das wichtigste).

Nur die mutigsten Sonnenstrahlen
eine Bewegung, die er mehr spürte als daß er sie sah
:D

Eines beschäftigt mich aber noch (weil ich selbst gerade an 'ner Geschichte schreibe, wo das vorkommt): Du schreibst "die Beiden" groß. Das hab ich kürzlich schon mal so gelesen. Ich dachte, dass es klein gehört. Oder schreibet man nur "die beiden Männer" klein? Dass man Zahlwörter groß schreibt (z.b. "die Zwei") ist mir schon klar. Aber in diesem Fall ... ?

Danke für das Lesevergnügen.

Christian

 

Hi,
der Rechtschreibduden schreibt beide immer klein.
Das ist angesichts dieser wunderbaren Geschichte mit der überragenden Stempeltechnik eines der beiden und der überlegenen Grünpflanzentechnick des anderen der beiden schnurzpiepegal.
Grüße von Emma

 

Gnoebel, criss, Emma,
danke für Eure netten Anmerkungen. Diese Geschichte war mein erster Versuch mit Humor. (als Geschichte) Eigentlich seltsam, weil ich eigentlich zum Blödsinn neige. Vielleicht poste ich sie besser unter „seltsam“.
Chriss,
an mich eine Frage über Rechtschreibung zu richten ist so, als würde man einen Frosch über Wirtschaftspolitik befragen. Vom Frosch wäre dann aber wohl doch einiges zu erwarten.
Ich dachte immer Du hättest es drauf. Schön zu sehen, daß andere auch Lücken haben.:D

Schön, daß Emma helfen konnte.
Ich werde diese Stellen dann auch ändern.

Danke und viele Grüße
Manfred

 

an mich eine Frage über Rechtschreibung zu richten ist so, als würde man einen Frosch über Wirtschaftspolitik befragen. Vom Frosch wäre dann aber wohl doch einiges zu erwarten.
Ein Frosch als Bundeskanzler? Quak.

Ich dachte immer Du hättest es drauf.
:dozey: Wie kommst'n darauf?? :D

Dankeschön, Emma.

Christian

 

Hallo Ihrsze (um es mit Jarjars Worten zu sagen)

Mein erster Kommentar hier also:
Die einführende Beschreibung finde ich sehr gelungen. Obwohl nichts passiert ist der Text fesselnd und amüsant.
Ab dem Zeitpunkt an dem die Gestalt das Büro betritt habe ich allerdings Probleme der Handlung zu folgen. Irgendwie weiß ich nie, wo der Bürger gerade ist.
Auch das Ende finde ich irgendwie eigenartig. Aber Humor ist ja Geschmackssache.
An und für sich würde ich sagen: "Eine gelungene Geschichte"


Die Pflege der Büroblumen oblag ausschließlich ihm und das zeitigte Erfolg.

Ist das "zeitigte" ein Tip fehler oder absicht ? Dann verstehe ich nämlich den Satz nicht. *g*

Grüße
Takina der Gobbo

 

Hallo Takina der Gobbo
oder Takina oder Gobbo?
Ohne die Sache mit dem Schwitzen, hätte die Sache mit dem Bürgermonster zu wenige humoristische Vorbereitung. (meine ich).Vielleicht hätte man was eleganteres einbauen können, aber mir ist eben gerade nichts besseres eingefallen. Auch die Beschreibung der Beamten war ja recht lang, besonders im Verhältnis zur gesamten Länge der Geschichte. Wenn ein Text länger ist, kann man die Protagonisten im Geschehensablauf näher beschreiben, aber hier schien mir das nicht unbedingt nötig.
Was meinst Du mit dem Ende?

Und wo der Mann sich gerade aufhält?
Erst mal vor der Tür, da haben die Jungens erst mal Angst.
Dann tritt er ein und bleibt einfach stehen und macht den Jungens noch mehr Angst.
Dann springt er auf den Tisch und macht ihnen viel, viel mehr Angst.
Dann sch....... er auf den Tisch und haut ab.
Mehr ist da eigentlich nicht.:D

Was ist eigentlich Ihrsze und Jarjars?
Danke fürs Lesen und viele Grüße Manfred

Schlachtpaulchen: Danke!
:thumbsup:

 

Hallo Manfred,

jetzt hast du dein gerade erworbenes "Ich-bin-kein-Grufti-auf-keinen-Fall!"-Image ("...und das bei meinem Alter") wieder begraben. :D

Von einem semi-Grufti (?) zum Grufti (?):
Jar Jar Binks ist eine etwas trottelige Figur aus Star Wars Episode I und II (der mit den langen Ohrwatscheln), und "Ihrsze" (="Ihr") ist seine etwas komische Sprache – oder so ähnlich.

Aber noch mal zur Geschichte: Hab sie gerade noch mal gelesen und wieder herzlich gelacht. Also :thumbsup: !

Viele Grüße

Christian

 

criss,

„jetzt hast du dein gerade erworbenes "Ich-bin-kein-Grufti-auf-keinen-Fall!"-Image ("...und das bei meinem Alter") wieder begraben.“

Das laß ich nicht auf mir sitzen. :mad:
Ich kenne Star Wars.
Mich aber wegen meines schlechten Namengedächtnisses und der mangelnden linguistischen Begabung in die Rentnerecke schieben zu wollen schlägt fehl.
Ich habe meine Schwerpunkte anderswo.
Bibi Blocksberg, TKKG, usw.

Außerdem kann ich Dich mit Deinen eigenen Waffen schlagen:

„Aber noch mal zur Geschichte: Hab sie gerade noch mal gelesen und wieder herzlich gelacht.“

Dieses Phänomen kenne kenne ich von meiner Schwiegermutter (87)
Der kann man Witze bis zu sieben mal erzählen und sie amüsiert sich immer wieder köstlich.
:D
Mit rüstigen Grüßen
Manfred

 

Hallo Dreimeier,
deine Geschichte ist sehr orginell und empfehlenswert. Besonders gut war: Deine Beschreibung der beiden Charaktere; wie du die Spannung gehalten hast; das witzige Ende(Pointe). Sicher ist die Story etwas aus der Luft gegriffen, aber ,,Danke" für diese Geschichte und deiner Kritik bei meiner Kg.

Maddog1985

 

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