Das Geburtstagsgeschenk
Was ich eigentlich von dieser ganzen Aktion erwartet hatte, kann ich mir heute nicht mehr erklären. Es war auch eine zu blöde Idee gewesen. Und eigentlich hatte ich mich auch ehrlich gesagt, ein wenig geärgert.
Gut, man kann einen Scherz mit seinem Lehrer machen, wenn denn alles im Rahmen bleibt.
Aber für meinen Geschmack war es ein bisschen dreist, um nicht zu sagen anzüglich, was sich die Klasse der Pharmazeutischen Assistentinnen für meinen Mann da ausgedacht hatte.
Zum Geburtstag schenkten sie ihm nicht etwa Vitamin- oder Ginsengpräparate zur Erhaltung seiner geistigen Frische. Das hätte ich verstanden und über eine Flasche Doppelherz hätte ich auch schmunzeln können. Nein, eine Doppelpackung Okasa Blau für den Mann über dreißig! Was hatten die sich dabei gedacht? Und hatten die überhaupt ein Recht, sich so weit ins Intimleben anderer Leute hineinzudenken?
Ob ich etwa prüde sei, fragte mein Mann angesichts meiner Entrüstung.
„Ach, brauchst du das denn?“ gab ich spitzig zurück.
Das müsse ich wohl am besten wissen, lachte mein Mann. Er fand das ganze tatsächlich amüsant und wollte die Doppelpackung sogar auf seinem Geburtstagstisch aufbauen.
Verärgert packte ich das Zeugs in das oberste Regal unsere Medikamentenschrankes. Ich hätte es gleich wegwerfen sollen, aber schließlich handelte es sich ja um ein Geschenk. Und prüde war ich nicht.
Am Abend kamen die Gäste.
Schon wieder ein Jahr älter. Ja, langsam geht es auf die vierzig zu. Die Zipperlein stellen sich ja jetzt schon ein. Und habt ihr gehört, dass Karl schon wieder im Krankenhaus war? Zucker, oder? Und dann die Geschichte mit......
Meine Güte, was waren das denn für Themen. Eigentlich wollten wir doch fröhlich sein. Ich nahm das Geburtstagskind zur Seite.
„Wir werfen deine Gäste jetzt raus und feiern alleine weiter“, schlug ich ihm vor, lief in den Keller und suchte den besten Wein aus, den wir auf Lager hatten. Es war mitten in der Woche und so dauerte es auch nicht mehr allzu lange, bis die Gratulanten sich auf den Heimweg machten. Vielleicht lag es auch daran, dass ich die Stereoanlage so nach und nach auf die doppelte Lautstärke gedreht hatte. Leute Mitte dreißig vertragen das nicht mehr so gut. Und wenn man dann noch ab und zu das Fenster aufreißt ....
Jedenfalls hatten wir jetzt unsere Ruhe, genossen den Wein und legten die Cohenplatte mit den Songs of Love and Hate auf.
Ja, und dann weiß ich auch nicht mehr, welcher Teufel in mich gefahren war.
Ich gestehe, ich war es, die diesen Vorschlag gemacht hat. Und mein Mann war auch gleich damit einverstanden. Ich kramte das Okasa Blau aus dem Schrank. Mein Mann schluckte artig ein Dragee.
„Ach nein, nimm lieber zwei oder drei, wenn schon, denn schon,“ redete ich ihm zu, drückte die Pillen aus der Folie, reicht ihm einen Schluck Wasser zum herunterspülen des Wundermittels und schickte ihn ins Bad.
Dann verwandelte ich unser Schlafzimmer mit allen Kerzen und Teelichtern, die ich auftreiben konnte, in ein Gemach aus Tausendundeiner Nacht. Nun noch ein paar Rosenblätter aufs Kopfkissen verteilen - fertig.
Ich musste mir noch was Passendes für die Nacht aussuchen. Ein Seidenhemdchen vielleicht?
Aber wenn mein präparierter Geliebter mir dann in der bevorstehenden Leidenschaft das Hemd zerriss? Nein, das schwarze Nichts aus Mikrofaser mit Spitzenbesatz und den Spaghettiträgern würde reichen, denn letztendlich hing – egal welche Reizwäsche man trug- sie doch nur Lästigerweise um den Hals herum.
Das Bad war jetzt frei.
Ich machte ausgiebig Toilette, duschte, cremte und ölte jede Hautpartie, richtete die Haare und schlüpfte in das Spitzenhemd. Reichte der dezente Duft des Duschgels, oder sollte ich noch das dazu passende Parfüm anlegen? Und ein ganz klein wenig Rouge?
Meine Überlegungen wurden durch ein röhrendes Geräusch unterbrochen.
Das hatte jetzt gefehlt. Wie oft hatte ich schon den Vermieter wegen störender Heizungsgeräusche angerufen?
Es war mir egal, wie spät es jetzt war, ich würde mich beschweren, ich würde mir auf keinen Fall diese vielversprechende Nacht verderben lassen. Als ich zum Hörer griff, fiel mir auf, dass die Heizung im Flur keinen Ton von sich gab. Ich lief ins Wohnzimmer. Auch hier war alles in Ordnung. Seltsam, dachte ich mir und öffnete die Schlafzimmertür.
Ein wunderbarer Geruch von Duftkerzen und Rosenblättern schlug mir entgegen. Und da war es wieder, dieses entsetzliche Geräusch. Es kam nicht aus dem Heizkörper, sondern mitten aus unserem Ehebett.
Ich weiß nicht mehr, was ich alles unternommen habe, um meinen Mann vor dem Erschnarchen zu bewahren. Er war unweckbar und da half weder sanftes Streicheln, noch geduldiges Zureden. Ich drehte ihn auf die Seite. Er grunzte zufrieden und setzte dann sein Schnarchkonzert fort.
Schließlich wurde ich wütend und brüllte ihn an. Die ganze Mühe für nichts! Und wie sollte ich bei dem Geröhre ein Auge zutun? Enttäuscht und wütend packte ich mein Bettzeug und zog damit auf die Wohnzimmercouch.
Am nächsten Morgen lief ich in die Apotheke.
„Sagen Sie mal, was ist das eigentlich für ein Mittel?“ wollte ich auf der Stelle wissen und knallte die Wunderdragees auf den Tresen..
Der Apotheker musterte mich, bevor er antwortete:“ Nun ja, Okasa Blau, Sie wissen schon...aber wir haben auch Okasa Rot, und Okasa Brutal, falls Sie nicht zufrieden sind.“
Die Wirkung sei dann etwas stärker, fügte er erklärend hinzu.
„Noch stärker?“ fragte ich ungläubig.
Der Apotheker sah mich professionell fragend an, aber ich wusste, dass er sich das Lachen verkniff.
„Wissen Sie eigentlich, was ich heute Nacht durchgemacht habe?“ fauchte ich. Im selben Augenblick wurde ich mir der Tragweite meiner Äußerung bewusst.
„Oh, nein“, war die dezente Antwort. „Sollte ich etwa?“