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Das fremde Schlafzimmer

Yva

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18.01.2001
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Das fremde Schlafzimmer

Irgendetwas war anders. Ich schaute auf die Uhr. In digitalen Ziffern leuchtete da in der Dunkelheit: „21:28“. Wo blieb der Kerl bloß?
Ich blickte wieder rüber zu dem Penthouse. Immer noch alles dunkel. Normalerweise hatte er um diese Uhrzeit schon längst eine Prostituierte auf seinem Bett liegen. Also, wo zum Teufel blieb der Kerl? Fand er diesmal nicht die Richtige für seine perversen Spielchen?
Ich musste unweigerlich wieder an die Bilder denken, die mir der dicke und reiche Typ aus dem Penthouse auf der anderen Seite der Häuserschlucht Abend für Abend lieferte und spürte, wie in mir die Lust aufstieg. Ich war versucht, mich diesem Gefühl bereits jetzt hinzugeben. Nein! Ich wollte warten, bis der Dicke zuverlässig wie immer eine Prostituierte mitbrachte, sie zuerst grob zwang, sein bestes Stück zu bearbeiten, um sie mitten drin aufs Bett zu werfen, wo er sie festband und stundenlang immer wieder über sie herfiel.
Doch in letzter Zeit schien er immer unzufriedener. Er schlug die Prostituierten häufiger als sonst und schien auch immer länger zu brauchen, bis er endlich befriedigt war. Das letzte Mal hat er die junge Nutte sogar wütend davon gejagt.
Aber dennoch war er immer pünktlich gewesen. Zwischen zwanzig und zwanzig Uhr dreißig tauchte er zuverlässig auf. Aber diesmal war etwas anders. Vielleicht war ihm etwas dazwischen gekommen?
Plötzlich tat sich etwas gegenüber. Das Licht ging zuerst im Wohnraum und dann im Schlafzimmer an.. Er trug ein Kind auf dem Arm. Was war denn nun los?
Er setzte das Kind auf die Bettkante und befahl dem jungen Mädchen offensichtlich, sich auszuziehen.
Mein Gott! Sie war bestimmt erst acht oder neun Jahre alt!
Das Mädchen begann zu weinen, zog sich aber dennoch langsam aus. Und wie immer stellte sich der dicke Kerl mit heruntergelassener Hose vor sie hin und drückte ihren Kopf in Richtung seiner Genitalien.
Ich traute meinen Augen kaum. Was hatte diese Perverse nur mit dem Mädchen vor? Aber irgendwie konnte ich auch die Erregung, die ich dabei empfand, nicht unterdrücken. Der Dicke schien erregt zu stöhnen und ließ seinen Kopf in den Nacken fallen, während sich seine Hände immer noch in den Haaren des kleinen Mädchens verkrallt hatten.
Ich konnte nicht anders. Ich musste mich unweigerlich selbst berühren.
Im nächsten Moment warf der Dicke die Kleine aufs Bett. Sie weinte wieder und schien sich nun auch zu wehren. Doch der Kerl schlug auf sie ein, bis sie sich nicht mehr regte. Dann band er sie am Bett fest.
Ob sie tot war? Was, wenn er sie umgebracht hatte?
Gerade als sich der Dicke an ihr vergehen wollte, regte sich das Mädchen wieder. Diesmal schrie und wandte sie sich.
Ich konnte ihre Schreie ganz leise hören.
Der Dicke hatte nun sichtlich Probleme und wurde wütend. Er packte sie am Hals und rüttelte sie. Doch sie hörte nicht auf, sich zu wehren. Da setzte er sich auf und presste sie durch den Druck auf den Hals tief ins Bett.
Erschrocken starrte ich in das fremde Schlafzimmer. Er bringt sie um!
Erst nach fünf Minuten lockerte er seinen Griff und machte sich nun an der kleinen leblosen Gestalt zu schaffen.
Entsetzt riss ich den Vorhang zu. Zögerlich ging ich zum Telefon und berührte den Hörer.
Eine ganze Weile verging.
Vielleicht war das kein Kind gewesen. Vielleicht war das nur eine Prostituierte, die sehr jung aussah, dachte ich mir. Und dann würde ich mich lächerlich machen. Was würde dann mein Chef über mich denken, wenn heraus kam, dass ich gespannt hatte?
Ob noch frischer Käse da war? Ich hatte Hunger bekommen. Gerade eben knurrte mein Magen. Ich verließ das Schlafzimmer und schloss die Tür hinter mir.

 

Mir macht es keinen Spaß, über sowas zu schreiben. Mir fiel es sehr schwer, soetwas in Worte zu fassen, weil das auch immer bedeutet, sich Bilder dazu vorzustellen. Aber angesicht unserer besch... und egoistischen Gesellschaft, musste das mal raus!

 

Hallo Yva,

Ich mag die Vorstellung von solchen Begebenheiten auch nicht besonders... Aber man sollte die Augen ja nicht vor der Realität verschließen - und das, was du hier beschrieben hast, ist nunmal gesellschaftliche Wirklichkeit!

Die Geschichte erinnert mich ein wenig an die Parabel: "Ein guter Mensch am Höllentor"
Und jetzt kann ich mich gar nicht entscheiden, wer von den beiden mir unsympathischer ist: der "Penthousebewohner" - oder der "Beobachter" am Fenster? Ok - beide Typen sind zwei große "A.........."!

Hier noch eine Kleinigkeit:

Erschrocken starrte (er/ich/...) in das fremde Schlafzimmer.
Abschließend würde ich Dir gerne noch einen Vorschlag anbieten:
Beide Protagonisten werden in der 3. Person geschildert, was zu Folge hat, dass immer von "Er" die Rede ist - Du könntest sie aber voneinander abgrenzen, indem du beispielsweise den "Beobachter" in der "Ich-Perspektive" berichten lässt (oder ihn mit irgend einem Namen taufst), dann entstehen nämlich auch Zäsuren und Umbrüche in der Erzählung, die jeweils einen Perspektivenwechsel andeuten...

Liebe Grüße,
Wolf

 

Hallo kleiner Wolf,

Danke für den Hinweis mit dem vergessenem Wort. Habe ich sofort geändert.
Zu Deinem Vorschlag. Ja, ich habe auch schon darüber nachgedacht, dass es sicherlich ein Problem ist, dass beide "Herren" keinen Namen haben und so vielleicht nicht immer klar ist, wer mit 'er' gemeint ist. Aber ich dachte, dass ich dieses Problem durch die Absätze gut gelöst hätte. Den Spanner in der Ich-Perspektive darzustellen, habe ich mich nicht recht getraut. Für den Leser ist es sicher auch sehr hart, in eine solche unsymphatische Person katapultiert zu werden. Aber ich könnte ja mal zum Vergleich eine solche Version anbieten? Mal schauen...

 

Wie oft glauben Menschen, unschuldig zu sein, weil sie ja gar nichts tun - dabei ist das passive Zusehen ein mindestens genauso großes Verbrechen ... Respekt für diese "mutige" Geschichte, die wirklich zu denken gibt.
Die Ich-Perspektive wäre einen Versuch wert, finde ich, das würde das miese Gefühl beim Lesen der Geschichte noch intensivieren.

Viele Grüße,
arle

 

So, nachdem ich es mir gründlich überlegt habe, ist die KG nun in der Ich-Perspektive geschrieben.

@arlekino
Genau wie Du sagst, finde ich es so schrecklich, wie egoistisch (leider) die meisten reagieren, wenn sie ein Verbrechen beobachten. Nach dem Motto: "Ach, wenn ich mich da einmische, geht es mir selber noch an den Kragen." Einfach total sch...!!!

 
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Ersteinmal eine formelle Korrektur:

Normalerweise hatte er um diese Uhrzeit eine Prostituierte schon längst auf seinem Bett liegen.
Satzstellung: Normalerweise hatte er um diese Uhrzeit schon lange eine Prostituierte auf seinem Bett liegen.

während sich seine Hände immer noch in den Haaren von dem kleinen Mädchen verkrallt hatten.
Fall... des kleinen Mädchens...

Was würde dann mein Chef über ihn denken, wenn heraus kam, dass ich gespannt hatte?
Person - da ist 'was vergessen worden, "über MICH denken"

Ansonsten... auch ich hatte beim Lesen der Geschichte oft ein merkwürdiges Gefühl im Magen, und bei zwei Stellen dachte ich mir: musst du dir sowas eigentlich durchlesen? Es ist ein sehr dunkles, aber vielleicht nur realistisches Szenario, das hier gezeichnet wurde.

Die Umsetzung gefällt mir allerdings nur begrenzt. Der Stil ist sehr trocken, auch wenn es die Gedanken eines Menschen sind; keine Symbole, Metaphern, Bilder, keine Farben- nur ein paar "mein Gott"- dadurch wirkt die Geschichte düster, zynisch, bedrohlich. Der Erzähler der Geschichte allerdings bleibt unangebracht oberflächlich; seine Motive sind nicht erkennbar, es gibt keine wirkliche Entwicklung. Der Erzähler sieht etwas Furchtbares, ein unmenschliches Verbrechen sagt zwar "mein Gott", unternimmt aber nichts, um etwas zu ändern- das kann ich nicht zusammenbrigen.
Die Charakterlosigkeit des Erzähers resultiert meiner Meinung nach aus der Umschreibung der Geschichte von der (neutraleren) dritten in die (doch eigentlich sehr subjektive) erste Person. (So denkt doch kein Mensch, selbst kein sexuell komplett Gestörter.)

Mein Vorschlag: "Ich" doch noch durch einen Namen ersetzen; da kann man dann auch einen sprechenden Namen in der Tradition eines "Biedermaier" nehmen, irgendeinen, der den portraitierten 'Wegkucker' schon von vornherein bezeichnet.
Ausserdem: Alle "Oh mein Gott" usw weg.

Deine Absicht kommt aber trotzdem gut rüber, könnte eben nur noch etwas eindrucksamer formuliert werden- obwohl die Handlung wie gesagt schon Bauchschmerzen macht (wenn man sich einmal umsieht, auch unter Freunden, vielleicht sogar bei sich selbst, wie schrecklich abgestumpft und feige wir sein können...).

///

Nachtrag: Habe das (meine Antwort) jetzt mochmal gelesen und festgestellt, das es vielleicht sehr subjektiv ist... Vielleicht könnte es deine Geschichte aber auch verbessern.

Grüße
(Nette Smilies, danke.)

 

Herrje, jetz' bin isch völlisch dursch'n Wind...

vielleicht "reinige" ich die KG nochmal von Grund auf...

aber danke für die Hinweise auf formale Fehler. Hab sie auch schon geändert.

 

Nein! Nicht ändern!
Die Ich-Form ist schlicht genial! Wenn Du einen Namen verteilst, legst Du Dich (wahrscheinlich) darauf fest, dass der Spanner in jedem Fall ein Mann ist, das fände ich schade, denn auch Frauen sind nicht die "Engel", als die sie immer propagiert werden. Warum kann es nicht auch eine Spannerin sein? Gerade, dass es keinen Namen gibt, zeigt, dass es "jeder" sein kann.
Das Szenario ist gut beschrieben, der Stil passt perfekt dazu! Dass man den Inhalt abstoßend findet, ist eine andere Frage, daraus entsteht aber das Wertvolle an dieser Geschichte: Das Wegsehen angesichts des Grauens und die gleichzeitige Faszination, die sich sogar zur Lust steigern kann. So ist der Mensch nun mal. Insofern eine zutiefst menschliche Geschichte. Klasse!

 

Hallo Yva,

zwei unterschiedliche Arten von Perversitäten werden in Deiner Geschichte dargestellt, getoppt wird das Ganze durch die Ignoranz der beobachtenden Person.
Leider beschreibst Du diese Vorkommnisse ganz isoliert, nicht in einem gesellschaftlichen Kontext (letztlich geht es um Moral), so fehlt ein wenig die Tiefe der Aussage.

Die „digitalen Ziffer“ sind etwas ungünstig, `digital´ bedeutet ` in Ziffern dargestellt`.

Tschüß... Woltochinon

 

Hallo Yva!
Ich finde deine Kg sehr gut und muss Columbus recht geben.
Als ich die Geschichte gelesen habe, dachte ich auch daran, dass es sich bei dem Spanner um eine Frau handeln könnte. ich finde es sehr gut, dass du das Geschlecht offengelassen und die Ich-Form nicht geändert hast.
Außerdem hast du in der Geschichte nur beschrieben, was der Spanner sieht und selten von seinen Gedanken geschrieben. Das unterstreicht seine Gleichgültigkeit.
Insgesamt ist ein schweres Thema gut umgesetzt worde.
Tschüß Flamingo

 

Hallo Yva!
Ich finde deine Kg sehr gut und muss Columbus recht geben.
Als ich die Geschichte gelesen habe, dachte ich auch daran, dass es sich bei dem Spanner um eine Frau handeln könnte. ich finde es sehr gut, dass du das Geschlecht offengelassen und die Ich-Form nicht geändert hast.
Außerdem hast du in der Geschichte nur beschrieben, was der Spanner sieht und selten von seinen Gedanken und Gefühlen geschrieben. Das unterstreicht seine Gleichgültigkeit.
Insgesamt ist ein schweres Thema gut umgesetzt worde.
Tschüß Flamingo

 

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