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Das Baumhaus

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18.10.2021
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Das Baumhaus

Ich finde den Lichtschalter nicht, zu lange Zeit bin ich von hier fort gewesen. Ich warte, bis sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben und arbeite mich in Trippelschritten zum Eingang vor. Die Tür knarrt, als ich sie öffne. Ich erkenne die transparente IKEA-Lampe gleich wieder, das Bravo-Poster mit den Backstreet Boys, den beleuchtbaren Globus, auf dem ich mir Weltreisen ausdachte. Seit meinem Auszug vor gut zwanzig Jahren steht noch alles am alten Platz, Mutter hat aus meinem Kinderzimmer ein Museum gemacht. Die Vorstellung, in diese geblümte Bettdecke zu sinken, in staubigen Tagebüchern und Alben alten Erinnerungen nachzuspüren, wirkt jetzt, da ich mein Zimmer vor mir sehe, befremdlich. Ich reiße die Fensterflügel auf, aus dem Fensterrahmen kommt mir Staub und abgeblätterter Lack entgegen.

Ich zünde eine Zigarette an und blicke hinunter in den Garten. Er macht einen vernachlässigten Eindruck: die Bäume verwildert, der Putz von der Grenzmauer abgebröckelt, der Rasen inzwischen eine Wiese. Mutter scheint mit der Pflege des Grundstücks, früher Aufgabe meines Vaters, überfordert zu sein. Dort unten, erinnere ich mich, stand einmal mein blaues Trampolin. Ich sprang darauf so hoch ich konnte, weit in den Himmel hinauf. Ich wollte damit meinem Vater imponieren, der das Trampolin und ein Baumhaus gemeinsam mit mir gebaut und mich gegen Mutters Widerstand wie einen Jungen erzogen hatte. Immer wieder stritten meine Eltern, nicht nur in Fragen meiner Erziehung, oft hörte ich Mutters Schimpfen durchs ganze Haus, auch wenn Vater gar nicht anwesend war. Und je mehr Mutter schimpfte, umso mehr zog sich Vater zurück. An einem Samstagmorgen herrschte plötzlich eine verstörende Stille im Haus. Ich fand Mutter weinend am Küchentisch. Ohne jede Ankündigung hatte Vater seine Frau und sein zehnjähriges Kind verlassen. Wir hörten erst Wochen später von ihm, als er schon in einer anderen Stadt wohnte und ein neues Leben begonnen hatte.

„Einfach alles hinter sich lassen“, murmle ich vor mich hin, wie ich es in letzter Zeit oft tue. Mir scheint, als versuchte ich mir Mut zuzusprechen für einen Plan, der vielleicht schon im Ansatz gescheitert ist. Wie kam ich nur darauf, den erhofften Abstand hier zu finden? Ausgerechnet hier, wo ich nach einem zähen Abgrenzungskampf mit fünfzehn Jahren das Weite suchte und nach dem Umzug zu Großmutter das Stigma des „boxbeinigen Einzelkindes“ hinter mir ließ?
„Aber es ist doch immer alles beruflich glatt bei dir gelaufen, Susan“, höre ich wieder meine Mutter erstaunt in den Hörer rufen, als ich ihr vom gescheiterten Aufstiegsversuch erzählte. „Nimm einfach ein paar Wochen Urlaub und zieh solange nach Hause!“ Nach Hause? Seit meinem Auszug habe ich mich hier doch nur noch gelegentlich blicken lassen, gerade so oft, um kein schlechtes Gewissen zu bekommen.

Doch zu meinem eigenen Erstaunen zögerte ich nicht lange und nahm Mutters Angebot an. Ich sagte mir, Mütter sind froh, wenn ihre Kinder bei ihnen Unterschlupf suchen, und gescheiterte Töchter freuen sich über jedes Obdach, das sie willkommen heißt. Erst heute weiß ich die wahren Gründe für meine rasche Einwilligung: Mutter fragte als einzige nicht nach dem Grund meines Scheiterns. Und die Hoffnung, meine schwierige Beziehung zu ihr doch noch zu reparieren, hatte ich nie aufgegeben.

Mir fällt wieder auf, wie feucht und abgestanden die Luft in meinem Kinderzimmer ist. Ich erinnere mich, dass ich als Teeny oft auf mein Baumhaus flüchtete, wenn mir im Zimmer unwohl war. Mein „Haus“, wie ich es nannte, war eher ein Verschlag, aus Brettern alter Euro-Paletten auf dem Ahornbaum zusammengezimmert. Innen kleidete es Vater wie eine richtige Wohnung mit Teppich aus. Dort lag ich in den Ferien, las Abenteuergeschichten und blickte hinaus auf Wiesen und Felder, meine „Prärie“. Mein Haus hatte sogar ein wasserdichtes Dach, in den Sommermonaten übernachtete ich manchmal dort oben.

Ich ziehe an meiner verglimmenden Zigarette und suche die Baumreihe nach dem Baumhaus ab. Nur mit Mühe kann ich den Ahorn von den anderen verwachsenen Bäumen unterscheiden. Er ist von dichtem Efeu überwuchert, seine Äste ragen Mitleid erregend in den Himmel. Ich muss tief Luft holen, denn mein Haus ist unter den Ranken des Efeus vollständig verschwunden.

Der Anblick erinnert mich unwillkürlich an das, was gerade in meinem Leben geschehen ist. Hoch hinausgewollt und tief gefallen. Bisher hatte ich mich immer erfolgreich durchs Leben geschlagen: Gymnasium, Abitur, Studium, danach eine feste Stelle. Keiner im Betrieb wunderte sich, als ich mich mit Mitte dreißig für den Posten der Personalchefin bewarb. Ich hatte schließlich Günter hinter mir, diesen Endfünfziger mit Seidenschal, der schon Mitglied des Vorstands war, als ich mit 25 in die Firma gekommen war. Er schien an mir ein Narren gefressen zu haben, hob bei jeder Gelegenheit meine Verdienste für die Firma hervor und bot mir bei der Weihnachtsfeier unerwartet das Du an.

Eines Tages lud mich Günter zum Abendessen ein, wie er sagte, um mir vertrauliche Informationen über meine Bewerbung zu geben. „Nicht hier, wir könnten gesehen werden“, flüsterte er mir vertraulich zu. „Ich kenne ein kleines Landhotel weiter draußen, es wird dir gefallen.“

Die Vorstellung, allein mit einem älteren Unbekannten in einem Landhotel einschließlich Übernachtung zu verbringen, weckte mein Misstrauen. ich zögerte, gab vor, mich gerade um meine kranke Mutter zu kümmern. Ich erwog sogar, Erkundigungen über Günters Vorgeschichte einzuholen, verwarf dies aber, um meine Karrierepläne nicht zu gefährden. Doch Günter blieb hartnäckig: „Es geht um mehr als um den Posten des Personalchefs“, sagte er mit dem Finger am Mund und mit nach oben gezogenen Augenbrauen. Ich kannte diesen Gesichtsausdruck von meinem Vater, wenn er mir ein Geheimnis andeutete. Unsittliche Avancen durch diesen korrekten, fast etwas schüchternen Mann waren für mich unvorstellbar. Und falls doch, würde ich mich als selbstbewusste Frau zur Wehr setzen können.

Ich schrieb Günter und sagte das erste Wochenende nach den Sommerferien zu. Als ich in seinen Wagen einstieg, dachte ich kurz an „Pretty Woman“ - nur, dass der Typ neben mir 20 Jahre älter war und mich als Mann kein bisschen interessierte. Meine Zweifel kehrten schlagartig zurück, als mir beim Einchecken eine Visitenkarte in die Hände fiel. Unter dem Namen des Etablissements stand ein von einem Pfeil durchbohrtes Herz mit der Inschrift „Hotel d‘amour“. Ich versuchte ich mich zu beruhigen und traf mich wie verabredet zum Abendessen, das sich als ein mehrgängiges Candlelight-Dinner entpuppte. Ich blieb auf der Hut, trank wenig Alkohol und wich keinen Millimeter von meiner Berufsrolle ab. Gleichzeitig versuchte ich, Günter so viele Details wie möglich zu entlocken. Doch außer der Aussicht auf seine Protektion, die er beim Anstoßen noch einmal bekräftigte, erfuhr ich nichts. Nach dem Dessert sagte er mit gespielter Beiläufigkeit: „Ich hab‘ noch Lust auf Sauna - kommst du mit?“

Sein plumper Vorstoß machte mich sprachlos. Er hatte es also doch darauf angelegt. Von ihm und meiner eigenen Menschenkenntnis erschüttert, warf ich meine Serviette auf den Tisch. Das halb gefüllte Weinglas fiel um, ein Rotweinfleck fraß sich in die weiße Tischdecke. Ich stand auf, beobachtete aus meinen Augenwinkeln Günters offenen Mund und weit aufgerissene Augen und ging wortlos ich auf mein Zimmer. Am nächsten Morgen stand ich früh auf und ließ mich von einem Taxi nach Hause bringen.

Vor mir spielt sich wieder diese Szene ab, die sich nie zugetragen hat: Günter nackt neben mir mit grauen Haaren auf der Brust. Ich sehe sein lüsternes Augenzwinkern, während er die Sanduhr umdreht und mir leise zuflüstert: „Wenn die durch ist, sehen wir uns in der Kabine.“

Die Vorstellung ließ mich nicht mehr los in den Nächten, und an den Tagen aß ich schlecht. Ich wartete auf den Ausgang meiner Bewerbung, doch keiner erwähnte sie mehr, als habe sie nie existiert. Günter, dessen Büro am Ende desgleichen Korridors lag, sah ich nur noch von hinten. Plötzlich war ich mir der Angemessenheit meiner Reaktion nicht mehr sicher. Meine Freundinnen versuchten, mir die Zweifel auszureden: „Und was hättest du stattdessen tun sollen - mit ihm in die Sauna gehen und danach ins Bett steigen?“ Doch je länger sich die Bewerbung hinzog, umso mehr peinigten mich meine Bedenken. Schließlich musste ich mir eingestehen, dass ein anderer, schwacher und unsicherer Teil meiner selbst wieder freigelegt worden war und sich immer mehr Raum nahm.

Eines Morgens wurde ich zum wöchentlichen Management-Meeting einbestellt. Sollte nun der erlösende Moment gekommen sein? Doch es stellte sich heraus, dass man jemanden fürs Protokoll brauchte, weil die Sekretärin kurzfristig erkrankt war. In der Sitzung ging es um die im letzten Quartal eingebrochenen Absatzzahlen, Günter wurde um eine Einschätzung gebeten. Er beendete seine Stellungnahme mit den Worten: „Jeder Erfolg hat auch seine Grenzen, nicht wahr?“ Dabei drehte er sich zu mir um und suchte den Kontakt zu meinen Augen. Ich blickte nach unten, meine Finger krümmten sich und versagten mir den Dienst. Jetzt wusste ich, dass meine Bewerbung vom Tisch, meine Karriere gestoppt war.

Ich blicke wieder auf die erdrosselten Äste, das vom Efeu verschlungene Baumhaus und fühle, wie erstmals nach dem Vorfall Wut in mir hochsteigt. Ich versuche, tief Luft zu schöpfen, doch mein Atem stockt. Ich kann nicht noch länger auf diesem Pulverfass sitzen, ich muss etwas Befreiendes tun. Mir fällt plötzlich mir die Säge ein, diese gelbe Baumsäge, mit der Vater und ich die Bretter für das Haus zurecht gesägt hatten. Ich muss sofort hinunter in den Keller und sie suchen.

Ich finde sie am Fuß des Holzstapels, der von alten Spinnweben überzogen ist. Ich reiße die Kellertür auf, eile zu dem verwilderten Hain und suche nach dem Parasiten, der den Stamm und die Äste meines geliebten Ahornbaums abschnürt. Schließlich finde ich ihn. Erleichtert stelle ich fest, dass seine Saugwurzeln auf der Rinde sitzen und nicht in das Holz des Ahorns eingewachsen sind. Vorsichtig säge ich eine Wurzel nach der anderen ab. Am Fuß des Ahorns sammeln sich weiße Späne, als hätte es gerade frisch geschneit. Der Schweiß trieft mir von der Stirn in die Augen, doch ich kann jetzt wieder frei durchatmen.

Beim Abendbrot erzähle ich Mutter von meiner Entdeckung. „Aber Susan“, sagt sie überrascht. „Efeu macht doch gar keine Bäume kaputt - es sei denn, die sind schon vorher krank gewesen.“ Ich versuche mich an den Stamm und die Äste zu erinnern. Tatsächlich schien der Baum noch gesund zu sein. Ich stelle mir vor, wie ich die vertrockneten Ranken des Efeus im nächsten Frühjahr herunterziehe. Und darunter kommt mein geliebtes Baumhaus wieder zum Vorschein.

Mein Angebot, bei der Pflege des Gartens künftig zu helfen, lehnt Mutter stolz ab.

 

Hallo @A. Martin,

sie hat als Kind mit einer Axt ihr Baumhaus gezimmert? Das kommt mit fast vor wie eine Satire auf diese ganzen bläulich schimmernden „Wir hatten früher keine Handys und haben rohe Eichhörnchen gegessen und es war superschön“-Gruppen bei Facebook.

Die Rückkehr an den Ort der Kindheit, weil im Erwachsenenleben irgendwas in die Hose gegangen ist (Ehe, Job) oder weil es zu Hause ein bedeutendes Ereignis (Tod eines Elternteils) gegeben hat, das ist ein recht klassisches Motiv. Mit fällt Grishams Bleachers ein, da stirbt der Football-Trainer des inzwischen erwachsenen Prots. Kings Es spielt das Szenario als Horrorgeschichte durch. Meist folgt dann eine Aufarbeitung der Dinge, die in Kindheit und Jugend passiert sind, weil einem mit dem einen oder anderen Jahrzehnt Abstand erst bewusst wird, wie die sich im Erwachsenenleben ausgewirkt haben.

Ich habe mit der Geschichte zwei Probleme. Das eine ist Glaubwürdigkeit. Darum bin ich mit der Axt eingestiegen. Das ist so eine Kleinigkeit, aber der Teufel steckt im Detail. An anderer Stelle geht es an die Substanz der Story: Wenn der ihr schon mit so notgeilem Zwinkern vorschlägt, in die Sauna (!) zu gehen, warum macht sie das? Das kann sehr gut das Machtgefüge sein, dass sie das Gefühl hat, das Spiel mitspielen müssen, um mit ihrer Bewerbung überhaupt eine Chance zu haben. Das kommt hier aber überhaupt nicht raus. Also, ich lese das auch nicht zwischen den Zeilen, falls das die Absicht war.

Problem zwei ist, die Geschichte bleibt an der falschen Stelle an der Oberfläche. Eingangs wird sehr minutiös das Kinderzimmer beschrieben, ich erfahre aber so gut wie gar nichts über die Mutter, die ja wohl mit ihrer „Wenn dir was Schlechtes widerfährt, bist du immer selbst schuld“-Philosophie den Grundstein für die jetzige Arbeitsunfähigkeit gelegt hat. Und das ist ja der Kern deiner Variante einer „Nach Hause kommen“-Geschichte, da kommen Gegenwart und Vergangenheit zusammen.


Viele Grüße
JC

 
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Hallo, @A. Martin,
die Geschichte ist ja kurz, weshalb ich sie auch fertiggelesen habe, aber sie funktioniert für mich nicht. Es sind einige Dinge wirklich eigenartig daran, die ich versuchen will, aufzuzählen.

Die Bäume wachsen nicht in den Himmel
Zunächst einmal habe ich mit dem Titel nichts anfangen können, bis Google mir gesagt hat, es handele sich um eine (mir bis dato unbekannte) Redewendung, die besagt, dass jeder Erfolg seine Grenzen hat. Okay. Eine Prämisse, mal schauen, wo mich das hinbringt.
In den dunklen Flur fällt ein dünner Lichtschein, die Zimmertür knarrt, ich halte kurz die Luft an. Tatsächlich ist noch alles am gleichen Platz, die IKEA-Lampe, der Globus mit Innenbeleuchtung, das Poster mit den Backstreet Boys, so als wäre ich erst vor kurzem ausgezogen.
Fragen hierzu: Wann ist Susan ausgezogen? Die Backstreet Boys hatten ihr "Comeback" so 2005, danach gab es sie zwar noch, aber wenn ich mich recht entsinne, eher so unter dem Radar, jedenfalls nicht mit Postern in der Bravo, die man sich an die Wand hängen konnte. An anderer Stelle schreibst du, sie sei Mitte dreißig, also entweder ist das jetzt bald zwanzig Jahre her, und sie hat das Zimmer mitten in der Pubertät verlassen, oder irgendwas ist ein bisschen schräg.
Was tun Erwachsene als erstes, frage ich mich, wenn sie für unbestimmte Zeit in ihr Kinderzimmer einziehen?
Das interessiert mich eher nicht, Viel mehr wüsste ich gerne, weshalb das Jugendzimmer so museal daherkommt. Warum ist das immer noch in diesem Zustand? Was ist da "zu Hause" passiert? Das würde mich interessieren, stattdessen hat man fast das Gefühl, sie komme als Gespenst in ein von den Eltern nicht mehr angetastetes Zimmer einer Verstorbenen.
Die Vorstellung, hier, im Schoß meines Elternhauses, Wunden zu lecken, fühlt sich fremdartig an.
Ebenso wie dieser Satz sich fremdartig liest. Was hat sie denn dazu bewogen, das elterliche Haus wieder aufzusuchen. Was ist mit ihrer Wohnung, was mit Freunden, warum kommt sie hierher zurück, wo sie recht offenbar bereits seit Dekaden nicht mehr gewesen ist? Die Motivation ist eine völlige Leerstelle.
Als Teeny sprang ich so hoch, dass ich auf die Glatze des Nachbarn schauen konnte.
Wenn dieser Satz so etwas wie Nostalgie vermitteln soll, hielte ich es für sinnvoll, das weiterzuverfolgen. Was ist heute mit dem Nachbarn? Dinge ändern sich, das kann man von dieser Kindheitserinnerung ausgehend weiterverfolgen. Was hat sich vor allem hier in der Familie geändert. Der Vater scheint ausgezogen zu sein, das schreibst du später, aber weshalb. Was ist hier passiert? In was für ein Haus kehr Susan zurück? Dieser Satz alleine hat gar keinen Daseinszweck.
Und verdammt - wo ist mein altes Baumhaus?
Und verdammt, was ist das für eine Formulierung? Wo war Susan die letzten 20 Jahre?
Der scheint jetzt vertrocknet zu sein, die dichten Ranken des Efeus haben dem Wirt offenbar jeden Tropfen Wasser entzogen.
Dass Efeu so etwas tut, ist eine Legende. Efeu schadet den Bäumen nicht, die Wurzeln sind nicht invasiv, sondern Haftwurzeln, und gehen üblicherweise mit dem Baum eine synergetische Beziehung ein. Wenn der Baum allerdings eh nicht gesund ist, kann ihm die Aufmerksamkeit des Efeu natürlich zum Verhängnis werden. Aber natürlich macht diese Tatsache (Efeu nicht böse) die Prämisse und das Finale der Geschichte etwas kaputt.
Beruflich habe ich immer alles richtig gemacht, jeden Tag Schminke aufgelegt und die Pobacken zusammengedrückt.
Aha, so macht man also alles richtig. Schminke auflegen und knackigen Po? Ich hoffe nicht, dass du oder Susan das wirklich so meint.
Und mich mit Mitte dreißig konsequenterweise für den Posten der Personalchefin beworben.
Vor allem, weil das Selbstverständnis von Susan, dass ihre Schminkexpertise und Körperhaltung ihr als hinreichende Kompetenz für eine Personalleitung vorschweben, wirklich lächerlich wären.
Jetzt bleibt mir als einziger Ausweg der gelbe Schein.
Sie kann nicht den Arbeitgeber wechseln? Der einzige (vor allem) Ausweg ist eine Krankschreibung? Was hat sie denn, außer Selbstmitleid?
Ich höre ihn wieder im Leitungsmeeting sagen: „Die Bäume wachsen eben nicht in den Himmel.“ Plötzlich drehte er sich zu mir und schaute mich eindringlich an,
Verstehe ich das richtig, sie bewirbt sich für eine Leitungsposition, die sie nicht bekommt, sitzt aber im Leitungsmeeting, wo sie vom Finanzvorstand angeblickt wird. Was macht sie denn da?
Der glockenhelle Sopran der Mutter reißt mich aus den Gedanken.
Passt überhaupt nicht in die ganze Szenerie. Und ist eine fürchterliche Klischee-Formulierung.
In der Küche begegnet mir eine spindeldürre Frau Mitte sechzig mit grauen Haaren.
Wer ist denn die Frau? Ist die zu Besuch? - Ja, ich weiß, es ist die Mutter, aber warum führst du sie so ein?

Und nun kommen wir zu dem Dialog, der mich geschüttelt hat:

„Iss erst mal, Kind“, wehrt sie ab.
„Aber Mama, du kannst doch den großen Garten nicht mehr alleine …“, rechtfertige ich mich.
„Nett von dir, dass du mich daran erinnerst - gerade jetzt“, antwortet sie eingeschnappt.
Bei Mutters Anspielung geht mir sofort die Galle hoch:
„Jetzt, wo ich selbst am Boden liege - meinst du das etwa?“
„Ach Mädchen, bei dir kann man nichts mehr richtig machen“, stammelt sie voller Selbstmitleid.
Mir fällt wieder das verschwundene Baumhaus ein und ich frage Mutter, was daraus geworden ist. „… hat sich inzwischen der Efeu geholt“, antwortet sie knapp. Dann beugt sie sich zu mir vor: „Und daran bin ich jetzt vermutlich auch noch schuld!“
Warum können die beiden nicht einfach miteinander sprechen, warum garnierst du jeden Satz mit einem Tell, anstatt sie einen Dialog führen zu lassen, der organisch zu dieser (in dieser Form auch völlig unvermittelten) Zuspitzung führt? Was ist hier los, welche unausgesprochenen Dinge bringen hier Mutter und Tochter gegeneinander auf?
Es fällt mir wie Schuppen von den Augen: Auch wenn ich augenblicklich das Badetuch hochgerissen habe, um meinen Körper vor den begehrlichen Blicken des Chefs zu verhüllen; auch wenn ich in die Umkleide und danach auf mein Hotelzimmer gerannt bin – Schuld an allem bin ich am Ende selbst.
Hat sie das damals realisiert, realisiert sie das jetzt, realisiert sie, dass ihre Mutter das glauben würde, wenn sie erfährt, was Susan widerfahren ist? Der gesamte Gedankengang, angefangen vom Schminken und Pobacken zusammenkneifen bis zu dieser "beruflichen" Szene werfen mir einen Karton Fragezeichen vor die Füße. So wie du Susan hier darstellst, muss ich dem Urteil beipflichten: Da ist sie nicht viel besser als die selbstmitleidige Mutter, und sicherlich nicht unschuldig an dem, was ihr beruflich widerfahren ist.
Ich muss in den Keller hinunter und die Axt suchen, mit der ich damals die Bretter für das Baumhaus zurechtgezimmert habe.
Das hat schon @Proof angeschnitten, oder vielmehr angehackt: Die Axt im Haus erspart zwar den Zimmermann, aber eine Säge wäre meine Weapon of Choice, wenn ich Bretter für ein Baumhaus bearbeiten müsste.
„Was ist denn jetzt schon wieder?“, fragt Mutter verstimmt, als ich mit einem Ruck aufstehe und die Küche verlasse.
Das frage ich mich auch.
Die Axt liegt noch an der gleichen Stelle, ist aber viel leichter an als in meiner Erinnerung. Ich reiße die Kellertür auf, eile zum Ahornbaum und suche die Efeuranken, die seinen vertrockneten Stamm einschnüren. Ich haue, so tief kann, in sie hinein. Weiße Späne und Brocken mit dunkler Rinde fliegen durch die Luft. Ich schlage so lange in die Ranken hinein, bis der Ahorn wieder Luft fassen kann. Und mit einem Mal wird es auch mir leichter.
Ich verstehe das Bild, das du hier zum Finale setzen möchtest - die "Befreiung" des Baumes, die Freilegung des Baumhauses als einen Rückzugsort und Ort, an dem man frei sein und über den Dingen stehen konnte, soll ein Bild und Katalysator für die Selbstbefreiung aus der Opferrolle sein, in der sich Susan häuslich eingerichtet hat.
Und das ist auch nicht schlecht, nur musst du das unbedingt besser aufbauen, unterfüttern, dem Leser die Sprossen anbieten, an denen er oder sie in das Baumhaus hinaufgelangen kann.
Zum Schluss: Mein Feedback ist alles andere als garstig gemeint, ich hoffe, du kannst mit dieser Rückmeldung etwas anfangen und deine Axt neuerlich an den Text legen, um ihm mehr Kraft zu geben.
Gruß
bvw

 

Hallo @Proof und @brudervomweber,

danke Euch für die Zeit, die Ihr Euch genommen habt, meine Geschichte zu kommentieren. Ich habe sie vielleicht etwas zu schnell aus der Hüfte geschossen, nachdem ich eine Ausschreibung zum Thema "Erfolg" gelesen hatte und eine Idee zu beruflichem Misserfolg ausprobieren wollte. Ihr habt recht, sie lebt nur von der Idee, gut durchdacht und komponiert ist sie tatsächlich nicht.
Ich habe die Geschichte nun umgeschrieben und hoffentlich einige der von Euch freigelegten "Fragezeichen" beantworten können:
- Susan hat das Elternhaus vor 20 Jahren im Streit verlassen. Ihre Mutter hoffte jedoch auf ihre Rückkehr und hat das Zimmer im alten Zustand belassen. Als Susan beruflich aus der Bahn geworfen wird, nutzt die Mutter die Chance und bietet ihrer Tochter an, vorübergehend bei ihr einzuziehen.
- Den Charakter des Chefs, der jetzt etwas freundlicher dargestellt wurde, hat die Pr. lange Zeit falsch eingeschätzt und sich von der Ähnlichkeit mit ihrem verschwundenen Vater täuschen lassen.
- Mit "Pobacken zusammenkneifen" habe ich kein kokettes Verhalten, sondern harte Disziplin gemeint; da offenbar missverständlich, habe ich das jetzt eindeutiger formuliert.
- Statt der Axt setzt Susan die Säge an den Efeu an.
- Ich habe klargestellt, dass Efeu seinen Wirt nicht schädigt (auch wenn die Pr. fälschlicherweise davon ausging).
- Den Konflikt mit der Mutter am Kaffeetisch, ihre "Schuld-Lebensphilophie" habe ich komplett rausgelassen, das macht die Geschichte n.m.M. jetzt geschlossener.

Viel Spaß beim erneuten Lesen und beste Grüße,
A. Martin

P.S.: Keine Sorge, @brudervomweber, "garstig" fand ich Deine Kommentare nicht. Schließlich seid Ihr Wort-Krieger und keine Softbälle. Das weiß ich schon von früheren Beiträgen.

 
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Hallo, @A. Martin,
einen schönen ersten Weihnachtstag!
Du hast die Geschichte ja quasi auf links gedreht, und es ist mir fast schon unangenehm, wie sehr du dich von meinem Feedback hast leiten lassen, vor allem, weil ich jetzt noch ein wenig nachlegen muss.
Grundsätzlich aber liest die Geschichte sich jetzt runder, flüssiger, Susan als Hauptfigur wird greifbarer und dreidimensionaler. Trotzdem gibt es weiterhin Fragen, die sich mir stellen, und die ich dir deshalb weiterstelle. :)

Ich finde den Lichtschalter nicht, zu lange Zeit bin ich weg gewesen. Ich warte, bis sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben und arbeite mich entlang der Wand des Flurs zum Zimmer vor. Die Tür knarrt, als ich sie öffne. Ich erkenne die Papierkugel von IKEA wieder, die mir als Zimmerlampe diente. Das Bravo-Poster mit den Backstreet Boys. Den Globus, auf dem ich Weltreisen plante, möglichst weit weg von hier. Seit meinem Auszug vor gut zwanzig Jahren steht hier noch alles am alten Platz, Mutter hat aus meinem Kinderzimmer ein kleines Museum gemacht. Die Vorstellung, in diesen Bettdecken zu versinken, in Tagebüchern und Poesiealben alten Erinnerungen nachzuspüren, wirkt plötzlich absurd. Ich reiße die Fensterflügel auf, eine Wolke von Staub und abgeblättertem Lack kommt mir entgegen.
Dieser erste Absatz liest sich sehr viel besser als die ursprüngliche Version, vor allem, weil sie mich mitnimmt als Lesenden, der jetzt mit Susan in das Zimmer tritt. Die lange Abwesenheit von zu Hause wird direkt eingeführt, auch der vernachlässigte Zustand des Hauses sowie der Beziehung zum Haus und den Eltern/der Mutter wird angeschnitten. Auch das Details des Museums addiert sich hier passend dazu. Man ist in der Geschichte angekommen, und auch im Zimmer, das deutlich besser Formen annimmt, als das in Version 1 der Fall war.
Den letzten Satz des Absatzes hast du allerdings beibehalten, und leider stört der mich immer noch. "Eine Wolke von Staub und Lack" ist mir zu groß. Wo kommt der Staub her? Ist die Fensterbank nicht gewischt? Dann wird der Rest des Zimmers ja vermutlich auch nicht Teil der Putzroutinen der Mutter sein. Eine Wolke ist mir persönlich aber zu "groß", dass der Lack am (vermutlich) Holzfensterrahmen abgeblättert ist, okay, passt, dass das Zimmer staubig ist, auch gut, dass eine Wolke entsteht, ist mir persönlich zu ... wolkig. :)
Meine Mutter scheint mit der Pflege des GRundstücks überfordert zu sein.
Hier nur ein kurzer Hinweis auf einen Tippfehler.
Der Satz passt für mich, auch wenn hier vielleicht (wieder: für mich) noch spannend wäre, wessen Domäne denn den Garten war - vom Vater oder der Mutter. Ist die Mutter mit der Gartenpflege tatsächlich überfordert, oder hat sich der Vater stets darum gekümmert, und die Mutter nimmt es einfach nicht wichtig oder lässt den Garten wie das Jugendzimmer von Susan unangetastet?
Diesem freundlichen Mann, der mit mir das Trampolin und das Baumhaus gebaut hatte. Doch an einem Samstagmorgen war er aus meinem Leben verschwunden, hatte sein zehnjähriges Kind und die immerzu keifende Ehefrau, die von ihm Fleiß, Sparsamkeit, beruflichen Erfolg verlangte, hinter sich gelassen.
Hier schüttelt es mich wieder.
Der Vater ist vor fünfundzwanzig Jahren ausgezogen, hat nicht nur den Kontakt zur Mutter, sondern scheint's auch zum eigenen Kind abgebrochen, und trotzdem nimmt Susan, die als damals 10jährige eine solche "reflektierte" Bewertung nur schwerlich vornehmen konnte (freundlicher Mann, keifende Mutter, die den Mann unter Leistungsdruck setzt), eine klare Schuldzuschreibung vor. Dass Susan der Mutter, vielleicht auch sich selbst diffuse Vorwürfe macht, dass der Vater gegangen ist, okay, aber eine Wertung des mütterlichen Verhaltens wird sich im Zweifel doch eher aus den fünf weiteren Jahren speisen, die Susan mit der Mutter allein daheim gewesen ist. Für mich klingt das schräg.
Einfach alles hinter sich lassen, murmle ich vor mich hin und sauge an der verglimmenden Zigarette. Sollte das auch mir gelingen?
Mir ist weiterhin unklar, was dieser Passus mir sagen soll. Wenn ihre Absicht ist, ihre gegenwärtige berufliche Situation hinter sich zu lassen, wäre ein Jobwechsel das naheliegende. Und der letzte Satz hat so etwas abwartendes - ich stehe hier am offenen Fenster und rauche eine Zigarette nach der anderen, vielleicht holt mich ja der Big Friendly Giant und nimmt mich mit? Das ist zu passiv. Was ist der Plan? Wenn Susan eine Macherin ist, was macht sie denn hier.
Ausgerechnet hier, wo ich schon so früh das Weite suchte?
Genau das: Warum kommt sie denn ausgerechnet nach Hause, wo ja nun zweifellos nicht alles dafür eingerichtet ist, etwas hinter sich zu lassen. Das ist nicht die Home Base, das ist ein Gegenbild dessen, was Susan für sich will, ein Hort nicht ganz guter Gedanken und Erinnerungen, und dennoch kommt sie jetzt hierher zurück.
Nicht nur, weil ich nicht wusste, wohin ich sonst gehen sollte. Ich spürte auch, dass Mutter etwas wiedergutmachen wollte.
Please elaborate.
Wenn der Fokus auf der Frage liegt, wie sich Susan aus ihrer aktuellen Lebenssackgasse befreit, ist es wichtig, die Frage zu beantworten, weshalb Susan aus ihrem jetzigen Leben, das sie sich selbst aufgebaut hat, in ihr altes zurückweichen will, aus dem sie ja damals geflohen ist, und wie auch die Mutter ihre Beziehung zur Tochter in den letzten zwanzig Jahren vielleicht hat Revue passieren lassen und für sich Learnings und gute Vorsätze daraus abgeleitet hat. Welche Chance sieht Susan, welche Chance die beiden Frauen?
Auch bei aufgerissenem Fenster riecht es hier muffig und feucht. Ich denke wieder an mein altes Baumhaus, diesen aus Brettern zusammengezimmerten, mit grünem Teppich ausgelegten, von einem wasserdichten Dach geschützten Verschlag auf dem Ahornbaum. Dorthin konnte ich mich zurückziehen, wenn es mir daheim zu eng wurde, las Abenteuergeschichten oder schaute hinaus in die „Prärie“. In den Sommermonaten konnte ich dort oben sogar übernachten.
"Muffig" ist mir persönlich zu umgangssprachlich, und diese Schilderung von Susans Abenteuerreisen im Kopf kommt mir persönlich zu jungenhaft daher. Schon ein Baumhaus (und da bin ich vielleicht vorurteilsbehaftet) ist meiner Ansicht nach eher etwas für Jungs als für Mädchen, aber Prärie und Abenteuergeschichten klingt mir viel zu sehr nach Karl May. Hier würde ich eher Pippi Langstrumpf, Ronja Räubertochter oder Roald Dahls Matilda als "passende" Lektüre sehen, und das Baumhaus als eine Art Villa Kunterbunt oder die Mattisburg.
Ihr Anblick erinnert mich unweigerlich an das, was gerade in meinem Leben geschehen ist: hoch hinausgewollt und tief gefallen. Immer schlug ich mich alleine durch und hatte Erfolg: Gymnasium, Abitur, Studium, danach gleich eine feste Stelle. Und keiner im Betrieb wunderte sich, als ich mich mit Mitte dreißig für den Posten der Personalchefin bewarb.
Das wiederum gefällt mir, zeigt weit besser die zielstrebige junge Frau als die vorherige Fassung mit den Pobacken. Selbst treibend anstatt nur "Tun-was-man-muss", um erfolgreich zu sein.
Schließlich hatte ich Günter hinter mir, diesen angenehmen, vornehm wirkenden Mann aus dem Vorstand. Seine dichten schwarzen Augenbrauen erinnerten mich ein wenig an Vater. Wie oft habe ich mit ihm beim Abendessen über das Geschäft gesprochen und nicht den kleinsten Hintergedanken gehegt. Auch dann nicht, als er nach dem Dessert beiläufig sagte: „Ich hab‘ noch Lust auf Sauna - kommst du mit?“ Augenblicklich wird mir wieder schlecht, als ich an die grauen Haare auf seiner Brust denke, sein Augenzwinkern, als er die Sanduhr umdrehte und leise zuflüsterte: „Wenn die durch ist, sehen wir uns in der Kabine.“ Trotz 80 Grad in der Saune ging ein Kälteschauer durch meinen Körper. Ich riss das Badetuch von den Holzplanken, bedeckte meinen nackten Körper vor seinen begehrlichen Blicken, rannte in die Umkleide und danach auf mein Hotelzimmer. Während meine Bewerbung weiterlief, sahen sich Günter und ich wochenlang nur von hinten. Eines Morgens trat ich noch etwas verschlafen an den Kopierer. Dort stand einer, zu spät erkannte ich, dass es Günter war. Er wandte sich nur kurz um und sagte mit einem Seufzer: „Tja, die Bäume wachsen eben nicht in den Himmel.“
Dieser Absatz ist weiterhin schwer verdaulich. Die Beschreibung von Günther ist ähnlich schwülstig-oberflächlich wie der "freundliche Mann", als der der Vater beschrieben wird. Hier wäre vielleicht auch der Ort, an dem mal die Beziehung zum Vater, insbesondere der Effekt, den das Verlassenwerden hatte, deutlicher gemacht werden sollte. Hat Susan ein Faible für ältere Männer? Wenn ja, ist sie sich darüber im Klaren, ob bzw. was das mit ihrem Vater zu tun hat? Hat dieses Faible eine rein platonische Dimension, oder ist da auch etwas Sexuelles mit im Spiel. Mir kommt sie hier vor wie eine 35-year-old-virgin, ist ihr zuvor nie so etwas passiert in einer (freundschaftlichen) Beziehung zu einem älteren Mann, dass mit einem Mal mehr erwartet wurde? Woher kommt ihre Naivität in dieser "Arbeitsbeziehung mit Abendessen"? In was für einem Hotel sind die beiden da abgestiegen? Es wirkt alles in allem irgendwie sehr holprig. Da wäre es fast schon besser, wenn er abends an ihrer Zimmertür steht und sie bedrängt und sie ihn mit einer Ohrfeige rauswirft. Dann wäre diese "Retourkutsche" für mich nachvollziehbarer, und würde Susan dennoch nicht so stark in eine Opferrolle setzen. Und verschlafen an den Kopierer treten ist auch ein Satz, den ich nicht brauche. Das ist so ein müdes Topos, wenn sie sich auf eine Führungs- oder Leitungsposition bewirbt, sollte sie so etwas hinter sich gelassen haben.
„Aber Susan“, antwortet sie. „Efeu macht doch gar keine Bäume kaputt - es sei denn, sie sind schon vorher krank gewesen.“ Mutter hat recht, der Stamm und die Äste sind gar nicht vertrocknet. Ich verspreche ihr, im nächsten Frühjahr bei der Pflege des Gartens zu helfen. Dann werde ich auch mein Baumhaus von den trockenen Ranken befreien.
Dass du das Efeu-Missverständnis hier aufgreifst, gefällt mir, vor allem, weil es ein Stück weit bedeutet, dass Susan hier erkennt, dass die sie einschnürenden Verhältnisse nicht an ihrer inneren Stärke rühren, auf die sie sich nun besinnen kann, um wieder in die Bahn zu finden ... sofern du diese innere Stärke einfach besser herausarbeitest.
Susan kommt mir leider weiterhin eher wie eine Mitläuferin und wie Treibholz vor, zu wenig aktiv, viel zu sehr den Umständen ausgeliefert, und dabei hat sie doch gerade mit ihrer Vorgeschichte - mit zehn vom Vater verlassen, mit fünfzehn von zu Hause ausgezogen, dennoch Abi, Studium, Karriere - sehr viel Durchsetzungsvermögen und Zielstrebigkeit bewiesen, das man hier aber gar nicht herausliest.
Dennoch: Es liest sich besser und runder als der erste Anlauf.
Noch schöne Feiertage!
bvw

 

Danke, @brudervomweber für Deine ausführlichen, wieder mal hilfreichen Kommentare. Ich habe die freien Tage zu einer "Generalüberholung" genutzt.
Wünsche Dir, frohe Festtage und eine gute Jahreswende gehabt zu haben - und natürlich noch ein gutes neues Jahr!
Viele Grüße, A. Martin

 

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