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Dämon
-Für Frau Gold-
Wenn beim morgendlichen Blick in den Spiegel der Dämon auf meiner Schulter feist grinst und mir „Daumen hoch!“ zeigt, sollte ich anfangen über einige Dinge nachzudenken.
Mal wieder Montag, mal wieder alleine, mal wieder nicht geschlafen. Das geht schon seit Monaten so. Jedes Wochenende das gleiche und doch immer anders.
Und nun wieder die Entscheidung: Arbeit, ja oder nein?
Heute entscheide ich mich für ein klares Nein, stolpere zum Telefon und erzähle meinem Chef irgendwas von „krank“ und „fieses Fieber“...Der Dämon freut sich! Allzu oft kann ich die Ausrede auch nicht mehr bringen.
Während mir die Frage durch den Kopf geht, was ich mit dem Tag anfangen soll, versuche ich im Chaos auf dem Wohnzimmertisch meine Zigaretten zu finden. Neben der Dose mit den Speedtütchen und den Pillen.
Etliche Zigaretten, zwei Linien Speed und drei Dosenbier später steppt mein Dämon im 4/4-Takt. Für ihn wird’s ein guter Tag.
Die chemisch gesteigerte Libido macht sich auch am vierten Tag wieder gnadenlos bemerkbar und nach kürzester Zeit bin ich ein 183 cm großer, wandelnder Penis. Da ich jedoch alleine bin, wird der Zustand recht schnell nervig, und belastend…noch mal nen Porno anschmeißen? Besser nicht…tut immer noch alles weh! Also Ablenkung suchen! Das Internet leistet hier wundervolle Dienste und fünf parallel geöffnete Chatfenster vertreiben die Einsamkeit. Jedenfalls für eine Weile. Chatkontakte sind irgendwie klinisch…
Die Wirkung der letzten Line lässt zu schnell nach! Ist ja auch kein Wunder nach dem Wochenende. Der Körper ist am Ende und schreit durch zeitweise Aussetzer der Motorik auf seine Art nach Erholung, Schlaf, Gnade. Meinem Dämon ist das egal! Der zupft mir jetzt energisch am Ohr und ich weiß leider was das heißt…
Ecstasy mit Speed zu kombinieren ist eine Handlung für die es feste Regeln gibt. Jedenfalls bei mir. Das S nach dem E sorgt innerhalb von Minuten für eine klare, energiegeladene und unverfälschte Sicht auf die Welt. Das E nach dem S lässt sich mit einer Fahrkarte ins kunterbunte LaLa-Land der Synapsengnome vergleichen…mit teils verheerenden Konsequenzen für die geistige Stabilität!
Ich habe keine Wahl, der Dämon will es so also löse ich den Fahrschein, Hin- und Rückfahrt…Bitte Vorsicht am Gleis!
Die Wirkung lässt in meinen stark geschwächten Körper nicht lange auf sich warten und ich finde mich nach einer, grob geschätzten, halben Stunden wonnig wimmernd auf dem Fußboden wieder, eine Bierdose fasziniert in den Händen drehend.
Der Dämon ist nicht mehr zu halten. Er düst jauchzend und Salti schlagend um meinen Kopf herum und klatscht mir abwechselnd mit seinen Händen und seinem Hintern ins Gesicht.
Was mach ich hier eigentlich?
Die Bilder treffen mich wie Blitze. Gesichter, nackte Körper, Erinnerungsfetzen.
Das Problem mit einem intensiven Rausch ist…die Intensität! Steuerbar bis zu einem gewissen Punkt. Danach schwer zu kontrollieren. Den Punkt zu finden ist fast unmöglich. Er lässt sich nur vorsichtig ertasten. Das funktioniert allerdings auch nur mit klarem Kopf.
Mein Körper macht sich zeitweise selbstständig und zuckt. Momentan find ich das noch sehr lustig und genieße den Kontrollverlust. Immer mehr verliere ich den Bezug zur Realität. Zum sicheren Gedanken dass mein Ich im Jetzt und die verschobenen Wahrnehmungen nur in meinen Kopf existieren.
Ab und zu flackert meine Selbsterhaltung auf und warnt mich. Warnt mich vor dem größten Fehler den ich jetzt noch machen könnte. Meine Selbsterhaltung meint es gut mit mir. Nur leider hat sie keine Ahnung wie mein Kopf funktioniert. Naive Selbsterhaltung!
Ich rufe bei Mark an. Mark ist arbeitslos und Vollblutdealer also wird früh morgens auch erreichbar sein.
Ein paar knappe Sätze später ist er auch schon auf dem Weg zu mir. Ich habe noch Zeit und mein Dämon ist der Meinung, dass es mehr als genug Zeit für zwei weitere Linien Speed ist. Der kleine Sack! Jetzt kriegt er mich nicht! Ich bin stark! Kein Speed für mich!
Nach 25 Minuten und zwei weiteren Ecstasy-Pillen klingelt es an meiner Tür.
Mark hat wieder dieses Grinsen drauf. Dieses Grinsen hasse ich. Er grinst immer wenn ich verpeilt aussehe.
Mark kennt mich einfach zu gut. Am Telefon bin ich sehr wage geblieben was ich brauche, also hat er einfach alles mitgebracht. Der Sack.
Wir reden nicht viel. Das mag ich. Reines Geschäftsgespräch, kein Smalltalk. Eine angenehm kurze Zeit später ist Mark wieder weg. Wesentlich reicher.
Auf meinem Tisch liegen weitere Pillen, etwas Heroin und das was mir am meisten Angst macht: DMT.
Einer der großen Drogenphilosophen hat einmal gesagt dass DMT der Ferrari unter den Halluzinogenen sei. Ich hab jetzt schon die Hosen voll. Aber ich weiß dass ich keine Wahl habe. Der Dämon will, was dem Dämon gefällt.
Mein Körper wehrt sich heftiger gegen den Schlafentzug. Er zittert und krampft. Aber ich weiß wie ich ihn beruhigen kann.
Der Joint mit Heroin zeigt nach dem ersten Zug seine Wirkung. Meine Eingeweide werden warm und alles ist weiter weg. Alles ist gut. Die Blitze werden häufiger und der Körper entwickelt seinen eigenen Willen. Wird alles viel zu heftig. Alles wird komisch.
Verdammt, was stinkt hier so?
Mein Dämon schreit vor Freude als ich meine Unterhose in den Müll schmeiße und mich in der Dusche reinige. Es kommt mir alles so unwirklich vor. Selbst als ich betrachte, was in den Abfluss gespült wird kann ich es nicht glauben. Wasser ist heiß und kalt zugleich.
Frische Unterwäsche fühlt sich göttlich an.
Wieder im Wohnzimmer. Es wird Zeit für Musik. Das Hirn lechzt danach und der Körper folgt.
Klänge und Akkorde schneiden in mein Fleisch. Basslines zerhacken mein Hirn. Höhen erzeugen farbige Bilder in meinem Kopf. Einfach wundervoll! Mein Dämon will mehr. Ich will mehr!
Egal wie viel ich schon genommen habe. Egal wie viel Uhr es ist. Ich brauche mehr. Mehr Rausch. Mehr Farben. Mehr Alles!
Als ich mir eine Pfeife DMT zurecht mache schlagen die Pillen ein. Hatte sie schon vergessen. Die Wirkung überrennt mich und ich ringe kurz nach Luft. Bis mir bewusst wird was gerade einschlägt vergeht eine Weile. Unfähig mich zu bewegen sitze ich auf dem Sofa und starre den Tisch an. Pillendosen und Plastiktütchen tanzen miteinander, Zigarettenpackungen spielen Bockspringen. Mein Dämon sitzt mir gespannt im Nacken und betrachtet die Szenerie. Selbst er weiß nicht was grade läuft.
Langsam gewöhnt sich mein Körper an den Pillenkick. Langsam wird meine Sicht wieder klar. Der kalte Wintermorgen setzt ein. Das Gefühl alles unter Kontrolle zu haben. Das Gefühl der Zufriedenheit. Der Einklang mit sich Selbst und seinem Körper. Das totale Bewusstsein! Perfektes Timing!
Das Feuerzeug zischt über dem DMT.
Mein Dämon fällt in Ohnmacht.