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Coq au vin
“Huhn, oh Huhn”, sage ich und verneige mich tief vor dem Hackklotz. Respekt vor den Zutaten ist das erste Gebot.
„Mach die Beinchen auch hübsch klein“, mahnt Marie und präsentiert eine Handfläche, auf der Körnchen in symbolisch aufgeladener Mehrzahl dem Stillstand entgegenkreiseln. Das Beilchen zertrennt am Gelenk und der Knorpel schillert perlmuttern. Es ist ein Familienrezept. Die anstößig rosige Haut leistet dem Metall elastisch mehr Widerstand als der hohl splitternde Knochen. Doch löst sie sich mit silbriger Membran vom nackten Fleisch, als sei sie schon immer so gemeint gewesen – ganz ohne Gewalt nur mit den Fingern, die ihren Weg blind finden, ohne Fasern zu verletzen. Ich blicke an meinem nackten Schenkel hinab und denke an Dinge, die zu mir gehören, ohne Teil von mir zu sein, meinen Personalausweis, oder Maries Passfoto. So könnte ich sie tragen.
„Horch, horch, es kräuselt!“, ruft sie aufgeregt und tatsächlich beginnt die Hornhaut zu beschlagen. Ich schließe die Augen. Die Haut meiner Arme zieht sich in sympathetischer Erwartung zusammen. Nadelige Fremdkörper werden flugs in die perfekten Taschen geschoben, bevor es anfängt zu rauchen.
„Was jetzt kommt, ist schlimmer als Krieg“, heisst es noch, bevor die Hölle knatternd, spuckend und fauchend über uns hereinbricht. Winzig glühende Geschosse bohren sich in ungeschützte Haut und kräuseln exponierte Härchen. Ein Ölfilm senkt sich dumpf über die Szenerie und verklebt die Lungenbläschen. Nur einmal greife ich wendend ins Geschehen ein und schirme ansonsten Maries zitternden Körper mit meinem, bis Ruhe einkehrt und ich ihren Atem wieder an meiner Brust hören kann.
Sie schlägt ihr Haar aus dem erhitzten Gesicht zurück und inspiziert das Ergebnis: „Das dürfte reichen. Du kannst die Zwiebeln hacken.“
Ich füge mich willig ihrem Befehl. Das papierne Knistern der braunen Haut ist nurmehr ein Echo des vorangegangenen Infernos und die Tränen, die bald schon kühlend über meine Wangen laufen, verfehlen ihre kathartische Wirkung nicht. Träge geworden zischt das Öl nur noch leicht gereizt auf, als ich die weißen Kuben hineinwerfe und gleich darauf mein nasses Gesicht im rot karierten Küchenhandtuch berge.
„Es war bestimmt nicht umsonst“, sagt Marie und legt mir zart ihre Hand auf die Schulter. Ich sehe ein veilchenfarbenes Delta und weiße Knöchel durch die Haut schimmern.
Sie öffnet den Drehverschluss eines Gläschens und hält es mir unter die Nase. „Geheimzutat. Kommt erst ganz zum Schluss rein“, sagt sie und ich huste, weil ich zu enthusiastisch geschnuppert habe.
Marie beginnt nun die Metalltube ordentlich von hinten aufzurollen, bis ein dunkelroter Wurm zentimeterlang in den Topf stürzt. Der Honig, der kurz darauf als kristalliner Faden spiralförmig auf dem metallenen Boden auftrifft, beginnt schnell Blasen zu schlagen. Der scharfe Zwiebelgeruch wird schon sanft und süß, doch Marie dreht mir empört den Rücken zu, als ich helfend nach der Flasche greifen will, die ihrerseits bereits eine Spirale im Hals stecken hat.
„Da, siehst du?“, sagt sie und legt den aufgedrehten Korken ab, um einen tiefen Schluck aus der Flasche zu nehmen. Dann leert sie den Wein schwungvoll auf den Inhalt des Topfes. Saurer Dampf steigt aus der Gischt, dringt mir durch die Nase ins Hirn und macht mich feucht und trunken. Eine rote Pfütze am Fußboden bezeugt Maries Eifer.
Sie starrt lange konzentriert in den Topf und stupft energisch einzelne Hühnchenteile mit dem Zeigefinger unter die Weinoberfläche.
„Das wär’s“, sagt sie und beginnt mit den nackten Zehen Striemen roten Weins auf den weißen Bodenfliesen zu ziehen. „Jetzt haben wir genau sechzig Minuten.“
„Sechzig?“, frage ich und fühle mich leicht überfordert. Ein Schweißtropfen rinnt zwischen meinen Schulterblättern herab.