- Beitritt
- 19.06.2001
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Cirque de Camouche
CIRQUE DE CAMOUCHE
Es stank nach Abfall, Tod und Fäkalien. Monsieur Simon Camouche stapfte sichtlich angewidert durch den knöcheltiefen Morast. Den Mann, dem er folgte, störte das offenbar nicht. Camouche, mit seinem Wanderzirkus in Chanchres, irgendwo zwischen Riom und Vichy, kaum angekommen, wollte sogleich auch schon wieder weg. Die dunklen Wolken über der kleinen Stadt deutete er als böses Omen, und so etwas konnte er in seiner momentanen Situation kaum gebrauchen. Die letzten Wochen hatten dazu beigetragen, ihm das zu bestätigen, was er zwar schon längst wusste, sich aber nicht eingestehen wollte: Er war bankrott. Die vielen Gastspiele im Süden Frankreichs in unbedeutenden Dörfern und Städten hatten kaum Profit abgeworfen. Das wenige Geld, was er verdiente, reichte nicht einmal aus, die grundsätzlichen Dinge zu beschaffen, die ein Zirkus, wie Camouche ihn betrieb, am Leben zu erhalten. Fast hätte er den Zirkus schon aufgegeben, als wie aus heiterem Himmel die rettende Nachricht durch einen Boten überbracht wurde. Der ‚Cirque de Camouche’ war eingeladen zu einem Gastspiel in Paris. Beflügelt durch die plötzliche Aussicht auf Ruhm und Reichtum trieb Camouche seinen Zirkus von einem Ort zum anderen, immer Richtung Paris. Er verlangte kein Geld als Eintritt, sondern Unterkunft und Verpflegung für seine Angestellten. Nun hatte der ‚Cirque de Camouche’ Chanchres erreicht, und eigentlich wollte Camouche hier keinen Halt einlegen. Aber die Truppe hatte sich, von Hunger geplagt, schlichtweg geweigert, auch nur einen einzigen weiteren Schritt zu tätigen. Verärgert seufzte Camouche auf, als er in einen Haufen Hundekot trat, der sich kaum vom aufgeweichten Schlamm unterschied. „Das soll eine Straße sein?“, fragte er sich. „Das ist keine Straße!“
Sie erreichten ein baufälliges Haus. Der Mann drehte sich zu Camouche um und sagte: „Wir sind da.“ Dann klopfte er gegen die völlig zerkratzte Holztür. Er wartete einige Sekunden, drückte die schwere Klinke nach unten und grinste Camouche an. „Folgen Sie mir!“
„Ja.“ Camouche überschritt die Türschwelle und befand sich unmittelbar in einer Umgebung, die dem bisherigen Eindruck Chanchres kaum gerecht wurde. „Wahnsinn!“
„Nicht Wahnsinn! Eher... Gerechtigkeit!“ Die Stimme, die das sagte, gehörte zu einem dicken, kleinen Mann, der vornehme Kleidung trug, fettige Haare hatte und ständig mit dem rechten Auge blinzelte. „Sie sind Simon Camouche?“
Der Angesprochene nickte und reichte dem dicken Mann die Hand. „Zu Ihren Diensten, Monsieur...?“
„Jalaver Riquoe. Ich bin der Stadtverwalter von Chanchres.“
Camouche betrachtete voller Neid den riesigen Raum, in dem er sich befand. Von außen hatte das Haus wie die anderen nur den Eindruck von Verfall und schleichender Vergänglichkeit hinterlassen, aber hier drin... „So etwas habe ich noch nie gesehen.“ Er deutete zu einem kunstvoll verzierten Kerzenhalter, der neben einem mit Bücher gefüllten Regal stand.
Riquoe zuckte mit den Schultern. „Das brauch Sie nicht zu kümmern, Monsieur Camouche. Sie haben um Aufenthalt gebeten, um Verpflegung...“
„Das ist richtig, Monsieur Riquoe.“ Lächelnd versuchte Camouche, die angespannte (Warum zum Teufel ahnst du, dass dies nicht gut ausgehen wird?) Atmosphäre etwas zu lockern. „Wir sind auf den Weg nach Paris...“
„Paris?“, fragte Riquoe erstaunt. Er runzelte die Stirn und sagte: „Bis dahin ist es noch ein weiter Weg.“
„Das ist richtig. Nun... Der Herr hier...“ Er zeigte auf den Mann, der ihn durch die engen Gassen und stinkenden Straßen geführt hatte. „Er meinte, Sie seien zuständig für Angelegenheiten wie die meine.“
„Das ist bei Gott, dem Allmächtigen, auch richtig.“ Riquoe sah verschmitzt zu Camouche. „Ich bin bereit, Ihnen und Ihren Leuten Aufenthalt zu gewähren. Allerdings...“
Camouche bekam eine Gänsehaut. „Monsieur?“
Riquoe nickte dem Mann kurz zu. Dieser verließ ohne ein Wort zu sagen den Raum. Nur noch der dicke Stadthalter und der ausgemergelte Zirkusdirektor standen sich gegenüber. „Ich werde veranlassen, dass Sie alles bekommen, was Sie benötigen, Monsieur Camouche“, sagte er gnädig. „Als Gegenleistung verlange ich nur, dass Sie Chanchres eine Vorführung Ihres Zirkus gewähren.“
Erleichtert atmete Camouche auf. Er hatte mit dem Schlimmsten gerechnet, aber... „Oh...“ Er tat so, als ob er überrascht war. „Eine Vorstellung wollen Sie?“ Er wunderte sich, warum Riquoe das überhaupt erwähnte. In anderen Städten und Dörfern ging es gar nicht anders.
„Ja.“ Riquoe ging zu einer kleiner Kommode, öffnete eine Tür und holte zwei Gläser heraus. „Chanchres erhält nicht oft Besuch von außerhalb, müssen Sie wissen.“ Er stellte die Gläser auf einen Tisch. „Sie sind doch angewiesen auf die Bereitschaft, jemandem etwas zu überlassen?“
„In der Tat, ja.“ Camouche nickte. Wohlwollend sah er dem Stadthalter zu, wie dieser edlen Wein in die Gläser füllte. „Nun, eine Vorstellung wird Chanchres bekommen!“ Dankbar nahm er das gefüllte Glas und trank es in einem Zug leer. „Also haben wir eine Vereinbarung?“
Riquoe nickte. „Ja, haben wir.“ Er stellte sein Glas ab. „Natürlich haben wir eine Vereinbarung, Monsieur Camouche!“ Er räusperte sich. „Eine Frage hätte ich noch, bevor wir den Vertrag ausformulieren.“
„Ja?“
„Warum nehmen Sie kein Geld?“
Camouche hatte mit der Frage gerechnet. „Es ist unkomplizierter, in diesen Zeiten Dinge direkt zu nehmen, die man braucht, als sie erst käuflich erwerben zu müssen.“
„Verstehe“, murmelte Riquoe und ging zu seinem Schreibtisch, wo er ein Blatt Papier aus einer Schublade hervorholte. „Kommen wir nun zum Vertrag.“
„Ich bitte darum.“
Auf dem Weg zurück zu seiner Truppe fiel Camouche das erste Mal auf, das die wenigen Menschen auf der Straße ihm nicht nur aus den Weg gingen, sondern auch den Blick zu Boden richteten. Überhaupt unterschied sich Chanchres wesentlich von den anderen Städten, die sie durchquert hatten. In diesen standen die Häuser oft dicht an dicht und verwinkelt, hier jedoch war es fast so, als ob jemand es genauso geplant hatte. Die Straßen waren zwar auch schlammig und dreckig, jedoch kerzengerade, und die schmalen, spärlich beleuchteten Seitengassen lagen perfekt ausgerichtet. Camouche erreichte den großen, quadratischen Platz, wo seine Planwagen standen. Die Truppe saß angelehnt an einer Mauer. Als sie ihn erblickten, standen sie auf und winkten ihm zu. Er lächelte und hob den Arm zum Gruß. Dann war er bei ihnen, und sie umkreisten ihn wie wilde Tiere, die sich um den Dompteur schlichen. „Ich habe gute Nachrichten!“, sagte Camouche und holte den Vertrag aus einer Innentasche seines langen, dunkelgrauen Mantels. „Der Stadtverwalter von Chanchres gibt uns Nahrung, einen Platz zum Übernachten und Material, damit wir die gröbsten Sachen an den Wagen und der Ausstattung richten können. Als Gegenleistung verlangt er eine Vorführung für die Einwohner hier.“
Einer von der Truppe, ein kleiner Mann, dem ein drittes Auge über der Stirn gewachsen war, ballte die Fäuste zusammen und spuckte aus. „Warum können wir nicht einfach weiterziehen, Monsieur Camouche?“
„Bis Paris sind es noch etliche Tagesreisen, mein lieber Pierre“, antwortete Camouche.
„Die Stadt ist mir unheimlich, Monsieur Direktor. Sie wirkt... bedrohlich!“ Salma Lacourche, eine angebliche Seherin, schmiegte sich an Rafael, der sie umarmte.
Rafael war ein baumlanger Kerl, der schwere Eisenketten mit purer Körperkraft zerreißen konnte. „Ich stimme Salma zu.“
Camouche runzelte die Stirn. „In jeder Stadt, in der wir bis jetzt waren, war immer irgendwas bedrohlich.“ Er sah sich um. „Ihr wart es, die Rast machen wolltet.“
„Das ist wahr.“ Jean Lomare verschränkte die Arme vor die Brust. Mit dem dritten fuhr er sich durch sein schneeweißes Haar. „Während Ihr wegwart, haben wir uns unterhalten. Und wir sind der Meinung, dass...“
„Unsinn!“, unterbrach ihn Camouche verärgert. „Der Vertrag, den ich in meinen Händen halte, ist gültig. Und wenn man mir eine Sache nicht nachsagen kann, dann die, dass ich kein Mann von Ehre bin.“ Wind kam auf, und in weiter Ferne konnte man ein Donnern hören. „Glaubt mir, dass wird wie in den anderen Städten sein. Übermorgen sind wir hier weg.“ Er sah jeden einzelnen an. „Jetzt geht, und baut das Zelt auf!“
„Wo?“, fragte Doug Mason, der einzige Nichtfranzose der Truppe.
Camouche deutete mit dem Daumen hinter sich. „Na, hier natürlich!“
Riquoe hatte nicht nur vertragsgemäß Wort gehalten, sondern auch bei Weitem die anderen Städte übertroffen. Ganze Säcke voll mit Getreide hatte der Stadthalter ankarren lassen. Unmengen an Wurst, Käse, sauberen Wasser und guten Wein standen, auf viele Körbe verteilt, vor den Mitgliedern des ‚Cirque de Camouche’. Die Fülle an Nahrung würde mindestens eine Woche reichen, vielleicht sogar bis nach Paris. Zufrieden wandte sich Camouche an seine Angestellten: „ Seht ihr? Nicht schlecht, was?“ Er sah zu den Stoffballen. „Wir können sogar das Zeltdach flicken und die Bespannung der Wagen ausbessern. Chanchres ist trotz der dunklen Wolken ein wahrlich guter Ort, wie es mir scheint.“ Kurz sah er zu Salma, die aber nichts sagte. Er grinste. (Hat sie sich tatsächlich einmal geirrt!) Das Zelt war fast fertig. Es fehlten nur noch die Stuhlreihen. Pierre, Doug und Francois, ein kleiner Zwerg, holten bereits schwitzend und keuchend die leichten, allerdings unbequemen Stühle aus einem der Wagen. „Sehr schön!“, rief Camouche. „Bis zum Morgengrauen haben wir alles vollendet. Dann könnt ihr noch ein paar Stunden schlafen und Kraft schöpfen.“ Salma kam auf ihn zu. „Salma?“
Die dünne Frau mit einem Kopf, der in keinem Verhältnis zu ihrem restlichen, schmächtigen Körperbau stand, schluckte und flüsterte leise: „Monsieur Camouche, ich flehe Euch an! Wir sollten schnell weiterziehen. Ich spüre Angst und Schrecken, die sich aus den Ritzen der Häuser hervorzwängen. Bitte, Monsieur Direktor! Bitte!“ Sie seine Hände auf die ihren. „Spürt Ihr es denn nicht auch? Ist Euch denn nichts aufgefallen?“
„Auf dem Weg hierher, da waren... Ach!“ Verärgert spuckte Camouche aus. „Du und deine Flausen! Geh und hilf den anderen, Salma! Die Bühne muss noch gekehrt werden.“ Er wandte sich zu den anderen. „Beeilt euch! Je schneller es geht, um so mehr Schlaf könnt ihr noch bekommen.“ Zu Salma gewandt sagte er: „Der Vertrag muss erfüllt werden!“
„Wie Ihr meint, Monsieur Camouche“, antwortete Salma und entfernte sich.
„Dummes Weib!“, murmelte Camouche. Er fragte sich, ob es nicht Zeit wäre, sich von der Hellseherin zu trennen. Kopfschüttelnd ging er zu seinem Wagen. Er brauchte dringend ein gutes Glas Wein.
Der Aufbau des Zeltes hatte bis tief in die Nacht gedauert. Zu allem Überfluss hatte es auch noch angefangen zu regnen. Nach und nach verzogen sich alle in ihre Wagen, dösten und schliefen, um am frühen Nachmittag Chanchres eine würdige Zirkusvorstellung zu liefern. Der Regen prasselte auf die Plane des Wagens. Tock... Tock... Tock... Simon Camouche wälzte sich unruhig auf seiner schmutzigen Matratze hin und her. Er träumte schlecht, hatte immer und immer wieder Salma Lacourche vor Augen, die wie von Geisterhand in unzählige Stücke zersprang und ihn dabei mit weit aufgerissenen, gequälten Augen ansah. Etwas zerrte an seinem Bein. Mit einem lauten Schrei erwachte Camouche. Sein Herz raste vor Angst. „Was? Was ist?“ Dann entdeckte er Trivian Noel, den Liliputaner der Truppe. „Was gibt es?“
„Monsieur Camouche? Das... Das müssen Sie sich ansehen! Kommen Sie! Kommen Sie, Monsieur Direktor!“
„Draußen regnet es. Hat das nicht Zeit bis morgen?“ (Gott, dieser Alptraum...)
Trivian schüttelte den Kopf. „Kommen Sie! Es ist... Es ist unglaublich!“
Einen Moment zögerte Camouche, zog dann jedoch seine Stiefel an und folgte Noel nach draußen. Kaum, dass er den Wagen verlassen hatte, war bis auf die Knochen durchnässt. „Also?“, wollte er wissen. (Es ist... hell?) Stumm zeigte Trivian hinter den Direktor. Der drehte sich stirnrunzelnd um und erstarrte. „Großer Gott!“ Er sah einen gigantischen hellen Schein, der über Chanchres lag. Obwohl mitten in der Nacht, war es so hell wie am Tag. Der Regen peitschte von allen Richtungen, Wind pfiff durch Kleidung und Material, und aus weiter Ferne konnte man eine Art Trommeln hören. „Was, in Gottes Namen, ist das?“ Camouche betrachtete verblüfft und ängstlich zugleich den schimmernden, hellen Schein über sich. „Ich hatte Recht gehabt!“, hörte er Salma sagen. Alle Mitglieder des Zirkus hatten sich zusammengefunden. Er atmete tief durch und sagte mit fester Stimme: „Vielleicht ist es ein Wetterphänomen. In Zeiten wie diesen ist bekanntlich alles möglich!“
Doug Mason hielt sich die Hand schützend über die Augen. „Da kommt jemand...“
Camouche sah sich suchend um. „Wo?“ Dann hatte auch er es entdeckt. Eine schemenhafte Gestalt kristallisierte sich im dichten Regen heraus. Sie wirkte zusammenhangslos, als ob sie sich von einem Moment zum nächsten auflöste, und sich einen Lidschlag später wieder zusammensetzte. „Was zum...“ Wie alle anderen ging Camouche unbewusst einen Schritt zurück. Und dann... „Monsieur Riquoe?“
„Einen guten Morgen wünsche ich, die Damen und Herren.“ Riquoe sah zu Camouche und lächelte. „Ist alles zu Ihrer Zufriedenheit, Monsieur?“ Er sah zu den anderen. „Wahrlich beeindruckend. Das nenne ich einen Zirkus!“
Camouche räusperte sich. „Monsieur Riquoe? Was hat das zu bedeuten?“
„Oh... Sie meinen den Schein da über uns?“ Der Stadtverwalter rieb sich die Hände. „Chanchres begeht den Tag der Erneuerung. Einmal im Jahr versammeln sich die Einwohner vor den Toren der Stadt und verbrennen den Unrat, der sich im Verlauf von zwölf Monaten angesammelt hat.“
Salma packte die Hand von Rafael. „Kein Feuer der Welt verursacht so eine Erscheinung, Monsieur!“ Sie sah zu Camouche, der leicht den Kopf schüttelte.
„Nun...“ Langsam nahm Riquoe seinen Hut ab und blickte nach oben. Der Regen schien ihm nichts auszumachen. „Sie können sich gern überzeugen, gute Frau. Folgen Sie der Straße da, sehen Sie sich alles an und dann, und erst dann, sagen Sie mir und den anderen hier, was es geben kann und was es nicht geben kann!“ Er spuckte die Worte geradezu angewidert aus.
„Salma!“, rief Camouche. „Ihr anderen, los! Geht wieder in eure Wagen!“
„Das wird nicht nötig sein, Monsieur Camouche“, sagte Riquoe fast beiläufig.
„Ich verstehe nicht...“ Plötzlich erschienen ein Dutzend bewaffneter Männer. „Was geht hier vor?“ Die Männer trieben Camouche und seine Angestellten zusammen. „Monsieur Riquoe! Ich verlange Aufklärung!“
„Nun...“ Riquoe blinzelte mit dem rechten Auge, und ein spöttisches Lächeln zierte sein Gesicht. „Ich denke, es wird Zeit, den Vertrag zu erfüllen...“
„Es liegt an diesem seltsamen Licht“, erklärte Riquoe, während er mit Camouche in der ersten Reihe saß und bei einem gelungenen Kunststück durch die Zähne pfiff und Beifall klatschte. Das Zelt war bis auf die letzten Reihen gefüllt, knapp achthundert Menschen saßen dicht an dicht auf den unbequemen Stühlen und sahen begierig den dargebotenen Vorführungen zu.
Camouche sah unglücklich zu Doug Mason, der zusammen mit Rafael auf einem dünnen Seil, vier Meter über dem Boden, die waghalsigsten Saltos und Kehrtwenden absolvierte. Das Gefühl, zwischen Menschen zu sitzen, die bevorzugt Menschenfleisch zu sich nahmen, behagte ihm ganz und gar nicht. „Gibt es keinen Ausweg?“, fragte er verbittert. Doug und Rafael hatten ihre Vorführung beendet. Sofort standen mehrere Menschen in den Reihen auf und schlichen sich hinter die Kulissen. Camouche blutete das Herz bei der Vorstellung, was wohl mit seinen Angestellten passierte.
„Selbstverständlich“, sagte der Stadtverwalter süffisant. „Vielleicht eine ganze Garnison bewaffneter Männer und das nötige Glück... Das wäre ein Ausweg, mein lieber Camouche.“ Salma Lacourche, der dreiarmige Jean und Trivian Noel betraten die Bühne. „Oh... Ein Mann mit drei Armen?“ Fast bewundernd spendete er Szenenapplaus. „Sagen Sie, wo haben Sie solche Kreaturen gefunden?“
Camouche winkte ab. „Es sind keine Kreaturen, sondern Menschen wie...“ Er hielt inne und biss sich auf die Zunge.
„Wie Sie und ich, wollten Sie sagen, nicht wahr?“ Riquoe zeigte auf Salma. „Ist sie die Seherin? Kann sie es wirklich?“ Er bekam keine Antwort. Missmutig stieß er dem Zirkusdirektor seinen Ellbogen in die Seite. „Antworten Sie mir!“
„Sie... Ich weiß nicht“, murmelte Camouche. „Vielleicht. Sie hat geahnt, dass in Chanchres eine Bedrohung lauert.“
„Nun, dann sollte ich sie verschonen, nicht wahr?“
„Wozu? Damit sie Ihnen sagt, was passieren wird? Das kann ich auch.“ Camouche wirkte plötzlich wie verwandelt. „Wollen Sie es wissen, Riquoe?“ Trivian sprang in die Luft und landete in den Armen von Jean, Salma machte wichtige Bewegungen mit den Händen und murmelte unverständliches Zeug. Die Menge lachte und klatschte.
Unsicher sah Riquoe zu Camouche. „Wollen Sie mir etwa drohen, Camouche?“
„Nein! Wie denn auch? Das Zelt ist voll mit Kannibalen, die nur darauf aus sind, mich und meine Angestellten zu verspeisen. Aber wissen Sie was?“ Kurz sah er zu den dreien auf der Bühne, die sich artig verbeugten und schnell nach hinten verschwanden. Wieder standen mehrere Leute auf. (Oh nein! Nicht Salma!) „Das Land wird sich verändern! Dinge werden sich verändern!“
„Was meinen Sie?“
Camouche nickte. „Unsere Art ist zum Aussterben verdammt, müssen Sie wissen. Ein Sturm wird über das Land fegen, und alles Alte ausrotten. Es wird kein Platz mehr für Menschen mit drei Armen, deformierten Köpfen, oder vielen Augen geben!“
„Hören Sie auf!“ Wütend packte Riquoe den Direktor am Kragen. „Nichts wird sich ändern, verstehen Sie? Gar nichts wird sich ändern!“ Mit einem lauten Schrei rammte er seine Faust in Camouches Brust.
Ungläubig sah Camouche nach unten. Er keuchte und spuckte Blut. Die fremde Hand in seinem Inneren fühlte sich merkwürdig an. Kalt irgendwie... und... fremdartig... „Sie werden schon sehen!“, stieß er mühsam hervor. Dann schloss er die Augen und sackte zusammen.
„Mist!“, fluchte Riquoe. Alle im Zelt hatten die Szene mitbekommen. Er spürte den Drang der anderen, über die missgebildeten Kreaturen des Zirkus herzufallen. Riquoe knurrte leise, zog seine Hand aus dem toten Körper Camouches und nickte. Sofort sprangen alle Menschen auf und stürmten zu den Unterkünften des ‚Cirque de Camouche’, in denen sich die verbliebene Mitglieder der Truppe ängstlich umklammerten und die Augen schlossen, als blutunterlaufene Augen und weit aufgerissene Münder sie allesamt in einen kurzen Schmerz verhüllten, der nach qualvollen Minuten vorbei war.
Der Regen hatte aufgehört, und auch der seltsame Schein über Chanchres war verschwunden. Vom ‚Cirque de Camouche’ war nichts mehr übrig geblieben. Riquoe hatte alles verbrennen lassen. Er saß grübelnd an seinem Schreibtisch und betrachtete ein Blatt Papier. Es war leer. Das kleine Glas mit der Tinte stand zu seiner linken, die kunstvoll angefertigte Feder lag zu seiner rechten Seite. (Was wolltest du eigentlich?) Er wollte einen Brief schreiben. Einen Brief? Aber wozu? An wen? (Nein! Nein!) Der alte Mann, Camouche, hatte behauptet, dass alles Alte zum Aussterben verdammt wäre... „Und wenn es wahr ist? Wenn es wirklich einen Sturm geben wird?“ Seufzend stand er auf und ging zum Fenster. Es waren mehr Menschen auf der Straße als sonst. Und sie alle sahen... glücklich aus. „Und wenn es wirklich wahr ist?“, murmelte er gedankenverloren. Er sah zu dem Kalender, der neben dem alten Schrank aus Eichenholz hing. 20. Mai 1789... Und plötzlich war er sich sicher, dass Camouche die Wahrheit gesagt hatte. Eine Träne lief über Riquoes Gesicht. Er schluchzte leise und wischte sie weg. Dann setzte er sich wieder an den Schreibtisch und füllte das leere Blatt Papier mit der Geschichte über Chanchres...
ENDE
copyright by Poncher (SV)
05.05.2003