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Buschmannhase
Etwas neidisch wird Tina schon, als sie sich eine Dokumentation über Buschmannhasen ansieht. Zwar handelt es sich dabei um eine geburtenschwache Hasenart, aber zwei Geburten pro Jahr sind für menschliche Verhältnisse dennoch eine wahnsinnige Leistung. Besonders für eine Frau, die seit vier Jahren vergeblich versucht, schwanger zu werden.
Paul war es gewesen, der vor einem Jahr die Idee hatte, zu heiraten. Nicht aus Liebe wollte er Tina vor den Altar führen. Aus Liebe hätte er sich schon sehr viel früher mit ihr vermählen können. Es gab einen anderen Grund damals. Einen, der dazu führte, dass Paul gläubiger wurde als es ein Ungläubiger eigentlich sein konnte. Er versprach sich von Gottes Segen einen Fruchtbarkeitsschub, die Erlaubnis von ganz oben, Kinder bekommen zu können, wie all die anderen.
Sie waren ein glückliches Paar, dann ein Ehepaar, das unglücklich war, weil es keine Familie sein durfte.
"Bist du glücklich, ehrlich glücklich?", fragt Tina nach einem neuen Versuch. Nie weiß man sofort, ob es geklappt hat oder nicht und so kann sie die stille Durchgeschwitztheit gar nicht genießen, die dem erschöpften Reststöhnen folgt. Paul blickt kurz zu Tina, dann streicht sein Blick wieder den hellen Fleck an der Decke, wo vor ein paar Wochen noch ein Spiegel hing. Sie konnten es nicht mehr ertragen, ständig die traurigen Gesichter zu sehen, die die ihren waren. "Wenn ich dich ansehe, Tina, dann macht mich das glücklich und wenn ich an das denke, was wir gerade getan haben, dann macht mich das auch glücklich. Aber wenn ich tiefer in dich schau, durch dein Lächeln und durch deine Schönheit hindurch, tut mir das weh und wenn ich daran denke, warum wir das gerade getan haben und wie lange dieses Warum schon unerfüllt bleibt, macht mich das fertig, echt. Wahrscheinlich bin ich glücklich. Aber nur, weil ich von vergangenem Glück lebe und ich habe keine Ahnung, wie lange das noch reicht."
Im Sommer nach der Hochzeit, als die beiden begannen, nicht das Schicksal sondern biologisches Pech für ihre Kinderlosigkeit verantwortlich zu machen, war es an der Zeit, ärztlichen Rat einzuholen. Weil Tina nicht wollte, dass ihr Mann dabei zusieht, wie jemand Eisenteile in sie schiebt und weil Paul nicht wollte, dass seine Frau vor der Tür wartet, während er sich Samen aus dem Leib kitzelt, beschlossen sie, unabhängig voneinander ihre Fruchtbarkeit zu hinterfragen. Doch Paul ging zu keinem Arzt.
Jetzt sitzt er an der Bar und fragt sich, warum. Der Barkeeper ist kein Psychiater. Trotzdem hat er das richtige Medikament: fünfzehn Jahre alten Scotch. Über Unfruchtbarkeit will man mit keinem reden. Paul schluckt und schweigt und hofft, dass ihn jemand versteht, durch bloßes Ansehen vielleicht. Aber das tut niemand.
Als er die Bar verlässt, schlägt ihm die Vernunft wie frische Luft ins Gesicht. Mit jedem Schritt, der ihn nach Hause führt, wächst das Gefühl in ihm, ein Lügner zu sein. Jemand, der seiner Frau Wahrheit vorenthält, und Kinder.
Auf dem Boden liegen Zettel, zusammengeknüllt, achtlos weggeworfen. Paul hebt einen davon auf. Sofort erkennt er Tinas Schrift. Ich bin glücklich. Bin gut gelaunt. Alles ist perfekt. Ihr Dreisatz, den sie formuliert, wenn genau das Gegenteil der Fall ist. Sie selbst sagt, manchmal funktioniert es, da glaubt man den Zeilen mehr als den eigenen Gefühlen. Manchmal.
Er entkleidet sich. Der Alkohol in seinen Adern verwandelt diesen Akt in ein lustiges Schauspiel. Das stört ihn jedoch nicht. Er ist angetrunken genug, um nicht mehr zu merken, dass er angetrunken ist. Als er ins Schlafzimmer tritt, sieht er seine schlafende Frau, ihr Gesicht friedlich, aber tränenvernarbt. Sie hat geweint, wieder geweint. Statt zu weinen, trinkt er immerfort. Ertrinkt in seinen Tränen, die er nicht heraus lässt, sondern schluckt, wohin auch immer. Er legt sich zu ihr, etwas ungeschickt, fast weckt er sie auf. Dann kuschelt er sich an sie, presst seinen Kopf an ihren warmen Rücken und flüstert ihr ins Haar: „Entschuldige die Lüge, aber ich war nie bei einem Arzt.“ Dass seine Worte einen Weg in Tinas Träume finden würden, kann er freilich nicht ahnen und so entschläft er wenige Momente später. Heute hätte der Spiegel ein glückliches Paar gezeigt.
„Ich muss dir was sagen.“ Tina sitzt in der Küche, eine Schüssel Cornflakes steht unberührt auf dem Tisch. Ihr Bademantel verschluckt all die hübschen Kurven. An ihrem nassen Haar klettern Tropfen herab, die Paul auf den ersten Blick als Tränen interpretiert. Die Lippen aber wirken entschlossen, nicht traurig, und beginnen sogleich sich zu bewegen. „Weißt du noch? Wir wollten herausfinden, ob wir Kinder bekommen können. Ob alles in Ordnung ist, bei uns. Jeder für sich.“ Paul nickt. Er hört einen unsichtbaren Teil seiner Selbst ein Geständnis machen. Doch Tina scheint nichts davon mitzubekommen. „Schatz, es tut mir so leid. Ich habe dich belogen. Ich war zwar beim Frauenarzt, habe aber nie über unser Problem gesprochen.“ Paul schweigt. „Ich hatte Angst. Ich wollte mir nicht sagen lassen, dass ich unfruchtbar bin. Dass ich keine gottverdammten Kinder kriegen kann.“ Sofort hält sie sich die Hand vor den Mund. Sie will nicht fluchen. Aber im Gesicht ihres Gatten verbirgt sich kein Vorwurf. „Warum schaust du so komisch? Sag auch mal was dazu!“ Doch was folgt sind keine Worte, sondern eine Umarmung, innig und verzeihend und auf seltsame Art und Weise sind sie sich so nah wie seit langem nicht.
Es vergehen Tage des Lächelns und Hoffens, dann schleicht Tina ins Bad, verschließt die Tür, obwohl sie weiß, dass niemand zu Hause ist. Sie zieht Hose und Slip herab, nicht aber mit alltäglichen Bewegungen. Alles passiert bewusster. Sie reißt den Schwangerschaftstest aus der Verpackung und sieht ihn an, beinahe so, als könnte ihr Blick den Streifen färben. Einige Minuten verweilt sie in dieser höchst eigenartigen Pose, dann entspannt sie sich und hält den Test in ihren Strahl, zugleich auf eine Farbänderung hoffend und das Gegenteil erwartend. Und irgendwie erfüllt sich beides.
Der Streifen wird lila. Wir haben es geschafft, endlich. Das schreibt sie Paul, noch mit heruntergezogenen Hosen. Als er nicht sofort zurück schreibt, tropft ein wenig Wut in den Cocktail aus Glück und – so würde es ihre Freundin Mimi nennen – Zitronenlächeln. Die hat sie natürlich gleich nach Paul verständigt. In ein paar Minuten will sie da sein, mit babyschonenden Drinks anstoßen.
Tina schlüpft in ihr blumenbesprühtes Kleid, nicht aber ohne vorher ihren Bauch im Spiegel zu betrachten. Hallo, sagt sie leise, küsst sich in die Hand und klebt den Kuss über ihren Nabel, dorthin, wo sie das neue Leben vermutet.
Es klingelt und als hinter der Tür nicht Mimi, sondern Paul steht, ist es eine schöne Überraschung und Tina bereut, wütend gewesen zu sein, auch wenn es nur ein bisschen Wut war. Sie sagen nichts und umarmen sich, wie vor ein paar Tagen in der Küche. Dieses schweigsame Verstehen ist neu für sie. Neu, aber wunderbar.
Als sie die Augen öffnet, sieht sie den DHL-Van in der Einfahrt parken und erst jetzt bemerkt sie, dass Paul in Uniform gekommen ist. „Danke, mein Storch.“ Sie lacht, dann küsst sie ihn. „Ich würde wirklich gerne bleiben, aber ...“ Tina legt ihren Finger auf Pauls Lippen und sagt: „Es ist okay, mach dir keinen Kopf deswegen.“ Sie sehen sich in die Augen, herzhaft und strahlend sind die von Tina, stolz und zufrieden die von Paul. So oft hatten sie sich diesen Augenblick vorgestellt, sich Dinge ausgedacht, die sie sagen, die sie tun würden, aber nichts davon sagten oder taten sie. Mimi steht etwas abseits und betrachtet die beiden mit großen Mädchenaugen. In ihrer linken Hand hält sie eine Sektflasche, in die sie Milch gegossen hat. Als sich Paul verabschiedet, stürmt Mimi durch den Garten und umarmt die beiden. Bevor Paul zurück in seinen Van steigt, dreht er sich um und sagt: „Wir werden Eltern!“. Dann hüpft er hinters Steuer und fährt davon. Tina und Mimi warten bis er um die Ecke gebogen ist, dann ziehen sie sich ins Wohnzimmer zurück, wo Mimi beinah über den Staubsauger stolpert. "Sorry, aber die lila Farbe ist mir dazwischen gekommen.", sagt Tina. Beide verfallen in ein sinnloses Mädchengekicher.
„Habt ihr euch schon Namen überlegt?“„Ohja! Seit Ewigkeiten überlegen wir uns irgendwelche Namen. Das weißt du doch!“ Mimi schaut kurz zu Boden, beinahe so, als hätte sie irgendetwas Falsches gesagt. Doch Tina zieht ihren Blick wieder hoch. „Leila, wenn's ein Mädchen wird. Felix, wenn's ein Junge sein sollte.“ „Das sind zwei sehr schöne Namen.“ Sie grinsen und trinken Milch. Aus Sektgläsern. Später drehen sie das Radio lauter und tanzen zu einen Song, den sie nicht kennen. "Beweg deine Hüften solange du noch kannst!", kreischt Mimi und klatscht Tina auf den Po. Die Party kann beginnen.
Am nächsten Morgen will Tina nicht aufstehen. Sie will liegen bleiben, für immer. Zwischen ihren Schenkeln ist es feucht. Sie hebt die Decke an, noch mit geschlossenen Augen. Eine grausame Gewissheit bemalt die Innenseite ihrer Lider. Tinas Boxershorts, die sie sich vor dem Schlafengehen aus Pauls Kleiderschrank genommen hat, ist blutgetränkt. Der Anblick des abscheulichsten Rots, das sie je gesehen hat, schnürt ihr die Kehle zu. Als würge sie jemand freundschaftlich, sanft, aber trotzdem schmerzhaft. Fremdgesteuert bewegt sich ihre Hand auf das blutige Nass zu. Sie muss berühren, was sie nicht fassen kann. Alles Glück, zerlaufen in diesem Fleck.
Zu spät kommt Paul nach Hause. Während er sich aus den verschwitzten Schuhen befreit, wirft er ein vaterfröhliches Hallo in die Stille. Ein Echo bleibt aus. Weil nirgends ein Licht brennt, nimmt er an, dass Tina schon im Schlafzimmer ist, eingeschlafen bei irgendeiner langweiligen Babylektüre. Als er aber ins Wohnzimmer geht und Tina im Dunkeln im Fernsehsessel sitzen sieht, erschrickt er und lässt die Einkaufstüte von DER KNIRPSLADEN fallen. Sofort stürzt er zu ihr, kniet sich neben sie und fragt: „Um Gottes Willen, Tina. Was ist denn los mit dir?“ Die sieht nur die winzigen Mützen, die aus der Tüte herausgucken. Die eine blau, die andre rosa. Paul ist nach der Arbeit noch schnell in die Stadt gefahren, um sie zu besorgen. Tina fängt an zu weinen. Paul legt seine Hand auf die ihre, sieht ihr in die Augen. Er weiß nicht, was seine glückliche Frau in dieses traurige Wesen verwandelt hat, das hier vor ihm sitzt. Er weiß nur, dass es nicht ihre Augen sind, in die er blickt.
„Es ist weg“, sagt Tina, kaum hörbar, mit einer fremdartig, mechanischen Stimme.„Was?“ Pauls Augen weiten sich. Es ist immer noch dunkel. „War vielleicht nie da.“ „Von was redest du da überhaupt?“ Nun entkommt ihm eine Träne, womöglich die erste seit Tina ihn kennt. „Unser Leben, Paul. Unser Glück. Es ist weg, einfach weg.“
Und sie hat die Wahrheit gesagt. Das Warum scheint verschwunden.
Tina bleibt Zuhause. Als es klingelt, öffnet sie nicht. Bestimmt ist es Mimi gewesen, mit einem Geschenk. Irgendeiner Sache, die jetzt nichts mehr bringt außer Tränen. Das Telefon läutet. Verstummt. Der Tee, den sie sich gekocht hat, steht kalt in der Küche. Überall liegen Taschentücher. Sie ist ruhelos. Im einen Moment liegt sie auf der Couch, im nächsten geht sie die Treppe auf und ab. Sie nimmt sich ein leeres Blatt Papier und beginnt zu schreiben. Ich bin glücklich. Bin gut gelaunt. Alles ist Scheiße!!! Dann zerreißt sie das Geschriebene und schmeißt den Stift, wohin weiß sie nicht genau. Ich will doch bloß ein Kind haben. Einen kleinen Menschen, den ich lieben kann und der aufschaut zu mir, mit seinen kleinen Augen, und sagt: Ich hab dich lieb, Mami. Mehr nicht.
Mehr nicht. Nur ein Kind. Paul sitzt in seinem Van, unangeschnallt, das Radio aus. Am Motorengeräusch versucht er sich zu trösten. Seine Augen sind glasig und leer. Er fährt die Route seit fast zwei Jahren, trotzdem verfährt er sich heute ständig, bringt Pakete an die falsche Haustür. Als er eine rote Ampel übersieht und einen Schulbus schneidet, parkt er - böses Hupen und böse Blicke im Nacken - am Straßenrand und lässt seinen Kopf auf das Lenkrad sinken. Es ist weg. War vielleicht nie da.
Wie lange er dort in seinem Van sitzt, weiß er nicht. Zeit kann tückisch sein, kürzt die schönen und streckt die grässlichen Sekunden des Lebens. Was folgt, ist lärmendes Kindergeschrei. Paul fehlt die Kraft, seinen Kopf zu heben, dreht ihn bloß zur Seite; was genügt. Er erkennt die Umrisse eines Gebäudes, das früher ein Rathaus war, jetzt aber einen Kindergarten beherbergt. Das Schicksal spottet erneut. Paul, der so sehnsuchtsvoll Vater zu werden versucht, muss hier, wenige Schritte vom Kindergarten entfernt, feststellen, dass Kinder nicht an Bäumen wachsen und überhaupt schwer zu bekommen sind.
Er muss daran denken, was Tina zu ihm gesagt hat, als er auf ihr SMS hin sofort zu ihr gekommen war. Mein Storch. Dann Stimmen.
Du bist ein schlechter Storch! Bringst nichts als Unglück. Warum pflückst du dir nicht einfach eines? Ein hübsches Mädchen vielleicht, mit rosa Schleifchen im Haar, die blonden Haare zu Zöpfen geflochten. Geflochten, um gepflückt zu werden. Nimm dir, was du willst! Hier wächst viel, im Kindergarten!
Er schlägt sich an die Stirn, aber die Stimmen sitzen tiefer.
Pflücken,
pflücken,
pflücken.
Er fummelt an der Zündung, will einfach weg, aber seine Hände verkrampfen. Schweiß rinnt seine Schläfen herab. Seine Zunge wird pelzig, im Mund macht sich ein fahler Geschmack breit. Als er schluckt, fühlt es sich wie irgendetwas Lebendiges an, das in ihm ist, strampelt und beißt. Dann sagt er es: "Pflücken."
Im selben Moment klopft jemand an der Beifahrertür, zu klein, um durchs Seitenfenster gucken zu können, nicht einmal auf Zehenspitzen. Paul lehnt sich hinüber und erhascht einen Blick aus dem Fenster. Er fährt zusammen. Es ist das Mädchen, das ihm die Stimmen beschrieben haben. Sie streckt Paul einen Brief entgegen. "Kannstu den mitnehm?" Pflücken. Paul nickt und greift nach dem Kuvert, das sie wie eine Puppe in der Luft schwenkt.
Sie hinterlässt ein leises Dankeschön, mehr pflichtbewusst als ernst gemeint, und stolpert weiter. Paul mustert den Brief. Die Marke zeigt eine Frau, die Tina sehr ähnlich sieht. Absender ist eine gewisse Leila Hase. Er klammert sich an das Lenkrad, aber das Steuer hat er schon lange aus der Hand gegeben. Die Fahrertür öffnet sich und heraus steigt jemand, den Paul im Rückspiegel gesehen, aber nicht erkannt hat. Er geht um den Van und blickt dem Mädchen hinterher, wie es mit jeden Schritt weiter schrumpft, dann ruft er: „Warte!“ Ihre Zöpfe wirbeln durch die Luft und zaubern ein hübsches Gesicht an die Stelle, wo zuvor blondes Haar hing. Auch andere Kinder fühlen sich angesprochen, gucken den komischen Typ in gelber Uniform mit Fragezeichen in den Augen an. Als klar ist, dass er nichts von ihnen will und er kein Eis verschenken würde, wenden sie sich von ihm ab und kehren zurück in ihre verträumte Welt. „Die Briefmarke reicht nicht, mein Kleines. Da muss noch eine drauf.“ Langsam trottet sie zurück. „Ich nehme an, du hast keine weitere dabei.“ Leila schüttelt den Kopf, die Zöpfe folgen der Bewegung etwas verzögert. „Lass uns im Van nach welchen suchen.“ Die Tür, die in den Laderaum führt, öffnet sich. Er bittet sie, hineinzugehen. „Da isses so dunkel drin“, zögert das kleine Mädchen kurz, geht dann aber doch hinein. Paul hat nicht gedacht, dass es so leicht sein würde. Er hatte gehofft, sie würde schreiend kehrt machen. Aber er hat sich getäuscht. Sie beginnt erst zu schreien, als sich die Tür hinter ihr schließt.
Paul kann nicht glauben, dass er das gerade eben getan, dass er sie gepflückt hat. Und doch ist da ein krankes Glücksgefühl, das ihm Angst macht. Er startet den Motor und fährt los. Die dumpfen Schreie erstickt er mit lauter Rockmusik.
Das Gaspedal bis zum Anschlag durchgedrückt, rast er durch die Seitenstraßen, wohl mit dem Ziel nach Hause zu fahren, in das etwas außerhalb liegende Vorstadthaus, in dem noch ein Zimmer leer steht. Das aus dem Laderaum kommende Trommeln macht ihn verrückt. Er will diese Fahrt so schnell wie nur möglich hinter sich bringen. Kurz glaubt er, geblitzt worden zu sein, aber es ist nur ein Lichtreflex gewesen. Die Sonne scheint ihn wie ein Lichtstrahl zu verfolgen. Da ist er! Schnappt ihn euch!
Als er ohne vom Gas zu gehen in die Einfahrt biegt, muss er abrupt bremsen, um nicht in den gealterten Mini zu krachen, der Mimi gehört. Ein Poltern aus dem Laderaum. Die Fracht ist nicht angeschnallt. Verdammte Scheiße, was hat Mimi hier zu suchen! Er steigt aus dem Van. Seine Beine fühlen sich weich an, scheinen sich unter der Schuld, die er auf sich geladen hat, zu biegen. Seltsam stolpernd geht er auf die Haustür zu. Nach ein paar Versuchen gelingt es ihm, die Haustür aufzusperren. Gerade als er die Schlüssel zurück in seine Hosentasche steckt, läutet sein Handy. Er hebt ab. Es ist sein Chef. Er will wissen, wo zur Hölle er stecke. Eigentlich müsse er seit einer Stunde mit der Tour fertig sein, außerdem gäbe es noch reichlich Arbeit im Lager. Wieder schleicht sich ein lustiger Gedanke zwischen all die verzweifelten und er will schon sagen: Ich bin ein Storch, ich muss meinen verdammten Job machen! Glücklicherweise verkneift er sich diesen Kommentar und belässt es bei: "Sorry, Boss." Danach legt er auf. Im Augenblick gibt es weit größere Probleme, als den Job zu verlieren.
"Paul, bist du das?" Mimis Stimme kommt aus dem Wohnzimmer. Statt zu antworten, geht er zu ihnen. Er kann die Traurigkeit und die Tränen in der Luft beinahe schmecken. Mimi sagt: "Tina ist echt am Ende. Ich glaube, es ist besser ..." "Wenn du jetzt gehst", setzt Paul fort. Mimi lacht kurz auf, verwirrt von seiner Aussage, erschrocken über seinen Ton. Natürlich bleibt sie. Tina wendet sich ihm zu. Das erste Mal sieht sie ihn wieder mit ihren eigenen Augen an. Sie braucht nicht lange, um zu erkennen, dass etwas mit ihm nicht stimmt. "Was ist los, Paul?", fragt sie leise, ein bisschen ängstlich sogar.
Wenige Momente später stürmt Tina aus dem Haus, dicht gefolgt von Mimi. "Wo ist sie?" Diesen schrillen, vorwurfsvollen Ton hätte Paul seiner Frau nicht zugetraut, ist sie in den letzten Tagen doch stumm und nachdenklich, vor allem traurig gewesen. Aber verdammt! Ich hab ein Kind entführt! Eigentlich müsste sie mich umbringen. "Sie ist im Laderaum."Mimi bleibt in sicherer Entfernung stehen, Paul und Tina gehen zu jener Tür, die ein kleines, unschuldiges Mädchen verschluckt hat. Tina greift nach der Klinke, dreht sich noch einmal um und wirft einen Wie-konntest-du-nur-Blick auf Paul. Der hofft, dass alles nur ein böser Traum gewesen ist und sich außer herumgeflogenen Paketen nichts im Inneren des Vans verbirgt. Doch als Tina die Türen aufreißt und den Laderaum mit Licht flutet, liegt da ein kleines Mädchen. Die Zöpfe haben all die kindliche Fröhlichkeit verloren, wirken leblos. "Dass du sie tot geschlagen hast, hast du nicht gesagt!" Paul schließt seine Augen. Stotternd kommt seine Antwort: "Ich habe sie überhaupt nicht geschlagen. Sie ist bestimmt nur bewusstlos. Das muss beim Bremsen passiert sein." "Warum musst du auch so krass bremsen?""Mimi hat ihr Auto ...""Jetzt soll ich schuld an allem sein, oder was?" Mimi schüttelt verärgert den Kopf. "Bitte seid leise. Die Nachbarn ..." Paul zuckt zusammen. Er muss an den Kindergarten denken. Jeder muss ihn gesehen haben. "Leise?", schreien Mimi und Tina im Chor. "Du hast ein Mädchen entführt! Du hast das getan, was diese Monster aus dem Fernseher machen. Du hast ... Und wir sollen leise sein?" Tina ohrfeigt Paul, dann wischt sie sich Tränen aus dem Gesicht. "Warum?", schluchzt sie. "Warum hast du das getan?" Paul will sie in den Arm nehmen, aber sie schubst ihn von sich."Ich wollte doch nur ... Wollte doch nur ... Nur ein Kind." "Und da hast du dir gedacht, nimmst du dir einfach eines mit.", sagt Mimi. "Klasse Idee!" "Was soll ich denn jetzt tun?" Paul schaut abwechselnd zu Tina und zu Mimi. "Was glaubst du denn? Kauf ihr ein neues Kleid und ein leckeres Eis, mit dem sie es verzieren kann. Dann ist alles wieder in Ordnung." So kennt Paul Mimi gar nicht. Aber er erinnert sich an ihren Wutausbruch im letzten Jahr, als in der Zeitung von einem Mädchen berichtet wurde, das jemand entführt hatte. Umbringen würde sie diesen Jemand, hatte sie allen Anwesenden versichert. Sie würde ihm das Genital abschneiden, um ihn damit aufzuhängen. Das hat sie gesagt. Jetzt ist Paul dieser Jemand und er kann sich nicht gegen das Bild wehren, das Mimis vergangene Drohung provoziert.
Dann sagt Tina: "Du musst sie zurückbringen." Und Paul nickt. Mimi verschwindet im Haus. Bevor ihr Tina folgt, schaut sie Paul an und der Blick sagt ihm, dass nichts mehr so sein wird wie es war. Das war es schon lange nicht mehr und jetzt würde es gewiss nie wieder so sein.
Er steigt in den Van, geht auf das Mädchen zu, die jenen Namen trägt, den seine Tochter niemals haben wird. Er kniet sich neben sie und fasst zögerlich an ihre Schulter. Einen kurzen Moment fürchtet er, dass sie tatsächlich tot ist. Umständlich tastet er nach ihrem Puls. Poch, poch, poch. Wie konnte er diesem Herzchen das nur antun? Er schüttelt sie sanft. Als sie zu sich kommt, bewegt sich ihre Hand an die Stirn, dann sagt sie: "Aua." Sobald sie Paul sieht, fängt sie an zu schreien. Er presst seine Hand auf ihre Lippen, flüstert ihr ein Pssst! zwischen die Zöpfe. "Ich werde dir nichts tun. Ich will dich nach Hause bringen." Er fügt hinzu: "Zu Mami und Papi." Nachdem die Lippen unter seiner Hand wieder zueinander gefunden haben und Leila langsamer zu atmen beginnt, lässt Paul von ihr ab. Sie guckt ihn an. "Du lügst!" So unbefangen Kinder einem auch vertrauen können. Lügen hassten sie. Vielleicht auch deswegen, weil sie diese noch nicht gänzlich verstanden haben. Und er hatte gelogen. "Ich lüge nicht!", sagt Paul. "Wir fahren jetzt gleich los. Sofort!" Leila reibt sich den Kopf. Bis auf die zerzausten Haare scheint sie unverletzt zu sein. Kinder, sie fallen und stehen wieder auf. Keine große Sache. "Und was ist mit dem Brief?"
Der Brief verrät ihm Leilas Adresse. Dass die Anschrift in seinem Belieferungsgebiet liegt, gefällt ihm ganz und gar nicht. Die Vorstellung, eines Tages dort zu klingeln, um ein Paket abzugeben, lässt Angst durch seine Adern pumpen. Was, wenn Leila öffnet. Sie wird sich umdrehen und in die Küche rufen: Mami, das Monster, das mich entführt hat, ist vorbeigekommen. Es will uns etwas schenken. Er schüttelt seinen Kopf, aber die Gedanken bleiben, rutschen nur etwas tiefer. Er begleitet Leila zur Fahrerkabine, schnallt sie an und schließt die Tür. Bevor er einsteigt, schaut er sich noch einmal um. Wie viele Augen haben dieses Schauspiel wohl verfolgt? Dann geht es los.
An diese Fahrt wird Paul oft zurückdenken. Zu keinem Zeitpunkt in seinem Leben ist er so sehr Vater gewesen wie in diesem, seine kleine Tochter auf dem Beifahrersitz, ein flaches Paket untergeschoben. Leila beschwert sich nicht, dass es unbequem ist. Sie will nur etwas Musik hören, nicht diese schreckliche Rockmusik, sondern Kinderlieder. Da Paul keine Kinderlieder hat, fängt er eben an, eines zu singen. Wenig später singt auch Leila, hoch, noch etwas weinerlich, aber nicht unglücklich. Zusammen mit seiner tiefen Stimme klingen die beiden, wie ein defektes Grammophon. Ihm ist bewusst, wie skurril es ist, mit dem Mädchen, das man entführt hat, Der Kuckuck und der Esel zu singen. Trotzdem macht es ihm Spaß. Und Leilas Version von die hatten einen Streit hat etwas sehr verzeihendes, wie er findet. Als wäre nichts vorgefallen.
Sie direkt vor ihrem Haus abzusetzen, wagt Paul nicht. Er parkt am Ende der Straße, einige Hausnummern entfernt. "Leila, du weißt ja gar nicht, wie sehr mir das alles leid tut. Ich wollte dir keine Angst machen, und wehtun wollte ich dir auch nicht." Sie lauscht ganz gespannt. "Manchmal ist man eben nicht man selbst." Paul erinnert sich an die eigenartigen Stimmen, die es überhaupt so weit haben kommen lassen. "Bitte versprich mir, dass du deinen Eltern nichts von mir erzählst. Sag ihnen, du hast dich verlaufen." Er sieht den Brief. "Sag ihnen du wolltest den Brief direkt bei der Post abgeben. Dabei hast du dich verlaufen, ja? Versprichst du mir das?" Sie nickt. Er hatte ein Ja, ich verspreche es dir hoch und heilig erwartet, aber ein Nicken muss ihn wohl genügen. Dann lässt er sie aussteigen. Als sie sich noch einmal umdreht, um ihm zu winken, ist er den Tränen sehr nahe. Er winkt zurück, startet den Motor und fährt davon. Die Stimmen bekommen keine zweite Chance.
Pauls Chef ist nicht begeistert. "Entschuldigen Sie, Herr Lingenbrett. Ich glaube, das war der beschissenste Tag meines Lebens. Es tut mir leid.“ Sie hätten keinen Spritzer abkriegen dürfen. Herr Lingenbrett schaukelt in seinem Stuhl, fixiert Paul mit einem starren Blick, sagt aber nichts. Bevor seine Worte kommen, verändert sich sein Gesichtsausdruck komplett. Die kantigen Züge weichen einen warmen Lächeln, das Paul so noch nie an ihm gesehen hat. „Ich nehme an, Sie wollen nicht darüber reden.“ Herr Lingenbrett erwartet keine Antwort. „Sie sind ein guter Arbeiter. Sehen sie zu, dass sie die beschissenen Tage aus ihrem Leben verdammen.“ Dann versinkt er wieder in Schreibarbeit. Paul verlässt das Büro. Von Freude kann nicht die Rede sein. Eine Arbeitsstelle zu behalten, ist das eine. Seine Ehefrau dazu bringen, ihn wieder zu lieben, das andere.
Es wundert ihn nicht, als Tina ihm mitteilt, er müsse auf der Couch schlafen. Sie könne das nicht. Nicht heute. Seine Küsse schaffen es nicht auf ihren Mund. Das einzige, was ihn berührt, sind die Haare, die ihm ins Gesicht schlagen, wenn sie ihren Kopf wegdreht. An eine Umarmung ist nicht zu denken. Als sich Tina schon sehr früh ins Schlafzimmer zurückzieht, legt auch er sich auf die Couch. Statt zu schlafen, sucht er unter den kreativsten seiner Gedanken eine Idee, wie er die Tina, die er liebt und die ihn liebt, zurückgewinnen kann. Schließlich schnappt ihn doch die Nacht.
Im Traum begegnet er Leila.
Die beiden - zur Zweisamkeit verdammt - sitzen am Esstisch, kauen schweigend auf ihren Broten, meiden Blickkontakt. Wie zwei fremdartige Wesen, die nicht aus Zuneigung, sondern aus reiner Notwendigkeit zueinander gefunden haben. Sie sagen sich Guten Morgen und Gute Nacht. Davon abgesehen fällt kein Wort. Im Grunde ist es nur ein Morgen und ein Nacht gewesen. Gut ist nichts. Das vergangene Glück, von dem Paul gesprochen hat, ist aufgebraucht.
Als er am nächsten Morgen aufwacht, kann er es kaum glauben. Tina sitzt gegenüber im Sessel, schläft in Decken gewickelt. Sie muss nachts heimlich ins Wohnzimmer geschlichen sein. Hat auf das Bett verzichtet, um hier bei ihm sein zu können. Er steht auf und tapst zu ihr. Im selben Moment als er sich über sie lehnt, um ihr endlich einen Kuss auf die Lippen zu drücken, klingelt es. Sie wacht auf und Paul sieht in ihre verschlafenen, aber wunderhübschen Augen. „Ich liebe dich.“ Sie zwinkert, deutet dann aber auf die Haustür.
„Sind Sie Paul Buschatz?“ Die Polizei hat er nicht erwartet. „Gestern Abend wurde eine gewisse Leila Hase als vermisst gemeldet. Sehr bald stießen wir auf ihren Namen. Eine Erzieherin hat vorgestern beobachtet, wie ein DHL-Lieferant mit ihr gesprochen hat. Die Verwaltung hat uns mitgeteilt, dass sie für das Gebiet zuständig sind. Ihr Vorgesetzter hat uns auch gesagt, dass sie am besagten Tag ihre Tour frühzeitig abgebrochen haben. Den Grund dafür hat er uns verschwiegen. Vielleicht können sie uns ja erzählen ...“ Paul fühlt sich, als könnte er nie wieder irgendetwas erzählen. Tina - noch in Unterwäsche - kommt hinzu und fragt: „Was wollen die von dir? Du hast sie doch zurückgebracht.“ Sie mustert Paul. „Du hast sie doch zurückgebracht?“
Als ihn die Beamten abführen, tötet Tinas Blick etwas in ihm. Jenen Teil, der früher einmal glücklich sein konnte. "Hören Sie", meint der Polizist, der einen widerlichen Schnauzer unter seiner Nase trägt, als sie im Streifenwagen sitzen. "Es sieht schlecht aus für Sie. Wenn Sie uns jetzt verraten, wo Sie Leila versteckt halten, kommen sie vielleicht mit einem blauen Auge davon." "Ich habe sie nicht mehr, ich schwöre. Entweder glauben Sie mir und lassen mich jetzt wieder aussteigen oder sie glauben mir nicht und fahren los." Der andere Polizist, dessen Uniform auf seltsame Art und Weise edler als die seines Kollegen wirkt, startet den Motor. Paul blickt zurück. Die Haustür ist geschlossen.
Schlechter Kaffee und viele Fragen. Sie beschimpfen ihn. Er soll sie endlich freilassen. Sie drohen ihm mit lebenslanger Haft, und mit anderen Sachen. Aber er kann sich nur wiederholen. Er hat sie nicht.
Noch nie zuvor hat er eine Nacht in einer Zelle verbracht. Es zieht und in der Luft liegt eine unangenehme Feuchtigkeit. Das Bett hingegen ist unerwartet bequem, auf der weichen Matratze liegt man viel besser als auf der Couch im Wohnzimmer. Trotzdem sehnt er sich nach genau dieser. Und nach Tina. Der Gedanke an sie tut weh. Vermisst du sie sehr? Er nickt kurz, dann hält er inne. Es ist die Stimme eines Mädchens gewesen. Sie kommt ihm vertraut vor. Richtig. Ich bins. Leila. Leila spaziert in seinen Traum, summt eine Melodie, die nach Frühling klingt und hüpft über ein Sprungseil - ihre Zöpfe heben und senken sich dabei wie die Flügel eines Vogels. Nun hat Paul die Gewissheit. Er ist wahrlich durchgedreht. Vermissen. Wie fühlt sich das an? Paul sträubt sich zunächst auf die Traumgestalt zu achten, aber es kommt ihm vor, als wäre das kleine Mädchen, das er vor zwei Tagen entführt hatte, tatsächlich in seinen Traum gekrochen. Nun ja. Wenn ich wüsste, dass ich nur ein paar Tage von ihr getrennt bin, dann wäre das keine große Sache. Aber jetzt, da ich weiß, dass ich sie vielleicht für sehr lange Zeit nicht mehr sehe, ist das ein sehr komisches Gefühl für mich. Und das gleiche Gefühl habe ich, wenn ich daran denke, dass ich morgen zu ihr fahre. Sie wird weg sein. So oder so. Was ich getan, was ich dir angetan habe, ist unverzeihlich und niemand will jemanden lieben, der zu solchen Dingen fähig ist. Und wenn ich an Tina denke, dann fühlt sich das an wie Durst. Statt etwas zu trinken, muss ich bei ihr sein, sie umarmen, küssen, lieben. Aber das reicht nicht aus, um diesen Durst zu stillen. Sie muss auch wollen, dass ich bei ihr bin, dass ich sie umarme, küsse und liebe. Nur wenn sie das erwidert, hört das Vermissen auf. Leila scheint zufrieden mit Pauls Definition von Vermissen. Sie kuschelt sich an ihn, vergräbt ihren kleinen Kopf in seiner Achselhöhle und sagt: Ich hab dich lieb, Papi.
Nachdem er unsanft geweckt wurde, wird ihm sein Anwalt vorgestellt. Ein Kerl, Mitte zwanzig. Man kann die Universität förmlich riechen. Er präsentiert Paul seine Verteidigungsstrategie, unterbricht sich jedoch mehrmals selbst und wirkt überhaupt sehr unsicher. Der Anzug sieht an ihm aus wie eine Verkleidung. "Hey, Kumpel. Ich weiß Ihre Bemühungen echt zu schätzen, aber ich glaube, es ist besser, wenn Sie sich um einen anderen kümmern." So richtig wahrhaben will er das eben Gesagte nicht. Nach ein paar einstudierten Sprüchen, verabschiedet er sich höflich und verschwindet wieder. "Das war ein großer Fehler", meint Kommissar Schnauzer und zupft sich Haare aus der Nase. "Wir müssen davon ausgehen, dass sie das Mädchen ermordet haben. Da kommt einiges auf Sie zu, Mistkerl. Wenn Sie schon keinen Anwalt wollen, sollten Sie schon einmal mit dem Typ da oben in Kontakt treten."
Er wartet. Tina meldet sich nicht.
Warum sagen die, dass du mich umgebracht hast?
Weil du spurlos verschwunden bist.
Aber ich bin doch hier bei dir.
Doch aber nur in meinen Träumen, in meinem Kopf. Du bist nicht echt. Du bist nur Einbildung.
Bin ich nicht!
Die Mahlzeiten schmecken seltsam süßlich. Paul fürchtet, sie könnten ihn vergiften.
Du behauptest also, dass es dich wirklich gibt.
Ja.
Warum bist du dann bei mir und nicht bei deinen Eltern?
Weil du es so willst.
Weil ich es so will? Ich habe dich zurückgebracht! Ich habe dich gehen lassen.
Das stimmt, aber in deinen Gedanken hast du mich nie losgelassen. Du wolltest, dass ich bei dir bleibe und dich lieb habe, wie eine Tochter ihren Vater.
Paul muss sich übergeben.
Was passiert, wenn ich dir jetzt sage, dass du gehen kannst. Dass du zu Mami und Papi darfst.Würdest du dann gehen?
Ja.
Dann sage ich es jetzt: Du darfst gehen. Geh zurück zu deinen Eltern, die dich lieben, dich vermissen.
Dann ist Paul allein. Und Leila wieder bei ihren Eltern.