Blüte
da war ein mann ohne gesicht und ohne jegliche äußere merkmale. und der tag, an dem es in dicken stricken vom himmel regnete, war ihm nicht schlecht genug, um über eine große wiese zu gehen. mehrere stunden lang überquerte er hügel um hügel, tal um tal. es könnten auch mehrere tage gewesen sein, so genau weiß das niemand. der regen wurde immer stärker - nicht, dass es den wanderer gestört hätte, denn der ging unbeeindruckt weiter, den blick auf den boden gerichtet, unterbrochen von seinen sehnsuchtsvollen blicken nach vorn, den horizont absuchend.
dann blieb er stehen. er blickte sich um, sah in die zahllosen gesichter um sich herrum, die strafend auf ihn herrab blickten und zog seine durchnässten kleider aus, die er sogleich in die menschenmenge warf. als sein letztes kleidungsstück von der masse gefressen war, ging er weiter - diesmal mit doppeltem tempo, um seinen körper warm zu halten. es folgten mehrere stunden - oder tage - ziellosen geradeausgehens. der regen wurde stärker. ein starker wind von vorn kam dazu. die wiese hatte sich in einen kniehohen sumpf verwandelt. vornübergebeugt und schweren schrittes bewegte sich der mann, der troz seiner nacktheit in strömen schwitzte, gegen den wind und gegen den regen und gegen den sumpf kämpfend weiter, nach vorn, immer geradeaus.
tage vergingen. oder waren es jahre? so genau weiß das niemand.
da stand eine blume im sumpf. es war eine schöne blume, rot mit gelben blättern. sie war die einzige, die die menschen noch nicht berührt hatten. deshalb blieb der nackte vor ihr stehen. er blickte sie lange und voller sehnsucht in den augen an. dann drehte er sich um und ging langsam zurück.
die menschenmasse löste sich im regen auf und die sonne brach zum ersten mal seit jahrzehnten durch die wolken. die wiese leuchtete saftig grün und duftete herrlich. der nackte ging völlig ziellos auf der wiese herrum, mit einem lächeln im gesicht. manchmal setzte er sich hin, ruhte sich etwas aus und wenn er lust zum weitergehen hatte, ging er weiter. mehrmals am tag wechselte er die richtung und berührte doch kein zweites mal eine stelle auf der wiese, die er schon berührt hatte. er traf auf menschen und wenn er lust hatte, unterhielt er sich eine weile mit ihnen. an manchen tagen musste er weinen, an anderen lachen. sein leeres gesicht wurde mit lachen und tränen gefüllt.
später legte er sich auf die wiese und starb. jeder weiß das.