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Bewegtes Glas
Er sass einfach da und starrte das leere Glas an, das vor ihm auf dem Tisch stand. Er fixierte es, durchbohrte es mit zusammengekniffenen Augen. Beweg dich. Mach was. Fall um, zerspring, irgendwas. Aber nichts geschah.
Ein Glas hat sich nicht zu bewegen, es wird bewegt. Es wird hochgenommen, umgedreht, gefüllt und im gleichen Augenblick geleert. Es wird abgewaschen und manchmal fallen gelassen. Das bringt Glück, sagten die Erwachsenen. Was sollte das für ein Glück sein, in tausend Splittern auf den Küchenfliesen zerstreut zu enden? Da. Ein Zucken nur, ein leichtes Zittern. Aber ganz deutlich eine Bewegung. Ein Schweisstropfen löste sich von seiner nassen Stirn und fiel auf die Tischplatte, welche nur Zentimeter von seinem glatten Kinn entfernt war. Das Glas hatte sich verschoben. Ein Schauer der Faszination durchströmte seinen Körper. Er blinzelte. War es wirklich so? Oder hatte ihm sein Verstand nach stundenlangem Starren einen Streich gespielt? Er blinzelte noch einmal und näherte sein Gesicht dem Glas. Vorsichtig betrachtete er den Bleistiftstrich auf der Tischplatte. Nein, es war keine Einbildung. Das Glas hatte sich verschoben.
Er schaute kurz auf die Küchenuhr an der Wand. Vor achtundsiebzig Minuten hatte er ein Wasserglas auf die Tischplatte gestellt und mit einem Bleistift den Glasboden auf dem Tisch nachgezogen. Jetzt stand das Glas leicht verschoben auf dem Kreis. Zwischen Kreis und Glas waren mindestens drei Millimeter Abstand. Er keuchte. Er hatte es geschafft. Mit einem Mal wurde ihm bewusst, was ihm da gelungen war. Alleine durch seine Willenskraft hatte er ein Glas verschoben. Ohne seine Hände zu gebrauchen. Er hatte nicht gepustet, wie bei den Wattebällchen, mit denen er all die Jahre geübt hatte. Und plötzlich wurde ihm bewusst, dass damit die Hänseleien ein Ende hatten. Ha. Niemand in der Schule würde mehr über ihn lachen. Er war jetzt auch etwas Besonderes. Ja, er würde ganze Berge versetzen. Sie würden staunen, wenn er nächstes Mal auf den Pausenplatz kam, sein Wasserglas auf die Tischtennisplatte stellte und mit seinem Willen das Glas zum Zittern brachte.
"Mama, Mama, schau", platzte es aus ihm heraus und er sprang auf. Die ganze Anspannung der letzten Stunde löste sich in einem grenzenlosen Glücksgefühl und Tränen füllten seine Augen. Seine Mutter kam in die Küche gestürzt.
"Was hast du? Bist du verletzt?".
"Ich habe das Glas bewegt. Nur mit meinen Gedanken. Es hat funktioniert."
"Prima, das wurde auch langsam Zeit." Sie lächelte und schaute kurz auf das Glas, wie es leicht versetzt auf dem Bleistiftkreis stand. Dann verschwand das Lächeln und der Alltag kehrte in ihr Gesicht zurück. "Nimm doch bitte diese Teller und decke den Tisch. Papa kommt gleich und dann wollen wir essen." Sie nickte mit dem Kopf leicht zum Küchenschrank, worauf drei Teller sich sachte vom Regal in die Höhe erhoben. Sie fixierte sie mit geübtem Blick und steuerte sie in einer eleganten Kurve direkt in die verschwitzten Hände des Jungen. Mit feuchten Augen und zusammengekniffenem Mund schaute er auf die Teller in seinen Händen. Er würde Grosses schaffen. Sie würden schon sehen, er würde Berge versetzen, jawohl. "Ach ja", sagte seine Mutter über die Schulter, "wasch dir bitte vor dem Essen noch die Hände."