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Bewegtes Glas

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02.02.2004
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Bewegtes Glas

Er sass einfach da und starrte das leere Glas an, das vor ihm auf dem Tisch stand. Er fixierte es, durchbohrte es mit zusammengekniffenen Augen. Beweg dich. Mach was. Fall um, zerspring, irgendwas. Aber nichts geschah.

Ein Glas hat sich nicht zu bewegen, es wird bewegt. Es wird hochgenommen, umgedreht, gefüllt und im gleichen Augenblick geleert. Es wird abgewaschen und manchmal fallen gelassen. Das bringt Glück, sagten die Erwachsenen. Was sollte das für ein Glück sein, in tausend Splittern auf den Küchenfliesen zerstreut zu enden? Da. Ein Zucken nur, ein leichtes Zittern. Aber ganz deutlich eine Bewegung. Ein Schweisstropfen löste sich von seiner nassen Stirn und fiel auf die Tischplatte, welche nur Zentimeter von seinem glatten Kinn entfernt war. Das Glas hatte sich verschoben. Ein Schauer der Faszination durchströmte seinen Körper. Er blinzelte. War es wirklich so? Oder hatte ihm sein Verstand nach stundenlangem Starren einen Streich gespielt? Er blinzelte noch einmal und näherte sein Gesicht dem Glas. Vorsichtig betrachtete er den Bleistiftstrich auf der Tischplatte. Nein, es war keine Einbildung. Das Glas hatte sich verschoben.

Er schaute kurz auf die Küchenuhr an der Wand. Vor achtundsiebzig Minuten hatte er ein Wasserglas auf die Tischplatte gestellt und mit einem Bleistift den Glasboden auf dem Tisch nachgezogen. Jetzt stand das Glas leicht verschoben auf dem Kreis. Zwischen Kreis und Glas waren mindestens drei Millimeter Abstand. Er keuchte. Er hatte es geschafft. Mit einem Mal wurde ihm bewusst, was ihm da gelungen war. Alleine durch seine Willenskraft hatte er ein Glas verschoben. Ohne seine Hände zu gebrauchen. Er hatte nicht gepustet, wie bei den Wattebällchen, mit denen er all die Jahre geübt hatte. Und plötzlich wurde ihm bewusst, dass damit die Hänseleien ein Ende hatten. Ha. Niemand in der Schule würde mehr über ihn lachen. Er war jetzt auch etwas Besonderes. Ja, er würde ganze Berge versetzen. Sie würden staunen, wenn er nächstes Mal auf den Pausenplatz kam, sein Wasserglas auf die Tischtennisplatte stellte und mit seinem Willen das Glas zum Zittern brachte.
"Mama, Mama, schau", platzte es aus ihm heraus und er sprang auf. Die ganze Anspannung der letzten Stunde löste sich in einem grenzenlosen Glücksgefühl und Tränen füllten seine Augen. Seine Mutter kam in die Küche gestürzt.
"Was hast du? Bist du verletzt?".

"Ich habe das Glas bewegt. Nur mit meinen Gedanken. Es hat funktioniert."
"Prima, das wurde auch langsam Zeit." Sie lächelte und schaute kurz auf das Glas, wie es leicht versetzt auf dem Bleistiftkreis stand. Dann verschwand das Lächeln und der Alltag kehrte in ihr Gesicht zurück. "Nimm doch bitte diese Teller und decke den Tisch. Papa kommt gleich und dann wollen wir essen." Sie nickte mit dem Kopf leicht zum Küchenschrank, worauf drei Teller sich sachte vom Regal in die Höhe erhoben. Sie fixierte sie mit geübtem Blick und steuerte sie in einer eleganten Kurve direkt in die verschwitzten Hände des Jungen. Mit feuchten Augen und zusammengekniffenem Mund schaute er auf die Teller in seinen Händen. Er würde Grosses schaffen. Sie würden schon sehen, er würde Berge versetzen, jawohl. "Ach ja", sagte seine Mutter über die Schulter, "wasch dir bitte vor dem Essen noch die Hände."

 

Hi dotslash!

Ist eine klasse Geschichte, mir gefällt vor allem der Spannungsbogen wie er das Glas bewegt und sich am Ende alles in Wohlgefallen auflöst in relation zur Mutter.

Ich hätte aber die Auflösung etwas kürzer gesalltet, das der Überraschungseffekt stärker ist.
Nett fande ich auch, das er sich sehr wahrscheinlich als einziger die Hände waschen muß.

Das einzige was ich nicht verstanden habe:

vorpupertären Willenskraft

Haben alle Kinder dies Fähigkeit nicht? Dann ist es schade, weil dann der Unterschied zu den anderen geschmälert wird, damit verliert die Geschichte ankraft, da es noch viele andere gibt, denen es geauso geht.

Mir gefällt, vor allem das etwas für uns ungewohnliches, bestaunenswertes, vor allem in der Andeutung, wie du sie benutzt

Zwischen Kreis und Glas waren mindestens drei Millimeter Abstand.

in etwas völlig banales, lächerliches umschlägt.

 
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Hallo

Vielen Dank fürs Lesen und für eure konstruktive Kritik.

@filechecker
Na, dann mal rüber zur Mission...
(Kritik ist drüben)

@nasoboem
Hast recht. Der Schluss ist zu schwerfällig.
Ich habe ihn noch mal überarbeitet und bin auf die Reaktionen gespannt.

Lieben Gruss .\ :cool:

 

Ja, gefällt mir besser, ist jetzt Runder im Abgang, aber es ist natürlich Geschmacksache.

Vieleicht jetzt sogar etwas zu Rund, die Reaktion der Mutter müsste noch etwas betont werden. Dann bist du wieder fein raus.

Hab deine Geschichte zwar noch nicht öffentlich empfolen, aber zumindest meinem Kumpel zulesen aufgetragen, wenn er es nicht vergisst.

Ciao Naso weiter so.

 

Hallo Jo.

Vielen Dank für's Lesen und Deine Anmerkungen.
Tut mir leid, dass ich die Antwort auf Deine Kritik so lange zurückgehalten habe, aber die Geschichte wurde ja gleich anschliessend in den Kritikerkreis verschoben und da habe ich mich nicht getraut, irgend etwas zu verändern.
(Ausser dem "jugen(t)dlich") :shy:

Die Wortwiederholung ist nicht schön und ich werde diese Sequenz abändern.

Schön, dass ich Dich mit einer etwas "anderen" Alltagsgeschichte unterhalten konnte.

Lieben Gruss
dotslash

 
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Hallo Jynx und alle vom Kritikerkreis

Vielen Dank, dass Du (Ihr?) Dich (Euch?) mit meiner Geschichte auseinandergesetzt und diese umfangreiche Kritik verfasst hast (habt).

Viele Schriftsteller erwähnen immer wieder, dass eine Kurzgeschichte nicht nur als kurze Geschichte zu verstehen sei. Eine Idee, ein Einfall oder eine Begebenheit in kurzen Zügen zu erzählen, den Leser direkt und ohne Schörkel in das Geschehen hineinzuziehen und zum Schluss wenig bis keine offene Fragen zu hinterlassen, ist kein leichtes Unterfangen.
Deiner Kritik entnehme ich mit Freude, dass mir hier ein solches Teil gelungen ist. Das gibt einem den Ansporn neben den doch schon mehrfach angefangenen und wieder verworfenen Texten mal wieder einen fertig zu bearbeiten und anschliessend hier zu posten.

Zu den Anmerkungen

-welche nur Zentimeter von seinem [jugentlich] glatten Kinn entfernt war.
Nachdem ich das Wort auf Jo'_oder_so's Kritik hin erst mal richtig geschrieben habe, fällt es jetzt wohl ganz raus.
Durch die Erwähnung der Erwachsenen ahnt der Leser ja bereits, dass es sich beim Prot. um einen Jungen handeln muss.

-Ein Schauer der Faszination durchströhmte (ohne h)
öhem, klar.

Seine Mutter kam [vom Nebenraum] in die Küche gestürzt. Sie war gerade mit der Wäsche beschäftigt [und dachte, der Kleine hätte sich verletzt]. "Was hast du? Bist du verletzt?". (Verletzt ist doppelt. Es ist klar, dass sie besorgt ist. Wenn du die Wäsche mit drin haben willst, mit in den vorderen Satz. "Seine Mutter war gerade mit der Wäsche beschäftigt, und kam in die Küche gestürzt.")
Was man doch alles weglassen kann, ohne dass es der Geschichte einen Abbruch tut.
Also, weg mit der Wäsche. :)

Er würde grosses schaffen. (Großes zumindest bei uns wäre auch Groß, wie ist das in der Schweiz?)
Tja, in der Schweiz schreibt man Grosses zwar mit zwei 's', aber trotzdem gross. :D

Vielen Dank nochmal für die umfangreiche Kritik.

Lieben Gruss
dotslash

 

Hallo dotslash,

War es wirklich so? Oder hat ihm sein Verstand nach stundenlangem Starren einen Streich gespielt.
Vor achtundsiebzig Minuten hatte er ein Wasserglas auf die Tischplatte gestellt
passt irgendwie nicht zusammen.

Eine spannende und lustige Geschichte mit einem überraschenden Ende.
Hat mir sehr gut gefallen. :thumbsup:
Liebe Grüße, die Kürbiselfe Susie :)

 

Hallo Kürbiselfe.

Schön, dass Dir die Geschichte gefallen hat.

Tja, irgendwie hast Du ja schon recht.
Minutenlang war mir zu kurz, tagelang dann doch zu lang.
(Da wäre der Arme ja schon längst weggekippt.)
Bleibt also nur stundenlanges Starren.
Da nur etwas mehr als eine Stunde vergangen ist, müsste man es korrekterweise so schreiben:
"Oder hat ihm sein Verstand nach über einer Stunde Starren einen Streich gespielt."

Klingt aber irgendwie holprig, oder?

Lieben Gruss
dotslash

 

Jynx schrieb:
Ich hatte das stundenlang auch eher als eine rethorische Floskel verstanden als einen tatsächlichen Zeitverlauf.
Danke für diese treffende Erklärung, genau so muss man das sehen.
(Und ich muss nix ändern :D )

dotslash

 

Hallo Kristin

Danke für Deine Rückmeldung.
Es freut mich, dass Dir die Geschichte gefällt.

Mit der Beschreibung von Emotionen ist es immer eine Gratwanderung, wieviel darf ich weglassen, bzw. wieviel erträgt der Leser, ohne dass er sich in seinen Vorstellungen bevormundet fühlt.

Ich finde, durch die Beschreibung, was dem Jungen im Moment seines unglaublichen Triumphs durch den Kopf geht, ist sein Gesichtsausdruck wohl ein Abbild seiner Gedanken und erscheint automatisch im Kopf des Lesers. Aber das ist Ansichtssache.

Interpunktion bei Imperativ
Ich sehe nirgens einen starken Imperativ im Sinne von "Geh!" oder "Schau her!", welcher ein Ausrufezeichen notwendig macht. Dass der Junge etwas lauter und bestimmter "Ich habe das Glas bewegt. Nur mit meinen Gedanken. Es hat funktioniert." ruft, ergibt sich mMn aus dem vorherigen Geschehen.
Aber auch das ist ebenfalls Ansichtssache ;)

ss/ß Regel
Tja, das 'ß' ist bei uns in der Schweiz halt weder im Text noch auf der PC-Tastatur vorhanden. Somit muss ich mich auch nicht damit rumschlagen. :D
(Ich musste das Ding sogar aus Deiner Kritik herüberkopieren.)

Lieben Gruß (, für Dich extra mit EsZet)
dotslash

 

Diese Geschichte wurde im Kritikerkreis besprochen.
Wir würden uns über weitere Anmerkungen zu diesem Text freuen.

Das Kritikerteam.

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo Dotslash,

viel neues kann ich eigentlich nicht anmerken.

Kennst du das Buch "Matilda" von Roald Dahl? Deine Geschichte hat mich sehr daran erinnert, fast hatte ich erwartet, dass es sich um ihren Sohn handelt (am Ende dann jedoch nicht mehr) oder eine sonstige Anspielung auf das Buch. Ich hätte wetten können, dass es dich dazu inspiriert hat. Sind eben doch überraschende Übereinstimmungen. Aber nach dem genialen Schluss glaube ich das eher doch nicht.

LG Anea

 

Hallo dotslash,

Deine Geschichte ist eine „klassische“ Surprise-ending-story, freut mich immer, so etwas zu lesen, da diese Geschichten selten geworden sind. Deine Überraschung endet mit einer Surrealisierung des Alltagsgeschehens, eine besonders schöne Variante dieser Kurzgeschichtenform.

Weiterhin viel Spaß beim Schreiben,

tschüß... Woltochinon

 

Hallo Dotslash,

Das Besondere an dieser Geschichte ist: Die Talente, die in dem Jungen schlummern werden von ihm entdeckt, weil er es weiß, was in ihm steckt. Seine Beharrlichkeit gefällt, fast ist man als Leser versucht, ihn zu belächeln, weil man meint, seine Bemühungen werden ihm nicht den Lohn einbringen, den er sich so sehr erwünscht.
Und dann kommt die angenehme Überraschung. Der Erfolg ist echt, wird nicht in Entäuschung umschlagen. Wunderschön.
Danke dafür
Goldene Dame

 

Hallo dots.

Deine geschichte ist wirklich schön, auf jeden fall. Trozdem, einige sachen stören mich...

"Er sass einfach da und starrte das leere Glas an, welches vor ihm auf dem Tisch stand."
ich finde, "welches" passt mMn nicht, hört sich seltsam gestelzt an und macht irendwie gleich am anfang einen schlechten eindruck.

Außerdem.. die Mutter kann Thelekinese (so heißt das doch) und warum sollte er dann noch was besonderes sein, wenn diese gabe auch noch andere, vielleicht alle haben? Wenn die Mutter ein einzelfall wäre, würde sie doch sofort als Versuchskanienchen gehalten, oder?

Jägerin

 

Hallo liebe Kritiker,

vielen Dank erst Mal für's Lesen und Kritisieren.
:bounce:
***

@Anea
Ich kenne ein paar Kurzgeschichten von Roald Dahl, er ist so was wie "the absolute master of the twist-in-the-tale". Leider kenne ich das Buch Matilda nicht, wäre aber neugierig darauf. Na, ab in die nächste Buchhandlung und auf zum Schmökern...

Meine Geschichte hat einen genialeren Schluss als die von Roald Dahl?
Jetzt werde ich aber rot... :o
Danke.

***

@Woltochinon

Deine Überraschung endet mit einer Surrealisierung des Alltagsgeschehens, eine besonders schöne Variante dieser Kurzgeschichtenform.
Mann, ich werde schon wieder rot... :o
Nein, ehrlich, das hast Du wirklich schön formuliert und es freut mich riesig.
Danke.

***

@Goldene Dame
Klasse, dass ich Dich zuerst etwas in die falsche Richtung laufen lassen konnte und der Schluss dann doch noch versöhnlich stimmte.
:)
Auch Dir ein dickes Merci.

***

@Jägerin
Da bin ich aber froh, dass der erste Satz Dir die Geschichte nicht gleich vermiest hat.
Ok, man könnte das etwas angegraute "welches" durch ein schlichtes "das" ersetzen.
oder noch einfacher
"Er sass einfach da, starrte auf das leere Glas vor ihm auf dem Tisch."
Ich ersetze es mal mit "das", ok?

Mama wird kein Versuchskaninchen.
Das Absurde ist ja, dass in dieser Geschichte alle Menschen die Fähigkeit der Telekinese besitzen und es zum normalsten der Welt gehört, dass man das noch vor dem Einschulalter können sollte.
Das Gefühl, dazuzugehören und die gleichen Dinge zu beherrschen - in unserer "normalen" Welt wäre das wohl Fahrradfahren oder Schwimmen - , wie die anderen gibt dem Jungen aus seiner Sicht das Gefühl "auch" etwas besonderes zu sein, endlich wieder mal einen Schritt in Richtung Erwachsenenwelt getan zu haben. "Kuck Mal Mama, ich werde erwachsen!" Das ist schon was besonderes, oder?
;)

***

Lieben Gruss an alle
dotslash

 

Hi Dotslash,
mir hat deine Geschichte gefallen. Schön erzählt, mit überraschender Pointe.

Was soll das für ein Glück sein, in tausend Splittern auf den Küchenfliesen zerstreut zu enden?
Fliesen

Gruß, Elisha

 

Hallo Elisha

Danke für's Ausgraben. Die Fliesen sind repariert.
Schön, dass dir die Geschichte gefällt.

Gruss dot.

 

Hallo dotslash,

ich sollte wirklich öfter mal in anderen Rubriken stöbern. :)
Deine Geschichte hat mir sehr gut gefallen und mit Deiner pfiffigen Wendung hast Du mich total überrascht. Wunderbar. :)

platzte es aus ihm heraus

Als die Mutter
"Prima, das wurde auch langsam Zeit."
sagte, musste ich breit grinsen!

"wasche dir bitte noch vor dem Essen die Hände."
Hier würde ich wasch' verwenden. Selten habe ich bisher gehört, dass eine Mutter zu ihrem Kind "wasche" sagt ...

Lieben Gruß
al-dente

 

Hallo al-dente

schön, dass du beim Stöbern über meine Geschichte gestolpert bist und dass sie dir gefallen hat.
Danke für das Prädikat Wunderbar und den Tip mit der direkten Rede.
(Wenn man es laut liest, hört man es sofort.) :)

Lieben Gruss zurück
dot

 

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