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Betonimpressionen

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06.02.2002
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Betonimpressionen

Oft wurden sie und ihresgleichen als Moloch beschrieben, als ruheloses, ewig schlagendes Herz. Blechlawinen als stinkendes Blut. Hastige Fußgänger, der Blick fahrig, als Schwebeteilchen. Ab und zu eine Arterie verstopft, dann Hupen oder Sirenen.
Vielleicht gibt es Städte, die niemals schlafen. Doch man spürt, wenn sich die abendliche Dunkelheit über die himmelhohen Glasfronten der Stadt und ihrer Türme senkt, wie der Puls sich unmerklich verlangsamt.
Es mögen die Laternen anspringen und all das andere elektrische Licht versuchen, die Sonne auf Erden zu sein, es kann den Tag nicht ersetzten. Es wird dunkler, ruhiger. Weniger blecherne Blutkörperchen und schwitzende Schwebeteilchen.
Zwar mögen die Neonreklamen, für alles mögliche werbend, aufdringlicher fackeln. Zwar mögen zwei nackte Menschen, den Leuchtröhren ausgesetzt, von einer Plakatwand herablächeln, da sie noch ihre beworbenen Armbanduhren tragen dürfen, die Nacht verbirgt sie nicht, sondern erst jetzt liefert sie die Bühne für ihren täglichen, illuminierten Auftritt. Aber doch legt sich so etwas wie Schlaf, die Andeutung von Ruhe über die Stadt und ihren Körper aus Beton und Schmutz.
Die wenigen Fußgänger, denen du zu dieser Zeit begegnest, weil du dem Bann der allabendlichen Banalitäten in Wohnzimmer oder Kneipe nicht erlegen bist, sie wirken immer noch hektisch, und ihr Blick schweift dich nur ab, während sie an dir vorübergehen, vorbeihasten, schweigsam.
Die Nacht mag trotz all der Beleuchtung die Kahlheit der Stadt mit ihrem dämmerigen Vorhang verbergen wollen, die Masse aber verbirgt die Menschen nicht mehr vor dir. Ihr Keuchen, wenn sie sich nahe an dir vorbeidrängen, geht nur noch selten unter im Lärm der Straße. Oftmals entlarvt sie der kalte Schein der Laternen schonungsloser als die Sonne es je könnte.
Der Schwarm hält sie nicht mehr geschützt. Die Menschen, denen du begegnest, gehen allein, vielleicht in kleinen Grüppchen. Dein Blick fixiert und seziert sie.
Der im Anzug, dich nur für einen winzigen Moment aus hartem Gesicht musternd, seinen Koffer in der linken vom Körper weghaltend. Aus dem Büro, Überstunden. Wozu? Für ein Mikrowellenabendessen ( Singlepackung ), sobald er endlich zu Hause ist.
Eine Gruppe Jugendlicher, die Köpfe nahe aneinander, du musst ihnen ausweichen, sie täten es nicht. Wohin sie gehen? In eine Zukunft in der banalen Alltäglichkeit. Tropfen, die noch einmal im Licht der Neonröhren funkeln wollen, bevor sie vollends in den grautrüben Wassern des Alltags der Älteren versinken.
Später am Abend, selbst wenn du nicht die ausgewiesenen Vergnügungsviertel, wie man es nennt, durchstreifst, ein paar schlendernde Betrunkene. Sie haben ihre Hüllen fast gänzlich aufgegeben. In ihren Blicken zu lesen, ist zwar nicht langweilig, aber auch nicht schwierig, und wenn sie dich passiert haben, erreicht dich eine Andeutung von Qualm und Alkoholdunst.
Doch da gibt es noch etwas, das die nächtlichen Reisen durch Stadt und Bewohner so interessant macht: es gibt gewisse Menschen, man mag ihnen vielleicht nur für eine knappe Minute begegnen, bevor sie an dir vorbei, über deine Schulter hinweg verschwinden, die Probleme aufwerfen bei der Durchleuchtung und Klassifizierung. Sie stellen dich selbst in gewisser Weise bloß. Und du wirst, während du den Weg durch die Stadt fortsetzt, das Gefühl nicht los, dass sie genauso ziellos umherstreifen wie du.

<span class="ssilver">[Beitrag editiert von: Paranova am 28.03.2002 um 23:57]</span>

[ 21.05.2002, 21:01: Beitrag editiert von: Paranova ]

 

Whow, geniale Geschichte. :eek:

Ich habe selten eine Story gelesen deren Atmosphäre so dicht ist. Ich wurde eingesogen von den Bildern die Du beschreibst. Die Hoffnungslosigkeit der Betonwelten und gleichzeitig die Schönheit von Asphaltträumen hat mich einfach fasziniert.

Auch die Schlusspointe ist einfach nur genial gesetzt. Wahrscheinlich finde ich den Text so gut, weil ich selbst oft so Ziellos durch die Straßen renne.

Wirklich gut! :thumbsup:

Mehr davon!

Gruß
nightboat

 

:thumbsup:
wirklich schöne KG, wenn sie mich auch mit einem deprimierten Gefühl zurückläßt. Ein wenig ziellos, unbefriedigt, nicht glücklich, ...
( muß allerdings auch sagen, daß das meiner augenblicklichen Stimmung schon ein wenig entspricht ).
Jedenfalls finde ich die oft doch recht "komplizierten" Sätze und Formulierungen hier gut gelungen.
Lieben Gruß,
arc

 

Hallo Paranova

Schön und Dicht.

Gefiel mir sehr gut.
Ein kleines "Meckerle" hab ich aber..
Die Formulierung;"..ihr Blick schweift Dich nur ab.." ist, ehem..
ungewöhnlich.
Sollte das nicht besser heißen;
Streift an Dir vorbei,streift Dich flüchtig,oder so ??

Trotzdem:
Klasse. :thumbsup:

Willkommen bei Kg.

Lord

 

Ich kann hier den anderen leider nur recht geben mir fälltsonst nichts mehr ein und eben
WEITER SO!!!!!!!

Grüsse

Systemtechniker

 

Hallo und ganz, ganz vielen Dank für eure Mühe!

Zu nightboat:
Whow, deine Kritik hat mich weggehauen. Besonders der Satz über Hoffnungslosigkeit und Aspaltträume. Da hab ich einiges zu grübeln, denn die Geschichte war in einer halben Stunde geschrieben, ich konnte nicht schlafen... wenn dann eine tiefsinnige Kritik kommt, die wirkliches Interesse zeigt, wie würdest du da reagieren?
Außerdem: nachdem du meinen Erstling bei Kurzgeschichten.de, "Reiner Tisch..." nun mal ziemlich zerrissen hattest, macht mich dein Lob doppelt glücklich.

Ein letztes noch: Du hattest letzten Monat in der Rubrik Sci-Fi
auf mein Fragment "Ankunft des Kometen" geantwortet, wie einige andere auch... und ich habe nichts davon gemerkt!
Unglücklicherweise habe ich vergessen, auf "Benachrichtigung bei Kritik" oder wie´s auch immer heißt, zu klicken, und dachte, niemand hätte sie gelesen -bin ja noch neu hier... Hab´s erst gerade gemerkt. Ist leider zu spät, alle zu erreichen, die damals geschrieben haben und sich ziemlich veralbert vorkommen müssen, weil ich nicht geantwortet habe. Deshalb auf diesem Wege ein dickes Entschuldigung.

zu arc en ciel:
Ziellos, unbefriedigt, nicht glücklich... entspricht nicht nur deiner augenblicklichen Stimmung, ist bei mir wohl - zumindest latent - Dauerzustand. Gottseidank hilft es ungemein beim Schreiben.
Die "komplizierten" Sätze und Formulierungen:
Ich kann nicht anders, höchstens schlimmer.
Eine Geschichte ist bei mir immer ein unkonstruiertes Gebilde, geschrieben zumeist ohne Plan, wie im Rausch. Nach einer Weile am-PC- hocken-und-in-den Worten-versinken ist sie fertig, und ich trau mich kaum, diesen Stimmungsabriss nachträglich zu verändern, denn erst die Atmosphäre, welche durch die Stimmung geschaffen wurde, macht meiner Meinung nach die Geschichten aus. Ups, da war er wieder. Der Schachtelsatz.

zu Lord Arion:
Es fällt mir auch auf, dass in (fast) jeder meiner Geschichten ein Satz versteckt ist, der etwas "quer liegt". Ich mache das nicht absichtlich, aber es ist so. Ganz lustig, eigentlich. Deshalb werd ich es auch nicht verändern, und "ihr Blick schweift dich nur ab" trifft meiner Meinung nach genau das, was ich sagen wollte...

Zu Systemtechniker:
Warum "leider"?

Grüss euch alle!!!
Ich bin auf jeden Fall froh, diese Seite entdeckt zu haben... auch wenn ich mir ein paar mehr Kritiken
wünschen würde... bitte... :(

 

HI!
das mit dem Schreibrausch kenne ich auch. Dann mag man nichts mehr ändern, wenn der Rausch vorbei ist. Nach Jahren habe ich dann manchmal doch den Abstand, etwas zu überarbeiten...
Tja, wenn Du so eine - intensive - Geschichte in einer halben Stunde schreiben kannst, dann spricht das durchaus für Dich. Dann muß in Deinen Gedanken ja etwas rumoren, das Du dann nach draußen "rauschen" ;) läßt...
bei mir werden die "Schnellschüße" meist die besten ( auch, wennausgearbeitete Hintergründe und Plot in diesen oft nicht die wesentliche Rolle spielen )

Gerade für "Stimmungsbilder" eignet sich dieses System aber sehr gut.

Sag mal, schreib doch was für den Challenge...den Versuch ist es wert.
Lieben Gruß,
Frauke

 

Mahlzeit!
Leider rumort es zu selten, Arc...
der Februar war mein produktivster Monat überhaupt, aber im Moment ist Leere. Bemühe mich im Moment auch um weitere Kritiken und Anregungen, verteile meine Ordner an alle, die der deutschen Sprache mächtig sind...
Nein, so schlimm ist es noch nicht. Außerdem war der Buchhändler, zu dem ich heut wollte, im Urlaub.
Zum "Rauschschreiben" fiel mir gestern nur folgendes ein:

Das Schreiben war für ihn wie ein wundervoller Nagel, der, obwohl ins Fleisch getrieben, derartig fest saß, dass man er sein Leben daran hängen mochte.
Zu meiner Entschuldigung: Der ganze Wodka Redbull ist mir nicht bekommen. :D
Auf jeden Fall ist konstruiertes Schreiben schrecklich für mich. Als Schockbeispiel kann ich nur Alissa Walser nennen.Echt nicht mein Fall, dort wird Sprache halt... konstruiert. Pfui. :dagegen:
Sag mal, von Challenge hatte auch mal rabenschwarz erzählt... was ist das überhaupt??? Oh, da steht´s ja... ich schau mal nach,
machs gut!
Viele Grüße,
Steffen

 

Da habt Ihr's! schon wieder jemand, der den Challenge noch gar nicht gesehen hat...und wenn keiner was reinstellt, und keiner die vorhandenen Texte kommentiert, dann steht's auch nie in den Letzten 100 oder so... dann kann man es ja auch nicht sehen!
Steffen: hau rein! in der Rubrik ist es sooo langweilig, wie nirgendwo sonst...
Einen Versuch ist es immer wert! ( mind. Platz 4 ist jedem von uns sicher, wenn Du noch einen Text reinstellst... ;) )
Wenn Ihr schon alle nicht schreiben wollt, dann reißt uns wenigstens die Köpfe ab, ja? ( stelle meinen zur Verfügung )

Werbetrommler Frauke

 

Hm,
naja, ich hab mir die Challengesache angeschaut. Und ich muss gestehen:
Im Endeffekt weiß ich gar nicht, was jetzt Sache ist ( Alle reden auf einmal ;) )
Ich weiß immer noch nicht, womit, wohin, und wie. Hilfe.
Steffen

 

na das kann man ja nicht verantworten:
also: Challenge ist neu. Die allmächtigen, hochverehrten Moderatoren ( vor allem Rabenschwarz ) stellen dem Volk eine Aufgabe ( beim 1. Mal war es "Dialog", jetzt heißt sie "Visuelle Inspitation")
diesmal findest Du unter der info oben bei "Vis.Insp." 3 links zu Bildern. Such Dir eins aus, laß Dich inspirieren, schreib eine KG und stell sie in die Rubrik "Vis.Insp.",
dann kritisiere fleißig alle weiteren Teilnehmer ( auch, wenn Du nicht teilnimmst !), laß es Dir ebenfalls gefallen, und lege Dein Vertrauen der Jury zu Füßen.
Irgndwann wird dann mal ne Deadline gesetzt, bis zu der man noch posten kann.
Danach wählt die *schleimschleim* hochverehrte Jury die 5 besten Texte aus, kürt mich zur Siegerin und verleiht Dir selbsverständich den 2. Platz :D
oder das Ergebnis lautet anders... dafür kann ich nicht garantieren... ( leider )
Jedenfalls macht es Spaß ( würde es, bei noch mehr Konkurrenz noch mehr machen! ) und man kann sich mal messen .. let's battle...
"Schreiben auf Komando" finde ich auch keine schlechte Übung.

Ich hoffe, die guten Platzierungschancen, meine Anwesenheit und das Leben an sich motivieren Dich jetzt stante pedem eines der Bilder ( schreib nachher drüber, welches Du nimmst, damit wir Bescheid wissen :D ) an Dich zu reißen, auch wenn es schon verarbeitet wurde, und es durch die Tastatur zu quirlen.

Auf guten Wettbewerb!
Frauke

 

Na, na, Frauke!
Ich hör ja wohl nicht richtig... bevor du den ersten Platz kriegst schau ich mir die Bilder mal an :D
Bin zwar nach drei Stunden Schlaf heute huuundemüüüde, aber das kann man ja nicht auf sich sitzen lassen, du Battlerin!
Erst mal was Härteres in die Anlage schmeißen, damit ich wach bleibe... in diesem Zusammenhang wäre auch mal "Audioinspiration" oder wie´s sich nennen mag erwähnenswert. Interessanterweise schreib ich meist bei Musik, ob nun Mahler oder Subway to Sally, und ich denke das hilft mir... steh ich damit alleine?
Ist ja auch egal. Jetzt wird geguckt und geschrieben.
Auf guten Wettbewerb!
Steffen
PS:
Natürlich genieße ich unsere Konversation... aber - das geht an euch alle da draußen - ihr dürft auch mal wieder die Geschichte kritisieren!!!
Biiitte... :crying:

 

gut, gut... ic weiß doch, wie man Männer motiviert... ihr seid so leicht zu durchschauen... :D
Schön, wenn Du mitmachst! ( mit dem 1. Platz rechne ich ja gar nicht - nich wirklich... :p

Jetzt aber tatsächlich an alle: Die Geschichte hat echt was! ran an den Speck!

Frauke

 

Guten Morgen palladon,
warum zweimal lesen? Das würd mich interessieren. Zu deiner Anmerkung: Bin dir natürlich dankbar dafür. Hab zwar noch nicht geschlafen, aber im Moment finde ich daran nichts. Natürlich nicht der aalglatte Stil, aber trotzdem finde ich auf Anhieb keine Wortwiederholungen.
Wenn du noch, wie gesagt, kramen willst: hab heute noch zwei neuere Sachen reingesetzt, "Buschfeuer" und "Reisebericht"... wär nett noch mal was von dir zu hören,
paranova

 

@Paranova Ich habe deine Geschichte übrigens im Empfehlungsthread eingetragen.

Nun denn...


Gruß
nighty

 

Juhu!
Ich habe gewonnen!!!
:D :D :D :D :D
( man muss immer positiv denken )

Im übrigen habe ich mir palladons Kritik zu Herzen genommen. Mir selbst war es nicht aufgefallen, aber ich habe das erste "merkt" durch ein "spürt" ersetzt.
Außerdem habe ich ein "je" ergänzt beim Satz "...als die Sonne es je könnte."
Das gefällt mir so besser, was meint ihr?
Auf Kritiken wartend,
Steffen

[Beitrag editiert von: Paranova am 29.03.2002 um 00:02]

 

Hi Steffen!

...jetzt hast Du genug lang gewartet! ;)

Ein gut beschriebenes Stimmungsbild, das Du uns hier präsentiert hast! :thumbsup:

Eigentlich ist ja schon alles gesagt, was für mich bleibt:

Zitat: "...die Nacht verbirgt sie nicht, sondern erst jetzt liefert sie die Bühne für ihren täglichen, illuminierten Auftritt."

- da würde ich schreiben ...verbirgt sie nicht, jetzt erst liefert sie....

"das Gefühl nicht los, daß sie genauso ziellos umherstreifen wie du." (bzw. dass)

So, das war´s, ;)
alles liebe
Susi

[ 20.05.2002, 16:59: Beitrag editiert von: Häferl ]

 

Servus Paranova!

Hab mich ein bisserl in deinen Geschichten umgeschaut und diese hat mir wirklich gut gefallen. Sie ist in cinemascope mit den breiten schwarzem Balken oben und unten, dazwischen breitet sich die ganze Bandbreite der Nacht vor uns aus. Jene die noch ihren Weg nach Hause suchen sind parallel unterwegs mit jenen, die auch bei Tage längst nicht mehr wissen wohin es gehen könnte. Du hast sie in dieser vordergründigen Finsternis im Neonlicht betrachtet. In einer bildhaften und atmosphärisch sensiblen Stimmung nimmst du wahr was ist, Realitätsbetrachtung mit einem kleinen Schuss Selbsthinterfragung - sehr fein gemacht.

Lieben Gruß an dich - Eva

 

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