- Zuletzt bearbeitet:
- Kommentare: 6
Besondere Liebe
Prolog
Wild schnaubte der Mustang in der engen Box. Seine Hufe traten heftig gegen die Tür. Endlich öffneten der Pferdeverkäufe und seine Gehilfen den Transportwagen. Das Pferd wurde aus der Box geführt. Es bäumte sich auf und entriss sich dem festen Griff des Pferdewirts. Wütend stürmte das Tier über den gepflasterten Hof.
Ein hoch gewachsener Mann trat aus der breiten Tür, die zum Hof führte. Er blickte über den Hof und beobachtete das Pferd mit abschätzendem Blick.
Dieses bockte und rannte im Kreise immer auf der Flucht vor den Männern. Vereinzelt versuchten die Männer den Mustang wieder einzufangen, aber immer, wenn sie an ihn herangingen, wich er aus und lief auf die andere Seite des Hofes.
Der Mann schritt langsam die Stufen vor der Tür hinab und ging in die Mitte des Hofes. Das Pferd witterte ihn und sein Toben wurde noch wilder. Wütend funkelten die Augen des Hengstes den Mann an und sein Schnauben klang wild und ungezügelt. Plötzlich stob der Hengst hervor und galoppierte auf den Mann zu. Dieser hob nur einen Arm und sofort blieb der Hengst vor ihm stehen.
Langsam und unbesorgt schritt der Mann zu dem Hengst und strich ihm über die Stirn und den Hals. Der Mustang duldete es. Die umstehenden Männer staunten und murmelten verstohlen über den Hausherren.
Zaghaft fragte der Pferdewirt nach seinem Geld. Bereitwillig gab der Hochgewachsene ihm sein Geld.
Der Pferdewirt verabschiedete sich und stieg zu seinen Gehilfen ins Auto. Benahe überstürzt verließ der Wagen den Schlosshof.
Ein Geselle des Pferdewirts flüsterte in einer fremden Sprache und schlug ein Kreuz.
Die erste Begegnung
Langsam fuhr die Bahn durch die Gegend. Schon lange hatte sie die Stadt hinter sich gelassen. Man sah nur noch Wiesen und diese wechselten zu Wäldern. Kaum ein Haus war zu sehen. Und in dieser Einöde wollte Eileen Urlaub machen. Sie spürte schon die Langeweile hoch steigen, aber ihre Eltern hatten ihr diesen Urlaub geschenkt. Deswegen machte sie das.
Sie meinten, sie solle sich entspannen und mal wieder Landluft riechen. Eileen war nicht begeistert. Sie hatte das Prospekt gelesen. Es gab grad mal ein Telefonanschluss in dem Kasten, wo sie wohnen sollte. Kein TV, kein Radio und kein Internet. Sie war am Boden zerstört. Kein Internet, wie sollte sie das je überleben?
Zum Glück hatte sie ihr Handy dabei. Vorher hatte sie soviel Geld wie möglich drauf geladen. Irgendwie musste man ja mit der Außenwelt Kontakt halten.
In weiter Ferne erblickte sie die nächste Stadt. Dort soll sie aussteigen, ab da geht es mit dem Auto weiter. Ob es dort Taxen gibt? Sie wird es ja sehen.
Der Zug wurde langsamer und blieb dann stehen. Eileen stieg aus und suchte nach ihrem Gepäck. Einige wenige Leute auf dem Bahnsteig musterten sie skeptisch. „Toller Empfang!“, dachte Eileen. Vor dem Bahnhofsgebäude war ein kleiner Taxistand. Dort stand zu Eileen’s Glück auch noch ein Taxi. Sie stieg erleichtert ein.
„Zum Schloss bitte“, sagte sie gleichgültig. Der Fahrer musterte sie mit Hilfe des Rückspiegels.
„Sind sie sicher, meine Dame. Sie wollen wirklich zum Schloss?“, fragte der Fahrer misstrauisch. Eileen sah zu ihm in den Spiegel.
„Ja, bitte heute noch, bevor es dunkel wird!“, erwiderte sie genervt. Der Fahrer zuckte mit den Schultern und startete den Wagen.
Die Straße war holprig und mit Pfützen überseht. „Ein Glück, dass ich hier nicht laufen muss!“, dachte Eileen wieder.
Der Fahrer hatte sie des Öfteren im Spiegel beobachtet. Sie nervte das und fragte beim nächsten Mal: „Was ist? Haben sie noch nie ein Mädchen gesehen?“ Der Fahrer fuhr zusammen. Er räusperte sich. „Doch schon, aber hm...Ich frage mich nur, ob sie die Gerüchte über das Schloss kennen. Sie kommen nicht von hier. Kein Mensch aus dieser Gegend würde freiwillig zum Schloss fahren.“ Eileen blickte ihm durch den Rückspiegel in die Augen. „Warum nicht? Was sollen das für Gerüchte sein?“ Sie hatte so was schon geahnt. Konnte ja nicht anders kommen. In jeden Gruselfilm sah man solche Szenen. Dorfbewohner, die ihre Köpfe zusammenstecken und über die unwissenden Touristen tratschen.
„Nun einige Leute sagen, der Besitzer des Hauses habe sonderbare Kräfte. Vor einen Monat erzählten Pferdeverkäufer davon, wie der Mann einen wilden Hengst allein dadurch beruhigte, indem er einfach die Hand hob. Na ja, und andere sagen, dass in manchen Nächten junge Mädchen schlafwandelnd zum Schloss gingen und danach nicht mehr zurückkamen oder wenn sie zurückkamen, waren sie anders als sonst. Aber alles Gerüchte. Ich weiß selbst nicht, was ich glauben soll.“ Der Fahrer zuckte wieder mit der Schulter.
Für Eileen war es genug. Kaum war sie da und schon hatte sie Angst allein zu sein. Und dann noch in einem großen Schloss, indem ein unbekannter Mann lebt, der von allen Dorfbewohnern als womöglich Vampir hingestellt wird. Bei dem Gedanken musste Eileen lachen. Sie würde in einen Spuckschloss schlafen mit einem Vampir als Gastgeber. Tolle Ferien.
Die restliche Fahrt schwieg der Fahrer und auch Eileen hatte keine Lust mehr zu reden. Das Dorf war schon in die Ferne gerückt. Und das Schloss kam näher. Auf beiden Seiten zur Straße war Wald. In der Dämmerung sah es unheimlich aus, fand Eileen. Sie würde jetzt auf ein Wolfsgeheul tippen um die Stimmung noch ein bisschen zu verfeinern. Dann wäre der Gruselurlaub perfekt. Sie allein mit einem Vampir und weglaufen kann sie nicht, weil blutrünstige Wölfe sie in Stücke reißen würden. Eine Gänsehaut lief ihr über den Rücken.
Der Fahrer verlangsamte seine Fahrt. Vor ihnen tauchte ein großer Torbogen auf und dahinter ein gepflasterter Hof. Der Wagen fuhr einen Kreis und setzte Eileen vor der großen Eingangstür ab. Eileen glaubte den Fahrer noch die Worte ‚viel Glück’ gemurmelt gehört zu haben.
Nun stand sie vor der Tür. Zaghaft klopfte sie. Die Tür wurde langsam und fast lautlos geöffnet. Drinnen brannten elektrische Lampen. Das beruhigte Eileen doch ein wenig. Sie hatte schon fast damit gerechnet überall Kerzen zu sehen. Vor ihr war ein kleiner Tresen für die Rezeption. Eine ältere Dame saß davor und las in einem Buch.
„Guten Abend“, murmelte Eileen verlegen. Genervt, dass sie ihr Buch nicht Weiterlesen konnte, blickte die Dame auf. „Was kann ich für sie tun?“ Die Frage war mehr die eintrainierte Art Gäste zu begrüßen, als wirklich ernst gemeint.
„Ich hatte reserviert auf den Namen Maid.“ Eileen mochte ihren Namen nicht sonderlich. In ihren Bekanntenkreisen gab es paar Engländer, die sie deswegen hoch nahmen.
Die Dame schaute desinteressiert in die Reservierungsliste. Sie murmelte etwas vor sich hin und griff hinter sich an ein Schlüsselbrett. „Hier. Ihr Schlüssel. Wenn sie ihn verlieren, müssen sie den Schaden begleichen. Für Diebstähle deswegen haften wir nicht. Viel Spaß noch in ihrem Urlaub.“
Eileen nahm den Schlüssel und musterte die alte Dame. Sie war sonst nicht auf dem Mund gefallen, aber jetzt scheute sie sich die Frage zu stellen. Die Dame blickte noch mal von ihrem Buch auf. Genervt bemerkte sie, dass Eileen immer noch da war. „Kann ich ihnen noch irgendwie helfen?“
„Ähm, ja. Wo finde ich mein Zimmer?“ Die Frage war ihr unangenehm. Völlig entnervt sah die Dame Eileen an. „Im dritten Stock, Fräulein. Einen Fahrstuhl gibt es hier nicht. Die Toilette ist gleich am Zimmer dran, sowie eine Dusche. Vierte Tür links.“ Damit setzte die Dame sich wieder zu ihrem Buch und las weiter.
Eileen betrachtete den alten Schlüssel in ihrer Hand und den Flur, in dem sie stand. Links ging eine Treppe hinauf. Dorthin lenkte sie ihre Schritte.
Unter jedem Schritt knarrten die Dielen. Jedes Mal durchfuhr Eileen ein kalter Schauer.
Als sie endlich oben war, bemerkte sie, dass die Lampen flackerten, wenn jemand langging. Das beruhigte sie nicht mehr.
In ihrem Zimmer schloss sie die Tür ab und legte sich ins Bett. Der Koffer war achtlos in die Ecke gestellt.
Ihr Zimmer war altmodisch. Ein Himmelbett mit Vorhängen, ein alter Tisch an der Wand, ein Spiegel darüber und noch ein klobiger Schrank schmückten es. Neben ihrem Bett war die Durchgangstür zum Badezimmer. Eine sehr alte Toilette und eine noch ältere Dusche. Eileen durchlief jetzt schon eine Gänsehaut bei dem Gedanken dort sich waschen zu müssen.
Erst mal darüber schlafen, sagte sie sich und zog sich ein Nachthemd über. Zwar war es noch früh, aber sie wollte der alten Dame nicht schon wieder auf den Wecker fallen.
Spät in der Nacht fuhr Eileen aus ihrem Schlaf hoch. Sie hatte einen Alptraum gehabt, aber jetzt verblassten die Erinnerungen daran. Sie blickte aus dem Fenster hinaus. Es war noch mitten in der Nacht.
Schlafen konnte Eileen nicht mehr, deswegen beschloss sie ihre Beine ein wenig zu vertreten. Leise öffnete sie ihre Tür und lugte verstohlen auf den Flur hinaus. Niemand zu sehen. Aber im Schatten konnte sich jemand verstecken. Nur jede zweite Lampe brannte im Flur.
Eileen warf ihren Bademantel über und schlüpfte leise aus ihrem Zimmer. Den Schlüssel nahm sie mit.
In geduckter Haltung und schleichenden Schritt nährte sie sich der Treppe. Die Dielen knarrten noch lauter als zuvor, so dachte Eileen. Unten bemerkte sie eine angelehnte Tür. Ein schwaches Licht kam aus dem Raum. Vorsichtig nährte sie sich der Tür.
Die Tür schwang geräuschlos auf, als Eileen sie beiseite schob. „Hallo? Ist hier jemand?“ Ihre Stimme war ein leises flüstern und ihr Mund ausgetrocknet.
Sie trat in den Raum. In einen großen Kamin brannte ein Feuer. Davor standen zwei große Ohrensessel und zwischen denen stand ein kleiner Tisch. Eine Weinflasche und ein halbvolles Glas standen darauf. Eileen räusperte sich. „Hallo?“
Wieder kam keine Antwort. Sie ging weiter ins Zimmer auf den Kamin zu.
Das Feuer warf unheimliche Schatten an die Wände. Eileen bekam eine Gänsehaut und einige kalte Schauer liefen ihr über den Rücken. Da hörte sie ein Rascheln im Schatten. Sie drehte sich in diese Richtung und erblickte eine Gestalt.
Erschrocken wich sie einen Schritt zurück und stieß gegen einen Sessel. Die Gestalt bemerkte sie.
„Oh! Guten Abend. Entschuldigen sie bitte vielmals, aber ich habe sie nicht kommen hören. Sie müssen der Gast sein, der heute Nachmittag angekommen ist. Herzlich Willkommen. Ich bin der Besitzer dieses Anwesens, Graf Jean-Claude Montreal. Und wer sind sie, meine Dame?“ Eileen war verzaubert. Die Stimme hatte sie ganz in ihrem Bann gezogen, sodass die Wort erst nach einiger Zeit zu ihr durchdrungen. Verwirrt schüttelte sie ihren Kopf.
„Ich…Ich bin Eileen, Eileen Maid.“ Schüchtern reichte sie ihre Hand zur Begrüßung. Graf Montreal nahm sie sanft und führte sie zu seinen Lippen um ihr einen Kuss zu geben, so sanft wie ein Windhauch berührten sein Lippen ihre Hand und kaum, dass sie sie berührten, ließ er ihre Hand wieder los. Eileen war beeindruck, fasziniert und überwältigt von diesem Mann. Sie spürte noch die schwarze Strähne seines dichten Haares auf ihrer Haut und wünschte sich sein Haar möge auch andere Stellen ihres Körpers berühren.
Sie blickte ihn unverwandt in die Augen und glaubte zu schweben. Die Welt um sie herum verlor an Materie, allein seine Augen waren noch da. Sie hatte das Gefühl, als könnte er ihr direkt in ihre Seele sehen. Dieser Gedankte ließ sie sofort den Blick senken und die Scharmesröte stieg ihr ins Gesicht. Wie lange ist es her, dass ihr etwas unangenehm war und nun bei diesem Mann schon bei der ersten Begegnung.
Sie versuchte ihren schnellen Atem zu beruhigen und jenes kribbelnde Gefühl in ihrem Körper zu unterdrücken. Da hörte sie ihn wieder sprechen.
„Ich hoffe, ihr Zimmer gefällt ihnen. Ich weiß, dass es etwas altmodisch ist, aber dieses Schloss ist alt und eine Restaurierung wäre zu kostspielig. Tut mir wirklich leid, dass ich einer so schönen Dame nicht mehr bieten kann.“ Um seine Lippen bildete sich ein warmes Lächeln. Eileen war hin und weg.
„Nein, macht gar nichts. Find es sehr schön hier.“ Sie hätte noch mehr gesagt, aber ihr blieb die Stimme weg.
Der Mann lächelte zu frieden und ging zu einem der Sessel.
„Bitte, setzen sie sich doch. Oder darf ich sie mit ihrem Vornamen ansprechen?“ Eileen kam der Aufforderung nach und setzte sich in den anderen Sessel.
„Wenn sie mögen, können sie mich nennen, wie sie wollen.“ Eileen lächelte schwärmerisch. „Das gleiche gilt natürlich auch für dich, ma cher!“
Er nahm das Weinglas und führte es langsam zu seinen Lippen. Genüsslich nippte er daran und stellte das Glas zurück.
„Möchtest du auch ein Glas?“ Eileen schüttelte den Kopf.
„Nein, danke. Ich vertrage keinen Alkohol. Ich werde so leicht dun.“ Verlegen blickte sie ins Feuer.
Der Blick des Grafen’s schweifte über ihren Körper. Eileen spürte den Blick wie eine sanfte Berührung. Genüsslich senkten sich ihre Augenlieder.
„Darf ich fragen, was eine so schöne Frau, wie du, ma cher, hier in einer so verlassenen Gegend macht. Wohl kaum, dass du deinen Urlaub freiwillig hier verbringst.“
Eileen blickte ihn an.
„Nein, meine Eltern meinten, ich sollte mich vom Stress der Großstadt erholen und mal Urlaub auf dem Land machen. Ich selbst habe nicht viel für diese Art des Urlaubs übrig. Lieber würde ich mit meinem Laptop im Net surfen.“ Ein leiser Seufzer entfuhr ihren Lippen.
Jean betrachtete die Frau abschätzend.
„Hat dir schon mal jemand gesagt, wie schön du im Schein des Feuers aussiehst, ma cher.“ Eileen blickte Jean erstaunt an. Nach nur ein paar Minuten des Kennen Lernens so viel Vertrautheit, dass ist ihr doch etwas unangenehm, oder war es nur ein Anmachspruch? Jean bemerkte die Wirkung seiner Worte und räusperte sich verlegen.
„Entschuldige, ich wollte nicht so direkt sein. Aber manchmal überkommt es mich und ich sage solche Dinge, selbst bei Leuten, die mir noch nicht all zu vertraut sind. Ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel.“ Eileen lächelte unsicher.
„Ach was, ein Kompliment hört eine Frau immer gerne.“ Jean lächelte.
Beide schwiegen und blickten ihren Gedanken nachhängend ins Feuer. Eileen gähnte leise und bemerkte, wie spät es schon geworden ist.
„Gute Nacht, ma Cher und träum schön“, rief Jean ihr hinterher, als sie in ihr Zimmer zurückging.
Eileen schlief tief und traumlos in ihrem Bett, da wurde sie von einen Klopfen an ihrer Tür geweckt. Schlaftrunken stand sie auf und schaute nach, wer geklopft hatte.
„Guten Morgen. Graf Montreal bittet sie ihm beim Dinner Gesellschaft zu leisten. Wenn sie sich bitte zu Recht machen würden.“ Der hochtrabende Diener ging ehe Eileen nachfragen konnte, was er damit gemeint hatte. Verwirrt ging sie zurück in ihr Zimmer. Müde rieb sie sich ihre Augen und ging duschen. Allmählich kehrten die Erinnerungen an die vergangene Nacht zurück.
„Wie konnte der Graf jetzt schon wieder auf den Beinen sein? Es ist doch noch früher oder nicht?“, dachte Eileen. Dabei fiel ihr Blick auf ihren Wecker. Es war bereits nach ein Uhr mittags. Erstaunt starrte sie den Wecker an.
Plötzlich dachte sie daran, dass Jean auf sie wartete. Hastig zog sie sich etwas an, kämmte sich das Haar und putzte sich die Zähne. Im Eiltempo rannte sie die Treppe runter in die Empfangshalle. Dort wartete die alte Dame schon.
„Ah! Endlich fertig? Nun kommen sie schon. Der Graf wartet.“ Die Dame führte Eileen durch eine weitere Tür einen schmalen Gang entlang. Durch einige Fenster fiel helles Sonnenlicht.
„Dann kann der Graf ja wohl kein Vampir sein!“, dachte Eileen und lächelte vergnügt.
„Aber warum will er mich unbedingt beim Essen haben?“
Die Dame öffnete eine Tür und trat ein. Eileen folgte ihr und befand sich in einen weiten Raum, in dessen Mitte eine längliche Tafel stand. An einer Seite befand sich wieder ein Kamin. Darin brannte ein Feuer. Jean stand davor und blickte in die Flammen. Als er die Dame und Eileen kommen hörte, hob er seinen Blick in die Richtung der Tür. Bei Eileens Erscheinen spielte ein kleines Lächeln um seine Lippen.
„Guten Morgen, ma Cher! Ich hoffe, du hast gut geschlafen. Verzeih mir, dass mein Angestellter dich wecken musste, aber ich wollte dich unbedingt wieder sehen.“ Jean griff nach Eileens Hand und gab ihr wieder einen Handkuss. Sie bemerkte, dass er heute sein Haar mit einer schwarzen Schleife zusammengebunden trug. Sie musste grinsen.
Er sieht noch so jung aus, trotzdem ist sein Benehmen wie aus einer anderen Welt. Die leichte Verbeugung ist Eileen nicht entgangen. Wenn er schon gesessen hätte, wäre er bestimmt sofort aufgesprungen um ihr den Stuhl zu Recht zu rücken. Dies tat er auch jetzt, als sie sich setzen wollte.
Der Tisch war reich gedeckt. Eileen konnte sich nicht vorstellen, dass alles nur für zwei Personen sein soll.
„Bitte, chérie. Bediene dich. Du kannst so viel essen, wie du möchtest. Alles ist auf Kosten des Hauses.“ Eileen blickte über das reichte Angebot und wählte die Fischfilets. Sie aß unsagbar gerne Fisch. Dazu Kartoffeln und Buttersoße, wie sie es zu Hause auch immer gegessen haben.
„Du bist eine Feinschmeckerin, ma chérie.“ Jean grinste. Eileen hatte ihn noch nie grinsen sehen, immer nur dieses höffliche Lächeln.
Sie hatte nicht gemerkt, dass die Dame gegangen war.
Verwundert sah sie sich um.
„Sind wir hier ganz allein?“
„Sicher, chérie. Nur du und ich. Ich wollte mit dir reden. Vertraute Dinge, die meinen Angestellten nichts angehen. Vielleicht ist es dir auch schon aufgefallen, dass etwas zwischen uns ist. Eine Art Verbindung. Sag nicht, dass du es nicht spürst.“ Eileen war überwältigt von dieser Vertrautheit. Sie fürchtete sich nicht. Sie war nur fasziniert von diesem Mann.
„Sag, ma Cher! Spürst du es auch oder täusche ich mich so sehr!“ Jeans Blick war flehend und traurig. Eileen spürte eine große Leere in diesem Blick und Hoffnung. Hoffnung auf…Ja, auf was hofft er? Sie wusste es nicht.
„Ich weiß um ehrlich zu sein nicht, was du meinst.“ Sie war unsicher. In ihre flammte der Wunsch auf ihm zu helfen, egal wie. Sie fühlte seine Traurigkeit, sein Einsamkeit, aber warum fühlte sie sie. Warum war sie ihm so nahe. Sie hatte das Gefühl, als würde sie ihn schon ewig kennen.
Jean ergriff ihre Hand und bettete sie in seine beiden. Sein fragender Blick wurde dringlicher, fragender.
„Chérie! Bitte sag, dass du es auch fühlst. Diese Vertrautheit. Ich weiß nicht, was es ist, aber etwas verbindet uns. Ich wusste es schon, als ich dich gestern sah, als du aus dem Taxi gestiegen bist.
Ich sah dein bezauberndes Gesicht und spürte sofort eine tiefe Zuneigung. Es wäre verwerflich, wenn ich sagte, dass ich dich liebe, auch wenn es so ist. Aber ich sage dir, ich spüre eine innige Zuneigung. Kannst du es wirklich nicht spüren?“
Eileen blickte in Jeans Augen. Sie wünschte sich, er würde auf seine Worte Taten folgen lassen. Er würde sie zu sich ziehen und seine Lippen auf ihre pressen. Sie spürte eine Zuneigung, die schon an pure Lust grenzte. Ihr Körper zitterte unmerklich und ihr Atem geriet ins Stocken. Nie hat sie so etwas zuvor empfunden.
„Ich…ich weiß nicht. Vielleicht ja. Ich bin mir nicht sicher, was ich empfinde.“
Jean senkte seinen Blick. Seine Hände glitten von ihrer und ließen sie frei. Eileen hörte, wie er tief einatmete. Er lehnte sich zurück und blickte Gedankenverloren in den Raum.
„Es war zu früh. Ich hätte dir nichts sagen sollen. Es war zu früh. Verzeih mir meine ungehaltene Art. Ich werde dich nicht weiter belästigen.“ Eileen blickte auf ihren Teller. Der Fisch lag fasst unberührt da. Ihr Appetit war verflogen. Sie hörte wie die Beine des Stuhls auf dem Fußboden endlang schabten. Ruckartig sah sie zu Jean auf. In ihr stieg ein Gefühl hoch, das nicht wollte, dass er jetzt ging. Sie wollte ihn hier bei sich haben, ganz nah.
Er wandte sich ab und verließ den Raum.
Eileen hätte ihn halten können. Sagen er soll bleiben, aber sie rührte sich nicht. Ließ ihn gehen und blieb allein und traurig zurück. Eine Weile stocherte sie noch im Fisch umher, dann ging auch sie.
Eileen hatte keine Ahnung, wo Jean sein Zimmer hatte oder ob er überhaupt in diesem Schloss wohnte. Sie ging in ihr Zimmer zurück. Aber eine Unruhe hatte sie erfasst und ließ sie im Zimmer immer wieder auf und ab gehen. Sie beschloss ihn zu suchen.
Sie ging dort hin, wo sie ihn zum ersten Mal begegnet war. Aber dort war niemand. Sie fragte sogar sie alte Dame, wo Graf Montreal sein könnte. Aber diese kümmerte sich nicht und sagte, sie hätte keine Ahnung.
Entmutig spazierte Eileen zum Schluss auf dem Platz hinter dem Schloss entlang. Dort gab es einen kleinen Stall, in dem ein schwarzer Hengst unruhig auf und ab trippelte. Eileen machte den kläglichen Versuch das Pferd zu streicheln, aber der Hengst schnaubte ablehnend.
So blieb ihr nichts anderes übrig, als zu warten bis Jean ihr noch mal über den Weg laufen würde, aber sie hatte wenig Hoffnung. Er hatte ja gesagt, dass er sie nicht weiter belästigen wollte.
„Oh Eileen! Wie konntest du ihn gehen lassen! Du dummes Mädchen!“, dachte sie über sich.
In den paar Stunden hatte sie nachgedacht. Ihre Gefühle zu Jean war mehr, als sie zugegeben hat. Sie wollte ihn bei sich haben. Immer wieder ertappte sie sich, wie sie sich vorstellte seine sanften Berührungen auf ihrer nackten Haut zu spüren. Seine Lippe auf ihren. Manchmal entfuhr ihr ein Seufzer. Einige Bedienstete sah sie schon misstrauisch an.
Die Wahrheit über Vampire
Die Dämmerung legte sich über das Schloss. Eileen war in ihr Zimmer zurückgekehrt und blickte aus ihrem Fenster. Die Sicht war aus den Hinteren Teil des Schlosses gerichtet.
Plötzlich sah sie eine Gestalt, die auf dem schwarzen Hengst ritt. Eileen strengte sich an um besser sehen zu können.
Aber das brauchte sie gar nicht. Sie wusste, dass das ihr Graf war. Wie vom Blitz getroffen lief sie durchs Schloss raus auf den Hinterhof.
Die Gestalt war noch weit entfernt, aber sie kam schnell näher. Der Hengst lief in einem wilden Galopp über die Wiesen, dass die Grassoden durch die Luft stoben.
Eileen lief dem Reiter wie vom Teufel besessen entgegen.
Ihre Schuhe waren schon nach kurzer Zeit durchnässt vom feuchten Gras, aber sie merkte es nicht. Sie wollte unbedingt zu ihrem Grafen. Zu Jean.
Ihr Atem ging ruckartig und ihr Hals brannte. Das Herz raste, aber sie stoppte ihren Lauf nicht. Nein, sie beschleunigte noch. Das Pferd rast näher heran. Der Reiter zügelte ihn nicht, sondern trieb ihn an noch schneller zu laufen. Eileen stolperte und wäre beinahe gestürzt, in letztem Augenblick fing sie sich. Ihr Atem war heftig und sie spürte starkes Stechen in der Seite.
Da waren Reiter und Eileen auf gleicher Höhe. Ehe ihr bewusste war, was geschah, saß sie vor dem Reiter auf dem Pferd. Er hatte sie im Galopp einfach rauf gehoben. Erschocken blickte sie sich um und in das Antlitz ihres Grafen. Jean sah zurück. Sein Gesicht war ausdruckslos. Eileen wusste warum. Er wartete auf ihre Entscheidung. Er würde wahrscheinlich ewig waren, aber sie wollte nicht mehr warten. Der vergangene Tag ohne Jean war eine Qual gewesen. Jetzt wollte sie ihn haben, bei sich spüren.
Sie schlang ihre Arme fest um seinen Körper und drückte sich an ihm. Ein Arm von ihm legte sich um den schlanken Körper von Eileen.
Sie konnte sein Gesicht nicht sehen, aber sie wusste, er lächelte.
Zusammen ritten sie zurück zum Schloss.
Die Nacht war angebrochen. Eileen und Jean saßen im selben Zimmer wie vorige Nacht. Sie hatte sich in einen der beiden Sessel gekuschelt und blickte ins Antlitz von ihrem Grafen.
Er war in Gedanken versunken.
„Liebster? Wo bist du mit deinen Gedanken?“
Kurz blickte er ihr in die Augen. „Ach ma cher! Ich möchte dir so viel sagen, aber ich fürchte, dass ich dich dadurch verlieren würde. Ich kann auch nicht dich fragen, ob du bei mir bleibst oder nicht. Es wäre nur gut zu verstehen, wenn du weggehen würdest und mich vergessen könntest.“ Eileen sah ihn irritiert an.
„Warum sollte ich weglaufen? Du selbst sagtest, dass eine besondere Bindung zwischen uns sei. Dann vertrau auf deine Worte und sag mir, was dich quält.“
Jean stand auf und lief im Zimmer auf und ab. Eileen ließ ihm Zeit seine Gedanken zu ordnen. Sie wartete und beobachtete ihn. Sie merkte seine feinen Bewegungen. Kaum raschelte der Stoff seiner Kleider. Da blieb er stehen und sah ihr direkt in die Augen.
„Eileen, hast du eine Ahnung wer ich bin?“ Die Frage war ernst, sehr ernst. Eileen überlegte, senkte den Blick und horchte auf ihre innere Stimme.
„Ich weiß nicht mehr von dir als bei unseren ersten Treffen. Ich kann nur meine Gefühle zu dir beschreiben. Liebster, ich fürchte nichts an dir, wenn du davor Angst hast. Egal welche dunklen oder tiefen Geheimnise du in dir verborgen halten solltest.“
Jean kam schnellen Schrittes zu ihr und drückte ihr einen dankenden Kuss auf ihre Lippen.
„Du hast keine Ahnung, wie viel du mir bedeutest, chérie!“ Eileen spürte ein angenehmes Kribbeln am Körper als seine Lippen die ihren berührten.
„Wenn ich dir so viel bedeute, dann vertrau dich mir an. Sag mir, was dich bedrückt. Bitte“
Jeans Gesicht war dem ihren so nahe. Sie blickte in seine Augen und hatte das Gefühl, als wenn sie schon hunderte von Jahren alt sind. Sein Jugendliches Aussehen und seine Augen waren ein Gegensatz. Das verwunderte sie, aber sie hatte keine Angst. Sie liebte diese dunklen, geheimnisvollen Augen. In ihr erwacht der Wunsch ihn zu küssen.
Er lächelte, als könnte er ihre Gedanken lesen.
„Ja, ma cher. Dein Gefühl trügt dich nicht. Ich bin älter, als mein Äußeres es auf den ersten Blick annehmen ließ.“ Eileen blickte ihn fragend an. „Wie ist das möglich?“
„Hast du die Gerüchte im Dorf gehört?“ In seiner Stimme spielte ein Anflug von Trauer mit.
„Ja, Liebster. Die habe ich gehört. Sie sagen, du sollst magische Fähigkeiten besitzen oder gar ein Vampir sein. Es wäre eine Erklärung für deine übermenschliche Schönheit und die Tatsache, dass du meine Gedanken lesen kannst. Aber warum kannst du dann am Tag in der Sonne gehen und Wein trinken?“
Jean schien überrascht. „Du weist, dass ich deine Gedanken lesen kann?“ Dann lächelte er. „Natürlich weist du es. Du kannst auch meine Gedanken lesen. Unsere Bindung wird stärker. Ich spüre es.“ Eileen wartete auf eine Antwort, blickte ihn immer noch erwartungsvoll an.
„Die Gerüchte stimmen, ma cher. Ich bin ein Vampir. Aber die Merkmale eines Vampirs wurde in den Jahrhunderten zu reiner Fantasie und Aberglaube. Ich bin ein lebendes Wesen. Du würdest einen Herzschlag spüren, wenn du meine Brust berühren würdest. Ich atme Luft und bin verwundbar. Der einzige Unterschied ist, dass ich bessere Sinne habe und allein Blut meinen Hunger stillen kann. Essen kann ich alles, aber satt werde ich nicht davon. Verzeih mir Liebste.“ Sein Blick flehte Eileen an. Sie stand auf.
Beide sahen sich gegenüber. Jean wartete. Zweifel und Angst standen in seinem Gesicht geschrieben. Eileen lächelte und trat näher. Ihre Körper berührten sich und Eileen schlank ihre Arme um seinen Hals, zog ihn zu sich und küsste ihn leidenschaftlich. Jean war erstaunt und beruhigt zugleich. Zögernd erwiderte er den Kuss.
Nach einer Weile trennten sich ihre Lippen voneinander.
„Eileen, meine Liebe, meine Liebste. Nie zuvor begegnete mir ein so schönes Wesen, wie du es bist. Ich habe deine Zuneigung gar nicht verdient. So viel Schlimmes tat ich in meinen Leben. Wieso belohnt mich Gott noch dafür mit so einen liebreizenden Wesen wie dich?“
Eileen zog ihn sanft zu den Sesseln und zwang ihn sich zu setzen. Sie nahm auf seinen Schoß platz.
„Erzähl mir, Liebster, wie du gelebt hast. Wie alt du wirklich bist und wie viele Frauen du vor mir hattest.“ Eileen bat ihn, aber sie wusste, dass er ihr alles erzählen würde.
„Warum willst du das wissen, meine Geliebte Eileen? Reicht dir denn nicht, dass ich mich damit quäle. Soll ich auch deine Seele mit ins Verderben ziehen?“ Gequält war sein Gesichtsausdruck. Sie küsste ihn und bat abermals. Er gab nach und überlegt.
„Ich wurde in einer Gegend geboren, die sehr einsam war. Nie kam ein Mensch dorthin. Meine Familie und mein Volk waren wenige. Alle lebten sie in dieser Gegend. Alle waren sie so wie ich, daher kannte ich nichts anderes. Ich dachte, es ist normal, dass wir von den Tieren das Blut trinken und die Geräusche der Nacht zu verstehen wussten. Ich fürchtete nie die Nacht, sie war mein Freund, schon damals.
Aber die Menschen waren schon zahlreich in der Welt, auch wenn diese Welt noch jung war. Im Süden bauten sie große Häuser für ihre Verstorbenen. Du weist was ich meine. Die Pharaonen. Die Ägypter und ihre Pyramiden. Damals waren sie das größte, das mächtigste Volk in dieser Welt. Aber ich wusste davon nichts.
Meine Welt beschränkte sich auf die Dinge, mit denen ich täglich zu tun hatte. Jagen, trinken, selten mal schlafen.
Meine Familie feierte gerne. Wir hatten aus Holz geschnitzte Instrumente. In manchen Nächten hörte man uns bis weit ins Land. Damals fingen schon die Sagen über Dämonen und Geister an. Unsere Musik wurde als böse Vorahnung gewertet. Weil niemand wusste, woher sie kam. Niemand kannte den Weg durch die Sümpfe, die unsere Heimat von der restlichen Welt trennte. Damals war ich glücklich.
Auch wenn ich das einzige Kind war. Eine Geburt war selten bei unserem Volk, deswegen war ich etwas Besonderes. Ich wurde gepflegt und verwöhnt. Bis ich erwachsen wurde.
Oft fragte ich meine Eltern, was hinter den Sümpfen lag. Aber sie sagten nichts. Meine Neugierde wuchs und mein Volk sorgte sich um mich.
Irgendwann war sie so groß, dass ich nicht mehr an mich halten konnte und ging weg. Ich verließ meine Heimat auf der Suche nach neuen, unbekannten und stieß dabei auf die Menschen. Anfangs fiel mir kein Unterschied an ihnen auf. Aber als ich das erste Mal in der Öffentlichkeit Blut trank von einen Tier, erschreckten sich die Menschen. Sie beschimpften mich und meinten ich wäre eine Kreatur des Teufels. Verängstig floh ich. Die erste Lektion war gelernt, nie wieder in der Öffentlichkeit Blut trinken. Aber ich hatte noch mehr zu lernen und bei jeder neuen Lektion musste ich fliehen. Dadurch entstanden Gerüchte über die ersten Vampire.
Mein Vorteil war, dass ich schneller und kräftiger als ein Mensch war. Ich konnte tagelang laufen ohne Erschöpfung während die Menschen schon nach Stunden aufgaben. Durch meine feinen Sinne war ich ihnen auch überlegen und mit dem Alter und den Erfahrungen entdeckte ich immer neue Seiten an mir. Zum Beispiel die Sache mit dem Gedanken lesen.
Nach Jahren hatte ich alle Tricks gelernt um als Gleichgesinnter unter ihnen zu leben. Ich war sogar so weit gegangen und begann die menschlichen Frauen zu bemerken. Nie war mir vorher in den Sinn gekommen mich mit ihnen zu paaren. Es war in meinem Volk nicht gang und gebe die Nacht mit einer Frau zu verbringen.
Aber in einer Stadt wurde mir gezeigt, wie selbstverständlich es ist. Dort standen Frauen leicht bekleidet an der Straße und verführten jeden noch so armseligen Mann. Auch mich sprach eine Frau an. Ihre Reize erregten meinen Körper auf die Maßen, aber ich war vorsichtig. Ich wusste nicht, wie mein Wesen auf eine so gefühlvolle Art reagiert.
Sie nahm mich mit zu ihrem Quartier und zeigte mir Dinge, die ich mir nie hätte träumen lassen. Das sie danach Geld wollte, war mir zwar neu oder ich empfand es als ungewöhnlich, aber ich gab ihr, was sie verlangte.
Völlig in dieser neuen Erfahrung verwickelt, verspürte ich Durst. Sie lang immer noch neben mir und zählte das Geld. An ihrem zarten Hals pochte ihre Schlagader. Ich spüre es heute wie damals, wie meine Lippen sich auf ihren Hals legten und ihren süßen Saft trank. Ich spürte ihre Gegenwehr, aber ich war im Blutrausch versunken und zwang sie zum still halten. Als ich zu mir kam, war sie tot.
Ich war entsetzt. Wie vom Teufel gejagt, floh ich aus der Stadt und schwor mir nie wieder das Bett mit einer Frau zu teilen. Aber ich stand am Anfang der Zeit und damals konnte ich das Ausmaß dieses Schwurs noch nicht ganz verstehen. Versteh mich nicht falsch. Ich wollte wirklich daran festhalten, aber die Welt ist langweilig, wenn man unsterblich ist. Die ersten Jahrhunderte überstand ich, aber dann verlockte mich die Erinnerung abermals dazu. Diesmal war ich vorsichtiger. Ich zwang mich meinen Durst zu unterdrücken.
Ich muss hierbei aber sagen. Ich mag keine Frau mehr getötet haben, aber Männer waren es viel. Es wurden unzählige Schlachten geschlagen und ich war der Gewinner jeder Schlacht, denn ich konnte mir das Blut der Verletzten und beinahe Toten holen. So erschreckend es klingt, so war ist es.
Nach so mancher Schlacht schlich ich in die Nacht hinaus auf der Suche nach noch lebenden, die auf den Feld vergessen wurden. Ihr Leben wäre meistens sowie so bald ausgehaucht. Ich verkürzte nur ihre Qual, aber trotzdem schmerzt es mich zu tiefst, dass ich so etwas tat. Verzeih mir, meine Liebste, aber ich bin ein Dämon, wie die Legenden es sagen.“
Jean verstummte, sammelte seine Gedanken. Seine Augen waren geschlossen. Er spürte Eileen auf seinen Schoß. Ihr Kopf war an seine Brust gelehnt. Ihr Herz schlug ruhig gegen seine Brust. Er spürte den Durst aufflammen, versuchte ihn zu unterdrücken. Da hörte er Eileens leise Stimme.
„Trink wenn du möchtest.“ Jean war fassungslos. Erstart blickte er auf seine Eileen nieder. Sie hob ihren Kopf und strich eine Strähne ihres lockigen Haares beiseite. Ihr Hals lag entblößt vor ihm. Ihre Schlagader pochte gleichmäßig. Jeans Durst wurde unerträglich. Er blickte weg. Versuchte der Versuchung zu widerstehen.
Eileen nahm seinen Kopf in ihre Hände und drehte sein Gesicht zu ihr. Ihre Lippen berührten sein. Erst sanft dann immer fester. Er fühlte den Durst langsam verschwinden, dafür stieg das Feuer der Leidenschaft auf. Eileens Zunge begegnete seine. Sanft rangen beide miteinander.
Ihre Arme lagen um seinen Hals. Seine um ihre Hüfte. Eileen veränderte ihre Sitzposition. Breitbeinig saß sie jetzt auf Jeans Schoß. Ihre Hüfte presste sich gegen sein. Er spürte leichte Bewegungen von ihr ausgehen. Das reizte ihn und sein Körper reagierte darauf.
Er schlang die Arme fester um ihre Taille und drückte ihren Oberkörper an seinen. Ihre Brust presste sich gegen seine. Ihr Duft stieg ihm in die Nase. Ein süßer Duft. Keine Frau zuvor trug ihn. Seine Instinkte sagten, was das bedeutete. Eileen war noch Jungfrau. Sie war in allen Dingen rein, unschuldig. Nur wegen ihm sollte es bald nicht mehr so sein? Zweifel plagten ihn aufs Neue.
Eileen spürte die Unsicherheit ihres Liebsten.
„Bitte, mach dir keine Gedanken. Ich möchte es, das sollte reichen um alle Zweifel zu beseitigen. Liebster, verwehre mir diesen Wunsch nicht.“ Jean blickte ihre in die Augen. So viel Liebe von einen so zarten, verletzlichen Geschöpf. Er konnte es nicht glauben. Sie wollte ihm ihre Unschuld schenken. Wollte mit ihm das Bett teilen. Glück, Erstaunen und unendliche Liebe durchströmten ihn. So viele verschiedene Gefühle auf einmal zu empfinden, war zu viel für ihn. Seine Augen wurden feucht und eine Träne lief sein makelloses Gesicht hinunter. Eileen küsste die Stelle, wo die Träne entlang lief. Sie wischte ihre feuchte Spur weg und schmiegte ihre Wange an seine. So verharrten beide einige Zeit.
Die Nacht schritt fort. Längst war es nach zwölf. Über Eileen legte sich die Müdigkeit. An der Brust ihres Liebsten sank sie in einen ruhigen, traumlosen Schlaf.
Der Geheimgang
Eileen erwachte in ihrem Bett. Die Vorhänge waren zugezogen. Die Sonne schien trotzdem stark ins Fenster. Schlaftrunken stand Eileen auf und ging duschen. Die Erinnerung der Nacht sickerten langsam durch und eine Traurigkeit legte sich über ihr Gemüt.
Sie wanderte im Schloss umher. Immer noch nicht wusste sie, wo ihr Graf sein Zimmer hatte. Sie wollte zu ihm.
Eileen ging einen Weg, den sie bis jetzt noch nicht bemerkt hatte. Sie folgte ihren Herzen. Sie kam an einer Tür, die sich kaum von der Wand abhob. Es gab keinen Türknauf. Sie drückte dagegen, aber nichts geschah. Aber sie wollte unbedingt dort hinein. Sie suchte nach geheimen Schaltern oder Hebeln, wie man sie immer im Fernsehen sieht. Allein ein alter Kerzenhalter an der Wand war zu sehen. Warum ist sie nicht schon vorher darauf gekommen? Sie zog daran und der Halter kippte leicht nach unten. Die Tür öffnete sich.
Dahinter war ein dunkler Gang. Nicht ein Fenster brachte Licht. Und keine Kerze war zu sehen. Eileen fürchtete sich etwas, aber sie trat in den Gang hinein. Die Tür schloss sich hinter ihr. Jetzt hatte sie richtig Angst. Die Dunkelheit schloss sie ein. Mit den Händen ertastete sie die kalte feuchte Wand und fand so langsam ihren Weg. Sie war froh, dass keine Abzweigungen zu spüren waren, sonst hätte sie sich gänzlich verlaufen.
Der Weg führte leicht bergab. Sie ging weiter und weiter. Der Boden war glatt und die Wände gemauert.
Modrige Luft ließen ihre Haare feucht werden. Plötzlich war der Boden unter ihren Füssen weg. Eileen hielt sich grade so. Vorsichtig kroch sie auf allen Vieren zu dem Loch oder was immer es war. Sie streckte den Arm in die Tiefe und stieß auf eine Steinstufe. Es war nur eine Treppe.
Nachdem sich ihr Atem beruhig hatte und der Schreck ein wenig verflogen war, stieg sie die Treppe hinab.
Sie führte immer geradeaus. Die Stufen waren gleichmäßig und sorgfältig gearbeitet. Eileen spürte einen leichten Luftzug.
Die Dunkelheit legte sich auf ihre Stimmung nieder. Sie hatte Angst und dunkle Gedanken. Ja, sogar Zweifel an der Echtheit ihrer Liebe kamen hoch. Öfter ermahnte sie sich, nicht sowas zu denken.
Die Treppe endete abrupt. Der Gang setzte sich fort. Immer noch war es stockdunkel. Nirgends war ein Licht zu sehen. Langsam wurde Eileen kalt. Sie musste tief unter der Erde sein. Und die feuchte Luft legte sich auf ihre Haut und Kleider. Sie begann zu zittern. Ihre Finger waren schon fast taub von der kalten Wand, aber sie musste weiter ihren Weg ertasten. Die Stille, die um sie herum herrschte, machte die Sache auch nicht leichter. Am liebsten hätte sie nach ihren Liebsten gerufen. Aber sie hatte Angst, dass dadurch etwas Schlimmes geschehen würde. Sie weiß nicht, wie stabil die Wände und Decke sind. Wenn sie nun einstürzen würde, während Eileen hier unten ist. Würde ihr Liebster nach ihr suchen? Natürlich würde er. Er liebte sie genauso, wie sie ihn. Eileen musste sich immer wieder Mut machen. Die Kälte nahm zu. Ein Arm hatte sie schon um ihren Körper geschlungen, der andere musste den Weg ertasten.
Plötzlich stieß sie gegen eine Wand vor ihr. Verzweifelt tastete sie die Wand ab. Nichts zu finden. Eine Sackgasse. Verzweifelt ließ sie sich auf den Boden nieder gleiten. Tränen rannen ihr über das Gesicht. Sie hatte Angst, war durchgefroren und in völliger Dunkelheit und Stille eingeschlossen. Nie zuvor hatte sie sich so elend gefühlt.
Eileen saß eine Zeit lang da und gab sich trüben Gedanken hin, als sie rechts von sich ein schwaches Licht bemerkte. Unsicher starrte sie auf den schwachen Schein. Sie streckte ihre Hand dem Licht entgegen. Sie erwartete einen Widerstand zu spüren, eine Wand oder ähnliches, aber da war nichts. Sie hatte nur die Wand vor ihr abgetastet aber nicht die Seitenwände. Der Gang machte nur eine Biegung.
Erleichtert stand sie auf und ging langsam dem Licht entgegen. Es war weiter weg, als sie gedacht hatte. Eileen wollte am liebsten laufen, dem Licht entgegen laufen, aber jedes Mal hatte sie Angst, dass wieder eine Treppe vor ihr auftauchen könnte.
Sie zwang sich ruhig weiterzugehen und das Licht im Auge zu behalten. Die Zeit verstrich und der Weg schien nicht kürzer zu werden. Die neu gewonnene Hoffnung sank in sich zusammen. Eileen ging trotzdem weiter. Allmählich wurde das Licht stärker. Wieder verspürte sie den Drang loszulaufen, abermals hielt sie sich zurück.
Endlich! Wie nach einer endlosen Reise in der Dunkelheit war sie an der Lichtquelle angekommen. Der Lichtschein kam aus einem Zimmer, wo die Tür nur angelehnt war. Vorsichtig luckte Eileen durch den Spalt der Tür. Drinnen war nichts zu sehen. Ein eigentümlicher Geruch stieg ihr in die Nase. Süßlich, metallisch. Langsam legte sie ihre Hand an das feuchte Holz der Tür und stieß sie auf.
Erst begriff sie nicht, was sie sah, aber dann kam der Ekel in ihr hoch. Sie würgte und wendete ihren Blick ab. Der Geruch verschlimmerte ihre Übelkeit und ihr wurde schwarz vor Augen. Eileen fiel bewusstlos zu Boden.
Augenblick des Glücks
Vor dem Fenster zwitscherte ein Vogel, als Eileen wieder zu sich kam. Sie lag eingehüllt in ihrer Decke im Bett. Die Sonne schien mit aller Kraft durch die dunklen Vorhänge und brachte einen Dämmrigen Zustand ins Zimmer. Eileen setzt sich benommen auf. Sie wusste nicht mehr was geschehen war.
Da klopfte es an der Zimmertür. „Ja?“ Eileen schaute zur Tür und herein kam Jean. In seinem Gesicht stand Besorgnis und Trauer. Er ging schweigend an Eileens Bett und setzte sich auf die Kante. Eileen musterte ihn fragend. „Liebster? Was hast du?“
Jean blickte in ihre Augen. „Warum? Warum musstest du dort hingehen?“
Eileen sah verwirrt zurück. „Wohin? Was ist passier? Ich kann mich an nichts erinnern.“
Jean legte seine Arme um Eileen und drückte sie sanft an sich. Sie genoss die Berührung und schmiegte ihre Wange an seine Schulter. Dabei schloss sie ihre Augen. Bilder tauchten auf. Ein dunkler Gang, eine Treppe und ein Lichtschein in weiter Ferne.
Plötzlich traf Eileen die Erinnerung wie ein Schlag in den Magen. Ihr Atme stockte und ihr Herz raste. Jean drückte sie noch fester an sich und strich ihr beruhigend übers Haar. Heiße Tränen liefen über Eileens Wange.
„Was war das für ein Raum? Was hat das zu bedeuten?“ Sie löste sich aus Jeans Umarmung und blickte ihn fragend an. Er schaute betreten zu Boden.
„Ich kann dir das nicht erklären. Es ist so kompliziert. Ich weiß nicht, ob du das verstehen kannst.“
Eileen nahm sein Gesicht in ihre Hände und zwang ihn sie anzusehen.
„Dann versuch es doch wenigstens.“ Ihre Stimme klang bittend.
Jean atmete tief ein und schloss seine Augen.
„Ich hatte dir von meinen Leben erzählt, wie ich von meiner Familie fort bin und die Welt der Menschen kennen gelernt habe. Aber nach langer Zeit wuchs in mir eine Sehnsucht nach der Heimat. Damals aber war mir ein so genannter Vampirjäger auf der Spur. Ich glaubte ihn abgeschüttelt zu haben und bin nach Hause gegangen. Leider irrte ich mich. Er war mir gefolgt und mitten in einen unserer kleinen Feste kam er zu uns und tötete meine Familie. Das Problem war, dass man uns nicht so leicht töten kann. Zwar durchbohrten sein Pfähle und Pfeile die Herzen meiner Familie, aber er konnte ihren Geist nicht …, wie soll ich sagen, befreien. Er lebt in diesen Wesen fort, die du gesehen hast. Sie trinken immer noch Blut, aber sie sind nicht mehr lebendig. Sie sind diese Geschöpfe, die die Menschen als Zombies bezeichnen.
Eigentlich sollte die Tür abgeschlossen sein. Ich selbst vergewissere mich ständig, dass es auch so ist. Aber warum sie gestern offen war? Ich kann es mir nicht erklären. Ich war nur froh, dass die Ketten sie von dir fern hielten. Weist du, wenn sie noch gelebt hätten, dann würden sie dir nichts tun, aber in ihren jetzigen Zustand weiß ich nicht, wozu sie fähig wären.“ Jean schloss die Augen und wendete sein Gesicht ab. Eileen dachte an die Wesen unterm Schloss. Sie hatte nur einen kurzen Blick erhaschen können, aber das Bild hatte sich tief in ihr Gedächtnis gebrannt. Sie legte ihre Arme um Jean, schutzsuchend aber auch schützend. „Wie lange sind sie schon so, mein Liebster?“
„Fast zweihundert Jahre. Und sie wollen nicht sterben. Lange ertrage ich das nicht mehr.“ Eileen küsste seine Wange.
„Jetzt bin ich ja da um dich auf andere Gedanken zu bringen.“ Der Anflug eines Lächelns war auf Jeans Gesicht zu sehen.
„Du bleibst bei mir? Nach allem was geschehen ist?“ Eileen setzte sich auf und schaute ihn gespielt ernst an. „Hast du etwa etwas anders erwartet?“ Er lächelte erfreut. Eileen erwiderte das Lächeln.
Eileens Blick wanderte zu den Vorhängen. „Kann ich die aufziehen?“ Jean blickte sie überrascht an. „Klar, warum nicht? Ich verbrenn schon nicht!“ Sie stand auf und zog sie auf. Die Sonne schien hell ins Zimmer, sodass Eileen erst geblendet wurde und die Augen zukneifen musste. Als sich ihre Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten, bemerkte sie, dass sie nur Unterwäsche trug. Verlegen blickte sie weg und wollte schnell wieder ins Bett zurückklettern. Jean zog ihr die Decke weg.
„Heee! Was soll das?“ Eileen war empört. Jean kam näher zu ihr. In ihr flackerte wieder das Verlangen nach ihm auf. Seine Hände auf ihrer Haut zu spüren, seine Lippen auf den ihren. In Jeans Augen konnte sie die gleiche Leidenschaft sehen. Sie packte sein Hemd und zog ihn zu sich aufs Bett. Bereitwillig ließ er es geschehen.
Jean beugte sich runter und seine Lippen berührten die von Eileen. Der Kuss war sanft, wurde wilder und die Zungen der beiden verwickelten sich in einen süßen Kampf. Eileens Finger spielten an den Knöpfen von Jeans Hemd um es öffnen. Jeans Hände hingegen wanderten über Eileens Körper. Erst über ihren Bauch runter zu ihren Po und an der Seite wieder hoch zu ihrer Brust, die sie sanft massierten. Eileen wand sich vor Lust und zog hastig das Hemd von Jeans Körper. Er entwand sich ihren Lippen und ließ seine zu ihrem Hals gleiten. Der Hauch von Gefahr ließ einen angenehmen Schauer über Eileens Haut laufen. Ihre Hände hatten die von Jean gefunden und spielten miteinander.
Sein Mund löste sich von ihren Hals und wanderte weiter runter zu ihrem Bauchnabel. Seine Zunge spielte sanft mit ihm. Eileen bäumte sich auf und seufzte vor Wonne. Ihre Arme schlangen sich um Jeans Hals und drückten ihn fester an ihren Bauch. Kurz ließ er sich auf die Umklammerung ein, dann wandte er sich raus. Seine Hände waren schon fleißig gewesen und hatten den BH geöffnet. Jetzt lag Eileens Brust unverhüllt vor ihm. Kurz betrachtete er ihre Brust. Eileen hatte ihre Augen geschlossen und wartete auf ihn. Langsam senkte sich Jeans Mund zu Eileens Brust. Bei der ersten Berührung wand sich Eileen und stöhnte. Er saugte sanft an der Brustwarze. Eileen presste seinen Kopf fester auf ihre Brust. Doch dann entwand sich Jean. Er betrachtete Eileens Körper. Ihr Venushügel wurde noch von einem Slip verborgen, dass wollte Jean ändern. Er zog ihn langsam aus. Sein Verlangen wurde stärker. Langsam nährten sich seine Lippen Eileens Venushügel.
Eileen spürte seine Lippen und abermals entfuhr ihr ein Stöhnen. Sie wollte ihn haben, in sich spüren, seinen Körper mit küssen bedecken.
Da dran Jeans Zunge in Eileens Liebeshöhle ein. Sie bäumte sich auf und konnte nicht mehr an sich halten. Sie drückte Jean mit sanfter Gewalt auf den Rücken. Wild küsste sie seinen Oberkörper und wanderte langsam dabei tiefer. Am Hosenbund angekommen öffnete sie die Hose und zog sie aus. Stürmisch zerrte sie an den Slip und zog ihn aus. Sie setzte sich auf Jean. Leidenschaftlich küsste sie ihn. Dabei umklammerten sich beide. Der Schweiß glänzte auf ihren Körper und lief in kleinen Perlen von ihrer Haut. Sie spürte, dass es bald soweit ist. Sie kostete jeden Moment aus, küsse seine Brust, seine Lippen. Wiegte ihren Körper sanft.
Ihr entfuhr ein Stöhnen als sie dieses unbeschreibliche Gefühl spürte. Jean drückte seine Eileen fest an sich. Beide genossen den Höhepunkt ihrer Leidenschaft.
Kurzen Augenblick später kuschelte sich Eileen an Jeans Brust. Er schloss sie in seine Arme ein. Eileen blickte in Jeans glänzend schwarzen Augen. Er blickte zurück. Beide lächelten.
Zurück in die Wirklichkeit
Sie träumte sagenhaft. Sämtliche Gefühle und Emotionen der letzten Zeit gaben ihr eine unglaubliche Erleichterung. Alles war leichter und schöner. Sie fühlte sich, als könnte sie schweben. Immer wieder sah sie ihn im Traum und er lächelte. Dann freute sie sich darauf, aufzuwachen und in sein Gesicht zu blicken um festzustellen, dass es gar kein Traum war. Aber diesmal war etwas anders. Sie konnte ihn hören. Er sang. Seine Stimme war anschmiegsam und sanft. Allein darin hätte sich Eileen verlieben können. Kurz öffnete sie die Augen. Er stand am Fenster. Die Vorhänge waren beiseite geschoben, sodass die Strahlen der aufgehenden Sonne ungehindert in das Zimmer kommen konnten. Die langen Haare seiner schwarzen Silhouette wiegten ruhig im Morgenwind. Doch sie interessierte im Augenblick nicht sein Aussehen, sie lauschte bloß seiner faszinierenden Stimme:
Ma chérie
Je croix, je ne sais pas
Mon cœur est réveilles
Et je senti le sang
Ma chérie
Je croix, il est amour
Ma chérie
Tu es ma vie
Mon paradis, mon amour
J’ai cherché toi
Et trouvé enfin
Ma chérie
Je croix, je t’aime
Ma chérie, cette la vérité
Ma chérie
Je croix …
Er drehte sich um und schaute sie liebevoll an. Ein glückliches Lächeln zauberte sich auf sein verschlafenes Gesicht.
„Nicht aufhören“, hauchte Eileen. „Bitte nicht!“ Er kam näher und setzte sich auf das Bett.
„Öffne die Augen, ma chérie! Ich möchte sie sehen.“ Seine Finger strichen ihr über die Schläfen und Wangen. Es war wunderschön. Sie sah ihn an.
„Guten Morgen!“, sagte er. „Er ist traumhaft, doch nichts gegen dich!“ Obwohl sie seine Worte schmeichelnd fand, sehr schmeichelnd fand, kamen sie ihr auch seltsam vor. Er klang besorgt. Auch hatte er auf einmal Fältchen in den Mundwinkeln und dunkelblaue Augenränder. Seine Haut war aschfahl und er ist dünner geworden. Die Wangenknochen stranden hervor und seine Augen lagen tiefer in den Höhlen. Als sie sich diesem Anblick richtig bewusst wurde, bekam sie Angst.
„Was ist mit dir los?“, fragte sie ihn. Er seufzte und ließ die Schultern hängen. Sein Blick klammerte sich an der Bettdecke fest. Er sah so traurig und mutlos aus, dass es Eileen schmerzte.
„Was hast du?“ Er atmete tief ein und sah ihr in die Augen. Strähnen seines Haars fielen ihm dabei ins Gesicht. Seine Augenränder waren von einem dunklen Rot umgeben. Man konnte wohl von Glück sagen, dass Eileen nicht wusste, dass es getrocknetes Blut war.
Er nahm ihre rechte Hand in die seinen. Sie waren kalt und rau.
„Ich muss dir etwas erzählen.“ Die sanfte, anschmiegsame Art seiner Worte war verschwunden. Ihr Herz schlug schneller.
„Ich möchte allerdings, dass du mir versprichst, hier im Schloss zu bleiben. Egal was geschieht. Ja?“ Sie hatte absolut keine Ahnung von was er sprach. Deswegen stimmte sie etwas voreilig zu.
„Gut. Du erinnerst dich doch sicher noch an meine... Verwandtschaft? Unten im Keller.“ Den Anblick hatte sie weites gehend verdrängt. Es gab auch keinen Grund mehr daran zu denken.
„Nun ja... sie sind nicht mehr unten im Keller!“ Ihr wurde schlecht.
„Sie sind letzte Nacht ausgebrochen. Albert und ich haben das ganze Schloss durchsucht, sie aber nicht gefunden. Das lässt leider nur einen Schluss zu: Sie sind in der Stadt!“ Eileen wurde langsam schwarz vor Augen. Ihr Kopf wurde schwerer und schwerer. Ihr Magen verkrampft sich bei dem Gedanken, diese abartigen Kreaturen in einer Fußgängerzone spazieren zu sehen.
„Eileen, Eileen, ma chérie? Ist alles in Ordnung?” Er packte sie bei den Schultern und schüttelte sie. Er tat ihr weh.
„Mir... mir geht es gut. Mach dir keine Sorgen!“, brach sie hervor. Er kam ihr näher.
„Hör’ mir zu! Sie können bei Tag nicht auf Erden wandeln. Sie müssen sich irgendwo verstecken und auf die Nacht warten. Das ist unsere Chance. Albert und ich werden sie aufspüren und wieder zurückbringen. Aber du musst hier bleiben. Agatha wird sich um dich kümmern. Hast du mich verstanden!“ Jean drohte ihr. Eileen traute ihren Ohren nicht. Aber dank seines besorgten Blicks konnte sie ihm verzeihen. Trotzdem gefiel ihr die ganze Sache nicht. Ganz und gar nicht!
„Ich möchte hier nicht bleiben. Kann ich dir denn nicht irgendwie helfen? Sind diese Kreaturen denn so gefährlich für die Menschheit? Können wir sie nicht draußen lassen?“ Er warf ihr einen vielsagenden Blick zu. Eileen war schon klar, dass man diese Wesen nicht einfach frei rumlaufen lassen darf.
„Ich bin bald wieder zurück. Sie werden kein Problem darstellen.“
„Können sie dir etwas tun?“ Jean schnaufte. Er blickte verlegen nach unten und antwortete unsicher: „Nein.“ Mehr nicht. Er stand auf und ging zur Tür.
„Für dich wird gesorgt. Hier kann dir nichts passieren. Und ich komme so schnell wie möglich zurück. Am besten du schläfst einfach durch.“ Er lächelte schwach und öffnete die Tür.
„Warte!“, rief Eileen. Er blieb stehen: „Ja?“
„Wer sind Albert und Agatha?“
„Der Butler und die Empfangsdame!“, antwortete er etwas verwirrt. Sie nickte, er verschwand.
Eileen wunderte sich über sich selbst und blieb noch lange traurig im Bett liegen. Den Blick immer zwischen Fenster und Tür hin- und herschweifend.
Der Tag verlief ziemlich ereignislos. Die Empfangsdame –Agatha, sie heißt Agatha! redete sich Eileen immer wieder ein- brachte ihr das Frühstück ans Bett und bereitete später ein köstliches Mahl her. Ansonsten war sie nicht zusehen. Aber Eileen hatte keinen Hunger und auch kein wirkliches Interesse an der alten Frau. Sie verbrachte die meiste Zeit im Bett oder am Fenster mit Blick auf die Stadt, unruhig auf ihn wartend. Die Warterei machte sie allerdings schon fast wahnsinnig. Das Fenster war geöffnet und es wurde langsam kalt. Eileen warf noch einen Blick auf die Uhr. Schon fast Abend. Sie konnte seine Rückkehr kaum noch erwarten. Leider war er schon viel zu lange weg. Nervös rieb sie sich den Arm, während der Abend kam und langsam in die Nacht überging. Dann ein Schrei.
Überleben
Die Nebelschwaden kamen näher, zogen die Schlinge um das Schloss immer enger. Sie wollten es erwürgen, es war ihnen im Weg, genauso wie jeder, der sich darin befand. Ein langer und qualvoller Tod sollte sie ereilen. Unaufhaltsam kroch der Nebel aus seinem Versteck zwischen den Bäumen hervor. Blutrünstig und erbarmungslos. Seine Krieger hatte er gewählt. Mehrere wandelnde Kreaturen torkelten mit ausgestreckten Armen aus den grauen Nebelfetzen. Sie stöhnten und riefen ab und mal etwas unverständliches.
Eileen beobachtete das Geschehen von ihrem Fenster aus. Schweißgebadet stand sie, unfähig sich zu bewegen. Ihr Atem ging schnell, ihr Herz war kurz vor einem Kollaps. Sie wollte schreien oder sonst irgendwie auf sich aufmerksam machen, doch ihre Kehle war ausgedörrt und ihre Glieder steif. Jeden Moment erwartete sie Jean, der sie aus diesem Alptraum rettete. Der sie in Sicherheit brachte, nur weit weg von diesen untoten Wesen. Seine starken Arme und das Geräusch seines ruhigen Herzschlages würden ihr schon voll und ganz ausreichen. Sie brauchte jetzt nur ihn.
„Madame!“ Eileen erschrak. Agatha stand in der Tür und winkte sie herbei. „Wir müssen gehen. Wir müssen uns verstecken bis der Herr zurückkommt!“
Wenn er zurückkommt. Eileen hatte auf einmal das furchtbare Bild ihres gescheiterten Geliebten im Kopf. Tot lag er da, nie würde sie ihn wieder sehen oder gar spüren. Er war verloren, für immer. Heiße Tränen brannten ihr in den Augen. Sie fühlte sich hilflos.
„Kommen Sie!“
Hör auf damit! mahnte Eileen sich. Das ist völliger Blödsinn! Er kommt zurück, das weißt du. Er hat bestimmt einen Plan und du musst ihm dabei helfen! Jedenfalls kannst du nicht tatenlos hier herumstehen. Wenn du dich versteckst bringt das ihm überhaupt nichts. Unternimm etwas!
Sie schüttelte den Kopf und wischte die Tränen weg. Entschlossen, und ohne einen weiteren Blick aus dem Fenster zu werfen, ging sie schnurstracks durch das Zimmer, an Agatha vorbei und in Richtung Treppe zum Erdgeschoss. „Aber nein, Madame. Das ist nicht richtig! Wir müssen nach oben.“
„Nein! Wir... ich muss ihm helfen!“ Sie rannte die Stufen hinunter bis sie im Foyer ankam. Der kleine Tresen stand verlassen im Halbdunkeln. Nur die Tür war beleuchtet. Aber das kümmerte Eileen jetzt weniger. Sie suchte nach einer Möglichkeit, die Tür zu verriegeln.
Etwas kratze von außen an dem Holz. Eileen fuhr zusammen. Dann klopfte jemand von draußen. Er klopfte öfters, stärker, schließlich hämmerten mehrere Fäuste dagegen. Eileen konnte die Tür knacken und brechen hören. Lange würde sie diesem Bombardement aus Schlägen nicht mehr standhalten. Wieder kratze etwas. Sie bekam eine Gänsehaut und die Angst legte ihre Gedanken und Pläne allmählich auf Eis. Fiebernd überlegte sie und sah sich um. Da kam auch Agatha von oben.
„Helfen Sie mir!“, forderte Eileen die ältere Dame auf. Zusammen stemmten sie sich gegen den Tresen. Mit gemeinsamer Kraft schrammten sie ihn über den Boden bis zur Tür. Erschöpft ließen sie davon ab und traten ein paar Schritte zurück.
Die Tür wackelte und bebte. Ihre Angeln waren nah der Belastbarkeitsgrenze. Es hatte so ein bisschen von ’Herr der Ringe’. Wie gern hätte Eileen jetzt ein Bogen wie Legolas gehabt um sich immerhin ein wenig zu schützen.
Verzweifelt schob sie den Gedanken beiseite, die Polizei anzurufen. Das brächte doch eh nichts. Was sollten Menschen schon gegen solche Kreaturen ausrichten. Es war hoffnungslos. Eileen konnte nur auf ein Wunder hoffen.
Prompt geschah dies auch. Das Hämmern hörte auf. Die Schläge verstummten. Die Tür stand noch. Etwas schief, aber sie war noch da. Stille trat ein. Eileen wagte es nicht, sich zu bewegen. Ihr Gespür achtete auf jeden Laut. Sie konnte ihr Glück noch nicht fassen.
„Ist es vorbei?“, fragte sie mehr zu sich selbst. Agatha neben ihr hatte aufgehört zu atmen. Besorgt sah Eileen zu der alten Frau. Ihr Gesicht war weiß und sie öffnete und schloss immer wieder stumm den Mund wie ein Fisch.
„Was ist?“ Eileen berührte Agatha am Arm. „Was haben Sie?“
„Es gibt noch einen Hintereingang.“
„Wie?“ Die neugewonnene Sicherheit brach in sich zusammen. Eileen wurde bleich und krächzte vor Angst. Sie zitterte am ganzen Körper.
„Wo?“
„In der Küche! Ganz hinten...“ Unfähig zu denken rannte sie los. Blind vor Furcht raste sie durch die Gänge und Windungen des Schlosses.
Wenn es etwas gab, das Eileen nie im Stich gelassen hatte, dann war es ihr Orientierungssinn. Solange es kein dunkler, geheimer und gruseliger Gang war, kam sie prima zurecht. Die Küche, in der sie sich schon den einen oder anderen Leckerbissen geholt hatte, fand sie daher recht zügig.
Sie war nicht sonderlich groß, Agatha kochte hier auch meist allein. Doch es gab alles was man so brauchte. Eine Omaküche, wie Eileen sie nannte. Aber dieser Raum hatte auch seine Schattenseiten. Er lag nicht weit entfernt vom versteckten Kellereingang.
Die Tür war in die hinter Wand eingelassen. Mit Schrecken musste Eileen feststellen, dass es wirklich eine ganz normale Tür war. Aus Holz, mit einem kleinen Fenster in der Mitte, einer Minigardine und Null Schutz bietend. Sie rannte in die Küche, da hörte sie das Kratzen und Stöhnen. Ihr Körper gehorchte ihr nicht mehr. Wie in Gips gegossen blieb sie stehen. Zwischen Herd und Küchentisch, als die erste verfaulte Fratze vor dem kleinen Fenster auftauchte. Das Monster drückte sich gegen die Scheibe. Sein Kopf war eine einzige graue Masse aus der gelblicher Eiter und Geifer troff. Undeutlich waren dunkle Augenhöhlen zu erkennen in denen die aufgeplatzten Augen klebten.
Eileen war kurz davor sich zu übergeben. Sie würgte und ging in die Knie. In der Bewegung nahm sie ein Messer vom Tisch und hielt es lose in der Hand.
Die Tür erzitterte unter ihren Schlägen und zerbrach letztendlich. Vier verunstaltete Wesen taumelten herein. Unfallopfer könnten nicht schlimmer aussehen, dachte Eileen als ihr Widerstand wie die Tür in tausend kleine Stücke zerbrach. Sie ließ, angesichts der Übermacht, das Messer fallen und starrte diese Höllenkreaturen nur mit weit aufgerissenen Augen an.
Die Zombies schlurften näher an sie heran. Einem fehlte der linke Arm. Ein andere hatte ein großes Loch im Bauch. Wieder ein anderer schien offenbar im Lauf zu erbrechen. Blutige Klumpen sprudelten aus ihm heraus. Die verkrümmten Finger der Untoten griffen gierig nach Eileen. Die kniete gelähmt und starrte fassungslos.
Ein starker Windzug, den Eileen nur als leichten Hauch wahrnahm, riss die Zombies von den klumpigen Füßen und schleuderte sie lauthals schreiend aus der Küche und durch den Gang.
Eileen war unendlich erleichtert als aus der ungewissen Dunkelheit von draußen, Jean unverändert in die erhellte Küche trat. Er war zornig, sehr zornig, Das konnte sie ihm ansehen, aber er war trotzdem immer noch ihr Jean.
Wütend und mit zügigem Schritt durchquerte er die Küche und verschwand in dem Gang dahinter. Er hatte Eileen nicht einmal angesehen.
Albert kam darauf, total erschöpft, ebenfalls von draußen herein. Er lud sein Jagdgewehr nach und schritt sogleich durch die Küche. Das verstörte Mädchen am Boden bedachte er mit einem schnellen Blick.
Eileen, unsicher was sie von alldem halten soll, drehte sich vorsichtig um.
Schüsse und Schreie drangen aus dem dunklen Gang. Sie hörte es sehr laut krachten. „Schließ die Tür!“, schrie Jean aus vollem Hals. Es knallte und... Stille.
Minuten gingen und kamen. Eileen saß auf dem Fliesenboden der Küche und wartete sehnsüchtig.
Dann kam er. Jean trat, auf einem Bein humpelnd, aus der Dunkelheit. Erleichtert und vor Freude fast platzend schrie Eileen, stand auf und rannte ihm entgegen. Er nahm sie in seinen Armen auf. Sie grub ihr Gesicht in seine Brust und weinte. Endlich! Befreit und Glücklich. Er hielt sie und rieb ihr den Rücken.
„Alles wird wieder gut!“, sagte er, während sie schluchzte. „Alles wird wieder gut!“
Süße Versuchung
Nachdem der erste Schrecken überwunden war, berichtete Jean von seiner Suche nach seinen ‚Verwandten’. Er hatte alle leer stehenden Häuser in der Stadt durchsucht, aber dort hatte er nichts gefunden. Erst später ist ihm ein wichtiger Gedanke eingefallen.
„Wenn ihnen ein Opfer entkommen ist, jagen sie es so lange, bis sie es haben!“ Jeans Gesicht spiegelte Furcht und Schuldgefühle wieder. Eileen nahm ihn in die Arme.
„Aber niemand weiß von ihnen. Wen sollten sie denn jagen. Allein mich haben sie gesehen und deine Bediensteten.“ Jeans Blick wurde noch trüber.
„Eben. Dich jagen sie mein Herz. Es tut mir so leid.“ Eileen sah in Jeans Augen. Sie glänzten verräterisch.
„Liebster, mach dir keine Sorgen. Solange du bei mir bist, können sie mir doch nichts tun oder?“ Jean blickte weg.
„Jean? Sie können mir nichts tun. Oder?!“ Eileen ergriff seine Hand. Jean schaute ruckartig auf. „Meine Liebste, mein Herz, mein Leben. Ich werde nie zulassen, dass sie dir etwas antun.“
„Und wo ist das ‚Aber’?“ Eileen spürte förmlich, dass Jean ihr etwas verheimlichte. Seine Augen waren mit schwarzen Schatten umrandet. Seine Haut wirkte noch bleicher, als heute morgen.
Eileen betrachtete ihren Liebsten und da wurde ihr schlagartig bewusst, was ihm fehlte.
„Liebster? Wann hast du das letzte Mal Blut getrunken?“ Jean schreckte hoch. Solche Frage hatte er nicht erwartet.
„Eileen! Warum fragst du mich sowas?“
Sie blickte ihn vorwurfsvoll an.
„Ich liebe dich. Das solltest du langsam wissen, da ist es doch verständlich, dass ich mir um dein Wohlbefinden Sorgen mache. Nun sag schon, wann hast du das letzte Mal Blut zu dir genommen?“ Jean blickte schuldbewusst weg.
Eileen stand auf und ging um den Tisch, an denen sie gesessen hatte. Sie ging zu Jean. Er beobachtete sie dabei.
Wie ein kleines Kind setzte Eileen sich auf Jeans Schoß. Wie in der zweiten Nacht ihres kennen Lernens strich sie sich ihre braunen Haare weg.
„Jean, tu mir einen Gefallen und trink. Du bist zu sehr geschwächt und brauchst unbedingt Blut. Bitte tu es!“
Eileens Stimme klang überzeugend. Jean betrachtete ihren zarten Hals. Die Ader pochte regelmäßig. Der Durst überwältigte ihn.
Jean sah gequält weg.
„Eileen! Lass das! Ich würde mich dafür hassen, dir sowas anzutun!“ Eileen seufzte.
„Ach Liebster! Wie kann ich dir nur helfen, wenn du selbst das nicht annimmst. Du musst wieder zu Kräften kommen um sie besiegen zu können.“ Jean schloss die Augen. Er spürte Eileens Blut warm auf seiner Haut. Ihr Herz schlug ruhig und gleichmäßig. Mit jedem Herzschlag steigerte sich sein Verlangen nach ihrem Blut. So süß, so verführerisch wie ihr zarter Körper in ihrer Liebesnacht. Oh! Warum musste ihn Gott so bestrafen? Er will ihr nichts tun. Sie weiß nicht mal, welche Gefahr sie sich aussetzt und trotzdem macht sie es. Welch Irrsinn!
Der Durst schlug heftig gegen seine Brust. Sein Atem stockte und sein Körper zitterte vor Anstrengung. Eileen spürte sein Leiden und blickte ihn besorgt an. Jeans Kopf war zur Seite gedreht, sein schwarzes Haar verbarg sein Gesicht. Mitfühlend wollte Eileen über seine Wange streichen, da ergriff er ihre Hand. Sie zuckte erschrocken zusammen. Mit sanfter Gewalt zwang Jean Eileen dazu aufzustehen. „Jean!...Du tust mir weh!“ Der Druck auf ihrem Arm war so stark, dass er ihn ihr beinahe gebrochen hätte.
„Verzeih mir, Liebste! Ich wollte das nicht!“ Jean stand auf und floh förmlich in die andere Ecke des Zimmers.
Verängstig und mit schulderfüllten Augen blickte Jean zu Eileen. Eileen rieb sich den schmerzenden Arm.
„Schon gut, du bist nur gestresst, wegen der Sache mit hm…deinen ‚Verwandten’. Ich kann das verstehen. Mach dir keine Gedanken darüber.“ Eileen wollte versöhnend zu Jean rüber. Aber er zuckte verschreckt zusammen.
„Bitte komm nicht näher! Ich … Es tun mir leid, aber deine Nähe ist zurzeit nicht gut für mich.“ Eileen sah ihn verwirrt an.
Sie musterte ihren Liebsten. Wie ein kleiner Junge stand er da, als wenn er etwas ausgefressen hätte. Strähnig hing sein Haar in sein Gesicht und die Augen blickten verschreckt mit dunklen Rändern in Eileens Richtung.
Er tat ihr so Leid. Egal was er sagte, sie wollte ihn in die Arme nehmen. Mit entschlossenem Schritt kam sie näher. Er drückte sich wie ein verängstigtes Tier an die Wand. Sanft berührte Eileens Hand seine Wange.
„Liebster, ich fürchte nichts an dir. Vertrau dich mir an. Bitte“
Sie legte behutsam ihre Arme um seinen Hals und zog ihn an sich.
Kraftlos ließ er es mit sich machen und erwiderte die Umarmung. Dabei stieg Eileens Geruch in seine Nase. Der Geschmack ihrer seidigen Haut kam aus seiner Erinnerung hoch. Seine Wange ruhte auf Eileens, aber langsam sank sein Kopf tiefer zu ihrem Hals.
Sie summte leise eine Melodie.
Der Durst kam so verlockend langsam und unschuldig in ihm hoch. Er spürte wie seine Zähne länger wurden.
Sanft küsste er seine Eileen unterhalb des Ohrläppchens und am Hals. Sie drückte ihn fester an sich, summte weiter ihre Melodie.
Sie merkte den Biss nicht, als er sanft seine spitzen Zähne in ihren Hals bohrte. Langsam mit Genuss trank er ihr Blut. Es war noch süßer, noch lieblicher, als er es sich vorgestellt hatte. Mit ihrem warmen Blut strömten auch neue Kräfte durch seinen jahrhundertealten Körper.
Ihre Erinnerungen waren mit ihrem Blut verbunden. Er sah sie in ihrer Kindheit. Wie sie lachte, spielte und manchmal ihre Eltern zur Weißglut bracht. Und er spürte ihre Liebe zu ihm. So tief und aufrichtig. Ihr ganzes Wesen war damit erfühlt.
Heiße Tränen liefen Jean über die Wangen und vermischten sich mit dem Blut aus den zwei kleinen Löchern an Eileens Hals.
Ganz langsam und unmerklich wurde der Druck ihrer Umarmung schwächer. Das Rauschen ihres Blutes leiser und ihr Herzschlag unregelmäßig. Jean hob seine Lippen von Eileens Hals. Zwei kleine Löcher blieben zurück, aus denen noch ein Tropfen Blut quellte.
Eileen war blas und erschöpft. Beinahe versagten ihr die Beine ihren Dienst. Mit letzter Kraft klammerte sie sich an Jean.
Tränen der Schuld flossen aus seinen Augen. Und er bereute, dass er sich dazu hat hinreißen lassen.
Behutsam wie ein zerbrechlicher Gegenstand trug Jean Eileen zu ihrem Zimmer und bettete sie sanft in ihrem Himmelbett.
Sie lächelte ihn an. Müde und erschöpft, aber sie lächelte ihn an. Das ließ noch einen Schwall Tränen aus seinen ohnehin schon geröteten Augen fliesen. „Liebste, es tut mir leid. Ich wollte nicht, dass das geschieht. Bitte verzeih mir.“
Mit der letzten Kraft hob Eileen ihre Hand und legte sie sachte auf Jeans Wange.
„Nein, Liebster. Du musst dich nicht schuldig fühlen. Ich wollte es so. Ich bin müde und werde ein wenig schlafen. Bleib bitte hier und wache über mich. Versprichst du es mir, ma Cher?“ Jean schmiegte sich dankend an ihre Hand.
„Ich werde deinen Schlaf bewachen und hier sein, wenn du erwachst. Ich liebe dich, meine Eileen. So sehr, dass es mir fast das Herz zerreißt.“ Abermals lief eine Träne aus seinem Auge.
Eileen lächelte ein letztes Mal und fiel dann in einen tiefen traumlosen Schlaf.
Erinnerungen der Vergangenheit
Jean blickte ein letztes Mal auf seine schlafende Eileen und ging leise aus dem Zimmer. Die Tür schloss er ab. Schuldgefühle quälten sein Gemüt, aber die neu gewonnene Stärke, die er aus Eileens Blut gezogen hatte, ließen ihn sein Versprechen brechen. Er musste jetzt handeln. Jetzt konnte er dieser Tragödie ein Ende bereiten.
Er hatte ihr nicht erzählt, das nur ein paar seiner ‚Verwandten’ wieder eingesperrt waren. Einige liefen noch frei rum. Diese musste er finden. Unter ihnen war Lestat. Der erste seiner Art, der älteste. Ihn musste Jean töten, aber wie? Mit dem Alter kam die Stärke und Jean war nicht mal ein fünftel so alt wie Lestat. Aber er war gestärkt und Lestat nicht.
Es sei denn er hat ein Opfer gefunden an dem er sich stärken konnte. Gott! Hilf mir ihn zu besiegen, wenn nicht wegen mir, dann wenigstens für den Engel, den du mir geschickt hast! flehte Jean stumm gen Himmel.
Er ging aus dem Schloss hinein in den Wald. Er lebte schon lange hier, daher weiß Jean, dass es viele kleine Höhlen im Wald gibt. Die nächtlichen Laute des Waldes flüsterten Jean viele Nachrichten zu. In der Ferne hörte man die Wölfe heulen. Für Menschen klang es unheimlich, für Jean war es eine Botschaft. Er war auf den richtigen Weg. Die Wölfe führten ihn zu Lestat.
Wohl hatte er auch nicht alles Eileen erzählt. Viele Dinge sind Gerüchte, was die Sage der Vampire angeht, aber eins ist wahr. Er kann sich in Tiere der Nacht verwandeln. Er wählte die Form einer Eule und flog auf leisen Schwingen durch den Wald.
Nach einiger Zeit fand er die Spur seiner ‚Verwandten’. Wieder in menschlicher Gestalt folgte er diese.
Die Spur führte ihn zu einer sehr entlegenen Höhle. Vorsichtig betrat er sie. Trauer erfüllte sein Herz, als er sah was geschehen war. Nichts war mehr von seinen ‚Verwanden’ übrig. Sie hatten sich in eine zähe Masse Schleim verwandelt. Aber nicht einfach so.
Jean roch die Spuren eines Kampfes. Lestat war der Aufrührer. Schon früher hatte er ständig was zu meckern gehabt. Jetzt hatte er seine Change bekommen.
Da fiel Jean siedenheiß ein, dass Lestat nicht hier war. Es war eine Ablenkung gewesen. EILEEN!!! Jean spurtete aus der Höhle und nahm die Form eines Falken an. So schnell wie der Wind ihn trug, flog er zurück zum Schloss.
Eileen schlief fest, aber etwas störte sie. Leichter wurde der Schlaf und Träume stellten sich ein.
Sie sah sich in herrlichen Gewändern in einen weiten Palast gehen. Ein wunderschöner Mann kam zu ihr und schloss sie in ihre Arme. ‚Meine Verlobte, warum seid ihr so traurig? Wollt ihr nicht euren Bruder leb wohl sagen? Morgen reisen wir ab zu meiner Familie!’ Eileen blickte den Mann in die Augen. Nichts empfand sie für ihn. Es war eine vertragliche Hochzeit, die sie gegen ihren Willen zwang zu heiraten.
‚Ich kann nicht leb wohl sagen, weil ich nicht gehen werde!’ Eileen entwand sich der Umarmung. Das erst so freundliche Gesicht wandelte sich in eine Fratze der Wut. Der Mann stürmte auf Eileen zu und packte sie schmerzhaft am Arm. ‚Und ob du mit mir gehen wirst! Nicht umsonst habe ich deine Familie so viel Geld hier gelassen. Du wirst den Vertrag erfüllen und meine Frau werden, ob es dir passt oder nicht!
Außerdem bezweifle ich, dass dein Vater von deinen heimlichen Treffen mit deinen Bruder so sehr begeistert sein wird. Das letzte Mal als sowas geschah, hat man beide bei lebendigen Leibe in ein Skorpionloch geworfen und sie dort verrecken lassen. Willst du das, meine Liebe?’
‚Lieber sterbe ich mit meinen Bruder zusammen, als ewig deine Sklavin zu sein!’
Eileen befreite sich aus dem Griff und rannte weg. Der Mann schrie ihr nach, aber sie hörte die Worte nicht mehr. Sie wollte nur zu ihrem Bruder, in seine Arme sinken und seine Lippen auf ihre spüren.
Durch schmale Gänge und gewundenen Gassen führte ihr Weg. Da endlich sah sie die Hütte ihres Bruders. Sie klopfte heftig bis die Tür sich öffnete.
‚Schwester Herz! Was machst du hier? Solltest du nicht mit deinen Verlobten in den Norden segeln?’
Eileen warf sich in die Arme ihres Bruders. Tränen rannen ihre übers Gesicht. ‚Liebster Bruder, ich will nicht von deiner Seite gerissen werden! Ich will bei dir sein. Bitte verstoße mich nicht!’
Der Mann zog sie sanft in die Hütte und schloss die Tür. Ein dämmriges Licht umfing die beiden.
‚liebtest Schwester Herz, du weißt, dass wir nicht zusammen sein dürfen. Sie werden uns dafür foltern und töten! Bitte geh zurück und leb ein leben ohne Schande. Ich bitte dich zu tiefst, geh zurück und entschuldige dich bei dem Herrn. Er wird gut für dich sorgen. Bitte geh!’
Obwohl er solche Worte sagte, drückte er sie fester an sich. Es war sein Verstand der diese Worte sprach, sein Herz flüsterte was anderes. Eileen blickte auf, in das Gesicht ihres Bruders, ihren Geliebten. In seinen Augen glänzten Tränen.
‚Wenn sie dich hier finden werden sie dich und mich töten!’
Eileen blickte ihn liebevoll an.
‚Das ist mir egal! Lieber sterbe ich jetzt in deinen Armen, als ewig zu leben ohne dich!’
Die tiefe Zuneigung beider ließen sie die Gefahr vergessen. Eileen küsste ihren geliebten Bruder. Sie liebte ihn wie einen Liebsten, nicht wie einen Bruder.
Wie schon häufiger in der Vergangenheit nahm sich der Bruder seine Schwester. Er erforschte ihren zarten Körper, küsste ihre sanft gerundeten Brüste und drang in ihre Liebeshöhle ein. Es war das schlimmste Vergehen, das Geschwister machen konnten, aber es war ihnen egal. Sie liebten sich.
Eileen lag unbekleidet in den Armen ihres Bruders. Sie küsste sein schönes Gesicht, seine Augenlider, seine Nasenspitze, seine Stirn. Sie spürte die sanften Hände ihres Bruders auf ihren Rücken. Wieder hatte er sie geliebt, wieder hatte sie vor Liebe, Zuneigung, Wonne und Lust geweint. Nie wollte sie einen anderen Mann bei sich spüren, in sich spüren. Nur ihren Bruder, allein ihn.
Draußen wurde es laut. Rufe von Soldaten und Palastwachen waren zu hören. Eileen setze sich auf. Ihre Bruder drücke sie an sich.
‚Gleich werden sie hier sein und dich finden. Sie werden uns töten, meine Schwester. Was machen wir jetzt?’
Eileen ging zu ihren Gewändern und zog einen kleinen verzierten Dolch hervor. Sie kniete vor ihren Bruder und reichte ihm den Dolch.
‚Liebster Bruder, lass nicht zu, dass sie mich foltern oder zwingen einen anderen Mann Gespielin zu sein. Nimm diesen Dolch und beende es jetzt. Bitte’
Erschrecken stand im Gesicht des Mannes.
‚Schwester! Wie kannst du von mir verlangen, dass ich das tue?! Nie werde ich dir ein Haar krümmen können!’
Eileen blickte ihn flehend an. ‚Bitte Bruder. Du musst es tun! Allein durch deine Hand soll mein Leben ein Ende finden. Habe keine Angst auf den Folgen, alles Schlimme wird vergehen und wir werden uns in einem anderen Leben wieder sehen. Glaub mir, vertrau mir. Wir werden uns wieder sehen und dann können wir zusammenleben, ohne dass jemand uns stört. Tu es mein Bruder! Ich flehe dich an!’
Der Mann blickte auf den Dolch. Die Geräusche von der Straße wurden lauter. Nicht mehr lange und sie sind hier. Sein Blick wandte sich wieder zu Eileen. Sie flehte ihn an, in ihren Augen lag so viel Liebe und Zuversicht, dass er hätte heulen können. Er zögerte.
Da hämmerten die Soldaten gegen die Tür. Eileen schreckte auf. Hastig zog sie sich ihre Gewänder über. Wieder hielt sie den Dolch ihrem Bruder hin. ‚Bitte’
Die Tür barste.
Eileens Verlobter trat in die Tür. Sein Gesicht war zu einer wilden Fratze des Zorns verzehrt.
‚Du Hure!!!! Dafür wirst du brennen!’ Eileen sah noch mal zu ihrem Bruder. Er sah erschrocken zu dem Mann in der Tür.
Eileen ergriff den Dolch. ‚Lieber sterbe ich jetzt und hier!’ Damit rammte sie sich den Dolch in die Brust. Star vor Schreck entglitten Eileens Verlobten die Gesichtszüge. Ihr Bruder rannte zu ihr und fing sie auf. Tränen liefen ihm wie Sturzbäche aus den Augen.
‚Warum, meine Liebst? Warum? Nein, wieso musstest du das tun? Liebste! Verlass mich nicht! Ohne dich hat mein Leben keinen Sinn! Bitte nicht!’
Mit letzter Kraft berührte Eileens Hand die Wange ihres geliebten Bruders.
‚Wir werden uns wieder sehen, versprochen, mein Liebster!’ Damit schlossen sich ihre Augen und es wurde dunkel.
Die folgenden Träume waren Bruchfetzen und ungeordnet.
Eileen sah ihren Bruder durch einen Wald rennen. Er war verwahrlost und wurde von Soldaten gejagt. An der Spitze ritt ihr Verlobter. Sein Gesicht war zu einen breiten teuflischen Grinsen verzogen. Er rief den Soldaten zu, sie sollen den Mörder nicht entkommen lassen.
Den Mörder? Weiter
Wieder eine andere Szene. Auf einen Marktplatz wird verkündet, dass die Verlobte des Prinzen hinterhältig von ihrem Bruder mit einem Dolch erstochen wurde. Jeder der dem Mann zuflucht oder essen gab, wird mit tot bestraft. Jeder der ihn fasst, wird reich belohnt.
Das Bild wechselte abermals.
In einer kleinen Höhle hockte ihr Bruder und kaute auf einer Wurzel herum. Sein Gesicht war gezeichnet von Furcht und Angst. Seine Augen huschten aufmerksam umher.
Wieder ein anderes Bild.
Ihr Bruder war auf den Marktplatz an einen Galgen gebunden. Ihr Verlobter stand daneben und lachte laut auf, als die Falltür geöffnet wurde und ihr Bruder gehängt.
Eileen erwachte schweißgebadet. Sie zitterte am ganzen Körper. Das Fenster war auf und ein kühler Wind fegte ins Zimmer. Fröstelnd stand Eileen auf und schloss das Fenster. Sie schaltete das Licht an. Jean war nicht da! Verschreckt, ängstlich und schutzlos starrte Eileen in die Luft. Tränen rannen ihr über das Gesicht. Der Traum hatte sie mitgenommen, hatte ihr die Augen geöffnet.
Sie brauchte jetzt dringend Jeans Nähe. Sie zog sich was über, dabei merkte sie, dass ihr schnell schwindlig wurde. Sie war noch sehr geschwächt. Und ein großer Durst brannte in ihrem Hals.
Sie ging zur Tür und wollte raus, aber da merkte sie, dass die Tür abgeschlossen war. Verzweiflung durchflutete ihren Körper. Wieder rannen Tränen über ihr Gesicht. Sie wollte ihr raus!
Sie suchte nach dem Schlüssel, aber fand ihn nicht. Sie hämmerte gegen die Tür. „Lasst mich hier raus! Bitte!!! Ich will hier raus!“
Nichts kam von der anderen Seite. Atemlos sackte Eileen an der Tür zusammen. Heulkrämpfe schüttelten ihren Körper.
Besucher der Vergangenheit
Plötzlich hörte sie im unteren Bereich des Schlosses lautes Gepolter. Erschrocken richtete Eileen sich auf und lauschte. Nichts mehr war zu hören. Eileen atmete erleichtert auf. Sie setzte sich aufs Bett und überlegte. Ihr Herzschlag beruhigte sich langsam und gleichzeitig senkte sich die Erschöpfung auf ihr nieder.
Sie legte sich zurück ins Bett und ruhte. Sie dämmerte dahin, teils schlafen, teils wach, als sie das Schlürfen das erste Mal hörte.
Wie von einer Tarantel gestochen war sie wach. Sie starte auf die Tür. Ein kalter Schauer lief ihr den Rücken runter. Das Schmatzen und Schlürfen kam näher. Eileens Atem stockte, Gänsehaut bildete sich. Sie zitterte wie Estenlaub. Unter der Tür quellte Schleim hervor. Eileen atmete heftig ein und aus. Von der anderen Seite wurde Druck auf die Tür ausgeübt, so dass sie langsam knackte. Kleine Holzsplitter sprangen von der Tür, welche sich immer weiter ins Zimmer rein bog.
Eileens Hals war zu geschnürt, sie konnte nicht schreien, nichts sagen, gar nichts. Stumm saß sie auf dem Bett und wartete.
Das Knacken der Tür wurde lauter und plötzlich ließen die Türangeln nach. Die Tür fiel scheppernd ins Zimmer. Der Türrahmen war mit einem einzigen riesigen Schleimklotz ausgefüllt. Dieser sank in sich zusammen und schlürfte langsam ins Zimmer.
Erst sah man die Umrisse des Kopfes, dann den Körper, die Arme und die Beine. Alles triefte vor Schleim und dickte Tropfen, der dickflüssigen Maße fielen auf den Teppich.
Das Monster richtete seinen Blick auf Eileen. Als sie die Augen sah, schrie sie auf voller Kehle. Sie schrie so laut und lange bis alle Luftreserven aufgebraucht waren. Danach wurde es nur noch ein wimmern. Ängstlich krabbelte Eileen aufs andere Ende des Bettes, bloß weit weg von diesem Etwas.
Aber das Etwas kam näher und näher. Es streckte seinen schleimigen Arm nach ihr aus und wollte Eileen berühren.
Blanke Panik ließ sie aufspringen und sie rannte an dem Monster vorbei aus dem Zimmer. Sie rannte die Treppe runter in den Empfangsraum. Dort lagen Agatha und Albert leblos am Boden. Tränen der Verzweiflung rannen Eileen über die Wange. Sie rannte weiter, raus ins frei.
Es war dunkel und Nebel hüllte das Schloss ein wie ein weißes Meer. Bei einem Schritt von Eileen wirbelte der Nebel auf und ließ einen kurzen Blick auf den Boden zu. Eileen blieb in der Mitte des Hofes stehen und blickte zurück auf die Eingangstür.
Nichts war zu sehen. Wo soll sie jetzt hin?, frage sich Eileen.
Der Schrei eines Falken erschreckte sie und ließ sie zusammen zucken.
Kurz danach tauchte Jean aus dem Schatten auf. Eileen stürzte zu ihm und drückte sich an seine Brust. Liebevoll strich er ihr übers Haar.
„Eileen, mein Schatz. Wo ist er?“
Sie blickte erschrocken zu Jean auf. Unfähig was zu sagen, zeigte sie auf die Eingangstür im Schloss. Jean blickte entschlossen hin.
„Meine Liebste, bitte hör mir jetzt zu was ich dir sage, ja? Ich werde versuchen ihn zu besiegen, aber wenn ich es nicht schaffe, bist du in großer Gefahr!
Im Hof steht mein Pferd gesattelt bereit, du wirst mit ihm fliehen. Reite so schnell wie du kannst und blicke nicht zurück. Wenn ich erfolgreich bin, werde ich dich finden. Versprochen! Aber erstmal ist wichtig, dass du fort bist, weit weg! Versprich mir, dass du das machen wirst, meine Liebste. Versprich es!“ Eileen kämpfte mit den Tränen.
„Liebster, ich muss dir was sagen, was wichtiges! Bitte schicke mich nicht fort. Es ist sehr wichtig!“ Jean schüttelte energisch den Kopf.
„Du musst gehen! Jetzt! Sofort!“ Damit stieß er Eileen von sich und ging ins Schloss. Eileen war hin und her gerissen. Sie wollte wirklich so schnell wie möglich weg, aber ihre Liebe zu Jean und der Traum ließen sie innehalten. Sie fällte einen Entschluss.
Mit dem letzten Rest Mut, den sie finden konnte, ging sie zurück ins Schloss.
Vorsichtig, zitternd schlich Eileen durchs Eingangstor. Drinnen war alles ruhig. Nicht ein Geräusch war zu hören, weder das knarren der Dielen noch das Ächzten des Daches. Die Eingangshalle war mit Schleim bedeckt. Das machte es schwer zu gehen. Man rutschte weg mit den nackten Füßen.
Plötzlich war ein wildes Fauchen und Poltern zu hören. Es kam aus obersten Stock. Eileen sah sich hektisch um. Irgendwo muss doch eine Waffe zu finden sein. Da erblickte sie durch den Türspalt im Kaminzimmer ein Schwert über den Kamin. Warum ihr das nicht schon vorher aufgefallen war?
Hastig holte sie sich das Schwert und schlich die Stufen hoch ins dritte Stockwerk. Die Stufen bogen sich unter jeden Schritt, aber sie waren lautlos. Der Schleim des Etwas hatte die Stufen durchweichen lassen.
Das Schwert zitterte in Eileens Händen.
Abermals war ein Krachen und Poltern zu hören. Das Schlagen von riesigen Flügeln folgte. Eileen stoppte kurz. Ihr ganzer Körper zitterte wie Espenlaub, aber sie zwang sich weiterzugehen. Sachte, vorsichtig ging sie weiter die Treppe hoch. Allmählich kam sie den Geräuschen näher. Sie spähte über die letzte Stufe und sah Jean vor sich. Riesige Flügel ragten aus seinen Rücken. Seine Haare flatterten wild in einen Wind. Sein Gesicht konnte Eileen nicht sehen. Nur das riesige Schleimmonster gegenüber von Jean. Es drohte ihn zu umschließen, ihn zu verschlucken. Voller Angst um ihren Liebsten, vergaß Eileen ihre eigenen Ängste.
„Jean!!!“ Sie war die letzte Stufe hochgesprungen und rannte in seine Richtung.
Er drehte sich um. Seine Augen leuchteten rot und aus seinem Mund ragten spitze, dolchartige Eckzähne. Allein der Anblick war erschreckend, aber die Wut in seinem Blick ließen Eileen schlagartig stehen bleiben.
Zwar wusste sie, dass der Zorn nicht ihr galt, aber seinen so sanften und zärtlichen Liebsten so rasend zu sehen, versetzt jeden einen Schock.
Doch die unvorhergesehene Gelegenheit nutzte das Schleimmonster aus. Es wickelte seine glitschigen Arme um Jean und presste ihn an sich. Erschrocken und fassungslos sah Eileen das mit an. Das Monster drohte Jean zu zerquetschen!
Eileen blickte kurz auf das Schwert in ihrer Hand. Wie mickrig und machtlos es aussah im Angesicht dieser verabscheuungswürdigen Kreatur!
Trotzdem umklammerten Eileens Finger den Griff des Schwertes und sie rannte auf das Monster zu.
Tränen der Verzweiflung liefen ihr über die Wange, sie spürte weder ihre Erschöpfung noch Angst um ihr eigenes Leben. Allein die Furcht Jean zu verlieren, hatte sie fest im Griff.
Jean brüllte sie solle weglaufen, abhauen, solange es noch geht. Aber Eileen hörte nicht auf ihn. Sie kam näher und näher. Mit all ihrer Kraft rammte sie das Schwert in das schleimige Monster. Es war so leicht, dass Eileen beinahe vornüber gefallen wäre. Das Schwert ging durch das Monster wie durch von der Sonne aufgeweichte Butter. Die Verzweiflung wuchs und Eileen ließ das Schwert los. Mit bloßen Händen versuchte sie den glitschigen Arm von Jean wegzuzehren. Aber er saß fest wie ein Schraubstock.
Eileen zog und zehrte stärker. Der Boden unter ihren Füssen war übersät mit dem Schleim des Monsters. Eileen rutschte aus. Mit ihrem Gesicht landete sie in der riesigen Pfütze Schleim. Er floss ihr in die Nase und den Mund. Der faulige muffige Geschmack ließ Eileen würgen. Beinahe hätte sie sich übergeben. Schnell versuchte sie wieder auf die Füße zu kommen. Sie spuckte den Schleim aus.
Überall hin das Zeug an ihr. Ihre Haare trieften davon.
Abermals blickte Eileen in die Augen des Monsters. Sein Blick begegnete ihren.
Plötzlich stand Eileen wieder in dem Schloss von ihrem Traum. Vor ihr stand ihr Verlobter. Sein Blick war wütend, bestialisch. Als würde man zwei Dias übereinander schieben legte sich die Gestalt des Schleimmonsters über die ihres Verlobten.
Die Erkenntnis traf Eileen wie ein Schlag. Dieses Monster war ihr Verlobter aus dem anderen Leben!
Wieder im Schloss schüttelte Eileen ihre Gedanken ab und versuchte wieder Jean zu befreien. Doch das Monster drückte nur umso fester zu.
„Lass ihn los! Ich werde nicht zulassen, dass du mir meine Liebe ein zweites Mal nimmst!“
Eileen hatte es aus lauter Frust, Wut und Verzweiflung geschrieen. Aber es zeigte Wirkung. Das Monster ließ locker und Jean fiel nach Atem ringend zu Boden. Sofort war Eileen neben ihn und stützte seinen Kopf. Das Monster kam auf sie zu und musterte sie ausgiebig. Und dann geschah das seltsamste was Eileen je gesehen hat. Das Monster sprach.
„Alexandra! Die Hure, die mit ihren eigenen Bruder das Bett teilte, welch Freude dich wieder zu sehen! Jetzt wirst du für dein Vergehen bestraft!“
Eileens Augen weiteten sich vor Angst. Jean hatte es soweit geschafft sich aufzustellen, aber er war noch sehr schwach. Gestützt auf Eileen wichen beide vor dem Monster zurück.
Trotz aller Angst und Furcht lag in Jeans Augen ein fragender Blick.
Aber der Zombie ließ ihm keine Zeit um Fragen zu stellen. Er schlurfte unaufhörlich auf die beiden zu. Eileen ergriff die Initiative. Sie ließ Jean kurz los und griff nach einer Wandlampe. Energisch riss sie sie aus der Wand und zehrte an dem Kabel. Die anderen Lichter flackerten. Aus den Kabelenden sprühten Funken, aber Eileen achtete nicht darauf. Sie zehrte solange an dem Kabel bis es gute einen Meter aus der Wand herausstand. Die funkenden Enden hielt sie in den Schleim. Die Funken schlugen über und ein elektrischer Stromstoß durchschoss das Monster. Eileen ergriff Jean und zog ihn die Treppe runter. Ein lauter Knall war zu hören und plötzlich gingen alle Lichter aus.
Eileen hockte im Dunkel und die Erinnerungen an ihren Aufenthalt in dem geheimen Gang erwachten von neuen. Sie konnte nichts sehen, aber sie hörte das stetige Schlürfen und Schmatzen, wenn das Schleimmonster sich fortbewegte.
„Liebste? Was hat das alles zu bedeuten?“ Jean war verwirrt. Eileen antwortete nicht, sondern zog ihn weiter in einen anderen Raum. Leise schloss sie die Tür und lauschte. Sie hoffte inständig, dass das Monster im Dunklen ebenso wenig sah wie sie.
Jean hatte sich in eine Ecke des Raumes gehockt und schnappte hörbar nach Luft. Eileen setzte sich neben ihn.
Sie zitterte am ganzen Körper. Auch ihr Atem war laut und rasselnd. Trotzdem fühlte sie sich noch energiegeladen. Leise flüsterte Jean ihr was ins Ohr.
„Was sollte die kurze Unterhaltung mit Lestat?“
Eileen zuckte bei dem Namen zusammen. „Jean, ich wollte dir es ja schon vorher sagen, aber du hast mir ja nicht zugehört. Ich hatte einen Traum. In diesem Traum war ich mit einem Mann verlobt, nicht ganz freiwillig. Es war zu einer früheren Zeit. Ich würde sogar sagen im damaligen Ägypten. Ich wurde diesem Mann versprochen und er gab dafür meiner Familie viel Geld. Aber ich liebte ihn nicht. Ich liebte meinen eigenen Bruder! Jetzt erst erkannte ich, dass du mein Bruder warst. Und dieses Monster dort draußen ist mein Verlobter!“ Jean hörte sich alles in Ruhe an.
„Aber ich hatte nie eine Schwester. Wie ist das möglich?“
„Dazu kann ich nur raten. Damals waren wir beide Menschen. Wir hatten uns geliebt. Und ich wählte den Freitot. Du wurdest von meinen Verlobten hingerichtet. Aber schon damals wusste ich, dass wir uns wieder sehen. Ich hatte dir es im festen Glauben versprochen. Und nun ist es soweit.
Ich glaube, so wie ich wiedergeboren wurde, wurdest du auch wiedergeboren, bloß als Vampir.“
Jean küsste Eileen auf die Stirn. „Deswegen konnte Lestat mich nie leiden. Ständig hat er gesagt, ich würde unheil auf unsere Familie bringen. Und so wie es aussieht, war es auch so. War er damals schon Vampir oder war er Mensch?“
„Ich glaube, er war schon Vampir.“
Die Dielen knarrten kurz. Jean und Eileen hielten den Atem an und lauschten in die Dunkelheit. Eileen begann wieder zu zittern.
Der rettende Einfall
„Er wollte dich wahrscheinlich zu seiner Gefährtin machen. Zwar hat man mir immer erzählt, dass das verboten ist in unserer Familie, aber er hielt nie viel von den Gesetzen.“
Eileen horchte auf. „Ihr könnt einen Menschen auch zu einem Vampir machen?“
Eileen spürte wie Jean seinen Kopf zur anderen Seite drehte.
„Ja, das könnten wir. Aber es wurde nicht gemacht. Nie!“
Eileen legte ihren Kopf wieder auf Jeans Brust. Leise seufzte sie. Jean strich ihr liebevoll übers Haar.
„Und wie kann man ihn jetzt töten?“ Eileen hatte die Frage einfach in den Raum gestellt.
Jean zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung.“
Eileen überlegte. Jean lauschte auf verräterische Geräusche.
„Gab es noch andere Gesetze bei euch, was man nie machen darf?“
Jean überlegte. „Ja, meine Mutter hat mir mal anvertraut, dass man niemals das eigene Blut trinken darf. Oder besser gesagt, nicht das Blut von den Verwandten. Aber sie sagte nie was dann geschehen würde.“
„Wäre das des Rätsels Lösung? Wir könnten ihn das Blut von einen Verwandten geben und er würde sterben?“
„Das hieße, er muss von meinem Blut trinken. Sonst gibt es keinen anderen Verwandten mehr. Aber wie bringen wir ihn dazu?“
Eileen überlegte. Sie konnte das Bild nicht ertragen ihren Jean zu sehen, wie er von einen schleimigen Monster ausgelutscht wird, wie eine Tomate. Es muss doch einen anderen Weg geben. Da schoss ihr was ein.
„Sag mal, hast du hier leere Spritzen irgendwo liegen?“
Jean blickte in Eileens Richtung. Sie konnte sich sein fragendes Gesicht richtig vorstellen, auch wenn sie nichts sah, außer einem schwachen Umriss.
„Er muss das Blut doch nicht freiwillig trinken, wenn wir ein paar Spritzen aufziehen und ihn das initiieren, müsste es doch auch gehen? Oder?“ Jean war erstaunt. Man konnte nicht behaupten Eileen hätte keinen Findungsgeist.
„Ja ich habe einige Spritzen, aber dazu müssen wir in mein Badezimmer.“
„Na klasse! Dann sehe ich mal endlich, wo du schläft oder wohnst.“ Jean grinste. Aber Eileen konnte es nicht sehen, aber sie spürte es.
Leise schlichen beide zur Tür. Jean blickte vorsichtig hinaus. „Nichts zu sehen. Kommt!“
Beide schlichen leise den Flur entlang. Sie mussten einige Treppen runtergehen. Im ersten Stock hielt Jean plötzlich inne.
„Er ist hier.“ Eileen zitterte wieder. Ihr Herz raste und jeder Muskel ihres Körpers war angespannt. „Was jetzt?“
„sch….“ Eileen hielt den Atem an und lauschte. Sie hörte erst nichts, aber dann ein stetiges Tropfen. Jean griff ihren Arm und zog sie in eine Nische. Eileen spürte einen Schatten, der sich um sie legte. Jean drückte sie fest an die Wand. Sein Blick war in die Finsternis gerichtet.
Kurz war ein Schlürfen zu hören, aber es kam und ging plötzlich. Einige Zeit verharrte Jean noch regungslos an der Wand, dann löste er sich und zog Eileen mit sich. Am hintersten Ende des Flures schlich Jean in ein Zimmer. Er verschloss die Tür und zündete eine Kerze an. Eileen kniff kurz die Augen zusammen.
„Komm! Das Badezimmer ist gleich hier.“ Eileen folgte ihren Liebsten. Das Badezimmer sah dem ihren sehr ähnlich. Nur gab es noch einen kleinen Schrank, aus dem Jean einige leere Spritzen holte. Er stellte die Kerze ab und gab Eileen einige von den Spritzen.
„Und meine Schöne? Kannst du damit umgehen?“ Den neckischen Unterton überhörte Eileen einfach und griff nach einer Spritze.
„Kann dir was passieren, wenn ich was falsch mache?“ Sie war doch etwas unsicher, als Jean einen Arm frei machte. „Du wirst mich schon nicht umbringen. Die Spitze in die Ader stecken und hochziehen. Ganz leicht.“ Eileen sah ihn zerknirscht an. Vorsichtig pickte Eileen die Spritze in Jeans Arm. Sie selbst hat nie Spritzen gemocht.
Nach der fünften Spritze war Eileen nicht mehr im Stande weiterzumachen. Sie wendete ihren Blick ab und setzte sich auf die geschlossene Klobrille.
„Alles in Ordnung, ma Cher?“ Eileen blickte kurz auf.
„Ja es geht schon. …Wir sollten dieses Monster endlich den Gar ausmachen!“
Jean nickte ernst. Beide gingen mit den Spritzen bewaffnet ins Schlafzimmer zurück.
Jean öffnete die Tür zum Flur und späte hinaus. Mit einem Wink deutete er Eileen, dass sie ihm folgen sollte. Die Kerze hatte sie bei sich behalten. Jean schritt mutig voraus. Am Treppenabsatz blickte er sich um.
„Lestat! Zeig dich!“ Seine Stimme war herausfordernd. Sie halte durch das ganze Schloss. Danach war Totenstille. Eileen sah sich ängstlich um. Nicht ein Geräusch war zu hören, nur ihr unruhiger Atem.
Eileen spürte einen Luftzug hinter sich. Sie drehte sich um und blickte in die Fratze von Lestat. Ihr Schrei ließ Jean sofort heraneilen. Eileen war zu Boden gestürzt und hatte ihre Spritzen fallen lassen. Sie rollten über den Boden und waren aus Eileens Reichweite.
Lestat kam näher. Sein schleimiger Körper schob sich mit einer elendsruhe über Eileen. Sie spürte das unglaubliche Gewicht, wie der Schleim sich in ihre Kleider festsetzte und alle Winkel und Nischen ausfüllt.
Jean war schnell zur Stelle und rammte die erste Spritze in Lestat’s Körper. Er zuckte kurz zusammen und machte weiter. Auch die beiden anderen Spritzen von Jean steckten schnell in seinem klitschigen Körper, aber sie zeigten keine Wirkung.
Der Zombie schob sich immer mehr über Eileen. Jean war schon bei ihr und versuchte sie raus zuziehen, aber ohne Erfolg.
Mit einer schnellen Bewegung, die keiner dem Monster zugetraut hätte, beförderte er Jean an die Wand. Jean stöhnte als ein heißer Schmerz sich durch seine Wirbelsäule zog.
Eileen versuchte indes immer noch sich von dem Schleimmonster zu befreien.
Der Kopf von diesem Wesen kam drohend zu ihr runter. Das Gesicht nahm eine fast menschliche Form an und Lestat entblößte seine Eckzähne. Eileen schrie aus voller Kehle. Ihr Arm versuchte eine der Spritzen zu greifen. Aber es fehlte ein kleines Stück. Lestat kam immer näher. Sein Gesicht schwebte schon über das von Eileen. Sie wehrte sich, versuchte ihn wegzudrücken, aber nichts konnte ihn aufhalten.
Mit entsetzen spürte Eileen die spitzen Zähne Lestat’s an ihrem Hals. Er trank gierig ihr Blut. Dazu kam noch, dass seine schleimigen Hände über ihren Körper strichen. Eileen wurde schlecht bei dem Gedanken. Von einem schleimigen Zombie vergewaltigt!
Sie warf ihrem Kopf wild hin und her. Dabei rutschte sie ein Stück weg. Jetzt konnte sie die Spritze ergreifen. Mit letzter Kraft rammte sie sie in den Hals.
Das Monster stoppte in seinem Tun. Ein gurgelndes Geräusch drang aus seiner Kehle. Er ließ von Eileens Hals ab und blickte ihr in die Augen. Ein Schwall von Eileens Blut ergoss sich in ihr Gesicht. Sie schüttelte sich heftig.
Lestat wich von ihr zurück. Der Schleim wurde flüssiger und ließ in dicken Strömen von seinem Körper. Bald war nur noch das Skelett zu sehen. Es zerfiel vor Eileens Augen zu Staub.
Entscheidung aus Liebe
Der Schrecken war vorbei. Aber Eileen fühlte sich schwach. Ihr Blick wurde trübe und eine Dunkelheit drohte sie mit sich zu reißen.
Jean war schnell zu ihr gekommen. Verzweifelt rief er Eileens Namen, aber sie hörte ihn nur noch aus einer weiten Ferne.
Kurz verschwand die Dunkelheit über ihre Gedanken, als sie Jeans Lippen auf ihren spürte. Sie liebte ihn doch. Sollte alles jetzt vorbei sein? Er würde wieder alleine sein. Nein! So durfte es nicht enden. Obwohl es gegen Eileens Grenzen ging, brach sie eine Regel.
Sie klammerte sich an Jean und presste ihren Mund an seinen Hals. Als Mensch jemanden zu beißen ist einfach unvorstellbar, aber dann noch warmes Blut zu trinken, einfach nicht zu beschreiben.
Eileen tat es. Sie trank von Jeans Blut, sah seine Erinnerungen und spürte die Kraft seines Volkes durch sich hindurchfließen.
Jean hielt sein Eileen an sich. Er spürte wie sie sein Blut trank. Es stimmte ihn traurig, dass sie das tat. Sie wusste doch nicht, was sie erwartete. Aber genauso spürte er den wahren Grund für ihr Handeln. Wenn sie es nicht tat, würde sie sterben. Zu viel hatte Lestat von ihr getrunken.
Eileen gab sich damit nicht zufrieden. Sie wollte bei ihrem Jean bleiben, deswegen ging sie diesem Schritt.
Doch trank sie viel und Jean überkam eine Schwäche. Sein Durst wurde groß. Ihm blieb nur eins zu tun. Er musste Eileens Blut trinken. Somit umklammerten sich beide in einem Blutkreislauf. Instinktiv wusste Jean, dass Eileens Blut ihn nie töten würde. Genauso wie seines ihr nichts tun würde.
Nach einer Weile ließ Jean von Eileen ab und zwang sie auch ihren Blutrausch zu stoppen. Er brachte sie in sein Zimmer. Dort bette er sie und sich zu ruhe. Die erste Nacht muss das Neugeborene durchschlafen und auch er brauchte Ruhe. In einen tiefen Schlaf, der beide wie tot scheinen ließ, erholten sie sich.
Inder darauf folgenden Nacht erwachte Eileen. Es war dunkel im Raum, aber sie sah alles. Ihr geliebter Jean lag wie ein Baby zusammengerollt neben ihr. Am liebsten hätte sie ihn geküsst, aber in ihr rief eine Stimme. Sie flüsterte so verlockend, dass Eileen ihr beinahe erlegen wäre, aber sie ahnte, dass man der Stimme nicht trauen konnte. Es war der Blutdurst, der sie lockte.
Der schleimige Geruch stieg ihr in die Nase, da merkte Eileen, dass ihr ganzer Körper noch von dieser Substanz bedeckt war. Sie ging ins Bad und ließ heißes Wasser in die Wanne laufen. Genüsslich legte sie sich ins Wasser. Es umspülte ihren neuen alten Körper herrlich. Ihr wurden die Stärke und die Leichtfüßigkeit bewusst. Ihre Sinne waren geschärft. In der Wanne konnte sie das leise Atmen ihres Liebsten hören, das Rauschen seines Blutes in den Adern. Sie sehnte sich danach von ihm berührt zu werden. Seufzend sank sie tiefer ins Wasser und schloss ihre Augen.
Jean erwachte. Sein erster Blick fiel auf die leere Stelle neben ihn. Eileen war weg! Alle Alarmglocken schrillten auf. Ob sie den Ruft des Durstes gefolgt ist? Nach kurzem Umsehen wurde ihn klar, dass Eileens Sachen am Boden liegen. Sie wird wohl kaum nackt raus gegangen sein. Da hörte er Wasser plätschern. Er ging schnell ins Bad und fand seine Eileen in der Wanne. Kleine Dampfschwaden wirbelten empor.
Lächelnd ging er auf sie zu und strich ihr kurz über die Wange.
„Guten Abend meine Liebste.“ Eileen blickte ihn an. Sein Gesicht war ebenmäßig und jung. Keine dunklen Schatten lagen mehr um seine Augen, aber sein Haar war noch mit Schleim bedeckt, genauso seine Kleider. Leise wie der Wind weht Eileens Stimmer an Jeans Ohr.
„Komm zu mir ins Wasser!“ Verträumt und im Rausch seiner Liebe zu ihr, folgte er ihre Aufforderung.
Gegenseitig wuschen sie sich. Strichen sich über die Haut. Alles langsam und genussvoll, sie besitzen die Ewigkeit. Genauso langsam und gefühlvoll trocknete sie sich ab. Eileen strich mit einen Handtuch über Jeans Haar. Eine schwarze Strähne seines feuchten Haares fiel ihm ins Gesicht.
Die alte Leidenschaft flammte in Eileen auf. Sie drückte ihren Körper an seinen und presste ihre Lippen auf sein. Ohne zögern umschlangen Jeans Arme die Hüfte seiner Eileen und hoben sie an. Sie hatte ihre Beine um seinen Körper geschlungen, damit er sie leichter tragen konnte. Sanft setzte er sie auf Bett. Sie zog ihn zu sich runter und ihre Zunge spielte mit seiner. Die lose übergeworfenen Handtücher glitten zu Boden.
In feuriger Leidenschaft bedeckte Jean Eileens Körper mit Küssen. In ihrer Erregung trank sie sein Blut und er ihres. Beide empfanden eine Ekstase der wilden Leidenschaft des unsterblichen Volkes. Und so würde es in aller Ewigkeit weitergehen.
Gemeinsam zogen sie durch die Welt, auf der Suche nach anderen wie ihnen. Ihre Seelen und ihre Gedanken waren durch ihr Blut verbunden und niemals trennten sich Jean und Eileen. Sie waren die wahrhaft Liebenden. Eine Legende.