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Befreiung

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04.02.2003
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Befreiung

Befreiung

Geht mir bloß alle aus dem Weg! Dieser Satz, diese Aufforderung prallte nun schon seit über einer viertel Stunde in Roberts Kopf von einer Schädelseite zur anderen. Er hatte gehofft, er würde sich etwas beruhigen, wenn er, statt wie sonst die U-Bahn nach Hause zu nehmen, diesmal laufen würde. Natürlich hatte er nicht bedacht, daß die Straßen in der Vorweihnachtszeit voller Menschen sein würden. Wie sie alle herumliefen, voller Eile, rücksichtslos, aggressiv.
Robert fühlte sich als würde er bei jeder noch so kleinen Berührung sofort hochgehen. Seine Haut war zum Platzen gespannt, seine Hände zu Fäusten geballt. Seinen Nackenhaare standen ab wie bei einem Hund in Kampfstellung.
Er erkannte sich nicht wieder, hatte er sich doch immer für einen friedfertigen Menschen gehalten, der keiner Fliege was zuleide tun konnte.
Am Nachmittag nach der Unterredung mit dem Chef hatte es angefangen, hatte Robert gemerkt, wie sich etwas in ihm verändert hatte. Die Kollegen hatten hinter seinem Rücken getuschelt. Hielten sie ihn wirklich für so blöd, daß er das nicht merken würde.
Sein Chef hatte ihn wie schon so oft wieder einmal ohne Grund runtergeputzt. Angeblich sei der Bericht, den er abgeliefert hatte, völlig haltlos. Im Gegensatz zu anderen Tagen war diese Art der Kritik, die vom Chef immer lautstark geäußert wurde, diesmal nicht spurlos an ihm vorüber gegangen. Er hatte sich zusammen reißen müssen, um nicht zurück zu schreien. Der Chef hätte es verdient, schließlich verging kein Tag, an dem nicht wenigstens eine Mitarbeiterin heulend aus seinem Büro kam. Robert hatte sich aber nicht so weit im Griff, daß er nicht wutentbrannt den Raum verließ und die Tür zuknallte. So hatte ihn wohl noch niemand im Büro erlebt und deshalb hatte es das Getuschel gegeben. Eine seiner Kolleginnen, die die starke Neigung hatte, alle zu nerven, war anschließend zu ihm gekommen und hatte ihn dazu bewegen wollen, sich „auszusprechen“. Das war genau das, was er in diesem Moment wollte. Diese Frau hatte ihn schon immer genervt, aber er hatte stets darüber hinweggesehen. Als sie jedoch hartnäckig weiterbohrte, hatte er sie angeschrien, sie solle sich zum Teufel scheren, er könne sie nicht ertragen. Noch nie und heute erst recht nicht. Heulend war sie abgezogen.
Für einen kurzen Moment ging es Robert besser und er machte sich an die Arbeit, den Bericht zu überarbeiten. Dabei stieg seine Wut wieder an. Was bildete sich dieser Arsch eigentlich ein? Er war zwar sein Vorgesetzter, aber gab ihm das das Recht, sich permanent wie eine offene Hose zu benehmen? Wohl kaum! Seine Tastenanschläge wurden immer heftiger. Am liebsten hätte er seinen Schreibtisch mit einem Wisch leer gefegt, hätte das ganze Büro zertrümmert. Statt dessen hatte er seine Sache zusammengepackt und war gegangen. Feierabend.
Nur leider, und das wußte er nur zu gut, würde sich zu Hause auch keine Entspannung bieten. Seit Tagen herrschte Krieg zwischen ihm und seiner Frau. Einerseits unterstellte sie ihm Seitensprünge noch und nöcher, andererseits warf sie ihm vor, er würde sie kontrollieren, ja sogar überwachen und immer nur unter Druck setzen. Es war diesbezüglich noch nie einfach mit seiner Frau gewesen, doch so schlimm wie in letzter Zeit war es wohl noch nie. Vielleicht war er aber auch nur empfindlicher geworden. Irgendwie war ihm alles zu viel.
All diese Gedanken gingen ihm auf dem Heimweg durch den Kopf und er fand keine Ruhe. Er war aufgewühlt und doch hatte er das Gefühl einer Taubheit in seinem Kopf. Immer deutlicher spürte er, daß er sich nicht mehr unter Kontrolle hatte, nicht seine Gedanken und nicht die Reaktion seines Körpers.
Ganz plötzlich waren da die Bilder in seinem Kopf. Blut, überall war Blut.
„Ey, haste mal ‚n Euro für mich?“
Der junge Mann lief die ganze Zeit weiter neben ihm her. Als Robert nicht einmal mit einer Antwort auf ihn reagierte, fing er an, ihm am Ärmel zu zupfen.
Robert verkrampfte sich, jeder einzelne Muskel war angespannt. Er wollte nicht berührt werden, von niemanden und schon gar nicht jetzt. Seine Atmung wurde schneller, seine Zähne rieben aufeinander, so daß es schon fast weh tat.
„Mann Alter, ich red mit dir. Kannst ja wohl wenigstens antworten. Du siehst nicht so aus, als wenn du wenig Kohle hättest. Willst nüscht abjehm, wa?“
„Verpiß dich und laß mich lieber in Ruhe!“, sagte Robert in einem ruhigen und doch drohendem Tonfall.
„Ich laß mir doch von einem blöden Kapitalistenschwein nicht drohen, du Arsch!“
Robert drehte sich um und verpaßte dem Mann einen gezielten Kinnhaken, so daß dieser zu Boden fiel. Immer wieder trat Robert auf den mittlerweile wehrlosen Mann ein, war nicht mehr er selber und fühlte trotzdem, wie sich der Druck von ihm löste. Er konnte nicht aufhören, wollte Blut sehen.
Beiläufig registrierte er wie jemand an seinem Arm zog und versuchte ihn wegzuziehen. Wutschnaubend drehte sich Robert um und schlug zu. Einmal, noch einmal, immer wieder. Er war wie im Rausch. Seine Hand schmerzte und er fühlte etwas warmes Feuchtes auf ihr. Mit der einen Hand hielt er die Person vor ihm fest, mit der anderen schlug er unerbarmlich zu. Daß er eine Frau schlug, registrierte er nur am Rande und es war ihm völlig egal. Schon seit einiger Zeit kamen keine Abwehrreaktionen mehr und irgendwann ließ er sie fallen. Die Frau schlug so hart mit dem Kopf auf dem Gehweg auf, daß ein lauter Knall zu hören war. Trotzdem trat Robert ihr noch einmal mir voller Gewalt in die Seite und ging dann blutverschmiert, wie er war, auf sein Haus zu, das nur noch wenige Minuten entfernt war.
Noch neben sich stehend schloß er die Haustür auf und rief nach seiner Frau. Als keine Anwort kam, schoß plötzlich das Bild der Frau in seinen Kopf, die er gerade zusammengeschlagen hatte. Er hatte diese Frau gekannt.
Noch wußte Robert nicht, daß er diese Frau, seine Frau gerade getötet hatte.

 

Hallo Existence,

vielen Dank zunächst einmal für Deinen Kommentar.
Bevor ich jedoch einiges ändere, möchte ich gerne noch eventuelle andere Kommentare abwarten. Ich kann Dir nämlich nur bedingt zustimmen, was aber durchaus daran liegen kann, daß meine Sicht als Verfasser der Geschichte vielleicht etwas eingeschränkt, bzw. einseitig ist. :-)
Ich glaubte, gerade dadurch, daß ich eben nicht die ganze Lebensgeschichte des Protagonisten aufzeige, wird deutlich, daß es einfach eine Kurzschlußhandlung ist. Er ist einfach ausgetickt, weil er nicht mehr konnte.
Ist vielleicht nicht ausführlich genug beschrieben, wie stark sich die Aggressivität in seinem Körper ausbreitet und er spürt, daß er nichts dagegen machen kann?
Ich wollte auch nicht unbedingt, ein psychologisches Profil erarbeiten, sondern vielmehr die Gefühle darstellen. Zeigen, daß derartige Gefühle nicht unbedingt so abartig sind, wie man meint, sondern, daß man selber vielleicht ähnliche Empfindungen auch schon mal hatte.
Über die Sache mit dem Mord kann man sich sicherlich streiten. Sicher würde es genügen, wenn er einfach nur wild um sich schlägt, mag sein. Denk ich drüber nach. Aber woher wußtest du, daß es seine eigene Frau war, die er erschlagen hat? War das wirklich soooo offensichtlich? Das hätte doch irgendeine Passantin sein können, oder nicht?
Und dann bleibt zum Schluß noch die Frage, wohin gehört die Geschichte Deiner Meinung nach?
Vielleicht hast Du ja noch ein paar Tips für mich. Ich bin ja lernwillig... :-)

Also dann
Gehabt Euch wohl...
B.

 

Mein Herr,

ich danke Euch ein weiteres Mal für Euren Kommentar und werde sehen, wie ich mit Hilfe des Lichtes, das mich begleiten möge, eine für alle, vor allem jedoch für mich, zufriedenstellende Lösung finden kann. :-) Ich werde Euch vom Resultat berichten, so Ihr dieses wünscht.

Ich wünsche Euch ein schönes Wochenende.
Gehabt Euch wohl...
B.

 

Hallo die Magd!
Ich fand deine Geschichte wirklich interessant,
ich fand es toll, wie du beschreibst, wie ein Mensch zu einem Mordgedanken, und schließlich zum Mord selber kommt. Mir gefallen nach wie vor deine Geschichten aus der Rubrik "Gesellschaft" am Besten.
Taslum :)

 

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