Befreiung
Befreiung
Geht mir bloß alle aus dem Weg! Dieser Satz, diese Aufforderung prallte nun schon seit über einer viertel Stunde in Roberts Kopf von einer Schädelseite zur anderen. Er hatte gehofft, er würde sich etwas beruhigen, wenn er, statt wie sonst die U-Bahn nach Hause zu nehmen, diesmal laufen würde. Natürlich hatte er nicht bedacht, daß die Straßen in der Vorweihnachtszeit voller Menschen sein würden. Wie sie alle herumliefen, voller Eile, rücksichtslos, aggressiv.
Robert fühlte sich als würde er bei jeder noch so kleinen Berührung sofort hochgehen. Seine Haut war zum Platzen gespannt, seine Hände zu Fäusten geballt. Seinen Nackenhaare standen ab wie bei einem Hund in Kampfstellung.
Er erkannte sich nicht wieder, hatte er sich doch immer für einen friedfertigen Menschen gehalten, der keiner Fliege was zuleide tun konnte.
Am Nachmittag nach der Unterredung mit dem Chef hatte es angefangen, hatte Robert gemerkt, wie sich etwas in ihm verändert hatte. Die Kollegen hatten hinter seinem Rücken getuschelt. Hielten sie ihn wirklich für so blöd, daß er das nicht merken würde.
Sein Chef hatte ihn wie schon so oft wieder einmal ohne Grund runtergeputzt. Angeblich sei der Bericht, den er abgeliefert hatte, völlig haltlos. Im Gegensatz zu anderen Tagen war diese Art der Kritik, die vom Chef immer lautstark geäußert wurde, diesmal nicht spurlos an ihm vorüber gegangen. Er hatte sich zusammen reißen müssen, um nicht zurück zu schreien. Der Chef hätte es verdient, schließlich verging kein Tag, an dem nicht wenigstens eine Mitarbeiterin heulend aus seinem Büro kam. Robert hatte sich aber nicht so weit im Griff, daß er nicht wutentbrannt den Raum verließ und die Tür zuknallte. So hatte ihn wohl noch niemand im Büro erlebt und deshalb hatte es das Getuschel gegeben. Eine seiner Kolleginnen, die die starke Neigung hatte, alle zu nerven, war anschließend zu ihm gekommen und hatte ihn dazu bewegen wollen, sich „auszusprechen“. Das war genau das, was er in diesem Moment wollte. Diese Frau hatte ihn schon immer genervt, aber er hatte stets darüber hinweggesehen. Als sie jedoch hartnäckig weiterbohrte, hatte er sie angeschrien, sie solle sich zum Teufel scheren, er könne sie nicht ertragen. Noch nie und heute erst recht nicht. Heulend war sie abgezogen.
Für einen kurzen Moment ging es Robert besser und er machte sich an die Arbeit, den Bericht zu überarbeiten. Dabei stieg seine Wut wieder an. Was bildete sich dieser Arsch eigentlich ein? Er war zwar sein Vorgesetzter, aber gab ihm das das Recht, sich permanent wie eine offene Hose zu benehmen? Wohl kaum! Seine Tastenanschläge wurden immer heftiger. Am liebsten hätte er seinen Schreibtisch mit einem Wisch leer gefegt, hätte das ganze Büro zertrümmert. Statt dessen hatte er seine Sache zusammengepackt und war gegangen. Feierabend.
Nur leider, und das wußte er nur zu gut, würde sich zu Hause auch keine Entspannung bieten. Seit Tagen herrschte Krieg zwischen ihm und seiner Frau. Einerseits unterstellte sie ihm Seitensprünge noch und nöcher, andererseits warf sie ihm vor, er würde sie kontrollieren, ja sogar überwachen und immer nur unter Druck setzen. Es war diesbezüglich noch nie einfach mit seiner Frau gewesen, doch so schlimm wie in letzter Zeit war es wohl noch nie. Vielleicht war er aber auch nur empfindlicher geworden. Irgendwie war ihm alles zu viel.
All diese Gedanken gingen ihm auf dem Heimweg durch den Kopf und er fand keine Ruhe. Er war aufgewühlt und doch hatte er das Gefühl einer Taubheit in seinem Kopf. Immer deutlicher spürte er, daß er sich nicht mehr unter Kontrolle hatte, nicht seine Gedanken und nicht die Reaktion seines Körpers.
Ganz plötzlich waren da die Bilder in seinem Kopf. Blut, überall war Blut.
„Ey, haste mal ‚n Euro für mich?“
Der junge Mann lief die ganze Zeit weiter neben ihm her. Als Robert nicht einmal mit einer Antwort auf ihn reagierte, fing er an, ihm am Ärmel zu zupfen.
Robert verkrampfte sich, jeder einzelne Muskel war angespannt. Er wollte nicht berührt werden, von niemanden und schon gar nicht jetzt. Seine Atmung wurde schneller, seine Zähne rieben aufeinander, so daß es schon fast weh tat.
„Mann Alter, ich red mit dir. Kannst ja wohl wenigstens antworten. Du siehst nicht so aus, als wenn du wenig Kohle hättest. Willst nüscht abjehm, wa?“
„Verpiß dich und laß mich lieber in Ruhe!“, sagte Robert in einem ruhigen und doch drohendem Tonfall.
„Ich laß mir doch von einem blöden Kapitalistenschwein nicht drohen, du Arsch!“
Robert drehte sich um und verpaßte dem Mann einen gezielten Kinnhaken, so daß dieser zu Boden fiel. Immer wieder trat Robert auf den mittlerweile wehrlosen Mann ein, war nicht mehr er selber und fühlte trotzdem, wie sich der Druck von ihm löste. Er konnte nicht aufhören, wollte Blut sehen.
Beiläufig registrierte er wie jemand an seinem Arm zog und versuchte ihn wegzuziehen. Wutschnaubend drehte sich Robert um und schlug zu. Einmal, noch einmal, immer wieder. Er war wie im Rausch. Seine Hand schmerzte und er fühlte etwas warmes Feuchtes auf ihr. Mit der einen Hand hielt er die Person vor ihm fest, mit der anderen schlug er unerbarmlich zu. Daß er eine Frau schlug, registrierte er nur am Rande und es war ihm völlig egal. Schon seit einiger Zeit kamen keine Abwehrreaktionen mehr und irgendwann ließ er sie fallen. Die Frau schlug so hart mit dem Kopf auf dem Gehweg auf, daß ein lauter Knall zu hören war. Trotzdem trat Robert ihr noch einmal mir voller Gewalt in die Seite und ging dann blutverschmiert, wie er war, auf sein Haus zu, das nur noch wenige Minuten entfernt war.
Noch neben sich stehend schloß er die Haustür auf und rief nach seiner Frau. Als keine Anwort kam, schoß plötzlich das Bild der Frau in seinen Kopf, die er gerade zusammengeschlagen hatte. Er hatte diese Frau gekannt.
Noch wußte Robert nicht, daß er diese Frau, seine Frau gerade getötet hatte.