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Ansichtssachen

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08.05.2003
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Ansichtssachen

Der Mann auf der belebten Einkaufsstrasse hat mindestens 50 Pfund Übergewicht und der stoppelige Dreitagebart kann sein Doppelkinn nicht verbergen. Sein hellgraues Hemd spannt sich über dem Bauch. Die kurzen Ärmel geben den Blick auf seine dicht beharrten Unterarme frei. Seine ausgeblichene Jeans ist am Gesäß etwas zu weit nach unten gerutscht und droht den Kontakt zum Hemd zu verlieren. Weiter unten sind die Säume ausgefranst. Die Sohlen seiner schwarzen Halbschuhe sind an den Aussenkanten abgelaufen.

Er trägt Plastiktüten mit dem Logo verschiedener Kaufhäuser und Boutiquen. Es ist heiß heute, Schweißperlen glänzen auf seinem Gesicht und rinnen den Nacken hinunter. Die Nickelbrille auf seiner feuchten Nase gerät ins Rutschen. Mit einer unbewussten Bewegung schiebt er sie mit dem Daumen der rechten Hand nach oben. Die Einkaufstüten schlagen dabei gegen seinen Bauch. Die Bewegung des Armes gibt den Blick auf einen dunklen Schweißfleck in seiner Achselhöhle frei.

Das rötlichblonde Haar ist so kurz geschnitten, dass man eine verschorfte Wunde in der Form eines kleinen Halbmondes auf seiner Kopfhaut sehen kann. Aknenarben ziehen sich vom Gesicht bis in den Nacken und verschwinden im Kragen.

Gelegentlich fährt er sich mit der Zunge über die Lippen. Sein Oberkörper ist leicht nach vorne gebeugt, als würde ihn das Gewicht der Plastiktüten nach unten ziehen. Er achtet nicht auf die entgegenkommenden Passanten und weicht niemals aus. Sein Gang wirkt schleppend und müde.

In seinem Nacken wächst ein einzelnes dunkles, langes Haar.

Ich nähere mich ihm von hinten und reiße das Haar mit einem kräftigen Ruck aus. Er dreht sich um und sieht mich fragend an. „Schatz, lass uns nach Hause gehen“, sage ich zu ihm. Er grinst mich an, dann nickt er. Ich mag dieses Grinsen in seinem offenen, ehrlichen Gesicht. Ich liebe ihn so sehr.

 

Hallo Wurfaffe!

Deine Geschichte hat mir sehr gut gefallen! :thumbsup:
Man liest die Beschreibung des Mannes, ist sogar ein bisschen angewidert; er ist ja kein Adonis ;), und dann das Ende...
Viel mehr kann ich nicht sagen, es ist einfach eine perfekte, kleine Geschichte mit gelungener Pointe.
Nur vielleicht etwas mehr zum Charakter des Mannes hätte ich mir gewünscht, ist aber nicht nötig.

Mfg
xka

 

Hallo xkaxre!

Danke für Dein Lob. :)

Ich war mir schon nicht mehr ganz sicher, ob der Leser das hineinliest, was ich zum Ausdruck bringen wollte.

Tja, der Charakter! Es war eigentlich mein ursprünglicher Wunsch, daß am Ende mehr über den Charakter rauskommt. Positiv, im Gegensatz zum Äußeren (genau! Kein Adonis!). Der erste Teil, die Beschreibung des Äußeren, mußte frei bleiben von Bewertungen. Der Leser sollte ja nicht beeinflußt werden. Am Ende passte es dann irgenwie nicht mehr rein. Da ist jemand, der ihn so liebt, wie er ist. So bleibt natürlich Platz für Spekulationen.

Gruß
Silke

 
Zuletzt bearbeitet:

Nabend...

Sehr schön formuliert finde ich den ersten teil; das ist ja eine hunderprozentig exakte Beschreibung, detailreich und klar, aber doch lesbar.

Die Geschichte hatte auch eine deutliche Wirkung auf mich; ich habe gerade eben (vor dem Lesen dieser) eine in dieser Hinsicht eher klischeehafte Geschichte gelesen, in der ein äußerlich negativ charakterisierter Typ (fett, schweißig) auch tatsächlich ein Arsch ist (erniedrigt eine Prostituierte) und wartete jetzt beim Lesen die ganze Zeit darauf, dass der Typ eine Frau schlägt oder ein Kind missbraucht oder zumindest klaut.
Beim Ende, bei der Pointe, fühlte ich mich dann ziemlich ertappt...

Das ist ja anscheinend nicht deine Aussageabsuicht gewesen- aber mich hat der Text mal wieder über meine und die allgemeine Oberflächlichkeit nachdenken lassen.

Kl. Fehlerchen:
"Das rötlichblonde Haar ist so kurz geschnitten, dass man eine verschorfte Wunde(KEIN KOMMA) in der Form eines kleinen Halbmondes auf seiner Kopfhaut sehen kann."

Jona

 

Die Beschreibung des Mannes ist herrlich anwidernd, die Pointe am Schluß frappierend.
Ich habe auch gedacht, der Kerl macht irgendwas Fieses oder ist zumindest der Welt entrückt und deshalb verwahrlost.
Weiß nicht, ob das eine wahre Geschichte ist, aber es ist zumindest eine extrem positive, die mich mit einem guten Gefühl zurückgelassen hat.

r

 

Hallo Wurfaffe,

ich kann mich dem Lob nur anschließen; die Geschichte ist sehr gut! Ist Dir wirklich gelungen! Ich hab auch wieder daran gedacht, daß es auf "hässlicher Typ - hässlicher Charakter" hinausläuft, wurde aber angenehm positiv überrascht!

Wirklich gut! :)

Griasle,
stephy

 

Ich weiß nicht, warum alle bei einer solchen Beschreibung eines Menschen immer gleich einen negativen Charakter vermuten. Aber wahrscheinlich hängt das damit zusammen, dass ich da andere Erfahrungen gemacht habe. Ich jedenfalls assoziiere (schreibt man das überhaupt so?) mit einer solchen Person eigentlich immer eine lustige Natur, die sehr nett und selbstbewusst (weswegen er den Passanten vielleicht auch nicht ausweicht) sein kann...
Also, ich finde die Geschichte sehr schön. Man fühlt sich gleich viel besser irgendwie. Die Liebe braucht halt keinen Adonis (*tropf*)...

 

Sorry, für die späte Antwort, ich war im Urlaub. :D

Hi Jona, relysium, stephy!

Danke für´s Lob! Ich wollte den Leser bewußt in die Irre führen und ich denke, ich wäre selbst darauf reingefallen, ehrlich! Es ist schwierig, sich mit einem Urteil zurück zu halten, bevor man jemanden wirklich kennen gelernt hat.

Hallo Yva!

Ja, die Liebe braucht keinen Adonis.
Du hast auch einen Charakter in die Beschreibung "hineingelesen", nur positiver als andere Leser. Das Äußere kann uns nichts darüber sagen, wie liebenswert ein Mensch ist. Aber wir versuchen meist unbewußt, andere Menschen in Schubladen einzuordnen, auch wenn wir sie nicht kennen. Dann haben wir nur das Äußere als Anhaltspunkt.

Gruß
Silke

 

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