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Annemaries Tagebuch

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11.09.2001
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Annemaries Tagebuch

Liebes Tagebuch,

heute ist ein schöner Sonntag und ich war selten so glücklich wie heute. Warum fragst du dich? Ich werde dir die ganze Geschichte erzählen:

Ich lernte vor einigen Wochen einen Jungen, Thomas, im Internet kennen. Wir haben gechattet, Fotos getauscht und telefoniert. Er sieht wirklich gut aus und ist sehr nett. Gestern haben wir uns endlich zum ersten Mal getroffen. Papa und Günther waren nicht zuhause, also machte ich mich zu Fuß auf den Weg zum Bahnhof um Thomas abzuholen.
Gespannt wartete ich beinahe eine halbe Stunde, denn der Zug hatte Verspätung. Ich war sehr nervös und hoffte, dass wir uns sofort von den Fotos her wiedererkennen würden.
Als er dann die Treppe vom Bahnsteig herunterkam, habe ich ihn sofort erkannt. Er sah genauso aus wie auf den Fotos. Groß, schlank, sportlich und seine mittellangen blonden Haare passten perfekt zu ihm.
Wir begrüßten uns erst ein wenig schüchtern, dann umarmte er mich plötzlich. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, aber ich fand es toll.
Wir machten uns dann auf den Weg zu mir nach Hause und gingen unterwegs durch den Wald, um einige Pilze zu sammeln. Ich erklärte Thomas, woran man erkennt, ob ein Pilz essbar war oder nicht, und schließlich gingen wir mit einer kleinen Plastiktüte voll verschiedener Pilze weiter zu mir nach Hause.
Papa und Günther waren noch unterwegs, und so hatten wir das Haus erst einmal für uns alleine. Wir unterhielten uns, lachten viel und bekamen langsam Hunger. Also gingen wir in die Küche, und ich holte ein paar Frikadellen aus dem Kühlschrank.
"Ähm, du weißt, dass ich Vegetarier bin, Annemarie?"
Spontan wurde ich knallrot im Gesicht. Natürlich war er Vegetarier, schließlich hatten wir schon mehrmals im Chat und am Telefon darüber gesprochen. Schnell improvisierte ich und holte die Pilze aus dem Flur, die wir vorher gesammelt hatten.
Während ich die Frikadellen für mich zur Seite legte, machte ich für Thomas eine große Pfanne geschmorte Pilze mit Sahnesauce. Er half mir dabei und seine Nähe während des Kochens direkt neben mir zu spüren machte mich nervös und glücklich zugleich.
Wir aßen und gingen dann ins Wohnzimmer, setzten uns vor den Fernseher und überlegten, ob wir uns gemeinsam eine DVD anschauen sollten. Ich durchstöberte das Regal und fand auch etwas.
"Kennst du die Band P.U.R.?" fragte ich.
"Pur?" antwortete Thomas.
"Nein, P.U.R., das ist eine Rockband", erkärte ich "meine Lieblingsband" fügte ich lächelnd hinzu. Ich nahm die DVD aus dem Regal, legte sie in den Player und drückte auf Start.

Nach dem kurzen Intro betrat die Band um Sänger Ingo die Bühne und das Publikum jubelte begeistert. Ingo trug einen gelben Rollkragenpullover, eine hellbraune Lederkrawatte, eine kurze enge Jeanshose und seine schwarze Gitarre mit Eimermotiv.
"Wir sind P.U.R.!" rief er in die Menge, die noch lauter jubelte. "Ihr wisst, was das heißt?"
Die Menge antwortete mit einem lauten "Jaaa!". Viele trugen Regenjacken oder spannten einen Schirm auf. Ein paar wenige drängten sich weiter nach vorne, öffneten weit den Mund und schlossen dabei die Augen.
Dann öffnete Ingo den Reißverschluss seiner kurzen Jeanshose und schiffte erst einmal kräftig ins Publikum.
"Wir sind Pissen und Rocken!" rief er dabei und die Menge grölte noch lauter. Dann nahm die Band ihre Instrumente und begann zu spielen. Sie spielten neben vielen neuen Songs auch einige Klassiker wie "Nasenharald" oder "Hüttenflunder auf Jamaika".

Thomas sah mich an und grinste dabei.
"Da möchte ich aber nicht in der ersten Reihe stehen." sagte er. "Du etwa?"
Auch ich grinste, sagte aber nichts.
Wir schauten uns das Konzert bis zum Schluss an, dann kamen Papa und Günther mit dem Hund nach Hause. Ich stellte Thomas meinen Vater und meinen kleinen Bruder vor und sie verstanden sich sofort super.
Thomas und Papa unterhielten sich über aktuelle Bundesligaergebnisse und mein fünfjähriger Bruder rannte mit Generealoberst Manfred von Dackelstolz, unserem süßen kleinen Dackelchen, durch das Wohnzimmer und spielte Flugzeug.

Am Nachmittag schien die Sonne und ich ging mit Thomas und Generaloberst Manfred von Dackelstolz in den Park. Wir setzten uns auf eine Parkbank, unterhielten uns und Thomas schaute mich immer wieder mit seinen schönen braunen Augen an.
Schließlich näherten sich unsere Lippen und berührten sich. Feuer und Eis gleichzeitig, anders kann ich es nicht beschreiben. Es war einfach nur schön. Ich weiß nicht, wie lang wir uns küssten, aber schließlich wurden wir durch mahnendes Kläffen unterbrochen. Generaloberst Manfred von Dackelstolz wollte schließlich auch noch einen Hauch von Aufmerksamkeit bekommen.
Wir spielten noch ein wenig mit dem Hund auf der Wiese. Thomas schien Generaloberst Manfred von Dackelstolz sehr zu mögen und die beiden waren kaum zu trennen, während sie mit einem Stöckchen immer wieder über die Parkwiese rannten.

Als es abends kühler wurde, gingen wir nach Hause. Gemeinsam mit Papa und Günther setzten wir im Wohnzimmer vor den Fernseher uns schauten uns eine Actionkomödie an. Papa gähnte und griff nach seiner Hemdtasche, fand jedoch nicht wonach er suchte.
"Verdammt, wo sind denn meine Zigaretten?" murmelte er. Günther, der neben dem Schlafkörbchen von Generaloberst Manfred von Dackelstolz lag und den schlafenden Hund leise streichelte, sprang auf.
"Im Auto!" rief der Kleine. "Darf ich gehen und die Zigaretten holen? Bitte bitte bitte!"
Papa nickte und gab Günther die Autoschlüssel, der sofort zur Vordertür raus zur Einfahrt rannte. Plötzlich schepperte es draußen laut. Papa spang auf und eilte raus zum Auto. Ich hörte ihn Günthers Namen rufen und auch ich eilte schließlich raus um nachzuschauen, was passiert war.
Der schwere BMW lag auf der Seite, darunter halb begraben wimmerte Günther leise. Wir versuchten ihn zu befreien, aber er steckte unter dem Auto fest. Gemeinsam versuchten wir den Wagen wieder auf alle vier Räder zu stellen, aber das Auto war sehr schwer.
Schließlich kam auch Thomas nach draußen und zu dritt schafften wir es schließlich den Wagen wieder auf die Räder zu stellen. Günther sprang sofort auf und lief zurück ins Haus. Papa warf einen traurigen Blick auf den abgebrochenen Rückspiegel und den zerkratzten Lack an der Fahrertür.
Dann gingen auch Thomas, Papa und ich wieder ins Haus zurück und sahen, dass Günther weinend durch's ganze Haus lief und den Dackel suchte.
"Generaloberst Manfred von Dackelstolz!" rief mein kleiner Bruder immer wieder in allen Räumen. Wir suchten überall im Haus, fanden aber keine Spur von dem Hund.
"Er muss durch die offene Haustür nach draußen gelaufen sein, als wir das Auto aufgestellt haben", sagte Papa und wir suchten auch den Vorgarten und die nähere Nachbarschaft ab. Dann begann es dunkel zu werden und wir konnten nicht mehr viel sehen. Papa ließ die hintere Gartentür offen, damit Manfred von Dackelstolz ins Haus zurück konnte. Mehr konnten wir leider nicht machen.
Während Günther weinen auf der Couch im Wohnzimmer saß und von Papa mit einer großen Schale Schokoladenpudding getröstet werden musste, machte ich mich mit Thomas endlich auf den Weg die Treppe hinauf in mein Zimmer. Da Papa und Günther unten schliefen, hatten wir die ganze Etage für uns allein!

Erst saßen wir auf meinem Bett und küssten uns, schließlich legten wir uns hin. Ich deutete an, dass mir sehr warm war und Thomas verstand zum Glück sofort, worauf ich hinauswollte. Er lief zu meinem Schreibtisch, nahm eine Schere und schnitt mein dünnes Sommerkleid von unten nach oben langsam und vorsichtig auf. Ein leises, lustvolles Stöhnen konnte und wollte ich dabei nicht unterdrücken.
Wieder drückte er seine Lippen auf meine, saugte und kaute auf meiner Unterlippe herum, dass ich mir für einen Moment nicht mehr ganz sicher war, ob er nun wirklich Vegetarier war oder nicht. Schließlich arbeitete er sich mit seinen Lippen weiter meinen Körper herab. Ich schloss die Augen und genoss es einfach.
Doch plötzlich hörte er auf und begann zu husten. Ich öffnete meine Augen und sah, dass Thomas mich seltsam anschaute und dabei leicht zitterte. Ich fragte ihn, ob alles in Ordnung wäre, aber er antwortete nur kurz, leise und irgendwie panisch:
"Mir ist schlecht!"
Dann sprang er auf und rannte in Richtung Tür, erreichte diese jedoch nicht, sondern brach mitten in meinem Zimmer zusammen und blieb regungslos auf der Seite liegen. Ich lief sofort zu ihm und sah, wie eine cremige helle Masse, dazwischen die Überreste einiger halbverdauter Pilze, aus seinem Mund auf den hellen Teppich floss.
Ich verstand das nicht, ich war mir ganz sicher, dass die Pilze, die ich gesammelt hatte, völlig in Ordnung waren. Ein paar hatte ich schließlich selbst gegessen.
Doch es kam noch mehr. Nach den Pilzen mit Sahnesauce kamen er erst einige kleine, dann ein paar größere Fleischstücke und etwas, das wie kleine Knochen aussah. Dann erbrach er plötzlich ...
... einen Schal? Ich schaute mir den Schal genau an und entdeckte etwas glitzendes daran. Ein Hundehalsband.
"Generaloberst Manfred von Dackelstolz" flüsterte ich.
Dann sprang ich auf, zog mir etwas an und holte schnell Papa. Gemeinsam trugen wir den noch immer regungslosen Thomas in den Garten an die frische Luft. Ich holte eine Schaufel aus dem Schuppen und begann zu graben. Papa half auch mit.

Heute morgen erwachte ich dann viel zu spät. Ich fühlte mich nicht gut und ging erst um etwas 11 Uhr nach unten in die Küche. Papa hatte die Knochen und das Fell von Generaloberst Manfred von Dackelstolz gesäubert und auf dem Küchenboden nach Größe sortiert ausgelegt. Günther lag auf den Knien davor uns weinte bittere Tränen.
Dann klingelte es an der Haustür.
"Erwartest du jemanden?" fragte Papa.
Ich schüttelte den Kopf, ging in den Flur und öffnete die Haustür. Draußen stand ein Paketbote, dunkle Ringe unter den Augen und drückte mir ein Paket in die Hand.
"Liefern Sie jetzt auch Sonntags?" fragte ich, während ich unterschrieb.
"Eigentlich nicht, aber ich bin gestern nicht mit der Lieferung fertig geworden", antwortete der Mann.
Ich nahm das Paket, auf dem mein Name als Empfänger stand, ging damit ins Wohnzimmer und öffnete es.
Sofort besserte sich meine Laune. Strahlend packte ich die neue P.U.R. Live DVD mit dem Abschlusskonzert der "Stuhlgang-Tour" aus und legte sie in den DVD Player. Was für ein schöner Sonntag!

 

Bemerkungen zur Geschichte von Neawoulf:
Hallo zusammen! Nachdem ich kurzzeitig für einige Jahre einen kleinen Schreibausfall hatte, bekam ich vor kurzem einen spontanen Schreibauswurf mit ein paar sehr skurrilen Ideen.

Ein passendes Genre zu finden fällt mir schwer, ich denke im Bereich "Experimente" dürfte die Geschichte am besten aufgehoben sein, auch wenn die Bereiche "Humor" und "Seltsam" sicher auch nicht ganz unpassend wären.

Wie auch immer: Wie in den meisten meiner Geschichten geht es nicht um den eigentlichen Sinn und die Logik der Geschichte, sondern um die Geschichte, die Geschehnisse usw. an sich. Sucht nicht nach einem Sinn, einer hintergründigen Wahrheit oder der entscheiden Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens ... genießt einfach die Geschichte. Viel Spaß damit!

 
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(Aus Experimente nach Sonstige verschoben)

Hallo Neawoulf

Die Rubrik Experimente scheint mir für deinen Text nicht ganz passend, da Form und Inhalt diesem Anspruch nicht gerecht werden. Da dein Text verschiedene Genre-Elemente enthält, verschiebe ich ihn nach Sonstige.

Leider muss ich dir sagen, dass mir dein Text in dieser Form überhaupt nicht gefallen hast. Er erfüllt knapp die Voraussetungen für eine Geschichte, da Handlung und ein Anflug von Konflikt erkennbar sind. Allerdings erzählst du den Tag deiner Protagonistin mit so viel Spannungsarmut, dass mir am Schluss nur ein "und jetzt?" haften bleibt. Du hangelst etwas zusammenhangslos von Ereignis zu Ereignis, wobei die Logik oft auf der Strecke bleibt - der gekippte Wagen, der plötzlich verspeiste Hund, usw. - das sind wirklich Ideenfetzen, die, richtig zusammengesetzt und mit Spannung erzählt eine Horrorgeschichte ergeben könnte. Z.B. Was und warum ist Thomas so?
Und lass das Intro mit dem Tagebuch weg, so stellst du den Leser gleich auf Distanz.

Jo, da steht noch viel Arbeit an, um deine skurrilen Ideen in eine richtige Geschichte zu packen.
Gruss dot

 

Hallo.


Ich hab mittendrin so den Verdacht gehabt, das könnte Kunst sein. Das ist immer erschreckend.

Also der Text ist formal ungestaltet. Jede Wendung, die da steht, ist immer die erste, die einem in den Sinn kommt. Grade am Anfang. Da steht dann nur: Ich musste warten, denn der Zug kam zu spät.
Also formal ist das ziemlich träge, die Sätze sind nicht gestaltet, die Wendungen sind nicht gestaltet. Jetzt ist halt die Frage: Okay, wenn der Autor eine Stilparodie schreibt und ein - sagen wir mal - nicht gerade sehr strahlendleuchtendhelles Mädchen beschreibt, so eine 14-15jährige Generation Facebook, dann passt es ja auch wieder.
Dafür würde der Inhalt sprechen, finde ich. Das ist ja schon fast subversiv in dieser Geschichte. Da wird so ein Mädchenleben im Vorortdeutschland unserer Zeit auf die Schippe genommen auch. Da kocht sie für den Freund, der dann Vegetarier ist, und als er anfängt, an ihr zu knabbern, kotzt er sowohl ihr Essen aus als auch den Familienhund, der ständig unter voller Namensnennung erwähnt wird.

Ich fand das schon sehr gut. Ich hab mir gedacht: Wenn der Text Wert auf Sprache gelegt hätte, dass die Sätze einen bestimmten Schliff und einen bestimmten Ton haben, dem man gerne zuhört, der aufregend ist, dann wäre das ein völlig absurder, starker Text (natürlich auch eine blöde Aussage: Wenn der Text toll geschrieben wäre, wäre er toll ...).
Aber dadurch, dass der Text vielleicht bewusst ungestaltet ist, hat er auch wieder irgendwas. Ich weiß nicht, wie ich das finden soll. Ich glaube gestaltet, fände ich ihn viel besser. Aber auch so hat er durchaus "irgendeinen" Effekt.

Also ich fand, der könnte schon in Experimente stehen bleiben. Der ist gar nicht so ohne, glaub ich.
Man muss ja sagen, viele Debüttexte versuchen krampfhaft einen Text formal zu gestalten - also in einer "literarischen" Sprache zu schreiben - und scheitern daran furchtbar (kann ich ein Dutzend Beispiele bringen, von Autoren, die glaubten, sie könnten schreiben, wenn sie in einen Satz jetzt zwei Wendungen und eine Metapher bringen), und der Text versucht das gerade nicht.
Wie gesagt: Könnte Kunst sein. Ich fand den Text weder gut noch schlecht, ich fand den interessant. Mit nur schwer zu ertragenden Passagen (vor allem der Anfang) und mit einigen Höhepunkten (ab der Mitte bis zum Ende, außer dem letzten Absatz).

Gruß
Quinn

 

Hm, eine interessante Feststellung, Quinn. Was wäre, wenn der Autor uns hier ein Kunststückchen infantilier Redeweise, wissentlich solides Schreibhandwerk auslassend, gespickt mit verstörenden Plot-Sprüngen präsentiert?

Leider lässt mich die Einleitung von Neawoulf nicht so recht daran glauben:

Wie in den meisten meiner Geschichten geht es nicht um den eigentlichen Sinn und die Logik der Geschichte, sondern um die Geschichte, die Geschehnisse usw. an sich.
Fallen Sinn und Logik weg, sollte mich also Geschichte und Stil fesseln, und das gelingt dem Text eben meiner Meinung nach nicht.

Ein Werk wird oft nur durch die Interpretation des Betrachters zu Kunst erhoben.
Möglicherweise kann Neawoulf da seine Intention ja noch etwas präzisieren. ;)

 
Zuletzt bearbeitet:

Danke für eure Kommentare.

Es ist auch nicht der Stil oder die Geschichte, die fesseln sollen. Genau genommen schreibe ich den Großteil meiner Geschichten nicht für andere, sondern hauptsächlich für mich (ich habe einen etwas seltsamen Humor, wie man vielleicht aus dem Ende der Geschichte erahnen kann). Als ich mir die Geschichte ausgedacht habe, lag ich nachts schlaflos und laut lachend im Bett, weil ich mir die ganzen absurden Situationen bildlich vorgestellt habe.

Es geht mir vor allem darum, das völlig Normale (kitschige Teenie-Liebesgeschichte, Tagebuchstil) mit dem völlig Absurden (Kleinkind schmeißt breiten, flachen BMW auf die Seite und begräbt sich darunter, Thomas drückt sich innerhalb kürzester Zeit den kleinen Hund in den Rachen usw.) zu verbinden. Ich liebe einfach den Kontrast zwischen solchen völligen Gegensätzen.

Ich will in meinen Geschichten auch nicht alles erklären (wie konnte Günther das Auto umwerfen? Warum hat Thomas den Hund gegessen? Warum erwähnt er vorher noch extra, dass er Vegetarier ist, obwohl er das ganz offensichtlich nicht ist? Warum kann eine Band mit lächerlichem Kleidungsgeschmack, die ins Publikum schifft, so erfolgreich sein, dass sie mehrere Live DVDs auf den Markt bringen kann?), denn das würde irgendwie ... meiner Meinung nach etwas an der Geschichte zerstören.
Ich will Bilder im Kopf des Lesers "provozieren". Ich will, dass er sich vorstellt, wie Thomas hektisch den Hund greift, und ihn sich in den Rachen schiebt, während die anderen draußen sind und versuchen den Wagen auf die Räder zu stellen.

Ich gebe zu, dass der Anfang sehr zäh, kitschig und vorhersehbar ist (ich habe dennoch versucht mich insgesamt so kurz wie möglich zu fassen), aber das habe ich bewusst so gemacht, da ich nicht zu früh mit den absurden Dingen anfangen wollte, damit diese ab ca. der Hälfte der Geschichte besser wirken.

Wahrscheinlich habe ich in meinem Leben einfach zu viele Bücher von Helge Schneider gelesen. Ich finde ihn großartig, auch wenn sein Schreibstil auf den ersten Blick eine echte Katastrophe ist.

Die Frage sollte auch nicht wirklich lauten: Was will der Autor mit dieser Geschichte sagen? Die Frage sollte eher lauten: Was sagt sie dir? Mir ist durchaus bewusst, dass mindestens 3/4 aller Leute, die diese Geschichte je lesen werden, vermutlich nichts damit anfangen können. Bleibt noch 1/4 übrig ... und ich. Das reicht mir :)

 

Ja, das mit Helge Schneider ist halt schwierig. Weil er offenkundig eine Rolle spielt, aber nie aus der Rolle ausbricht.
Die Gestaltung der Rolle und wie er sie ausführt, ist Kunst. Wäre es keine Rolle, sondern wäre er einfach so, wäre es keine wahrscheinlich.
Also "Hast du eine Mutter, dann hast du immer Butter" ist nur Kunst, weil Helge Schneider Helge Schneider ist, und man - weiß der Geier wieso - vermutet, dass er sich dabei irgendwas subversiv-ironisches denkt.

Es gibt in der Sitcom "Malcolm mittendrin" eine wunderbare Szene, da fährt die Familie auf das "Burning Man"-Festival und der Vater pflegt da sein Wohnmobil und legt Kunstrasen aus und saugt alles und grillt und schreit "Runter von meinem Rasen". Und die Leute drumherum sammeln sich und betrachten das als Kunst-Performance über die Spießigkeit der amerikanischen Kleinbürger-Familie.
Das ist halt das Absurde an der Betrachtung von Kunst, das Helge-Schneider-Problem, wenn man so will. Neulich war Helge Schneider in der Talkshow von Markus Lanz, ist mittendrin aufgestanden und hat gesagt: "Ist ungünstig, weil ich jetzt im Fernsehen bin, aber ich muss mal Pipi" und ist gegangen. Und irgendwie war DAS schon Kunst, weil eben Helge Schneider in dieser Person schon ein Kunstprodukt ist.

Also ich will dir da wirklich nicht am Zeug flicken, dot, ich bin da auch immer sehr skeptisch. Ob der Text jetzt in Experimente oder in Sonstige steht, ist ja auch egal. Es ist immer bescheuert in einer Position zu sein, in der man zu entscheiden hat, ob so etwas "Kunst" ist oder nicht.
Ich bin auch regelmäßig mit mir uneins darüber, wie ich zu Helge Schneider stehen soll. Das wechselt von Jahr zu Jahr. :)

 

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