Anigras Rache
Anigra, Magierin der Schule Razhans, saß in ihrer Hütte an einem kleinen Holztisch und tunkte genussvoll ein Stück geröstete Schlangenhaut in die sämige Soße. Ihr treuer Gefährte Ferro lag zu ihren Füßen, um mit seinem scharf bezahnten Wolfsmaul nach den Häppchen zu schnappen, die Anigra gelegentlich zu Boden fallen ließ.
Aus den Augenwinkeln beobachtete die Magierin, wie der alte Jeremia den Raum verließ. Sein Gang wirkte schleppend, doch sie vermutete insgeheim, dass er ein wenig übertrieb, um ihr Mitleid zu erregen. Nach all den Jahren hatte sie ihm verziehen, obwohl die Erinnerung an die Zeit als Novizin ihr auch heute noch kalte Schauer den Rücken hinunterjagte.
Es verursachte damals großes Aufsehen, dass der mächtigste Magier im Lande ausgerechnet ein Mädchen, noch dazu ein so junges, in seine Obhut nahm, um sie als Zauberin auszubilden. Das Gerede in den Städten und Dörfern wollte kein Ende nehmen, doch Anigra barst beinahe vor Stolz. Nur wenige Auserwählte gelangten zu der Ehre, in Razhans Schloss eine Lehre absolvieren zu dürfen. Bei ihr sei die Gabe so ausgeprägt, dass es eine Schande wäre, dieses Talent ungeschliffen verkommen zu lassen, begründete Razhan seine Wahl.
Als Anigra die Ausbildung begann, fand sie nur einen einzigen Mitschüler vor, denn in dieser Zeit besaßen nur noch wenige Menschen magische Fähigkeiten, die einer Förderung wert erschienen. Dass Anigra bislang das einzige Mädchen war, das jemals den Stand einer Magierin erreichen sollte, bereitete ihr kein Unbehagen. Völlig unbefangen betrat sie am ersten Tag ihres neuen Lebensabschnitts ihr künftiges Domizil und begrüßte freundlich den Novizen Jeremia, der um einige Jahre älter als sie war, sich aber erst seit kurzer Zeit in Razhans Obhut befand.
Jeremia hasste Anigra vom ersten Augenblick an. Als sie ihm die Hand reichen wollte, zog der Knabe hochmütig seine Brauen hoch und musterte die neue Mitbewohnerin voller Widerwillen. Den ganzen Tag über hielt er sich fern von ihr. Auch am Abend, während des Essens, würdigte er sie keines Blickes. Einige Male versuchte Anigra, ihn anzusprechen, erhielt aber nur ein unwilliges Knurren als Antwort.
Razhan dagegen behandelte sie freundlich. Er war ein besonnener, alter Mann, der in seinem Leben viele ehrenvolle Taten vollbracht hatte und sich nun der Ausbildung des Nachwuchses annahm. Dieser Aufgabe widmete der Magier sich mit äußerster Sorgfalt. Während ihrer Zeit auf dem Schloss unterlagen die Eleven strengen Regeln, auf deren Einhaltung Razhan großen Wert legte, denn seine Schüler sollten sich an ein Leben gewöhnen, das ein hohes Maß an Gefahr aufwies. Fleiß und Gehorsam sollten sie davor bewahren, später Fehler zu begehen und als Scharlatane auf dem Scheiterhaufen zu enden.
In den ersten Jahren strafte Jeremia seine Mitschülerin mit Nichtbeachtung. Später, als er zu einem jungen Mann herangereift war, ertappte Anigra ihn immer öfter dabei, wie er seine Mitschülerin heimlich beobachtete, die sich mittlerweile zu einer hübschen, jungen Frau entwickelt hatte. Im Vorübergehen berührte er sie oft wie zufällig, doch Anigra spürte mit Unbehagen die Absicht, die hinter seinem Verhalten steckte. Kam Jeremia ihr im Schlossgarten entgegen, so zwinkerte er frech mit einem Auge und verzog seine Mundwinkel zu einem süffisanten Grinsen.
Razhan schien davon nichts zu bemerken. Niemals hätte das Mädchen gewagt, ihm davon zu berichten. Dennoch verlangte ihr Herz danach, jemandem davon zu erzählen und so vertraute sie sich eines Tages der Köchin Agnes an, einer mütterlich wirkenden, stämmigen Matrone, die stets den Duft der von ihr zubereiteten Speisen mit sich trug. Deren Reaktion auf das Geständnis bereitete Anigra jedoch kaum Trost. Mit einem wissendem Lächeln legte die beleibte Frau ihre Hand auf die Schulter der Novizin. „Ich weiß genau, wie du dich fühlst, meine Liebe“, säuselte sie mitfühlend. „Nur zu gut kann ich mich an die Zeit erinnern, als mich zum ersten Mal ein Knabe ansprach. Nur Mut, kleine Anigra. Glaube mir, es wird sich alles fügen.“
Seufzend verließ sie die Küche und versuchte, so weit es möglich erschien, sich künftig von Jeremia fernzuhalten.
Eines Morgens, gerade als Anigra sich fertig angekleidet hatte und ihre Kammer verlassen wollte, drückte jemand von außen die Klinke ihrer Zimmertüre herunter. An diesem Tag fiel der Unterricht aus, denn Razhan war schon vor Sonnenaufgang aufgebrochen, um an einer Ratsversammlung der hiesigen Zauberer teilzunehmen. Knarzend schwang die Türe langsam auf. Anigra hielt vor Verblüffung die Luft an, als Jeremia wie selbstverständlich ihr Gemach betrat, so als handele es sich um sein eigenes. „Wie kannst du es wagen...?“, rief sie empört, doch mit drei schnellen Schritten war der Knabe bei ihr und erstickte ihre Worte mit seiner Hand, die er nun fest auf ihren Mund presste. Mit der anderen Hand riss er mit einem Ruck ihren Rock herunter und warf Anigra anschließend grob aufs Bett. Bevor sie flüchten konnte, stieg er über das Mädchen und löste dabei den Gürtel seines Umhangs. Anigra hatte noch nie zuvor einen Mann in seiner ganzen Blöße gesehen und erschrak fürchterlich, als Jeremia nun seine Beinkleider abstreifte. Fieberhaft überlegte die Zauberschülerin, wie sie ihrem Schicksal entrinnen konnte. Eine der wichtigsten Vorschriften Razhans lautete, dass es den Novizen nicht gestattet sei, ohne Aufsicht des Magiers eigenständig Zaubereien auszuführen. Sollte dagegen verstoßen werden, wolle er strengste Strafen anwenden, wenn nicht sogar den Verweis vom Schloss aussprechen, warnte Razhan immer wieder. Doch Anigra wusste sich nicht mehr anders zu helfen. Kurzentschlossen presste sie eine der Formeln hervor, die in ihren Lehrbüchern erst in späteren Kapiteln erwähnt wurden, die Anigra sich jedoch aus Neugierde schon vorher angeeignet hatte. Jeremia erblasste, als sich sein Gemächt in eine Blindschleiche verwandelte. Fluchend raffte er seine Kleidung zusammen und rannte aus der Kammer. Aufatmend schloss Anigra die Tür hinter ihm und schob den Riegel vor. Für den Rest des Tages wollte sie sich von dem Schrecken erholen und darauf warten, dass Razhan zurückkehrte.
Razhan nahm den Bericht seiner Schülerin mit Empörung auf. Er versicherte ihr, dass Jeremia seine gerechte Strafe erhalten würde. Um welche Strafe es sich dabei handelte, ließ er sie nicht wissen, doch es schien nicht so, als wolle der Zauberer den Knaben aus seinem Dienst entlassen, wie Anigra insgeheim gehofft hatte. Umso erstaunter zeigte sie sich, als der Magier sie drei Tage später in sein Empfangszimmer rufen ließ. „Setz dich!“, befahl er ihr in gewohnt ruhigem Ton. Doch dann zeigten sich sorgenvolle Furchen auf seiner Stirn, die davon zeugten, dass ihm die nachfolgenden Worte nicht leicht fielen. „Anigra, du hast vor wenigen Tagen gegen eine äußerst wichtige Regel verstoßen. Eine Zauberei darf auf keinen Fall ohne Beisein einer magisch ausgebildeten Person durchgeführt werden. Dein Verhalten werde ich nicht ohne weiteres dulden.“
„Aber – ich musste so handeln!“, warf Anigra entsetzt ein.
„Ich habe noch einmal mit Jeremia gesprochen. Er wollte dir nichts antun, sondern dir nur einen Schrecken einjagen“, entgegnete Razhan geduldig. „Es handelte sich also nur um einen üblen Scherz, so dass ich dir leider eine Strafe nicht ersparen kann.“
Anigra erblasste. Welches Schicksal mochte ihr Lehrmeister für sie vorgesehen haben? Als sie ihr Strafmaß vernahm, atmete das Mädchen zunächst auf, denn ihre schlimmste Befürchtung bewahrheitete sich nicht. Sie durfte trotz dem Verstoß gegen die Vorschrift ihre Ausbildung beenden. Doch Razhan legte ihr eine Bürde auf, die sie als ungerecht empfand. Für einen Zauber, der in Notwehr durchgeführt wurde und dessen Wirkung ohnehin nur drei Tage anhielt, sollte sie für den Rest ihrer Lehrzeit bestraft werden.
Am nächsten Tag trat Anigra ihren Frondienst an. Die Zubereitung des Abendmahls bereitete ihr keine Sorgen, sie tat es sogar gern. Erst als Anigra mit dem kleinen Tablett das Esszimmer betrat, spürte sie den Widerwillen, der sie erfüllte. Jeremia saß bereits an Razhans Seite und grinste schadenfroh, so dass ihre Wangen sich vor unterdrücktem Zorn röteten. Es blieb ihr jedoch nichts anderes übrig, als zuerst Razhan das Essen zu servieren und anschließend ihren Mitschüler Jeremia zu bedienen. Anigra musterte ihn mit einem schneidenden Blick, als sie seinen Teller geräuschvoller, als es nötig gewesen wäre, vor ihm abstellte und in die Küche ging, um dort zusammen mit der Köchin die Reste der Mahlzeit zu sich zu nehmen.
In den folgenden Tagen wiederholte sich die abendliche Demütigung. Jeremia betrachtete sie mit überheblichen Blick. Die Frage, wie es geschmeckt habe, beantwortete Razhan stets mit den Worten: „Hervorragend, mein Kind. Ganz hervorragend.“ Jeremia dagegen zuckte meist blasiert mit den Schultern, als wolle er damit andeuten, schon Besseres gegessen zu haben.
Doch Anigra überstand die Schmach, die sie bis zum Ende ihrer Lehrzeit begleiten sollte, mit dem Wissen, bald den Status einer ausgebildeten Zauberin zu erhalten.
An dem Tag, als Anigra und Jeremia das Schloss verließen, trennten sich ihre Wege. Sie hatte die Prüfungen mit ausgezeichnetem Erfolg abgelegt. Nun stand nichts mehr im Wege, den Menschen mit ihren Fähigkeiten zu Diensten zu stehen. Sie freute sich darauf, Krankheiten zu heilen, die Zukunft zu deuten, Liebestränke zu brauen und durch ihre Künste Probleme aller Art zu lösen.
Auf einer Lichtung im Wald bezog Anigra eine kleine Holzhütte, in der sie künftig ihre Kundschaft zu empfangen gedachte. Ihre Eltern waren sehr stolz auf die Tochter und schenkten ihr als Belohnung einen zahmen Wolf, der ihr fortan treu zur Seite stehen sollte. Anigra taufte ihn auf den Namen Ferro.
Die frischgebackene Magierin zauberte mit Begeisterung und sehr zur Zufriedenheit ihrer Kunden, so dass bald aus allen Teilen des Landes die Menschen zu ihr reisten. Von einer alten Frau erfuhr sie schließlich, dass auch Jeremia Erfolge aufweisen konnte: Er war zum königlichen Hofzauberer ernannt worden und diente dem Regenten auf seinem Schloss.
Die Zeit verging, und schneller, als es Anigra lieb war, hatten sich die zurückliegenden Jahre in Jahrzehnte verwandelt.
Eines morgens, als sie ihr ergrautes Haar vor dem silbern eingefassten Spiegel bürstete, klopfte es an der Tür. Erstaunt horchte sie auf, denn sie empfing üblicherweise erst zu einer späteren Tageszeit ihre Kunden.
Ferro, mittlerweile ebenfalls ergraut und stark kurzsichtig, begann ungehalten zu knurren.
„Wer ist da?“, rief Anigra und spähte aus einem kleinen Spalt in der Wand. „Hilf mir! Bitte, bitte hilf mir!“, flehte eine dünne Stimme. Erstaunt öffnete Anigra die Tür.
Er ging gebückt und sein ehemals kräftiger Bass klang brüchig, doch Anigra erkannte ihn sofort. Vor ihr stand Jeremia, das Gesicht kummervoll verzerrt, auf einen Wanderstab gestützt. Seine Pupillen jagten gehetzt hin und her. Er blickte sich nach allen Seiten um, als sei er auf der Flucht. „Sei gegrüßt, Jeremia“, hieß ihn die Zauberin willkommen und bemühte sich dabei um einen möglichst neutralen Ton. Jeremia senkte seine Stimme, obwohl außer den beiden niemand anwesend war, der seine Worte vernehmen konnte: „Darf ich eintreten?“ Wortlos winkte Anigra ihn ins Haus, wo sich Jeremia aufatmend auf einen Stuhl sinken ließ. „Was ist passiert?“, fragte die Magierin. „Ich werde verfolgt“, sprudelte er atemlos hervor. „Die Garden des Königs sind hinter mir her!“ Dankbar griff Jeremia nach dem Becher mit frischem Quellwasser, den Anigra ihm reichte und trank gierig daraus. Als er sich ein wenig beruhigt hatte, fuhr der Zauberer fort: „Die Königin wurde von einer Giftschlange gebissen. Der König persönlich übertrug mir die Aufgabe, sie zu heilen. Doch um meine Konstitution ist es nicht mehr allzu gut bestellt. Du selbst weißt, wie die Durchführung solcher Heilzauber an den Kräften des Magiers zehrt. Ich hatte es beinahe schon geschafft, als ich vor Anstrengung zusammenbrach.“ Jeremia musste eine Pause einlegen, so sehr wühlte ihn die Erinnerung an die Geschehnisse auf. Obwohl es ihr glücklicherweise noch nie widerfahren war, wusste Anigra, dass bei einem nicht zu Ende geführten Zauber oft statt der gewünschten Wirkung das genaue Gegenteil eintrat. Dies bestätigte Jeremia sogleich: „Die Wunde der Königin vergrößerte sich, brach auf und Blut sprudelte hervor. Ihr Bein lief von oben bis unten blau an. Seitdem plagen sie starke Schmerzen. Dem König konnte ich weismachen, dass diese Verschlechterung ihres Zustandes nur vorübergehend wäre, und die Heilung erst später einsetzte. Doch natürlich wusste ich, dass dies nie der Fall sein sollte. Im Morgengrauen holte ich mir ein Pferd aus dem Stall. Unter einem Vorwand mogelte ich mich an der Wache vorbei, um den Palast des Herrschers für immer zu verlassen.“ Jeremia keuchte, als strenge ihn die Erzählung ebenso an wie sein missglückter Zauber. „Ich hatte großes Glück, denn als ich den Waldrand erreicht hatte, sah ich noch einmal um und konnte von fern beobachten, wie eine Abordnung von schwer bewaffneten Soldaten das Schloss verließ, um nach mir zu suchen. Sobald sie mich finden, bin ich des Todes!“
In diesem Moment unterbrach das Trampeln Dutzender Hufe die morgendliche Stille. „Brrr!“, rief eine Stimme. Anigra sah durch das winzige Fenster und erkannte einen Ritter, der sich soeben von seinem Pferd schwang, um das Tier an dem Gatter festzubinden, das Eintritt in den Vorgarten der Zauberin gewährte. Entsetzt riss Jeremia die Augen auf, schien aber unfähig, sich zu bewegen. „Schnell! Hier hinein!“, befahl Anigra und zerrte Jeremia in einen kleinen Abstellraum, in dem sie Zaubertränke und deren Ingredienzien aufbewahrte. Rasch schloss sie die Tür hinter ihm, als auch schon der Soldat ohne anzuklopfen hereinpolterte und rief: „Ich handle auf Befehl des Königs!“ Wortlos musterte Anigra den Eindringling von Kopf bis Fuß, ohne ihn willkommen zu heißen. „Er lässt euch aufs königliche Schloss bestellen. Die Königin ist in arger Not, weil ein Stümper sich an ihrer Gesundheit zu schaffen machte.“ Anigra schluckte. Diesen Auftrag konnte sie unmöglich ablehnen. Dem König zu dienen, stellte eine Ehre für jeden seiner Untertanen dar. Doch stets war eine solche Aufgabe mit Gefahr verbunden, denn der Regent erwartete höchsten Einsatz und zögerte nicht, andernfalls die Guillotine zum Einsatz zu bringen. Ausreden ließ er in der Regel nicht gelten. Anigra wusste nicht, in welchen Zustand Jeremia die Königin versetzt hatte, aber wenn sich bereits Fäule über ihr Bein zog, würde ihre ganze Zauberkraft nicht ausreichen, um das Übel wieder von ihr zu wenden. „Reitet zurück, guter Mann und sagt dem König, ich käme sogleich geeilt. Vorher jedoch muss ich noch geeignete Kräutersude und Zaubertränke zusammenstellen, damit das Vorhaben gelingt.“ Einsichtig nickte der Soldat, stand kurz stramm, und verließ schließlich eilig das Haus der Zauberin.
Am Abend betrat Anigra mit einem unbehaglichen Gefühl den Schlosshof. Über ihrer Schulter lag ein großer Sack, der sämtliche Hilfsmittel beinhaltete, die sie für nötig hielt. Als sie am Bett der Königin die Decke zurückschlug, um das malträtierte Gliedmaß zu begutachten, krampfte sich ihr Magen zusammen. Nicht aus Ekel, denn Anigra hatte in ihrer Laufbahn schon viele schreckliche Wunden gesehen. Vielmehr aus Furcht, dass dieses Mal der Fortschritt der Krankheit ihre Heilkünste überstieg. Mit geschlossenen Augen stöhnte die Königin leise und murmelte Wortfetzen, die aus ihren fiebrigen Träumen stammten. Ihr Bein hatte eine bläuliche Färbung angenommen, die zum Fuß hin in ein tiefes Schwarz überging. Es war von schwärenden Wunden bedeckt, die normalerweise Schwärme von Fliegen anlockten, wenn nicht ein uniformierter Bediensteter unablässig mit einem großen Fächer gewedelt hätte, und dadurch die Plagegeister fernhielt. In Gedanken sah Anigra bereits ihren Kopf über das königliche Hofpflaster scheppern.
„Ich will es versuchen, kann Euch aber nicht versprechen, dass ich sie retten kann.“
Der König nickte und kam Anigras Wunsch nach, sie nun mit der Regentin allein zu lassen. Die folgenden Augenblicke forderten Anigras Konzentration so sehr, dass sie am ganzen Leib zu zittern begann. Schweißperlen traten auf ihre Stirn, als die Zauberin die magischen Kräfte anrief, mit einer Vehemenz, die alle ihre bisherigen Taten in den Schatten stellte.
Im Nebenzimmer verfolgte der König wie gelähmt Anigras unmenschlichen Schreie. Auch auf seiner Stirn floss der Schweiß, als schließlich nach langem Warten die Magierin eintrat. Sein Atem stockte. Anigra streckte ihm ihre Faust entgegen, in der sie etwas aufzubewahren schien. Als ihre Hand sich öffnete, sah der Regent die Heilerin fragend an. Ein Lächeln huschte über Anigras Gesicht. Auf ihrer Handfläche krümmten sich zwei schwarze, längliche Gegenstände wie verkohlte Engerlinge. „Die konnte ich leider nicht retten“, sprach Anigra ruhig und blickte auf die verunstalteten, abgestorbenen Zehen. „Aber der Rest ihrer Majestät erfreut sich wieder bester Gesundheit.“ Hocherfreut stürmte der König an ihr vorbei zu seiner Gattin.
Als Anigra später wieder ihre Hütte betrat, wuchtete sie erschöpft den Sack auf den Tisch. Er wog bald das Dreifache wie zuvor, denn statt der Heilkräuter befanden sich nun Goldmünzen darin, die ihr der König als Belohnung überlassen hatte. Ungläubig betrachtete Jeremia, der auf sie gewartet hatte, das Gold. Ihn hatte Anigra beinahe vergessen. Nun schlich er gebückt auf sie zu und flehte weinerlich: „Bitte, lass mich bei dir bleiben! Ich bin ein kranker Mann und habe nicht mehr die Kraft für eine anstrengende Flucht. Hier werden sie nicht nach mir suchen.“
Anigra wirkte alles andere als begeistert, denn die Vorstellung, den Rest ihres Lebens zusammen mit einem Mann zu wohnen, der sie viele Jahre gedemütigt hatte, bereitete ihr wenig Vergnügen. Die Zauberin rang mit ihrem Gewissen. Wenn sie ihm seinem Schicksal überließ, würde er in den Fängen der königlichen Garde enden. Anigra überlegte einige Augenblicke und wandte sich schließlich ernst an den gebrechlichen Zauberer: „Also gut, du kannst hier bleiben. Doch nur unter einer Bedingung.“ Eifrig nickend versprach Jeremia, alles zu tun, das in seiner Macht stand.
* * *
Genüsslich schleckte Anigra den Holzlöffel ab. Jeremia war ein sehr guter Koch. Der alte Magier trat lautlos zu ihr an den Tisch, um das Geschirr abzuräumen. Mit einer unterwürfigen Geste deutete er einen ungelenken Diener an und fragte leise: „Hat es dir geschmeckt?“
„Hervorragend“, antwortete Anigra. „Ganz hervorragend.“