Angst frisst Seele
Angst frisst Seele
Der Wecker klingelt nicht mehr morgens, denn es gibt keinen Grund mehr aufzustehen. Man steht auf, irgendwann, obwohl man nachts nicht besonders gut einschlafen kann und man liegt lange noch wach. Man wacht auf, von Zeit zu Zeit, ab sechs Uhr, oder auch früher, die Uhr ist stehen geblieben, irgendwann, man hat es nicht gemerkt, manchmal weil ein Vogel draußen aus Leibeskräften singt, manchmal zufällig bei einem vorbeifahrenden Zug, zufällig, denn beim nächsten wacht man nicht auf, dafür gleich danach oder davor, wenn jemand zur Arbeit geht. Man braucht keinen Wecker, weil es egal, weil man nicht aufwacht, weil man nicht aufwachen kann, wenn man nicht schläft. Man steht irgendwann auf, weil die Knochen wehtun, die Füße beginnen zu schwitzen, wenn man so lange wach liegt, mit geschlossenen Augen, um sich einzureden man schliefe. Draußen scheint die Sonne, oder es ist bewölkt, oder es regnet, hagelt, schneit, stürmt. Es ist warm draußen, oder nicht, manchmal kann man den kleinen bewaldeten Hügel sehen, vielleicht der Taunus, vielleicht auch nicht und manchmal ist es neblig und man könnte gar nichts sehen, wenn man hinausschauen würde, aber man tut es nicht. Man sagt sich: „nicht mehr!“, um sich davon zu überzeugen, das man es einmal, es mag noch so lange her sein, getan hat.
Kein Wasserhahn tropft, keine Fliege verirrt sich herein. Es kann hier keine Spinnen geben, ohne Fliegen, obwohl man sich sicher war ab und zu ein dünnes, ausgefranstes, unordentliches Netz in einer Ecke gesehen zu haben. Und dann ist es wieder weg. Die Kopfschmerzen beginnen, weil es nicht sein kann, dass sie immer schon da waren. Es stinkt, denn der Müll wurde nicht hinausgebracht und stapelt sich in durchsichtigen Säcken in einer Ecke. Es stinkt eigentlich nicht, denn man riecht nichts mehr. Vielleicht aus Gewohnheit, wer kann das schon genau sagen? Es muss doch aus Gewohnheit sein, denn man weiß ja: Blumen riechen gut. Man muss also schon einmal an einer gerochen haben, oder nicht? Man schaltet den Fernseher an und sieht eine Dokumentation über Tiere, vielleicht Haie oder Löwen, oder einen Spielfilm. Doch man hat die Stromrechnung nicht gezahlt. Also bleibt der Fernseher doch aus, das Telefon auch. Man wird hier drinnen nicht angerufen. Man kann also nur noch so vor sich hin träumen, doch wie, wenn man nichteinmal mehr schlafen kann. Also hat man das Träumen wohl verlernt, man muss es ja schließlich einmal gekonnt haben, sogar Hund und Katzen träumen, sagt man, schließlich zucken sie ja manchmal im Schlaf. Mit Haustieren könnte man es bestimmt noch aufnehmen. Jetzt im Moment gerade nicht; wie denn auch? Hier drinnen gibt es nichts lebendiges und hinaus, hinaus möchte man nicht, denn dort gibt es Haie und Löwen. Die schafft man nicht, man ist schließlich nicht mehr in der besten Kondition. Man hat also nur noch einen selbst, oder nicht? Vielleicht nicht gerade im Moment, aber irgendwann mal, da war man doch man selbst. Irgendwann mal, oder? Bevor die Angst anfing in einen zu kriechen.