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Abschied
Da saß seine Frau, tränenüberströmt. Ihr ganzer Körper bebte unter den unterdrückten Schluchzen. Ihre sonst so schönen Augen waren vom vielen Weinen zugeschwollen. Sie murmelte etwas, von dem er jedoch nichts verstand. Die Arme hatte sie um ihren Körper geschlungen und sie schaukelte langsam vor und zurück. Fast wirkte sie etwas verrückt.
Es war also wahr. Die Nachricht, die ihm vor knapp einer Stunde im Büro überbracht worden war, war nicht erlogen. Er hatte so gehofft, dass alles nur ein Irrtum, eine Verwechslung oder ein dummer Witz gewesen war.
Sein gerade erst zwölfjähriger Sohn hatte Selbstmord begangen.
Plötzlich schnürte Wut die Kehle des Vaters zu. Wut auf sich, Wut auf seine Frau, Wut auf den Mann, der ihm die Nachricht überbracht hatte, wie als ob dieser den Tod des Jungen verursacht hätte.
Rainer spürte, dass er nicht mehr lange stehen konnte. Seine Knie drohten ihm wegzuknicken. Er wollte seine Frau trösten, sie in die Arme schließen, gemeinsam mit ihr weinen. Doch er wusste nicht wie. Da war so viel aufgestauter Hass zwischen ihnen. Jetzt wollte er die vergangenen Jahre rückgängig machen. Fast nie war er zu Hause gewesen und wenn doch, dann nur, um sich mit seiner einst so geliebten Frau zu streiten. Waren die beiden letztendlich schuld an dem Tod ihres Sohnes?
Plötzlich bemerkte er eine Regung aus dem Eck, in dem sich seine Frau zusammengekauert hatte. Sara streckte ihm ein zerknülltes Stück Papier entgegen.
Auf ihm stand in der etwas krakeligen Schrift seines Sohnes:
Liebe Mama, lieber Papa!
Ich bitte euch, macht euch keine Vorwürfe. Ihr seid nicht schuld daran, dass ich mich entschieden habe, zu sterben. Ihr wart es nicht, die mein Leben unerträglich gemacht haben. Ich bitte euch, weint nicht um mich. Wenn ihr mich liebt, dann freut euch eher, so wie ich es gerade tue. Ja, ich freue mich, endlich von hier weg zu kommen. Verspricht mir nur, dass ihr auf meine Schwester aufpasst. Jetzt wo ich bald nicht mehr da bin, wird sie euch mehr brauchen denn je. Sie hat mir all ihre Probleme anvertraut, schaut bitte, dass ihr die neuen Ansprechpartner werdet, sonst geht es ihr vielleicht irgendwann wie mir.
Der Rest dieses Briefes, ist an meine werten Kollegen gerichtet. Ich wäre euch beiden sehr verbunden, wenn ihr ihnen den Brief auch wirklich weitergebt. Es ist mir sehr wichtig. Mein letzter Wille so zu sagen.
Liebe Klassenkameraden, denn Freunde kann ich euch wohl schlecht nennen!
Ich hoffe ihr seit glücklich, denn ihr habt es endlich geschafft. Ich bin weg, und zwar für immer. Falls sich wirklich irgendwer von euch fragen sollte, warum ich mich entschlossen habe, lieber zu sterben, als hier bei euch zu bleiben, habt ihr hier die Antwort: Ihr seid der Grund. Eure freundliche Art mich Morgens mit einem Schlag in den Magen zu begrüßen und mich anzuspucken. Ihr habt mir mein letztes bisschen Würde geraubt. Ihr habt es geschafft, dass ich mich jeden Abend in den Schlaf geweint habe, aus Angst vor den nächsten Morgen. Ihr wisst gar nicht wie es ist, hinter jeder Ecke jemanden zu vermuten, der einen zusammenschlägt und das letzte bisschen Taschengeld klaut. Letztendlich ist es so schlimm geworden, dass ich schon glaubte euch nachts in mein Zimmer schleichen zu sehen. Glaubt ihr, das ist ein schönes Leben?
Und ihr habt mir nie den Grund gesagt, warum ihr mit das antut. Ich war nicht anders als ihr. Ich wollte genauso Freunde haben wie ihr, und ich bin genauso auf Bäume geklettert wie ihr. Was also bitte war so schrecklich an mir, dass ihr mir das Tag für Tag antun musstet?
Nun möchte ich noch meinen Lehrern danken, die vor all dem ihre Augen so geschickt verschlossen haben. Vielleicht solltet ihr mal drüber nachdenken, was da geschehen ist und einem anderen Kind somit das Leben retten.
Einen Dank habe ich an euch alle noch auszusprechen: Danke, dass ihr mir meinen Abgang so leicht gemacht habt!
P.S.: Ich hoffe, ich verfolge euch noch lang in euren Gedanken und in euren Träumen und, dass ihr wenigstens ein bisschen schlechtes Gewissen habt.
Stumme Tränen rannen über das Gesicht des Vaters.
Am nächsten morgen fuhr er zu Schule und gab Bens Klassenvorstand ein Stück zerknittertes Papier.