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Aaliyah
2. Überarbeitung auf der zweiten Seite
Aaliyah
Was immer gestört hatte, waren die Nebengeräusche. Sie verschluckten in großen Stücken. Daraus war mein Lärm entsprungen. Lauter musste ich das Hauptprogramm drehen, damit es die Nebengeräusche so übertönte, das ich genießen konnte.
Ich lasse das Blatt mechanisch sinken, schaue ins Freie und nehme zittrig meine Lesebrille ab. Die Bilanz eines langen, gottlosen Lebens. Immer noch ziehe ich den Schlussstrich. Weder das Zwitschern der Vögel noch die Kraft der Felsen haben mir jemals zugeflüstert; es war ja nicht einmal kurze Werbeunterbrechung, sondern Nebenprogramm. Nicht mehr, weil ich es so, wie die grobe Masse richtet, eingerichtet hatte. Fast living, hard dying. Ich schnalze mit der Zunge und schüttle den Kopf.
Da sitzt sie. Ich habe sie nicht kommen sehen, obwohl sie bestimmt dagestanden und überlegt hatte, ob meine Anwesenheit in Kauf zu nehmen war. Ob ihr Grad der Versunkenheit Werte erreichte, so dass meine Blicke nicht mehr belästigten. Aber vielleicht war es nicht so gewesen; vielleicht war sie, ohne ihren winzigen Kopf zu heben, zur Bank gelaufen. Die Turnschuhe auf dieser, ihr rundes Kinn auf den Knien und ihre Arme gekreuzt um die Beine geschlungen. So sitzt sie da und schaut ins Leere. Unberührt schön und berührt von allem und jedem. Die Hilflosigkeit, die mich angesichts dessen übermannt, ist bedrückend.
Ihre Art zu leben, steht konträr zu meiner damaligen. Und auch ihre äußerliche Ruhe bildet einen Schwarzweißkontrast zu meinem früheren Verhalten. Age ain´t nothing but a number las ich unlängst in der Zeitung; ich weiß nicht mehr in welchem Zusammenhang.
Heute weiß ich mein Leben richtig zu beurteilen. Die Last, die mich gebückt durch mein greises Leben gehen lassen sollte, erdrückt mich innerlich. Es gibt ja keine Hoffnung mehr. Trotzdem pocht mein altes Herz nach Wiedergutmachung. Ich hatte die Dinge falsch bezeichnet. Als Nebengeräusche oder Nebenprogramme in eine Klasse mit schlechtem Namen abgeschoben, hatte ich das Wesentliche erstickt, um selbst daran zu ersticken. Ich ersticke, ja. Noch sind es zu zügelnde Asthmaanfälle. Zwischendurch erreicht mich wieder Sauerstoff. Doch die Agonie hat begonnen und der Ausgang ist vorbestimmt.
Damals als ich Aaliyah kennenlernte, war sie äußerlich auffallend, aber letztlich eine von vielen. Ihre jugendliche Arroganz lernte ich jedoch auf mich zu nehmen. – Sie sitzt immer noch gequält auf der Bank und lebt in Gedanken. – Es war ein wunderschöner Tag, der etwas besonderes an sich hatte. Süßliche Luft geschnitten von gelegentlicher Frische. Ein Klima, das mich in den Süden versetzte. Ich war ehrlich beeindruckt und kindlich erfreut. Und suchte es zum Ausdruck zu bringen, brachte es aber nur plump zustande. Keinen Moment lang hatte ich die Absicht, Small Talk vom Zaun zu brechen, wie man es von Menschen meines Alters gewohnt war. Sofort spürte ich, dass sie nicht die Besonderheit nachfühlen konnte, denn sie war ja nicht einmal offen dafür. Ich roch ihren frischen Schweiß. Aaliyah hob ihren Blick, schaute kurz in die Sonne und antwortete mit einem langen Ja und einem kurzen Lächeln.
Und das ist nur eine der zahlreichen Erlebnisse, die mein jetziges Leben bestimmen, ihr Leben streifen. Bislang bin ich erfolglos. Sie ist zugesperrt.
Aaliyah. Wenn ich sie so dasitzen sehe, völlig in sich gekehrt und einsam, wünsche ich mir, ihr nahe zu sein. Ganz egal, ob als Bruder, Vater, Großvater oder als ihr Mann. Abhängig von der jeweiligen Situation würde ich verschieden auf sie wirken. Vielleicht auch nur als alter, an der weiblichen Jugend erfreuter Greis eine Parabel zum Besten geben. Ich bin niemals jemand gewesen, der behauptet, genau zu wissen, was eine Frau braucht. Über solche Dinge dachte ich nie nach. Bei Aaliyah ist es neu. Ich habe das Gefühl durch ihr Verhalten, durch ihre nicht allzu gefestigte Fassade hindurchsehen zu können. Was sie denkt, steht mir auf den Lippen geschrieben; jedoch spreche ich es nicht aus, da ihre Apathie mich jedes Mal wieder schwächt. Aaliyah schenkte mir den Mut, den ich nie zuvor hatte; und sie nimmt ihn, wann immer sie will.
Nur ein einziges Mal hatte ich sie ausgelassen und sorgenfrei gesehen. Eine stille Zufriedenheit, keine große Freude umgab sie damals. Im „Multimedia“-Raum saß sie, und ich beobachtete sie unbemerkt. Eine junge Sängerin – mit langem, wild-braunen Haar – stand auf der Bühne und sang aus voller Kehle ihren Schmerz über eine gescheiterte Beziehung hinaus. Aaliyah sang mit halblauter Stimme Wort für Wort in einem klaren, makellosen Englisch mit. Halblaut bedeutete hier, dass sie die Lautstärke der Sängerin erreichte. Es war ein inspirierendes Duett. Die eigene Stimme der Lady on Stage im Einklang mit Aaliyahs Worten, die nicht den Akzent der Künstlerin zu imitieren suchten. Ich verliebte mich in dieses Bild. Bei aller Ernsthaftigkeit und anklagender Brutalität dieses Liedes war Aaliyah entspannt und zu einem gewissen Grad verspielt. Sie beobachtete singend die Künstlerin und ließ sich besonders von ihren öffnend-schließenden Nüstern einlullen. Nach dem Lied bedankte sich die Kanadierin mit einem „Thank you – Danke.“ und Aaliyah quiekte und sprach zu sich selbst: „Wie ein Pilot über Lautsprecher, der den Passagieren seine Seriosität und Professionalität verkaufen möchte!“ Es war dieses eine Mal, dass wir zusammen lachten; ich musste lediglich Acht geben, dass sie mich nicht bemerkte.
Sie springt lustlos von der Bank und geht auf und ab, ihre Arme mitschwingend, bis sie mich auf meinem Balkon entdeckt. Ich lächele sie an; sie reagiert etwas verlegen, lächelt aber erzwungen zurück. Aha – heute könnte sie mich also in der Luft zerfetzen. So beschließe ich meinen Mantel und meine Zigaretten zu packen, um ihr einen Spaziergang anzubieten.
Mit zwei Kaffees nähere ich mich vorsichtig. Sie läuft nun ziemlich schnell auf und ab; dann bemerkt Aaliyah mich, mustert mich von oben bis unten und bleibt schweigend stehen. Sie schaut entnervt weg und zieht die frische Luft hinein, als ob diese ihr die nötige Geduld liefern könnte. Die kühle Frische hat ihr eine königliche Blässe ins Gesicht gezaubert, die umrahmt von der Dunkelheit ihrer Garderobe besonders leuchtet. Ihre Nase ist rot angehaucht. Sie liebt Kaffee und kann ihn sichtlich gut gebrauchen. So gehe ich bestimmt auf sie zu, halte ihr den Kaffee unter die Nase – ach, wie genüsslich sie einmal den Duft einatmete, als er aus der Küche lugte – und sage so harmonisch wie möglich: „Ein Kaffee im Tausch gegen einen kleinen Spaziergang, Madame?“ Kurz flammt ein Lächeln auf; mit der linken Hand durch ihr Gesicht streichend versucht sie es zu verbergen. Dann lächelt sie den Kopf leicht schüttelnd wieder, und scheinbar unterdrückt sie sogar ein Lachen. Sie zieht mir den Kaffee aus der Hand und marschiert in schnellem Gang voraus. Ich folge ihr mit einem kleinen Abstand. Sie nippt vorsichtig am heißen Getränk und spielt mit dem Gestrüpp der Büsche. Aaliyah macht nicht gerne die Betreuerin; viel zu anstrengend ist es für sie mit den alten Herrschaften Gespräche zu führen, da sie noch nicht einmal privat viel aus sich heraus geht. Ich habe ihr klar gesagt, dass ich sie nicht als Gesellschafterin brauche. Sie fühlt sich in meiner Gegenwart nicht dazu verpflichtet, irgendetwas daherzuplappern.
Sie summt die Humoreske Dvoraks, schlürft und atmet tief ein. Dabei bewegt sie ihren Kopf im Rhythmus. Die Humoreske erinnere sie an Kafka. Ein heiteres Musikstück soll an diese Person erinnern; ich kann es nicht nachvollziehen, aber ich habe auch keinen Draht zu Kafka.
„Damals trug ich die weiße Seidenbluse ...“, sie dreht sich um und lächelt gedankenverloren. „Kennst du das? Man sieht ein Bild, welches gleich das Wort Schönheit als Assoziation hervorruft. Ich .. ähm.. in meiner frühen Jugend wollte ich sodann immer das entscheidende Attribut besitzen. Es war ein schwarzer, beschmückter Mann mit einem weißen ... Seidenhemd.“ Dabei verlangsamte sie ihre Sprechgeschwindigkeit stetig. Sie lächelt, greift nach einem sattgrünen Blatt, um es liebevoll zu streicheln. „Die Glätte und auch die Kühle dieses Gewebes verschlucken das Weiche ... beim Tragen. So fasst man es gerne an.“ Sie taucht ihr Gesicht in das buschige Meer von Blättern. „Aber wenn man es trägt ...“ Sie taucht wieder auf und lässt ihre Hände durch die Wellen gleiten. „ ...dann geht das Schönste verloren.“ Sie schaut mich grübelnd an, dann fragend: „Worauf wollte ich nur hinaus? Moment ...“ Leicht erhebt sie ihren Arm, ein Moment des Findens und sie atmet wieder aus. „Na ja, früher wollte ich alles, was mir gefiel, kopieren ... wollte genauso schön sein ... griff leider nur nach einzelnen Komponenten .. und war dann enttäuscht, wenn ich dann nicht die komplette Schönheit erreichte .. oder hatte.“ Ich habe kaum Gelegenheit mich dazu zu äußern. „Das Gesamtbild war schön und ich griff immer nur einen Teil heraus ... hm.“ Sie wirft den halbvollen Becher in einen Müllbehälter und schlägt vor: „Lass uns zum See laufen!“
Das tut sie jedes Mal. Zunächst bietet sie Eintritt in ihre Gedankenwelt und lässt mich dann stehen. Ok, wie du willst, wir gehen zum See. Es ist nicht schlimm, wenn sie von sich erzählt, auch nicht schlimm, wenn sie mich als Spiegel benutzt. Doch habe ich genug von dieser statischen Passivität. In unserer Beziehung ist sie die Herrin. Und sonst ist sie still und verschlossen; nahezu misstrauisch. Thea sieht sie nicht mehr, da sie sich davor fürchtet, den ersten Schritt zur Versöhnung zu gehen. Einfach so abgebrochen, eine jahrelange Freundschaft.
Eine kühle Brise weht durch die Pflanzeninseln dieses Sees. Aaliyah nähert sich diesem, erspäht eine in einer Wasserpfütze stehende Bank und setzt sich prompt. Zig Male habe ich überlegt, wie ich zu ihr durchkommen könnte. Zig Male es dabei belassen. Nun, da wir schon einmal hier sind. Ein Handy besitzt sie nicht. Das Seeufer befindet sich einige Fußschritte vor mir. Ich simuliere einen Herzanfall und lasse mich so authentisch wie mir möglich fallen. Unerwartet und schnell. Kurz darauf sterbe ich und liege wie ein Hund auf Kommando tot da. Erst sieht es so aus, als ob Aaliyah mir helfen möchte. Jedoch bleibt sie stehen und beobachtet mich. Nach noch bescheidener Bedenkzeit schreitet sie näher, mustert mich von oben und beugt sich endlich zu mir nieder. „Es ist keiner da; wie soll ich dir helfen?“ Kein Schock, kein Schrecken und nicht einmal Aufregung. Sie schaut auf den See und stimmt Verdis Requiem an; ich spüre meine ewige Beerdigung auf mich heruntertröpfeln.