41
Es regnete. Shirley fühlte sich zum ersten Mal wohl, wirklich wohl. Jahrelang hatte sie davon geträumt, ein Buch zu veröffentlichen. Sie hatte sich die Finger wund geschrieben, Tag und Nacht wie eine Besessene getippt, überarbeitet, korrigiert.
41 war sie inzwischen, sie arbeitete als Krankenschwester vorzugsweise Nachts, weil ihr das die Möglichkeit gab auch während der Arbeitszeit zu schreiben. Schlaf brauchte sie keinen, nein, sie hatte ein Ziel, eine Vision und einen inneren Antrieb, den sie bei keinem ihrer Bekannten ausmachen konnte. Sie, Shirley, hatte eine Mission.
Schreiben war für sie wichtiger als Geld, Sex, sogar als essen. Nichts verschaffte ihr mehr Befriedigung als ihre Gedanken mit der Welt zu teilen. Ihrer Welt, der Welt die sie als Schriftstellerin zwar ablehnte, als Autorin aber so nötig hatte. Wenn sie einmal mehr eine Nacht durchgeschrieben hatte, sich praktisch nur von Kaffee ernährte und nur der Sonnenaufgang sie daran erinnerte, daß es Zeit war schlafen zu gehen, schaute sie in den Spiegel. Sie fand sich schön, immer. Fast immer! Wenn sie zufrieden war, wenn sie mindestens 40 Seiten getippt hatte, dann fand sie sich schön, begehrenswert und – manchmal sogar – mächtig.
Ihre Gedanken kreisten immer um den nächsten Satz, selbst wenn sie mit einer Bekannten telefonierte, notierte sie sich das Gesprochene um daraus einen Satz, einen Absatz, vielleicht eine ganze Seite zu erarbeiten. Freunde hatte sie keine, von ihrem Hund Vincent einmal abgesehen. Freunde waren ihr zu kompliziert. Subjekt, Prädikat, Objekt – das war ihr Stil. Ein guter Stil, das wußte sie.
Es war passiert. Sie hatte eigentlich keine Hoffnung mehr, es war ihr bewußt geworden, daß die Welt noch nicht bereit war für sie und ihren klaren, geradlinigen Stil. Dabei war sie gerade darauf so stolz, es kam schon einmal vor, daß sie sich aus Freude über einen gelungenen Satz von reiner Form freuen konnte wie die Patin bei einer Schiffstaufe. Folgerichtig, sie konnte sehr konsequent sein, feierte sie solch einen Satz dann mit einem Gläschen Champagner, und nicht vom billigsten.
Die letzten Tage und Nächte waren besonders erfolgreich für Shirley verlaufen. Zweimal hatte Vincent Häuflein in der Wohnung gemacht, weil sie vor lauter Elan vergessen hatte, die Balkontür zu öffnen damit der draußen sein „Geschäft“ erledigen konnte. Sie hatte es noch nicht aufgewischt, dazu war sie zu aufgeregt als der Brief kam.
Sie wußte, daß sie nur deshalb in den letzten Tagen so ausgiebig Champagner trinken konnte, weil sie damit abgeschlossen hatte. Sie hatte sich damit abgefunden nie jemals etwas veröffentlichen zu können, von ein paar Zeilen an ihre Mutter, sie war ihr heißester Fan, einmal abgesehen. Bekannten legte sie nie etwas zu Lesen von sich vor. Sie hatte ja immer die Hoffnung gehabt, eines Tages in ein Buch eine Widmung zu schreiben und schwungvoll zu signieren, bevor sie das Buch mit wissendem Blick und stolzgeschwellter Brust dem glücklichen Leser überreichte. Das war ihr Lebenselexier.
Vor ein paar Tagen aber kamen wieder vierzig Absagen – alle vierzig an einem Tag. Sie machte sich schon nicht mehr die Mühe die Kommentare der Verleger zu lesen, sie kannte sie auswenig. Irgendwann wollte sie schon ein Buch darüber schreiben. Sie war zerstört, schlug vor jedem Spiegel, selbst vor den Fenstern, die Augen nieder um sich nicht ansehen zu müssen. Seit sie dieses letzte Manuskript an einundvierzig Verlage geschickt hatte, hatte sie nichts mehr gegessen, nicht mehr geschlafen, nicht einmal geschrieben hatte sie mehr.
Vierzig Absagen an einem Tag war zuviel für Shirley, zuviel für jeden! Sie drehte den Verschluß auf dem Röllchen mit den Schlaftabletten ab, goß sich ein Glas Wein ein und wollte diesem Leben ein Ende bereiten. „Hoffnung“ hatte sie das Manuskript genannt. Hoffnung? – nein, jetzt nicht mehr.
Es klingelte, der Hund bellte. Sie starrte zur Tür, fragte sich wer wohl da sei. Sie hatte keine Lust zu öffnen, keine Kraft mehr in den Beinen um aufzustehen. Vermutlich brachte nur jemand die Hausordnungstafel vorbei - sollte derjenige doch weiterklingeln, bald hätte es sich eh erledigt.
Vincent bellte weiter, doch war es ein freudiges, aufmunterndes Bellen. Ein Bellen, das sie früher, gestern, dazu gebracht hätte etwas darüber zu schreiben. Sie stand auf. Schlafen konnte sich immer noch.
Sie nahm den Hund am Halsband, lächelte ihm traurig zu und öffnete. Es war ein Kurierfahrer, mit einem großen, braunen Umschlag. Ein Stempel war darauf und verriet den Inhalt: „Nicht knicken! Vorvertrag inliegend!“.