300g
300g
Mittwoch
Er hat es wieder getan.
Obwohl ich ihn immer und immer wieder gebeten habe, es sein zu lassen: Heute hat er es wieder getan.
Er weiß genau, was er damit anrichtet, er kennt mich. Er weiß, dass ich nicht widerstehen kann. Und er hat einen passenden Moment für seine infame Boshaftigkeit ausgesucht. Den Moment, als ich ihm erzählte, dass ich endlich die drei kg Urlaubsspeck los bin.
Er hat eine Schreibtischschublade geöffnet.
Hineingegriffen.
Breit gegrinst, über seine dicken Babywangen.
Wortlos hat er sie aus der Schublade herausgeholt, wortlos sie genau in die Mitte gestellt, dorthin, wo sich unsere Schreibtische berühren.
Da steht sie jetzt und lockt mich.
Und er sitzt da, tut so, als würde er arbeiten. Aber ich weiß genau: er beobachtet mich, wartet, dass ich schwach werde.
Du kannst lange warten, Schwabbel!
Ich bin stark! Nicht eine einzige Erdnuss werde ich essen!
Mittwoch, etwas später.
100 g Erdnüsse, gesalzen und geröstet: 629 Kalorien.
300 g waren in der Dose.
Waren.
Ich habe sie nicht ganz alleine gegessen. Ein-, zweimal hat er auch hineingegriffen, mit spitzen Fingern. Hat sich jeweils zwei oder drei Nüsse herausgeklaubt und sie gegessen. Er kann das: mit spitzen Fingern zwei-drei Nüsse herausfischen .
Ich nicht.
Ich schütte mir eine große Portion in die Hand und stopf sie mir in den Mund. Immer und immer wieder. Bis die Dose leer ist. Er weiß, dass ich erdnusssüchtig bin.
Das wird er mir büßen.
Morgen lege ich eine geöffnete Riesentüte Haribo-Konfekt in die Mitte, dorthin, wo sich unsere Schreibtische berühren.
Da wird er nicht widerstehen können!
Ich allerdings auch nicht.
Donnerstag
Er hat sich gut gehalten.
Nur ein paar Gummibärchen und drei dieser Wabbeldinger, die ich sowieso nicht mag. Aber die Haribotüte ist leer.
Mir ist speiübel.
Er hat sich Kaffee geholt. Mir hat er auch eine Tasse mitgebracht.
Das ist nett.
Und zum Dank für das Haribo-Konfekt hat er mir aus der Cafeteria ein Stück Schwarzwälderkirschtorte mitgebracht.
Lächelnd.
Boshaft lächelnd.
Am liebsten hätte ich die Torte in seinem Gesicht verrieben, so, wie es Stan Laurel und Oliver Hardy oft mit James Finlayson gemacht haben.
Aber: mit Lebensmitteln spielt man nicht. Erziehung.
Sein Glück.
Sie war lecker, die Torte.
Freitag
Ein Mann ohne Bauch ist ein Krüppel, sagt er. Und findet das witzig. Findet das fast so witzig wie seine Sprüche über Elkes dicken Hintern. Oder seinen Witz über die Kokosnussdiät: „Kannze alles essen außer Kokosnüsse, hörma!“ Jedesmal schüttelt er sich vor Lachen darüber. So, dass sein Doppelkinn Twist tanzt und seine Männerbrüste den Hemdknöpfen das Äußerste abverlangen.
Haribo, Erdnüsse und Schwarzwälderkirschtorte: die Waage ächzte heute morgen.
Demonstrativ habe ich meine gesamte Nahrung für den heutigen Tag vor mir auf dem Schreibtisch aufgebaut:
1,5 Liter Mineralwasser.
1 Apfel
1 Naturjoghurt
2 Karotten.
Ich habe ihn dabei voller Verachtung angesehen.
Er hat mich liebevoll lächelnd angeschaut.
Und hat eine 200-g-Tafel Trauben-Nuss-Schokolade dazugelegt.
Samstag
Arbeitsfrei.
Ich werde nur Mineralwasser trinken, gedünstetes Gemüse essen und 10 km laufen, damit ich bald wieder so schlank bin, wie ich es mal war. Ich will wieder stolz sein auf meine gute Figur, 78 kg bei einer Körpergröße von 185 cm.
Naja.
Ganz wird es mir wohl nicht gelingen, solange ich mein Büro mit diesem hinterhältigen Subjekt teilen muss.
Montag
Die Füße tun mir weh.
Die Knie tun mir weh.
Die Bandscheiben drücken.
Ich kann mich kaum bewegen, kaum sitzen.
Und der Speckbulle hüpft durch die Gegend wie ein
Fohlen. Das ist ungerecht.
Der kriegt seinen Arsch kaum aus dem Sessel.
„Sport? Klar doch! Gewichtheben! Jeden abend sechs Halbe stemmen!“
Ich laufe schwimme radle gymnastiziere.
Und fühl mich wie ein uralter Mann.
Auch der Verzehr des großen Lübecker-Marzipanbrotes, das er mir geschenkt hat, macht mich nicht froh.
Immerhin:
Mittwochabend gehe ich mit der kleinen Ulrike aus der Verkaufsförderung ins Kino. Die Mädels mögen nun mal keine Speckbullen, Speckbulle!
Dienstag
Heute morgen hab ich gute Laune. Daran kann auch er nichts ändern. Ich lächle sogar ein wenig über seine dummen Sprüche.
„Man soll nie mehr essen und trinken, als man mit aller Gewalt in sich reinkriegt!“
Dankend nehme ich ein großes Stück von dem Pflaumenkuchen, den seine Mutter für ihn gebacken hat. Ein sehr großes Stück.
Ich werde zum Mittag nur einen kleinen Salat essen.
Ich freue mich so auf morgen Abend, auf den Kinobesuch mit Ulrike.
Mittwoch
Vorhin habe ich ihn angeschrieen. Ich kann seine dämlichen Witzchen nicht mehr ertragen. Jeden morgen studiert er als erstes den Speiseplan der Kantine. Das geschieht nie ohne seine dümmlichen Kommentare. Stammtischniveau.
„Erbsen-Bohnen-Linsen-bringen-den-Arsch-zum-Grinsen!“
Ob er seine Sprüche nicht für sich behalten könne, hab ich ihn angebrüllt.
Das Telefon nervt.
Der Chef geht mir auf den Geist.
Es regnet.
Meine Nerven liegen blank.
Ulrike hat abgesagt.
Mein einziger Trost war die Lasagne heute Mittag.
Und der Karamelpudding zum Nachtisch.
Donnerstag
Ulrikes Absage sitzt tief.
Müde sieht er aus, heute. Was ist denn los, Dickerchen? Hab ich ihn gefragt. Hast du dir den Magen verdorben? Hast du gestern zu lange Mau-Mau mit Mami gespielt? Bist du traurig, weil es heute Mittag kein Eisbein mit Sauerkraut und Kartoffelpü gibt?
Du sagst doch immer: das Reh heißt mit Vornamen Kartoffelpü!
Nein? All das ist es nicht? Was dann? Aha!
Du warst im Kino, gestern Abend!?
Und hinterher mit der Dame essen!?
Und hinterher noch sehr lange bei der Dame zuhause!?
Soso!
Specki geht mit einer Dame aus!
Wer ist denn diese Dame, hab ich ihn gefragt.
Du kennst sie, hat er gesagt, und verträumt vor sich hingelächelt.
Ulrike aus der Verkaufsförderung, hat er gesagt.
Was hat er, was ich nicht habe, Ulrike?
Heute abend werde ich nicht ins Hallenbad gehen.
In der Schuhstraße hat ein neuer Italiener aufgemacht.
Freitag
Mir ist übel. Ich habe mir den Magen verdorben.
Überfressen, gestern Abend.
Tomaten mit Mozzarella.
Eine Riesenpizza.
Tiramisu.
Zuviel Weizenbier.
Zuviel Grappa.
Geht nicht! sagt der Fettsack. Zuviel Grappa und Weizenbier geht nicht! Er fährt mit Ulrike übers Wochenende in den Harz, hat er mir vorgeschwärmt. Braunlage. Wurmbergblick.
Was ich am Wochenende machen werde, hat er gefragt.
Ich werde einen Plan ausarbeiten, wie ich dich loswerde, du Arschloch, habe ich gedacht.
Ich werde viel Sport treiben, habe ich gesagt.
Und vielleicht mit einem netten Mädchen ausgehen, habe ich gesagt. Und dann boshaft hinzugefügt:
„Guter Hahn wird selten fett!“
Darüber konnte er lachen. Hat sich gekringelt vor Lachen.
Und dann ergänzt:
„Ein schlechter Ficker wird immer dicker!“
Meinte er mich, dieser Kotzbrocken? Vielleicht sollte ich wirklich an dem Plan arbeiten.
Montag
Gut sieht er aus. Im Gegensatz zu mir. Er hat ein wenig Farbe bekommen. Natürlich sage ich ihm das nicht.
Mir scheint, sein Hemdkragen ist etwas weiter geworden.
Ich sah ziemlich blass aus, als ich heute Morgen in den Spiegel sah. Und das lag nicht nur daran, dass die Waage ein neues Rekordgewicht anzeigte. Ich zog meine bequemste Hose an und musste doch den obersten Knopf geöffnet lassen.
Ich hab das ganze Wochenende vor dem Fernseher verbracht.
Und im Bett.
Alleine.
Ich hab mich nur von Kartoffelchips, Erdnussflips und anderem Knabberzeug ernährt.
Und von Bier.
Er wäre kaum zum Essen gekommen, sagt er.
Schmunzelt.
Sie wären viel gewandert, wenn sie es mal geschafft hatten, das Bett zu verlassen.
Drei Monate später
Die Kollegen haben sich daran gewöhnt, dass ich im Jogginganzug zur Arbeit komme. Mein Chef glaubt mir, dass ich an einer Drüsenfunktionsstörung leide, die sehr erfolgversprechend behandelt wird, und dass es rausgeschmissenes Geld wäre, neue Garderobe zu kaufen.
Ich weiß nicht genau, wieviel ich wiege, meine Waage zeigt maximal 120 kg an.
Meine Mutter freut sich, dass ich wieder zu ihr gezogen und so ein guter Esser bin.
Meine Lauferei hat ihr gar nicht gefallen, sagt sie.
Das sei nicht gut für die Gelenke, hat sie immer schon gesagt.
Und dass ich immer noch alleine lebe, freut sie auch.
Weil: die Frauen wollten ja eh alle nur mein Geld haben.
Mama war richtig bestürzt, als mein Kollege und Ulrike mich gestern besuchten. Er sah doch früher immer so gut aus, sagt sie.
Er war so eine stattliche Erscheinung. Und ist jetzt so dürr.
Da kannst du mal sehen, hat Mama gesagt, was so eine Frau aus einem Mann machen kann. Sei froh, dass du mich hast, hat Mama gesagt.
Bin ich, Mama! hab ich gesagt.