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Übergang
Klaus Eylmann
Übergang
“Auch heute vollbringst du wieder eine gute Tat, Bruder Henry.” Die Frau war alt, doch kräftig genug, ihm den Behälter mit dem Salat abzunehmen. Henry ergriff einen leeren Korb, nahm sein Messer und ging aufs Feld zurück. Mit kräftigem Schnitt trennte er die Salatköpfe von den Wurzeln, konzentrierte sich auf seine Arbeit, das hatte man ihm beigebracht.
Die Luft schien aus einem Ofen zu kommen, und die Sonne brannte auf ihn herab. Henry spürte es nicht. Lerchen schraubten sich zwitschernd in den blauen Himmel. Henry hörte es nicht. Auch nicht das Hämmern in der Schmiede, das Sägen der Tischler und die Motoren der Autos, die eine Besuchergruppe herankarrten. ‘Denke nur an den Augenblick, an das was du tust’, hatte man ihm gesagt. ‘Lasse abweichende Gedanken nicht von dir Besitz ergreifen, nur dann fühlst du dich frei, nur dann kommt innere Freude auf.’ Und in der Tat, nie hatte er sich so gelöst gefühlt, wie hier, auf der Ranch der geretteten Seelen.
Eine Glocke läutete in der Ferne. Henry richtete sich auf und wischte mit der Hand den Schweiß von der Stirn. Carl kam aus der Schmiede und winkte ihm zu, dann öffnete sich die Tür der Tischlerei. Herbert und Brad traten ins Freie. Von der Spinnerei aus machten sich die Frauen auf den Weg. Erschöpft und zufrieden ging Henry in den Waschraum und reinigte sich, dann zog er sich um, ergriff sein Meditationskissen.
Nach und nach kamen sie alle in den Andachtsraum, wo Henry in Yogahaltung auf dem Kissen saß und auf seinen Körper lauschte: auf das Zwicken der Muskeln, auf den Schmerz, der sich in den Beinen bemerkbar machte, auf das Pochen des Blutes, auf seinen Atem. Sie waren in Meditation vereint, dachten an nichts anderes als an die Signale des Lebens, ihres Lebens. Was gab es sonst noch? Nichts, nur das, was sie in diesem Moment, in dieser Sekunde taten. Das war Leben, ihr Leben, Freude, ihre Freude. Es war der Augenblick, der alles andere nebensächlich werden ließ. Wie verkrampft waren diejenigen, die sich von ihren egoistischen Gedanken treiben ließen und nichts vom wirklichen Leben wussten. Dabei war es so einfach. Henry hielt inne, ertappte sich dabei, dass auch er einem falschen Gedanken nachhing und konzentrierte sich auf seinen Körper.
Wieder läutete eine Glocke. Die Schwestern und Brüder erhoben sich. Zum ersten Mal blickten sie sich an, sahen auf ihren Meister, der auf dem Podium meditierte. Langsam erwachte er aus seiner Trance und blickte um sich. Der Meister hatte nicht die athletische Statur wie die Schwestern und Brüder, musste der kräftigenden Arbeit auf der Ranch entsagen. Er, der den ganzen Tag meditierte, konnte seine Fülle unter der Toga nicht verbergen. Sein rundes Gesicht glich dem eines Buddha. Kein Wunder; er war Buddha, der Erleuchtete und Wiedergeborene, und er hatte Neuigkeiten.
“Schwestern und Brüder. Das Jenseits hat sich mir wieder offenbart. Der Übergang findet morgen statt. Geht wieder zurück an eure Arbeit und denkt an nichts Anderes als an das, was ihr gerade tut, an den Moment, an die Sekunde, in der ihr es tut. Verdrängt die Gedanken an den Übergang. Spart sie euch für das große Ereignis auf.”
Der Meister erhob sich, verschwand durch eine kleine Tür am Ende des Andachtsraumes, und Henry ging mit seinen Brüdern und Schwestern wieder an die Arbeit zurück.
Henry fand keinen Schlaf. Er, der gewöhnlich früh am Abend mit bleischweren Gliedern auf die Pritsche sank, um erst zur Morgenmeditation um sechs Uhr aufzuwachen, wälzte sich unruhig umher. So viel ging ihm durch den Kopf. Vergebens ging er dagegen an, horchte auf seinen Körper, auf das Pochen des Herzens, auf das Rauschen seines Blutes. Gedanken ließen sich nicht verscheuchen. Gut, dass niemand von den Brüdern und Schwestern seine Unruhe bemerkte. Alle hatten sie irdischen Gütern und Vergnügungen entsagt, um sich auf das Leben zu konzentrieren. Das, was sie besaßen, hatten sie dem Meister gegeben. Danach war eingetroffen, was dieser prophezeit hatte: sie fühlten sich befreit. Meditation löste jeden egoistischen Gedanken auf.
Sicher gab es Versuchungen, und wenn jemand von ihnen davon überwältigt wurde, halfen alle Brüder und Schwestern, ihn auf den richtigen Pfad zurück zu bringen. Nur so konnten sie sicher sein, sich des Überganges würdig zu erweisen. Der Übergang, Transformation in eine höhere Entität, die Krönung ihrer täglichen Übungen. Freude darauf war einfach zu intensiv, als dass die Übungen, das Meditationstraining sie hätten verdrängen können. War die Sehnsucht danach nicht auch ein egoistischer Gedanke? Auch ihm müsste er entsagen, und Henry stellte fest, er hatte gefehlt.
Beklommen machte Henry sich am nächsten Morgen auf den Weg. Er war spät dran, war er doch noch kurz vor sechs Uhr eingeschlafen und hatte das Wecken überhört. Nun stand er mit seinem Meditationskissen in der geöffneten Tür des Andachtsraumes und blickte ungläubig auf die Schwestern und Brüder, die sich am Boden wanden. Einige von ihnen lagen vor dem Podium und bewegten sich nicht mehr. Andere von ihnen warteten geduldig auf der anderen Seite des Raumes, bis sie an der Reihe waren. Er sah, wie die Schwester am Anfang der Schlange einen Becher in ein gefülltes Fass tauchte, ihn austrank, um ihn dann lächelnd dem Nächsten zu geben. Kaum hatte die Schwester einige Schritte getan, taumelte sie, fiel um und wälzte sich auf dem Boden. War das der Übergang? Wo war der Meister? Wollte er ihn nicht mit ihnen gemeinsam vollziehen?
Henry rannte zur kleinen Tür im Hintergrund des Andachtsraumes und öffnete sie. Der Meister stand vor einem offenen Geldschrank, holte Gegenstände und Papiere hervor, warf sie in einen Koffer. Einen Augenblick wurde Henry von egoistischen Gedanken durchflutet, dann kehrte die Ruhe in ihn zurück. Er wusste, was er zu tun hatte. Jeder von ihnen hätte das Gleiche für ihn getan.
Henry sah, wie der Meister auf dem Boden lag, die Augen verdrehte, Speichel aus seinem Mund rann, und er wusste, der Meister war auf dem Weg. Heftig hatte er sich gewehrt, unflätige und obszöne Schimpfwörter ausgestoßen, doch gegen Henrys Kräfte war er machtlos gewesen. Andere Brüder und Schwestern hatten ihm geholfen, den Meister festzuhalten und ihm den Inhalt des Bechers einzuflößen. Sie hatten nicht zulassen können, dass er, der Erleuchtete, der ihnen gezeigt hatte, was Leben war, vom Wege ab kam. Denn das war es, was er sie gelehrt hatte: jeder war für den anderen da. Lächelnd reichten sie sich nacheinander den Becher, und sie wussten: der Übergang war ihnen gewiss.