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Über französische Kinos und Einwegpfand - ein Reisebericht
Sonntag, 7:40 Uhr, Bening (Frankreich)
Die Sonne scheint mir ins Gesicht, einige Wolken hängen am Himmel, doch die blaue Fläche scheint an Überhand zu gewinnen. Ich gähne. Es weht ein kalter Wind. Fast zwei Stunden. Zwei Stunden warten an diesem Ort, von dem ich bis vor 24 Stunden gar nicht gewusst habe, dass es ihn gibt. Ich bin sicher, es gib schrecklich viele Orte, von denen ich nicht weiß, dass sie existieren – mit Sicherheit auch interessantere als diesen. Ein großes, altes Bahnhofsgelände, ein paar Güterzüge, Container mit Schrott – Rost, Müll. Wände, von denen der Putz bröckelt. Es gibt einige Stühle, einen Süßigkeiten- und Getränkeautomat und einen Infoschalter, der so aussieht, als ob er ungefähr so oft geöffnet sein würde, wie das Tor zum Himmel. Eine Anzeigetafel ... am Sonntag fährt der 8:36 Uhr-Zug nach Saarbrücken nicht. Nur der spätere, um 9:26 Uhr. Ich drehe mich um. Auf der anderen Straßenseite, gegenüber vom Bahnhof steht ein altes – ein wirklich altes Haus. «Café de la gare». Sehr einfallsreich. Die kleinen Fenster sind mit alten Fensterläden aus Holz verschlossen. Das waren sie auch, als ich am Vorabend zum ersten Mal hier war.
Dann gibt es noch eine Seitenstraße mit einem Häuschen, das wie das Wartehäuschen für eine Haltestelle aussieht. Für was auch immer. Der Bus hält nur direkt vor dem Bahnhof, auf dem Parkplatz. Das weiß ich, weil ich gerade aus diesem Bus ausgestiegen war und ihn am Vortag auch schon benutzt hatte. Der Vortag – la vieille. Ich erinnere mich daran, wie ich dieses Wort in der Schule gelernt hatte. Ich habe es falsch in mein Vokabelheft geschrieben. Als es in einer Ex abgefragt wurde, dachte ich, es hieße «der Vortrag». Nun saß ich hier in Frankreich. Und ich schwöre – auf dem ganzen Bahnhofsgelände, das mindestens doppelt so groß ist, wie das von Günzburg war genau ein Mensch. Ich hatte Konversation mit ihm, es ging um meinen Zug, welcher zu meiner Überraschung erst in 2 Stunden fahren würde. Der Zug nach Saarbrücken, Deutschland. Von wo aus ich nach Hause fahren wollte. Zu Hause startete meine „Reise“ logischerweise auch. Obwohl sich zu diesem Zeitpunkt meine Laune zu bessern begann, fragte ich mich, ob es nicht besser gewesen wäre, nicht zu fahren.
Samstag, 5:30 Uhr, Beginn der Reise
Schrill piept der Wecker, seine disharmonische immergleiche Melodie – insofern bei den drei aufeinanderfolgenden Tönen überhaupt von einer Melodie die Rede sein kann – hämmert gnadenlos auf den schlaftrunkenen Kopf ein. Auftsehen, Licht an. Ich weiß nicht warum ich wieder im Bett lag, nachdem ich aufgestanden war, um dem Höllenlärm ein Ende zu bereiten und das Licht einzuschalten.
«Soll ich wirklich fahren ... soll ich wirklich?»
Mein Rucksack war schon gepackt und stand neben dem Bett. Die ganze Idee schien mir in diesem Augenblick ziemlich dämlich zu sein. Wie verrückt muss man sein, um an einem trüben Samstagmorgen im April allein nach Frankreich zu fahren – unwissend, wo man die Nacht verbringen würde, unwissend, ob man überhaupt jemanden treffen würde. Die zehnten Klassen waren gerade im Rahmen des Schüleraustausches in Sarreguemines. Ich wollte mit. Mein eigener Austausch war eine Katastrophe. Mein Austauschpartner war ungefähr einhundert mal schlimmer zu ertragen wie ein kleines, behindertes Kind. Er gab mir den Rest. Demzufolge war ich auch nicht in Frankreich, ich wäre zwar zu einem anderen gekommen, doch ich wurde kurzfristig krank.
Ich lag im Bett und versuchte die Augen zu öffnen, doch das Licht, war zu hell. Von meinem Tags zuvor so lebhaft aufflammenden Tatendrang war nichts mehr ürbig. Ich beschloss aufzustehen, um das Licht wieder zu löschen und einfach weiterzuschlafen. Als ich das dachte war ich bereits eingeschlafen.
Samstag, ca. 10:40 Uhr
Der Zug nahm langsam Fahrt auf. Billenhausen lag nun hinter mir. Ich gähnte. Es war immernoch trüb, es sah kalt und ungemülich aus, draußen. Ich wollte zwar nicht nach Hause, aber die Vortsellung, noch etwas mehr als 10 Stunden unterwegs zu sein, machte mich auch nicht gerade froh. Natürlich kommt man schneller nach Sarreguemines. Ich habe eigentlich mit dem Roller fahren gewollt. Das war mir dann aber doch zu verrückt. Vielleicht hätte ich es getan. Zuerst hatte ich geplant, mit ein paar Freunden im Auto zu fahren, doch wegen der Diamanthochzeit seiner Großeltern, konnte der einzige Volljährige nicht. Das war nichtmal eine Notlüge gewesen, seine Großeltern hatten tatsächlich ihr 60jähriges Ehejubiläum gefeiert, was er sogar durch einen kurzen Artikel in der Günzburger Zeitung hatte belegen können.
Nach Frankreich mit dem Roller fahren wäre ziemlich blöd gewesen. Es war so schon blöd genug. Man kann sagen, mein natürliches Bedürfnis, mich selbst in Schwierigkeiten bzw. dumme Geschichten zu bringen war auch durch die Zugfahrt schon vollkommen befriedigt. Es wäre auch in knapp 6 Stunden gegangen, doch das war mir zu teuer. Wochenend-Ticket. Kein ICE, kein IC, kein EC. Die Deutsche Bahn kümmert sich eben um einen. In so einem verdammten Schnellzug wäre mir nur schlecht geworden.
Ich war also aufgestanden, hatte gefrühstückt. Ich weiß nicht genau was es war, dass mich dazu bewog, aber ich wusste nach wenigen Minuten meines zweiten Samstagmorgens, dass ich auf keinen Fall hier bleiben könnte. Ich fahre nach Frankreich.
Frankreich ist eigentlich gar kein schlechtes Land. Ich meine es ist für seine Küche berühmt. Die Leute sind freundlich. Das ist natürlich ein ziemlich dämliches Vorurteil, aber es stimmt. Außerdem haben sie das Mittelmeer, ein paar schöne Städte, allen voran die Stadt der Prostitution und, nicht zu vergessen, eine fabelhafte Fußballmannschaft.
Dieser Gedanke ließ mich schmunzeln. Er bewirkte auch, dass ich spontan einen Mannschaftskameraden anrief, um mich vom Derby der großen Lokalrivalen SV Deisenhausen/Bleichen (meine équipe) gegen die DJK Breitenthal (man verzeihe mir, dass ich ein paar SVs, SPVgGs oder sonstirgendwelche Kürzel weggelassen habe) abzumelden. Auch wenn es mir schwer fiel, meinen Stammplatz auf der Bank an einen anderen abzutreten, hatte ich meine Entscheidung getroffen, weiterzufahren.
Samstag - die genau Uhrzeit werde ich an dieser Stelle nachreichen, wenn ich ein großer und berühmter Romanautor bin, der durch Publizieren heimlicher Autobiographien ein paar Euro verdient hat. Um das Verständnis zu erleichtern sei jedoch angefügt, dass es wahrscheinlich so um 11 Uhr war – Günzburg.
Ankunft in Günzburg. Es ist trüb, windig und kalt.
Ich bin in Eile. Ich wollte wissen, wie ich jetzt nach Sarreguemines komme. Ich hatte mich im Internet informiert, allerdings ausgehend davon, dass ich um 6:30 losfahren würde. Ich betrat also das Bahnhofsgebäude, um den Herrn um eine Fahrplanauskunft zu bitten. Eine ältere Dame wollte nach München, soweit ich das verstanden habe, zum Flughafen. Sie wusste, wann ihr Flug gehen würde, sie wusste wann sie zurückkommt. Aber sie wusste nicht, wann sie denn den Zug benutzen möchte. Mir ist klar, dass es nicht in Ordnung ist, die Reisepläne fremder Leute in Erfahrung zu bringen, doch es war mir gar nicht möglich gewesen wegzuhören, denn die schrille Stimme der älteren Dame war unmöglich zu überhören.
Ich denke mal, es ist in Ordnung, dem Bahnangestellten zu erzählen, dass man eine Flugreise plant. Aber man sollte vielleicht davon absehen, Abflug- und Rückkehrzeiten zu zitieren. Außerdem fände ich es okay, wenn man sich vorher überlegt, wann man denn fahren möchte. Dann sagte sie wörlich «Denken Sie mal mit: Mein Flieger landet um 11:30 Uhr. Bis ich ausgecheckt habe ist es 11:40 Uhr. Naja, sagen wir 11:45 Uhr. Dann muss ich noch zur S-Bahn laufen, sagen wir 11:50 Uhr.»
Fein, dann nehmen Sie doch die Verbindung ab 11:50 Uhr. Nein, das ist zu knapp. Nein, aber solange warte ich nicht. 11:50 Uhr ist ihr zu knapp, aber länger wartet sie nicht. «So lange warte ich nicht.» Müssen Sie wohl, meine Liebe.
Naja, jedenfalls begann sie dann ernsthaft von ihren Erfahrungen auf früheren Bahnreisen zu berichten. Sie erzählte, wie sie ungerecht von einem Schaffner behandelt wurde. Sie berichtete vom Schaffner, indem sie das wiedergab, was dieser ihr gesagt haben soll. Sie verstellte ihre Stimme, wenn sie den Schaffner spielte. Ich bin sicher, dass das der Schaffner so nicht gesagt hat. Nicht, weil ich die Deutsche Bahn für eine so hübsche Truppe halte, aber einfach aus der Erfahrung hinaus, dass es meistens schief geht, wenn man andere Leute aus dem Stegreif zitiert, nochdazu, wenn man der Meinung ist, im Recht zu sein und eine schlechte Meinung von seinem damaligen Gegenüber hat. Das gab mir den Rest.
Ich bin ja normalerweise ein ruhiger Mensch. Das ist natürlich eine Lüge. Aber zumindst pflege ich nicht übermäßig Stress zu produzieren. Aber wissen Sie, es ist halt einfach eine verdammt stressige Situation, am Bahnhof, ich meine, man möchte halt wissen, wohin es geht. Der Mensch hat Angst vor Ungewissheit. Ich habe kein Problem damit, eine Stunde am Bahnhof zu warten. Aber ich weigere mich die innere Ruhe zu bewahren wenn ich eine Viertelstunde warten muss, wenn ich nicht weiß, ob in dieser Viertelstunde vielleicht mein Zug fährt und der nächste erst eine Stunde später fahren würde.
«Entschuldigen Sie, gnädige Frau, könnten Sie Ihren Smalltalk wohl ein wenig verschieben, ich habe es eilig.» Ich wollte nicht unhöflich sein. Das ist nicht meine Art. Ich sitze vielleicht mit Mütze im Unterricht aber ich bin nicht der Typ von Mensch, der durch eine Tür geht und sie hinter sich zufallen lässt, wenn ein anderer wenige Meter hinter einem läuft und offensichtlich auch durch diese Tür gehen will. Ich bin nicht der Typ von Mensch, der eine alte Frau auslacht, wenn sie fällt, der andere belästigt, indem er sich neben sie stellt und aus dem selben Buch liest, wie der andere. Ich bin nicht der Typ von Mensch, der mit offenem Mund kaut und dabei mit fremden Menschen spricht. Ich bin nicht der Typ von Mensch, der die Tür offen lässt oder der sich in einer Schlange vordrängelt um zu einem Bahnangestellten grußlos zu sagen „Ein Ticket nach Saarbrücken.“.
Aber diese Frau hatte offensichtlich viel Zeit, denn sie meinte sie müsse über die ganze Sache nachdenken und wollte mich vorlassen. Das war mir unangenehm. „Aber nein, ich meinte nur, dass Sie...“
Wie auch immer, sie konnte ja gleich wieder mit ihrem Prinzen von der Deutschen Bahn Konversation haben. Naja, nach einem kurzen Gespräch, brachte ich in Erfahrung, dass die ganze Aufregung umsonst war.
Mein Anschlusszug ist der nach Stuttgart und fährt um 11:50 Uhr. Fast eine halbe Stunde später. Sie sehen, es ist nicht immer einfach, sich angemessen zu verhalten. Im Übrigen hätte ich auch den Automaten benutzen können, allerdings nicht, um Informationen über meine Fahrt nach Sarreguemines zu erhalten, da die Automaten (zu meinem späteren Leidwesen auch die französischen) nur Informationen über Inlandsverbindungen anzubieten haben.
Zu diesem Zeitpunkt machten mir kürzere Pausen von bis zu einer halben Stunde noch nichts aus, ich sah sie eher als Erholungspausen an, quasi um sich von den Anstrengungen des Im-Zug-Sitzens zu regenerieren. Ich kaufte mir etwas zu trinken – eine Flasche Wasser mit Dosenpfand bzw. Einwegflaschenpfand. Wie auch immer das heißen mag, jedenfalls diese verdammte Art von Pfand, wo man gegen Vorweis der Rechnung an der selben Stelle, wo man das Getränk gekauft hat, sein Pfand zurückbekommt. Wie zynisch. Ich fahre nach Frankreich, mein Rucksack ist voll. Ich soll die Flasche nach Günzburg zurück bringen? Ja, gegen Rechnung. Naja, dann bis morgen. Nettes Mädchen am Kiosk.
Sie tat mir leid. Nicht wegen dem Pfand. Wegen ihrem Arbeitsplatz. Sie war nicht viel älter als ich. Ob sie wohl auch nach Frankreich fahren wollte, wenn sie nur könnte? Sie setzte sich wieder auf ihren Stuhl in dem Kiosk. Das gab mir den Rest. Ich sage das nicht, weil ich ein so wahnsinnig kreativer Mensch bin, sondern weil ich innerhalb dieser 36 Stunden neben Max Frischs Andorra auch Salingers Catcher in the ry nochmals gelesen habe. Auf dem Bahnsteig war es kalt. Ich hasse Kälte, wirklich. Besonders wenn es Frühling ist, bin ich sehr empfindlich. Der Bahnsteig ist leer, ein mittelalterlicher Herr, eine Dame, zwei Jugendliche türkischer Herkunft.
Dann die Durchsage. Wegen irgendetwas, das ich nicht verstehen konnte, hat mein Zug lächerliche 50 Minuten Verspätung.
Aufregung aller Orten. Tickets werden zurückgegeben, Leute betonen, sie würden mit dem Auto fahren. Diese Stimmung der allgemeinen Unzufriedenheit schlägt mir aufs Gemüt.
Neuer Anschlusszug, 12:21 Uhr nach Ulm. Wieder eine halbe Stunde. Ich ging in Günzburg spazieren und konkurierte im Vorbeilaufen mit einem etwa gleichaltrigen, mit Silberketten behängten HipHopper, wer denn böser schauen konnte. Ich denke ernsthaft, diese Runde ging an mich. Unverschämtheit mit Unverschämtheit zu entgegnen mag ja vielleicht meinen moralischen Vortsellungen einer perfekten Welt widersprechen, doch, wenn man uncool und allein ist, ist man eben immer der schwächere. Und sein wir ehrlich, der Schwächere ist eben meist der, der sich in die Enge getrieben fühlt – und irgendwann zurückschlägt. Naja, ich denke, Sie werden verstehen, dass ich einfach nur ein wenig frusttriert durch die Stadt lief und nichts besseres zu tun hatte. Nichts weiter.
Samstag, 12:41 Uhr, Ulm
Ich mag Ulm. Das Münster. Ich habe nicht viel für Kirchen übrig. Wirklich nicht. Ich erinnere mich daran, irgendeine Kriche in Besançon besichtigt zu haben, mit meiner Klasse, im vergangenen Jahr und es wäre eine ziemlich dreckige Lüge, zu behaupten, dass ich etwas anderen als Desinteresse dabei empfunden hätte. Aber das Münster gefällt mir, weil es durch seine Höhe besticht und nicht durch seine Originalität. Ich mag den Barock Stil nicht. Angemerkt sei, dass sogar ich weiß, dass das Ulmer Münster keine Barock Kirche ist.
Außerdem war ich oft in Ulm, wirklich oft. Schon als Kind, auf Klassenfahrten, mit Freunden oder einfach so. In Ulm prostituierte ich mich, in dem ich das Tollhaus mit dem magischen M betrat. Irgendetwas zu essen. Stillos, ungesung und fett. So sind wir Deutschen eben. Wenigstens ein letzter Freundschaftsbeweis an unsere amerikanischen Genossen. Dort traf ich dann auch noch zwei mir aus Krumbach bekannte Mädchen, die sich an dieser Stelle sicher tierisch freuen, explizit erwähnt zu werden. Letzteres versteht sich als ironisch.
Nachdem ich einen guten Teil meiner halbstündigen Pause in diesem verachtenswürdigen Ort der Vollendung der kapitalistischen Ausbeutung des Proletariats, der täglich Schauplatz der pädagogischen Fehlleistungen der deutschen Gesellschaft wird («Kind sei ruhig, sonst bekommst du keinen Hamburger. Kind, nimm den Luftballon aus dem Gesicht von dem jungen Mann. Kind, halt mal dein Happy Meal.») verbracht hatte, blieb mir nur noch wenig Zeit, um die Schönheit des Ulmer Bahngleises 1 zu bewundern, bevor mich der nächste Zug nach Stuttgart führte.
Ich möchte hier nur am Rande erwähnen, dass ich zu diesem Zeitpunkt erstaunt war, wie viele Behinderte Menschen an diesem Tage unterwegs waren. Ich möchte hier keineswegs irgendeine wertende Stellungnahme machen, ich möchte lediglich erwähnen, dass ich bis Karlsruhe bereits zweimal den Sitzplatz wechseln musste, um ungestört lesen zu können – auch wenn ich hier niemanden irgendwie abqualifizieren möchte (vielleicht ist dieses Wort in diesem Zusammenhang zynisch), empfinde ich es doch als sehr störend, wenn man während dem Lesen ständig durch das Gestöhne bzw. Geschrei geistig behinderter Menschen abgelenkt wird.
Die Schaffner waren auch sehr nett.
Samstag, 14:24 Uhr, Stuttgart
Wieder durfte ich nach 35 Minuten Aufenthalt in der schönen Stadt Stuttgart in Richtung Karlsruhe weiterfahren. Anzumerken wäre allenfalls vielleicht, dass sich das Aprilwetter auf der Fahrt nach Stuttgart erheblich verbessert hatte – die Sonne schien bereits relativ stark durch die Zugfenster. Auch wurde mir die landschaftliche Schönheit der Schwäbischen Alb bewusst. Ich war erst einmal in dieser Gegend gewesen, als Kind. Ein Wanderurlaub mit meiner Mutter. Leider zerstörte die einsetzende Pubertät die Harmonie der gemeinsamen Urlaube mit meiner Mutter jäh – ich war noch mit ihr in Paris und am Bodensee, danach war ein gemeinsamer Urlaub nicht mehr attraktiv. Auch heute hätte ich dazu keine Lust, vielleicht wenn ich alt werde wieder.
Samstag, gegen 15 Uhr, zwischen Karlsruhe und Neustadt an der Weinstraße
Ich nahm eine SMS eines Teilnehmers am Schüleraustausch, der sich gerade, zu meiner Überraschung, in Straßbourgh befand zum Anlass, langsam auf meinen Überraschungsbesuch hinzuweisen. Ich wusste, dass eine Party zu Ehren der deutschen Austauschschüler stattfinden sollte. Und ausgehend von dem, das ich von den französischen Schülern und Schülerinnen während ihres Aufenthalt in Deutschland erfahren habe, waren ihre Partys zumeist sehr amüsant.
Ich fragte nach, wie es ihr denn ginge, nachdem sie berichtet hatte, das Wetter sei sehr gut, nahm ich das Wetter also als den roten Faden, der sie schließlich zu der Erkenntnis bringen sollte, dass ich heute abend in Sarreguemines vor ihrer Tür stehen würde.
Vielleicht habe ich sie überfordert, aber ich denke, ich habe mich zwar „poetisch“, aber einigermaßen verständlich ausgedrückt. Ich glaube jedenfalls, dass sie es nicht verstanden hat.
Samstag, 19:50 Uhr, Bening (Frankreich)
Mein erster Aufenthalt an diesem schönen, bereits beschriebenen Ort, der nahe St-Avold, südwestlich von Saarbrücken liegt. Es gibt in dieser Gegend übrigens einen Ort, der auf deutsch «Bitsch» und auf französisch «Bitche» heisst. Kommt gleich hinter dem österreichischen «Fucking» in meine Top-Five der lustigsten Städtenamen. Soviel dazu. Es begann nun aber, bitter zu werden.
Ich war guter Laune, der Bus nach Sarreguemines würde um 20:25 Uhr losfahren, das heisst, ich würde kurz vor 21 Uhr in Sarreguemines eintreffen. Ich dachte, es sei ein guter Anlass, meinen bisher nur durch Andeutungen angekündigten Besuch zu verkünden. Nennen Sie es Pech, nennen Sie es Unvermögen, mangelnde Planung – wie auch immer. Ich stand also hier in diesem Bening in Frankreich, vor dem berühmten «Café de la gare», was meines Wissens nach übersetzt soviel wie «Fuckin best pub in town» heißt und zückte mein waidwundes Handy (danke an Siemens, dafür dass sie es fertig bringen, solch qualitativ hochwertige Handys zu bauen, Gruß an alle SL 42-Benutzer) und wollte eine Freundin, die am Schüleraustausch teilnahm anrufen – was jedoch nicht möglich war. Eine freundliche, französische Frauenstime frohlockte in mein Ohr «... n’est pas accessible»
Sollten Sie jetzt meinen, ich wäre nicht im Stande, den genauen Wortlaut des auf Band gesprochenen Textes zu rezitieren, so muss ich Ihnen jubelnd gratulieren – da haben Sie nämlich vollkommen recht.
Ich versuchte jemand anders zu erreichen – dummerweise erwischte ich eine Person, die sich scheinbar nur bedingt für meine Situation interessierte und sich lediglich über die anfallenden Telefonkosten, die ja auch der mobil Angerufene im Ausland zu tragen hat – zurecht – beschwerte.
Nun ja, nachdem es gerade begann wieder kühler zu werden, weil Dämmerung, und nachdem ich das anfangs beschriebene Ambiente der berühmten Metropole Bening nicht wirklich zu schätzen wusste, sah ich mich zum ersten mal auf meiner bisher sehr illustren Reise vor ein ernstes Problem gestellt.
Der Passagier auf dem sinkenden Schiff, der sich erst sorgt, als seine Füße nass werden. Es wäre eigentlich unverschämt, darüber enttäuscht zu sein, alleine in Frankreich zu stehen – wenn man alleine nach Frankreich fährt, steht man irgendwann alleine in Frankreich. Das ist eine logische Folge.
Samstag, 20:55 Uhr, Sarreguemines - die gelobte Stadt
Meine Reise endete mit der weisen Frage «Est-ce qu’il y a un autre station à Sarreguemines où le bus s’arrête ?». Dumme Frage, dumme antwort : «Non.» Ich weiß auch nicht, warum ich die Conductrice des Busses das fragte, vielleicht weil ich nicht wahrhaben wollte, aussteigen zu müssen. Immerhin war der Bahnhof von Sarreguemines nicht baufällig. Lustigerweise erkundigte ich mich zualler erst, als ich in Sarreguemines angekommen war, wann ich denn wieder abfahren könnte. Der Bahnhof öffnet sonntags um 6:30 Uhr. Ich war so naiv, daran zu glauben. Dann versuchte ich meine Stimmung durch das Anlegen eines zweiten Pullovers zu verbessern. Das Frieren war vorerst gestoppt.
Nach einem etwa halbstündigen Spaziergang in Sarreguemines gewann ich den Eindruck: eine wirklich schöne Stadt. Ich lief am Ufer der Sarre entlang, sah die bunten Lichter des am anderen Ufer gelegen Kasinos und wie es sich im Fluss spiegelte, wie ihr Abbild ständig durch die Bewegung des Wassers zerrissen wurde und sich doch nicht fortbewegte, sah wie sich zwei Erpel verfolgten, erst an Land, dann im Wasser, dann in der Luft – wahrscheinlich hatten sie einen Machtkampf, ich habe keine Ahnung von Enten, aber sie benahmen sich nicht sehr kameradschaftlich. Das Schöne hat eben oft seine Schattenseiten. So faszinierend es war, den Enten zuzusehen, wie sie sich in drei Elementen bewegen konnten, so klar war mir, dass es sicher nicht schön war für diejenige Ente, die verfolgt wurde.
In Verfolgung arteten dann wohl auch meine Versuche aus, den Abend doch noch in Gesellschaft zu verbringen. Durch ein Telefonat brachte ich in Erfahrung, dass sich eine Bekannte von mir in einer Eisdiele aufhielt – die Frage, wo sich diese denn befände, ging mit dem Zusammenbruch der Leitung zugrunde. Wie gesagt: Angerufen werden kostet, wenn man sich im Ausland befindet. Wenn das Guthaben aufgebraucht ist, sieht man ziemlich alt aus. Alt sah aber nur ich aus.
Was ist es, das einen Menschen zum Herdentier macht? Die beiden Enten verfolgten einandern, auch wenn sie kämpften, sie waren nicht allein. Warum wollte ich nicht einfach in eine Kneipe gehen um mich dort zu betrinken, mit ekelerregendem, französischem Bier? Ich denke, es stimmt wirklich, dass man Dinge erst zu schätzen weiß, wenn sie fort sind. Ich nahm mir in diesen Stunden vor, nie wieder etwas gegen die Krumbach Kneipen zu sagen. Ich hatte Angst davor, man würde mich auslachen, wenn ich heimkommen würde und erzählen müsste, ich habe niemanden getroffen. Aber in dem Moment war mir das irgendwie egal. Ich hatte einfach keine Lust mehr, Energie zu investieren um schlussendlich sagen zu können «Hey! Ich bin in Frankreich! Da schaust du, gell? Bin ich nicht ein verdammt blöder Hund?»
So schwer es fallen mag, es nach zu vollziehen – es gefiel mir, in dieser Stadt. Das einzige Problem war, dass es kalt wurde. Ich ging in ein Kino, um mir den längsten Film anzuschauen, der gerade lief. Im Kino ist es warm und gemütlich. «Snowboarder». Leider war der Film französisch. Ich sah davon ab, die Kassenfrau zu bitten, für mich einen deutschen Untertitel einzublenden, was sich letztlich auch nicht gelohnt hätte. Soweit ich es verstanden habe ging es lediglich um Sport, Drogen und Sex. Am besten gefiel mir die Werbung. Nach den Filmtrailern, bei denen ich überraschenderweise nahezu alles verstand, wurden Werbespots für lokale Firmen gezeigt, die allesamt sehr lächerlich waren.
Mein Schläfchen endete komischerweise gerade in dem Moment, als mich ein jugendlicher Franzose, der ein paar Reihen vor mir saß, angrinste und mit der Hand winkte. Ich grüßte schockiert und tat wahnsinnig interessiert, um nicht aufzufallen. Obschon ich schonmal schlechte Erfahrungen damit gemacht habe, sich als Deutscher in Frankreich zu outen, fühlte ich mich relativ wohl, auch weil die Leute in dem Kino allesamt recht nette Leute zu sein schienen.
Die Nacht brachte noch einige Späße mit sich. Ich verbrachte sie abwechseln auf Bänken und in Banken. Zuerst ließ ich mich auf einer hell erleuchteten Bank vor dem Bahnhof nieder, hielt nach ca. einer Stunde die Kälte aber nicht mehr aus. Hotel fand ich keins und abgesehen davon hatte ich auch nicht Genug Geld dafür. Also ging ich spazieren, beim Laufen ist noch keiner erfrohren. Nachdem ich einige Bänke ausgetestet hatte, und konsterniert feststellen musste, dass keine von ihnen geheizt war, fand ich durch Zufall ein Geldinstitut, in dessen geheiztem Vorraum einige Automaten standen. Eine freundlich aussehnde Kamera lächelte mich von der Decke her an und ein einladener Marmorboden wartete nur auf mich. Nachdem ich einige Zeit hier verbracht hatte und kurzzeitig sogar eingenickt war, war es Zeit, die Bank zu wechseln. Ich lief solang herum, bis ich die Kälte nicht mehr ertragen konnte, wärmte mich dann wieder in einer Bank auf (es gab netterweise mehrere davon nebeneinander). Dieses Verfahren wiederholte ich mit Begeisterung bis ca. 6 Uhr. Als die Sonne aufging, saß ich auf einer Bank an der Sarre. Der Bahnhof machte natürlich nicht um 6:30 Uhr auf, an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an die französischen Bahnangestellten. Ich sah mich also gezwungen, den Bus in Richtung des mir mittlerweile liebgewordenen Bening zu nehmen – mangels Bahnpersonal hatte ich keine Ahnung ob ich von dort aus nach Hause kommen würde, ich bemerkte lediglich, dass von Sarreguemines kein Zug nach Saarbrücken fuhr.
Zuguter Letzt: Die Flasche.
Ich habe sie gekauft in Günzburg, ich habe sie die ganze Zeit mitgenommen, ich hatte sie in Karlsruhe ausgetrunken, ich hielt sie in Neustadt an den Weinstraße in der Hand. Ich warf sie in Bening weg, als ich dann aber zu begreifen begann, den Abend allein zu verbringen, hob ich sie wieder auf. Ich füllte sie im Kino mit Leitungswasser und trank sie am nächsten Tag aus. Ich schlief die Nacht auf ihr, weil ich kein Kopfkissen hatte. Ich brachte sie wieder nach Günzburg. Ich fand den Kassenbon nicht mehr. Das ist die Wahrheit. Das deprimiert mich noch heute.