Abstimmungsergebnis zur Challenge "Auf der Mauer stand mit Kreide"

gibberish: Der Viehkönig

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    Aktuelles Buch: Cormac McCarthy - No Country for Old Men


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    Der Viehkönig

    I
    -Samuel-

    Noch vor Sonnenaufgang nahm Samuel zwei Eimer und schlenderte über seine Farm, hin zur Anhöhe, auf der die Kühe grasten. Er hatte keine Milch mehr, die letzten Liter am Vortag verkauft, und seine Frau Hannah bestand bei jedem Frühstück auf ein Glas. Samuel wusste, wenn sie ihre Milch nicht bekäme, würde sie zetern und schreien, dann bloß noch wimmern. Als hätte sie erfahren, dass sie sterben müsse.
    Samuel gähnte und ging schneller. Rötliche Wolken hingen über der Farm, der Horizont wurde allmählich heller. Grillen zirpten in den Büschen, als wollten sie einen guten Morgen wünschen. Der Wind war kalt. Ungewöhnlich für einen August in New Mexico.
    Neben seiner Scheune hielt Samuel inne. Sie müsste jeden Moment erwachen, mit den ersten Sonnenstrahlen, wie immer. Samuel wollte kurz nach Hope sehen. In der Nacht hatte er wieder von ihr geträumt, diesmal jedoch nicht von ihrem Lächeln oder ihren vollen Lippen.

    In seinem Traum hatte sie Angst. Mit aufgerissenen Augen stand sie inmitten der Scheune. Heu hing in ihren Haaren, ihre Hände zitterten. Vorsichtig öffnete Hope das Scheunentor und spähte hinaus, erblickte Dutzende Fackeln und Gewehre. Es erklangen aufgeregte Männerstimmen. Tränen rannen über Hopes Wangen und sie flehte um Hilfe, rief nach Samuel, wieder und wieder und immer lauter. Da entdeckten die Männer sie, marschierten auf sie zu, die Gewehre auf ihr Gesicht gerichtet.
    Dann war Samuel aufgewacht, hatte sich aufgesetzt. Kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn, bedeckte Kopfkissen und Laken; doch neben ihm atmete Hannah ruhig und regelmäßig und vor dem Fenster war es dunkel und still, da waren keine Fackeln, keine Männerstimmen.
    Samuel war zurück auf sein Bett gesunken. Er vermisste Hope, sehnte sich nach ihr, so sehr, dass er immer öfter von ihr träumte. Zu lange hatte er ihre schwarze Haut nicht mehr berührt, die so viel weicher war als die faltige und trockene Haut seiner Frau.

    Samuel entschied sich, Hope nicht mit seinem Traum zu belästigen. Hannah mochte es ohnehin nicht, wenn er mit Hope allein war, würde wieder mit ihm streiten. Er ging weiter und erklomm die Anhöhe.
    Als er die Weide erblickte, erstarrte er. Es war kein Tier zu sehen, vierzig Kühe und zwei Stiere waren verschwunden. Samuel ließ die Eimer fallen, mit einem Scheppern landeten sie vor seinen Füßen. Er öffnete den Mund, wollte fluchen, aber kein Laut entwich. Reglos stand er da und hoffte, immer noch zu träumen. Doch diesmal schlief er nicht, nichts veränderte sich.
    Die braune Ebene vor ihm erstreckte sich bis zu einer Felsformation in der Ferne. Graugrüne Grasbüschel sprossen aus dem trockenen Boden, die meisten waren abgefressen. Samuel kniff die Augen zusammen. Vielleicht sah er die Rinder nur nicht, vielleicht versteckten sie sich hinter den Kakteen, die vereinzelt in den Himmel ragten wie grüne Mistgabeln. Mehrere Minuten stand er da und sah sich um, aber er entdeckte kein Vieh, hörte kein weit entferntes Muhen.
    In seiner Nähe war der Zaun zerstört. Samuel ging hin, hob ein Brett auf. Die Ränder waren gezackt, das Holz durchgesägt. Samuel zuckte zurück, als Schmerzen durch seine Hand schossen. Ein Nagel ragte aus dem Brett und hatte sich in seinen Zeigefinger gebohrt. Blut sickerte aus der Kuppe, tropfte auf das Brett und auf den Boden. Zwischen Holzspänen schimmerte es hellrot im Licht der aufgehenden Sonne. Da entdeckte Samuel, dass er auf Hufspuren stand, sie führten die Anhöhe hinab, vorbei an der Scheune. Sie verliefen gen Norden, wo sich die Ebene zwischen Santa Fe und dem Sangre-de-Cristo-Gebirge erstreckte. Samuel wusste, er würde seine Rinder dort in der Weite so schnell nicht finden. Aber vielleicht wusste Hope mehr. Vielleicht hatte sie etwas gesehen.

    Die Scheunentore öffneten sich mit einem Quietschen und Samuel trat ein. Staub schwebte durch die Luft und es roch nach Heu und Erde. Samuels Schritte scheuchten zwei Schwalben auf, die Richtung Dach flogen, sich versteckten. „Hope? Bist du da?“ Er sah sich um, erspähte sie nicht. Der Stall, in dem Samuels Pferd für gewöhnlich stand, war leer. „Hope?“
    Samuel erklomm die Leiter, die auf den Heuboden führte. Dort, wo Hope schlief. Nicht, weil Samuel es von ihr verlangte, sondern weil sie es wollte. Das erinnere sie an ihre Kindheit und an ihre Eltern, die Samuels Vater gehört hatten. Nach Ende der Sklaverei und dem Tod ihrer Eltern war Hope auf dem Hof geblieben, ihrem Zuhause.
    Mit jedem Schritt die Leiter rauf fühlte sich Samuel unwohler. Um diese Zeit war Hope meist wach, und wenn er nach ihr rief, antwortete sie auch. Doch heute nicht, denn sie war weg, die Schlafstatt verlassen.
    Samuel ging neben der leeren Strohmatratze auf die Knie, betrachtete die plattgedrückten Stellen. Sonnenlicht zeichnete Streifen auf Samuels Brust und erhellten den Heuboden. Neben der Matratze lag eine Stoffpuppe mit langen Strähnen aus schwarzem Pferdehaar. Samuel hatte sie Hope geschenkt, als sie noch ein Kind war. Niemals würde sie die Puppe zurücklassen.
    Samuel nahm sie und atmete tief ein. Er glaubte, Hopes Geruch wahrnehmen zu können, der an der Puppe haftete. Er schloss die Augen und dachte an Hopes Brüste und ihr wohlgeformtes Becken, an ihre sanfte Stimme und ihre weichen Haare, die nach Narzissen dufteten. Aber ihr Geruch war bloß Erinnerung.
    Als Samuel die Scheune verließ, hatte sich der Duft bereits verflüchtigt.


    II
    -Hannah-

    Zum Frühstück gab es Brot mit Käse. Hannah saß Samuel gegenüber, sah auf seine Hände, fragte: „Haben die Kühe heute keine Milch gegeben?“
    Vor Samuel lag die Zeitung, die der Nachbarsbursche einmal die Woche vorbeibrachte. Unter dem Datum 14. August 1878 standen zwei große Schlagzeilen. Weitere Eisenbahnstrecken in New Mexico geplant. Qualmende Ungetüme bald auch auf Ihrem Land? und Vermehrt Viehdiebstähle nahe Santa Fe - Sheriff verdächtigt Navajo. Samuel reichte seiner Frau den Zeitungsteil mit den Haushaltstipps und dem Horoskop. Er sagte: „Nein.“
    „Schade.“ Hannah schlug die Zeitung auf und begann zu lesen. Ihre Haut war blass, und sie bekam allmählich tiefe Falten um Augen und Mundwinkel. „Der Doktor sagt, ich müsse meine Milch trinken, wenn …“ Sie presste die Lippen zusammen. „Du weißt schon.“
    Samuel lehnte sich zurück - der Holzstuhl knarzte - und fragte: „Weißt du, warum ich dir keine Milch geben kann?“
    Sie las weiter, sah nicht auf. „Keine Ahnung, Darling. Die Euter waren jedenfalls dick genug.“
    „Waren sie.“ Er nahm einen Schluck von dem starken Kamillentee, den Hannah gern braute. Die bittere Brühe kratzte im Rachen. Samuel räusperte sich, sagte: „Die Kühe sind weg. Wohl über Nacht verschwunden.“
    Hannah lugte über den Rand der Zeitung, ihr Blick fand Samuels. „Was sagst du da? Sind sie weggelaufen?“
    Samuel trank den Tee aus, leckte sich die Lippen. „Glaub ich nicht. Der Zaun wurde angesägt.“
    Hannah riss die Augen auf. „Jesus! Es waren die Viehdiebe, die aus der Zeitung.“ Sie zeigte auf das Papier. „Es wird immer schlimmer mit denen, und nun hat's uns auch erwischt. Der Herr stehe uns bei. Was machen wir denn jetzt?“
    „Weiß nicht.“
    „Die Indianer sind's, Eliza ist auch der Meinung.“
    „Die Frau vom Deputy Kingsley?“
    „Ja, in Santa Fe ist's in aller Munde. In den letzten Wochen wurden hunderte Rinder gestohlen. Das sind die Rothäute. Erst holen sie sich unser Vieh, dann unser Land.“
    Samuel zog die Augenbrauen zusammen. „Wozu brauchen denn Rothäute so viele Rinder? Sie könnten sie nicht mal verkaufen, das fiele auf.“
    „Sie planen was, ganz sicher.“
    Samuel rieb sich die Stirn. „Hast du denn letzte Nacht irgendwas mitbekommen? Geräusche?“
    „Nein, ich habe nichts gehört, nichts gesehen. Ich habe … geträumt.“ Hannahs Wangen röteten sich. „In meinem Traum hat die Tinktur gewirkt.“
    „Die Tinktur, dass ich nicht lache. Der Quacksalber aus der Stadt hat dir Pferdepisse verkauft, kein Wundermittel.“
    Hannah antwortete nicht, blätterte stattdessen die Zeitung um, überflog das Horoskop.
    Samuel biss in das Brot, es schmeckte fad. Er kaute lange, schluckte, wünschte sich, er hätte noch etwas Tee zum Nachspülen. „Es gibt viele Rothäute hier.“
    „Du solltest zum Sheriff gehen. Erzähl ihm alles. Vielleicht weiß er Genaueres. Wir brauchen unser Vieh zurück.“
    „Denkst du, ich weiß das nicht?“
    „Na, da bin ich mir nicht so sicher. Du bist in letzter Zeit mit den Gedanken oft woanders.“
    „Achso? Und wo?“
    „Bei dem Niggermädchen.“
    Samuel hob den Zeigefinger, sagte: „Du sollst sie nicht so nennen.“
    „Sie ist schwarz, ein Nigger. Das ist ihre Rasse, oder nicht?“
    „Lass es einfach.“
    „Aber sag, vielleicht hat sie ja was gesehen gestern Nacht. Hast du mit ihr gesprochen?“
    „Nein, also …“ Samuel verschränkte die Arme, betrachtete die Maserung des Holztisches und sagte: „Sie ist auch verschwunden.“
    Hannah schwieg eine Weile, sagte schließlich: „Oh.“ Dann verstummte sie und widmete sich wieder der Zeitung. Doch ihre Augen bewegten sich nicht.

    In den nächsten Tagen marschierte Samuel lange über die Ebene, suchte nach seinem Vieh, fand nichts. Der Himmel blieb grau, tauchte Kakteen und Geröll in Halbdunkel. Trotzdem war es so schwül, dass Samuel schwitzte und seine Kleidung auf der Haut klebte, als wäre der Schweiß aus Honig. Und es war still, nicht einmal Geier krächzten über der Ödnis.

    Täglich nahm Samuel den langen Marsch nach Santa Fe auf sich. Der Sheriff konnte ihm nicht helfen, war überfordert. Sieben Viehhirten hatten bereits Diebstähle gemeldet, und vermehrt wurden Rothäute in den Bergen gesichtet. Der Sheriff hatte per Kurier Hilfegesuche nach Albuquerque und Los Alamos gesandt, bisher ohne Antwort.
    In Santa Fe kaufte sich Samuel von seinem Notgroschen einen braunen Wallach, aber er ritt nur langsam nach Hause, hielt dabei Ausschau, hoffte auf schwarze Umrisse von Rindern in der Ferne. Und er genoss die Stille. Zuhause erwartete ihn Hannahs Gezeter.
    Sie verlangte nach ihrer Milch und die Tinktur ging ihr aus, sie brauchte neue, aber ohne Vieh hatten sie kein Geld dafür. Hannah wurde mürrischer, Stunde um Stunde. Und das alles nur, weil ihr neunmalkluge Kerle aus der Stadt weisgemacht hatten, Milch und Tinktur würden gegen ihre Unfruchtbarkeit helfen.

    Gestern Nacht hatte sie Samuel wieder so angesehen, so begierig. Sie hatte sich halbnackt an ihn geschmiegt, ihm zugeflüstert: „Wollen wir es nochmal versuchen?“
    Samuel starrte an die Zimmerdecke. Täglich betete Hannah zu Gott, wünschte sich einen Sohn. Doch Samuel war sich nicht sicher, ob sie überhaupt ein Kind wollte. Hannah genoss die Ruhe in dem Farmhaus, die viele freie Zeit. Nie hatte sie bei der Viehzucht geholfen, beschwerte sich immerzu, wenn Samuel fragte, ob sie ihm beim Melken oder Stallmisten zur Hand gehen könne. Das sei nicht gut für ihre makellose Haut, behauptete Hannah, sie würde überall Schwielen bekommen und verschrumpeln von der Arbeit in trockener Hitze. Sie bleib lieber allein in der dunklen Wohnstube. Ein plärrendes Kind im Haus, das würde Hannah bloß überfordern. Denn dann hätte sie weniger Zeit zum Stricken und Lesen und für die Treffen mit ihren Freundinnen aus Santa Fe. Samuel war aufgefallen, dass Hannah zunehmend geknickt wirkte, wenn sie von diesen Treffen heimkehrte, sie ging auch seltener hin. Als wäre sie beleidigt worden. Samuel fragte sich, ob Hannah nur Mutter werden wollte, damit die anderen Frauen nicht mehr mit den Fingern auf sie zeigten und tuschelten.
    Hannah fragte erneut: „Wollen wir es versuchen?“
    Samuel sah aus dem Fenster, die Scheune war in der Dunkelheit nicht zu erkennen. Es brannte kein Licht in dem kleinen Fenster über Hopes Schlafstatt. Samuel schob Hannah sacht von sich. „Heute nicht. Ich bin müde.“
    Sie klang traurig, als sie sagte: „Na, dann schlaf gut und träum was Schönes.“
    „Werde ich.“ Er küsste ihre Stirn und schloss die Augen.
    Er träumte von Hope. Sie stand in einem zerfetzten Kleid vor seiner Haustür und sagte, sie sei von Rothäuten entführt worden. Doch sie hätte sich befreien können, sei tagelang gelaufen, mit Hunger und Durst als einzige Begleiter. Aber sie lief immer weiter, so schnell sie konnte. Weil sie die Farm und Samuel liebte und seine Erben austragen wollte.


    III
    -Jeremiah-

    Eine Woche später stand Samuel auf seiner Weide, er wollte endlich den Zaun reparieren. In der einen Hand hielt er den Hammer, in der anderen die Nägel. Er ging in die Hocke, griff ein Brett und begann, es festzunageln. Es regnete, nur über dem Gebirge im Norden war der Himmel klar. Samuel hämmerte weiter. Dicke Tropfen landeten auf seinem Kopf, durchnässten Haare und Kleidung. Aber das machte Samuel nichts aus, er mochte das Geräusch des Hammers, der auf Holz traf. Es klang nach Arbeit, nach Leben. Seit Tagen war es so ruhig auf der Farm. Als wäre niemand mehr hier. Sogar Hannah sagte kaum ein Wort, las in der Bibel, betete, strickte und schenkte Samuel kaum Beachtung.
    Wenn er nicht spazieren ging, saß er mit Hannah im Wohnzimmer und sie schwiegen sich an, als warteten sie auf ein besonderes Ereignis, das nie eintreffen würde. Zu hören war nur das laute Ticken der Standuhr im Schlafgemach.

    Als Samuel das erste Brett befestigt hatte, hörte er Hufgetrappel. Er richtete sich auf und grinste und sein Herz raste. Für einen kurzen Augenblick glaubte er, Hope und die Rinder seien zurückgekehrt. Aber es war nur der Bursche vom Nachbarhof, der auf Samuel zu galoppierte und rief: „Mister Davidson, Sir!“
    Samuel legte den Hammer beiseite, wischte sich Haare von der Stirn und fragte: „Zeitung?“
    „Nein. Mister Jeremiah schickt mich. Gestern Nacht wurde sein Vieh gestohlen.“
    „Jeremiah hat sich beklauen lassen? Der knallt doch sonst jeden ab, der in die Nähe seiner Farm kommt.“
    „Ganz genau, Sir. Er hat einen von der Bande gefangen.“
    Samuels Augen weiteten sich. „Ist das wahr?“
    Der Bursche nickte. „Mister Jeremiah möchte, dass alle Viehhirten morgen zu ihm kommen. Er plant etwas.“
    „Morgen?“ Vielleicht wusste das Bandenmitglied etwas über Hope, könnte ihm sagen, wo sie war, wie es ihr ging. „So lange kann ich nicht warten, ich reite gleich rüber.“ Samuel schenkte ihm ein Lächeln. Der Bursche erwiderte es und schickte sich an, fortzureiten. Samuel hob die Hand. „Warte kurz.“ Er kramte in der Hosentasche, zog Münzen heraus. „Hier, für die gute Nachricht.“ Er gab dem Jungen zwölf Cent. Dann schlenderte er zur Scheune und sattelte sein Pferd.

    Jeremiah stand neben einem Kaktus hinter seinem Haus. Vor ihm frisch aufgewühlte Erde. Seine Kleidung war verdreckt, das Gesicht voll brauner Schlieren. Es hatte zu regnen aufgehört, nur vereinzelte Quellwolken standen am Himmel, verdunkelten hin und wieder die Sonne, zeichneten runde Schatten auf braunes Gestein. Jeremiah hielt einen Spaten in der Hand, und als er Samuels Schritte hörte, hob er ihn, als wolle er auf den Störenfried eindreschen. Aber als er Samuel erkannte, ließ Jeremiah den Spaten sinken, rammte das Blatt vor sich in den Boden, starrte wieder auf die aufgewühlte Erde. „Ach, du bist's nur.“
    Samuel blieb neben Jeremiah stehen. „Sag, ist das ein Grab? Ist wer gestorben?“
    Jeremiah stützte sich gegen den Spaten, als könnte er ohne nicht stehen, und dann nickte er. „Mein Salem.“
    „Dein Hund?“
    Jeremiahs Augen waren gerötet und glitzerten. Rotz klebte auf seinem Oberlippenbart. „Die Viehdiebe haben ihm gestern den Schädel eingeschlagen, als er mit dem Gebell nicht aufgehört hat.“ Er schniefte. „Mein guter Sal. Er hat mich geweckt. Gerade noch rechtzeitig. Konnte einem der Arschlöcher ne Ladung Schrot in die Kniescheibe jagen, bevor die Bande abgehauen ist.“
    „Hast tatsächlich einen erwischt?“
    „Jep.“ Er nickte Richtung Farmhaus. „Der Dieb ist auf meinem Dachboden. Willst ihn sehen?“
    „Mhm.“
    Jeremiah presste die Lippen zusammen. „Dann geh schon mal vor, Agnes wird dir einen Tee machen. Ich will noch ein Gebet sprechen.“
    Samuel nickte. „Lass dir Zeit.“ Da lachte Jeremiah, aber nur kurz, es klang gekünstelt. Samuel fragte: „Alles in Ordnung?“
    Jeremiahs breites Kreuz verdeckte die Berge am Horizont und die Sonne, die über den Gipfeln stand. Er zog eine kleine Bibel aus seiner Hosentasche und blätterte in ihr. „Schon komisch, was die Leute alles glauben. Muss nur irgendwer was niederschreiben, schon wird es zur Wahrheit.“
    „Wie meinst du das?“
    „Liest du Zeitung?“
    „Klar.“
    „Dann weißt du, wer die Rinder gestohlen hat.“
    „Navajo.“
    Jeremiah hört auf zu blättern, schien eine passende Stelle für sein Gebet vor dem Grabe gefunden zu haben. „Ich sag dir jetzt mal was, Sam. In der Zeitung steht Schwachsinn, und die Leute in der Stadt haben auch keine Ahnung. Die reden viel, aber gesehen haben sie nichts. Ich schon. Nein, Rothäute haben mich gestern Nacht nicht überfallen. Diese Viehdiebe, das sind allesamt Nigger.“ Er sah zum Sangre-de-Cristo-Gebirge. „Und was sie meinem Salem angetan haben, werden sie schon bald bereuen.“

    Der Nigger-Dieb auf dem Dachboden war tot. Er lag zwischen alten Kleidern und kaputten Schränken in einer Pfütze seines Blutes, das zwischen den Dielen entlanggelaufen und dort geronnen war. Nun klebte es da wie schwarzer Leim.
    Jeremiah beugte sich über den Toten, die Hände in den Hosentaschen vergraben, das Gesicht angewidert verzogen. „Versaut mir das gute Holz.“
    In Samuels Magen kribbelte es. Die Luft war stickig und roch süßlich. Samuel befürchtete, ein Schwall Kotze bräche aus ihm heraus, wenn er seinen Mund zu weit öffnete. Er flüsterte: „Wolltest du ihn nicht befragen?“
    „Hab ich.“ Er zeigte auf die blutüberströmten Beine des Diebes. „Hab ihm gesagt, ich würde seine Wunden versorgen. Er musste mir nur sagen, wo sich seine Bande versteckt.“ Jeremiah schüttelte mit dem Kopf. „Hättest die anderen Nigger mal sehen sollen, Sam. Sind einfach weggeritten. Haben nicht mal das Feuer erwidert und den Burschen hier einfach zurückgelassen, so feige waren die. Da dachte ich mir, befragst ihn mal, wird seine tollen Freunde sicher verraten.“
    Samuel sah in die Augen des Toten, die ausdruckslos auf Spinnenweben an der Decke gerichtet waren. „Hat er?“
    Jeremiah zuckte mit den Schultern. „Naja.“ Er stieß die Leiche mit der Fußspitze an. „Der Bursche hat ständig wiederholt, er sei erst seit Kurzem mit der Bande unterwegs, kenne sich kaum aus in der Gegend. Kam wohl von auswärts. Ist ja auch egal.“ Er ging auf Samuel zu, blieb dicht vor ihm stehen, sodass Samuel die Leiche nicht mehr sehen konnte. Jeremiah sagte: „Der Bursche hat gesagt, die Bande wird von 'nem Nigger angeführt, der sich Viehkönig nennt. Ist das zu fassen?“
    „Ein Dieb, der sich König nennt?“
    „Tja, was will man von solchem Gesindel erwarten. Jedenfalls verstecken sich die Nigger im Gebirge. Da reiten wir morgen hin.“
    „Wir?“
    „Du, ich und all die anderen Viehhirten der Umgebung.“
    „Obwohl wir nicht wissen, wo genau die Diebe sind?“
    „Sam, die haben tausende Rinder gestohlen, die kann man ja kaum übersehen, oder? Es wird Spuren geben, wir müssen ihnen nur folgen. Und Gott wird uns leiten. Wir tun sein Werk.“ Jeremiah ging wieder zur Leiche. „Wir räuchern die Ketzer aus. Wirst schon sehen.“
    Auf dem Dachboden war es heiß, Schweiß stand Samuel auf der Stirn. Fliegen schwirrten umher, saßen auf Schränken und Kisten und der Leiche. „Was meinst du mit Werk Gottes?“
    „Unsere Heimat geht vor die Hunde, Sam. Bald wird hier alles zerstört sein. Städte, Gemeinden, Gesetze. Alles, was unsere Vorväter aufgebaut haben. Und warum geht es zugrunde? Wegen Niggern und Rothäuten. Was wissen die denn von Christlichkeit und von Ehre? Das sind Tiere, die sich nur aus dem Dreck erhoben haben, weil wir ihnen halfen. Und die feinen Kerle aus Washington meinen auch noch, dieses Gesindel sei uns ebenbürtig. Nein, das glaube ich nicht. Sie hätten Sklaven bleiben sollen. So, wie es jahrzehntelang Tradition war.“ Er wandte sich Samuel zu. „Jetzt spielen sich die Nigger auf, nennen sich Könige. Wie lange wird es dauern, bis sich diese Tiere unser Land gewaltsam nehmen, weil sie glauben, sie hätten das Recht dazu? Sieh doch, was sie mit unserem Vieh gemacht haben, es fängt schon an. Und wenn Nigger und Rothäute unser Land erstmal haben, wird sich Gott von uns abwenden. Denn in der Bibel steht geschrieben: Die Völker Afrikas werden sich dir ergeben und dir gehören. Sie werden dir in Fesseln folgen müssen. Sie werden vor dir niederfallen und dich anflehen, denn Gott ist bei dir, und er ist der einzige Gott.“ Jeremiah legte eine Hand auf Samuels Schulter. „Und ich werde den Herrn nicht enttäuschen. Morgen zeigen wir den Niggern, wo sie hingehören. Und wenn ich sie alle abknallen muss, dann soll es so sein.“ Er lächelte, und seine Stimme klang freundlich, fast väterlich, als er sagte: „Und werft den unnützen Knecht hinaus in die Finsternis; da wird Heulen und Zähneklappern sein.
    Samuel sah an Jeremiah vorbei. Zum Gesicht des toten Diebes. Seine Haut war gräulich, seine Augen milchig. „Nicht alle Schwarzen sind schlecht.“
    „Ach nein? Schau doch, was sie mit meinem Salem gemacht haben.“ Jeremiahs Augen glitzerten wieder. „Der Hund hat meiner Tochter gehört, sie sind zusammen aufgewachsen. Und als meine Kleine letzten Winter …“ Er räusperte sich. „Der Hund war alles, was von ihr geblieben ist. Und jetzt habe ich nicht einmal mehr das.“ Sein Blick verharrte kurz auf Samuels Brust. „Nicht einmal mehr das.“ Dann ging Jeremiah zur Treppe, die hinab ins Haus führte. „Morgen früh also. Komm nicht zu spät, sonst reiten wir ohne dich los.“
    Während Jeremiah die Holztreppe hinabstieg und seine Schritte immer leiser wurden, starrte Samuel auf die Leiche, auf die verkrampften Finger und das schwarze Blut. Dabei dachte er an Hope und hörte Jeremiahs Worte, als würde ihr Echo auf dem Dachboden widerhallen, jedes Mal lauter als zuvor. Samuel beschloss, morgen sein altes Jagdgewehr mitzunehmen.


    IV
    -Amos-

    Am nächsten Morgen ritten Samuel und Jeremiah alleine aus, die anderen Viehhirten waren nicht erschienen. Nach kurzem Warten auf Jeremiahs Farm hatte Samuel eingesehen, dass niemand mehr kommen würde, dass die anderen Hirten zu viel Angst hatten und mit der Rache an den Dieben nichts zu tun haben wollten. Sie waren schließlich keine Sheriffs. Aber Jeremiah war entschlossen, dennoch aufzubrechen; und Samuel wollte nicht zurück zu Hannah und der Farm, die ihm ohne Hope so tot vorkam.
    Stundenlang ritten sie über die weite Ebene mit ihren Kakteen und vertrockneten Büschen. Bis zu den Bergen, deren Gipfel in der Hitze flirrten.
    Während des Ritts starrte Jeremiah zum Gebirge. Als würde es verschwinden, wenn er nicht hinsähe. Die Krempe des Hutes legte Schatten über seine Augen, die von links nach rechts zuckten, sich verengten und weiteten, unablässig. Jeremiah redete nicht. Nur die Grillen zirpten monoton und das Hufeklappern der Pferde schallte durch die Schluchten und Felsspalten.
    Über steile Pfade ritten sie weiter. Geröll knirschte unter den Hufen der Pferde. Samuel hielt sein Gewehr fest umklammert. Bevor er aufgebrochen war, hatte er es geladen. Hannah hatte er erzählt, dass er mit Jeremiah in die Stadt reiten würde, um nachzusehen, ob gutes Vieh zu kaufen sei. Hannah hatte nichts gesagt, nur genickt und dann weitergestrickt. Socken, die meist zwei Nummern zu klein waren.
    Als der Himmel langsam eine rötliche Färbung annahm, fragte Samuel: „Wollen wir nicht umkehren? Ich habe keine Lust, im Dunkeln durch die Wildnis zu reiten. Ist gefährlich.“
    Jeremiah zügelte sein Pferd und stieg ab. Neben dem Pfad schlängelte sich ein Bach vorbei an den Felsen und Steinen. Es war kaum mehr als ein Rinnsal. Jeremiah kramte seine Feldflasche aus einer Satteltasche. Seine Stirn war voller Staub, der sich mit Schweiß vermischte und bräunlich das Gesicht herabrann. Nase und Nacken waren verbrannt, und Jeremiah atmete schwer. Keuchend ging er neben dem Bach in die Knie. „Geh doch, verkriech dich zuhause wie die anderen Feiglinge.“
    Samuel regte sich nicht. „Komm, das ist doch sinnlos. Wir finden die Diebe nie ohne Hilfe. Ich möchte mein Vieh ja auch zurück, aber das ist Irrsinn. Du holst dir noch einen Hitzschlag und kippst um.“
    „Wir finden die Nigger bald. Wir müssen. Schert sich ja sonst keiner drum.“ Das Rinnsal plätscherte leise. Jeremiah trank einen Schluck aus der Feldflasche. Dann setzte er ab, leckte sich die Lippen. „Sag, bei dir lebt doch ein Niggerweib, oder?“
    Samuel kniff die Augen zusammen. „Was hat das jetzt mit unserer Suche zu tun?“
    „Hast du mit ihr geredet? Über das, was ich dir gestern erzählt habe?“
    Samuel reckte sich in seinem Sattel, das Leder knirschte. „Nun, also …“
    Jeremiah hob den Blick. Seine kalten Augen musterten Samuel, als wäre er ein angeschossenes Kalb, das erlöst werden müsse. „Weiß sie was?“
    „In der Nacht des Überfalls, also … Sie ist von den Schwarzen entführt worden.“
    „Entführt?“ Jeremiah kicherte. „Oh Sam, mein Freund, die Nigger entführen doch ihresgleichen nicht.“
    „Warum nicht? Freiwillig ist Hope sicher nicht mit denen gegangen. Es geht ihr gut bei mir.“
    „So?“ Jeremiah stand auf, klopfte sich Dreck von der Hose. „Sag, warum bist du wirklich hier? Wegen deiner Kühe? Oder wegen deines schwarzen Liebchens, hm?“
    Samuel antwortete nicht. Jeremiah ballte die Hände zu Fäusten, atmete noch schwerer.
    „Ich mach nur schnell die Flasche voll.“ Eine fremde Stimme erschallte nahe des Pfades. Hinter einer Biegung trat ein Mann hervor, ein Schwarzer.
    Jeremiah riss die Augen auf. „Verdammt.“ Er wollte zurück zu seinem Pferd eilen. Dorthin, wo er seine Pistole gelassen hatte. Doch der Schwarze reagierte schneller. „Jungs, schnell hierher!“, brüllte er und zog einen Revolver.
    Samuel wollte das Gewehr heben, doch es war zu schwer für seine Arme. Mit offenem Mund saß er auf seinem Pferd, starrte auf den Revolver, der auf Jeremiahs Gesicht zielte. „Keine Bewegung!“, rief der Schwarze. „Sonst puste ich deinen Schädel weg.“ Jeremiah blieb stehen.
    Drei weitere Schwarze betraten den Pfad, alle bewaffnet mit Revolvern, die auf Samuel und Jeremiah gerichtet waren. Samuel ließ sein Gewehr in den Dreck fallen und hob langsam die Hände. Seine Finger zitterten.
    „Was haben wir denn hier“, sagte der größte der Männer. „Zwei verirrte Wanderer. Was treibt ihr hier draußen ganz allein im Gebirge? Was wollt ihr in New Samaria?“
    „New Samaria?“, wiederholte Samuel.
    Jeremiah spuckte aus. „Mit Schaben sprech ich nicht.“
    Der Große nickte. „Wie ihr wollt. Francis, gib mir die Seile. Ihr zwei, Hände hinter den Rücken. Soll der König entscheiden, was mit euch passiert.“

    „Willkommen in New Samaria“, sagte der Nigger namens Francis. Nachdem sie eine enge Schlucht durchquert hatten, erreichten sie ein Tal. Eine Ebene kreisförmig umschlossen von kargen Felswänden. Da waren keine Pflanzen und keine Häuser, nur graues Geröll und ein Steinbrunnen, der größtenteils zersplittert war. Die Hitze war erdrückend, es wehte kein Wind. Die Luft stank nach Verwesung.
    Tote Kühe bedeckten den Boden. Ihre Augen waren weiß, ihr Fell gräulich und dreckverkrustet. Hunderte Fliegen krochen in ihre Nüstern und Ohren und wieder heraus. Einige Rinder atmeten noch langsam, wirbelten mit schweren Atemzügen Sand auf. Ihre Zungen hingen aus den Mäulern und wurden von der Sonne ausgetrocknet. Indianer häuteten und zerlegten die toten Tiere. Blut verwandelte den Sand in rostbraunen Matsch. Als die Rothäute die Ankunft von Samuel und Jeremiah bemerkten, hoben sie die Köpfe und verengten die Augen. Samuel wandte den Blick ab.
    Die Schwarzen trieben Samuel und Jeremiah vorwärts, die gefesselt auf ihren Pferden saßen. Seit dem Vorfall am Bach bewegte sich Jeremiah nicht und sagte kein Wort. Als wäre er zur Statue erstarrt. Samuel wollte ihn fragen, ob er in Ordnung sei. Aber er wagte es nicht. Nicht, solange er Gewehrmündungen in seinem Rücken spürte.
    Am anderen Ende des Tals stand eine Hütte. Das Holz war grau und spröde und die Tür hing aus den Angeln. Neben dem Haus klaffte ein Loch in der Felswand. Ein verwittertes Schild war vor dem Eingang in den Boden geschlagen worden. Tekoa-Mine. „Da wären wir“, sagte Francis.
    Im Schatten der Hütte saß ein Nigger auf einem Felsen. Er trug einen Hut, hatte einen grauen Vollbart und Pockennarben und er las in einem Buch. Als er Francis hörte, sah er auf, musterte Samuel und Jeremiah und klappte das Buch zu. „Ah, Gäste.“ Er erhob sich.
    Samuel fragte: „Seid Ihr der Viehkönig?“
    „Den Namen haben sich meine Brüder ausgedacht. Nennt mich Amos.“
    Jeremiah sagte nichts. Einige Indianer schleppten das frisch zerhackte Rindfleisch in die Höhle, aus der Rufe schallten und etwas, das an rollende Fässer erinnerte.
    Amos verschränkte die Arme. „Was wollt ihr hier?“ Mehrere Männer traten aus der Holzhütte hinter ihm, alle bewaffnet.
    Samuel versuchte, sie zu ignorieren. „Unser Vieh.“
    Amos hob die Augenbrauen. „Wirklich? Ich fürchte, ihr kommt schon zu spät …“
    „Leute!“ Ein junger Schwarzer deutete auf Jeremiah und rief: „Das ist der Irre, der Louis abgeknallt hat. Ganz sicher.“
    Amos legte den Kopf schief. „Ist das wahr? Kommst du zu uns, um dich zu stellen, oder was? Hm? Antworte, Mörder.“
    Jeremiahs Augen waren ausdruckslos auf seine Füße gerichtet. Seine Unterlippe zitterte. Nach einem Augenblick völliger Stille - nur der rasselnde Atem sterbender Kühe war zu hören - lächelte Jeremiah und schnaubte laut. Wie ein Stier vor dem Losstürmen. Und dann sah Jeremiah Amos zum ersten Mal in die Augen und sein Lächeln wurde zu einem gehässigen Grinsen. Jeremiah machte einen Schritt nach vorn. Nur einen, mehr schaffte er nicht. Der große Schwarze, der neben ihm stand, schmetterte seinen Gewehrkolben gegen Jeremiahs Hinterkopf. Jeremiah keuchte und torkelte zur Seite. Blut lief über seinen Nacken und Sabber tropfte aus seinem Mundwinkel; dann ging er leblos zu Boden, mit dem Gesicht voran. Blut glänzte auf seinen Haaren. Samuel glaubte, er sei tot. Aber Jeremiah atmete noch, sein Körper hob und senkte sich.
    Amos zeigte auf die Höhle. Der große Schwarze nickte, packte Jeremiah am Kragen seines Hemdes und schleifte ihn in die Mine. Samuel sah ihnen nach, bis sie in der Dunkelheit verschwanden. „Was … was geschieht jetzt mit ihm?“
    Amos zuckte mit den Schultern. „Er hat einen unserer Brüder ermordet und gehört bestraft.“
    Samuel senkte den Blick. „Und welche Strafe sieht euer New Samaria für Diebe vor?“
    „Diebe? Wir sind hier nicht diejenigen, die gestohlen haben. Nein, das wart ihr Weißen.“ Er ging einen Schritt auf Samuel zu und deutete auf das Feld der toten Tiere. „Wie fühlt es sich an, hm? Spürst du ein Ziehen in der Brust? Oder ein Hämmern in deinem Kopf, das nicht leiser wird? Alles zu verlieren, das muss doch schmerzen.“
    „Was soll das? Was willst du?“
    „Gerechtigkeit.“
    „Was?“
    „Mein Volk hat eure Häuser errichtet, eure Äcker gepflügt, mit Blut und Schweiß und Opferbereitschaft. Ohne uns hättet ihr eure Farmen nicht, keine Ländereien, keine Kühe. Und was war der Dank, hm? Gespuckt habt ihr auf uns, wie Vieh habt ihr uns behandelt. Und während der weiße Mann reicher und fetter und fauler wurde, wurden wir immer ärmer. Doch sieh dich um, euer wertvolles Vieh, alles, was euch wichtig war, ist fort, endet als Pökelfleisch in unserer Mine. Damit werde ich mir heute Abend den Bauch vollschlagen.“
    Samuel entgegnete nichts.
    Amos fuhr fort. „Und wir werden Santa Fe aushungern, ohne euer Vieh wird es nicht lang dauern. Und bald wird die Stadt uns gehören. Und dann werden sich Schwarze und Navajo und Mexikaner New Samaria anschließen. Und wir werden eine Armee sein. Und wir werden uns das Land zurückholen, das wir aufgebaut haben, das uns vom weißen Mann gestohlen wurde. Und so Gott will wird eure Herrschaft über uns enden; und dann gibt es endlich Gleichheit.“
    Samuel sah sich um. Die Augen der anderen Männer funkelten, während Amos sprach, und sie nickten stolz bei jedem Satz. Samuel sagte: „Das ist doch Irrsinn. Santa Fe hat bereits Kuriere ausgesandt, die anderen Städte werden uns unterstützen. Euer Plan wird fehlschlagen, seht ihr das denn nicht? Sterben werdet ihr, sonst nichts. Da könnt ihr noch so viele Kühe klauen und Reden schwingen.“
    Amos lächelte. „Unser Plan ist bereits ein Erfolg, denn das hier“, er ließ den Zeigefinger kreisen, „das ist nicht New Samaria. Nein, New Samaria ist hier.“ Er tippte gegen seine Schläfe. „Und unsere Hoffnung auf ein Leben ohne Unterdrückung könnt ihr Weißen nicht töten.“ Er hob den Kopf und betrachtete den Sonnenuntergang und die Schatten im Tal, die länger wurden. „Ich habe das Ende bereits gesehen. Vor zwei Jahren am Little Bighorn. Ich war da, als die Indianer die Army überrollten. Und ich habe das Schießpulver gerochen, die Kriegsschreie von tausenden Indianern gehört, den Staub gesehen, der die Ankunft ihrer Kavallerie ankündigte. Und als Major Custer abgeknallt wurde, wusste ich, dass eine Ära endet und eine neue beginnen wird. Und New Samaria wird diese Ära der Gleichheit einläuten. Solange, bis es keine Farben mehr gibt.“
    Eine Frau trat aus der Holzhütte. Ihre langen schwarzen Haare umspielten das junge Gesicht. Lippen glänzten im Sonnenlicht. Samuel sah auf und sein Magen verkrampfte. „Hope.“ Er vergaß Amos und die anderen, sie waren nicht wichtig, nur Beiwerk.
    Die Frau musterte ihn, zog die Augenbrauen zusammen. „Samuel? Bist du das?“
    „Ja, ich bin es“, hauchte er.
    Amos sagte: „Oh, ihr kennt euch?“
    Samuel wollte auf Hope zugehen, sie umarmen. Aber die Männer hatten noch immer Waffen auf ihn gerichtet und seine Hände waren gefesselt. Das Seil schnitt in seine Handgelenke. „Hope, haben sie dir wehgetan?“
    Hope schüttelte mit dem Kopf. „Nein.“ Sie sah sauber aus und trug ein hübsches Kleid, das Samuel nicht kannte. „Bist du den weiten Weg nur meinetwegen gekommen?“, fragte sie.
    „Ja.“ Er wandte sich Amos zu. „Ihr habt sie entführt, ihr Tiere.“
    Amos hob die Hände. „Entführt? Nein, sie ist …“
    „Ich bin freiwillig mit ihnen gegangen“, sagte Hope. „Damals in der Scheune … Ich hatte Angst und wollte nicht, dass mir die Männer wehtun. Deshalb habe ich behauptet, ich wolle New Samaria helfen.“
    Amos legte die Stirn in Falten. „Hä? Aber …“
    Hope sah Amos in die Augen. Lange und intensiv. Dann ging sie langsam auf Samuel zu, niemand regte sich. Sie umarmte ihn. Ihr weiches Haar strich sanft über seine Wange. Hope sagte: „Ich bin so froh, dass du gekommen bist, Sam.“ Dann küsste sie ihn, warm und zärtlich. Als sich ihre Lippen lösten, sagte sie: „Lass uns nach Hause gehen.“
    Amos sagte: „Damit er seinen Freunden in Santa Fe verrät, was wir vorhaben und wo wir sind?“
    Hope und Amos sahen sich wieder lange an. Dann sagte sie: „Das wird er nicht. Nicht wahr, Liebster?“
    Beim Klang des letzten Wortes spürte Samuel ein Kribbeln im Schritt und Wärme breitete sich in seinem Körper aus, wanderte bis in die Fingerspitzen, ließ ihn lächeln. Er fühlte sich geliebt und geborgen und alle Sorgen erschienen so nichtig. „Nein, werde ich nicht.“
    Amos nickte langsam und sagte: „Dann verschwindet, bevor ich euch beide abknallen lasse.“
    Während seine Fesseln gelöst wurden, sagte Samuel: „Du wirst schon noch erkennen, dass ihr euren Kampf nicht gewinnen könnt. Alle werdet ihr im Wüstensand verbluten.“
    Amos sagte: „Ich bin sicher, Gott wird schon bald über mich richten, mein Freund. Und über dich.“ Er berührte die Krempe seines Hutes, schenkte Hope ein warmes Lächeln und sagte, ohne den Blick von ihr abzuwenden: „Ich wünsche eine angenehme Heimreise.“


    V
    -Hope-

    Gemeinsam ritten sie auf Samuels Wallach. Hope umfasst mit beiden Armen Samuels Brust, presste ihr Gesicht an seinen Rücken. Samuel wünschte, der Ritt würde ewig andauern.
    Als die Nacht hereinbrach, sagte Hope: „Lass uns ein Lager aufschlagen, Liebster.“
    „Gut.“ Er schwang sich vom Sattel und half Hope beim Absteigen.
    Sie sagte: „Sammelst du allein Feuerholz? Ich muss nämlich pinkeln.“
    Samuel lächelte. „Gerne.“
    Sie küsste sacht seine Wange. „Ich habe gehört, die Nächte können kalt werden. Nicht, dass wir uns gegenseitig wärmen müssen.“ Sie zwinkerte und verschwand hinter einem Kaktus.
    Samuel drehte sich um, sah zu den funkelnden Sternen. Es war eine kalte Nacht, aber Samuel spürte es kaum. Als würde ein Feuer in ihm brennen, das die Kälte fernhielt. In der Ferne heulte ein Kojote. Samuel sagte: „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht von Tieren entdeckt werden.“ Er wartete kurz, erhielt aber keine Antwort. „Liebste?“ Er drehte sich zu dem Kaktus um.
    Hope stand vor ihm und richtete einen Revolver auf seine Stirn. Samuel erstarrte kurz, verengte die Augen, dann lächelte er. „Jesus, erschreck mich doch nicht so. Hast du den Revolver von Amos gestohlen? Gut.“ Er nickte. „Sehr gut. Damit können wir uns die Tiere vom Leib halten.“
    Hope atmete schwer, ihre Unterlippe bebte. Sie spannte den Hahn. Der Revolver klickte. Samuels Lächeln erstarb. „Hope? Was … was soll das?“
    Mit beiden Händen umfasste sie den Griff des Revolvers. Trotzdem zitterte der Lauf. Hope sagte: „Geklaut? Nein. Ich hab Amos gebeten, ihn mir zu geben. Ich wusste, dass du kommen würdest. Und ich habe versprochen, alles zu tun, um New Samaria zu beschützen. Das ist jetzt mein Zuhause.“
    Der Stahl der Pistole glänzte silbern im Mondlicht. „Was soll das heißen?“ Samuel hob die Hände auf Schulterhöhe, die Handflächen Hope zugewandt. „Was hast du vor?“
    „Du musstest mich unbedingt suchen, nicht wahr?“
    Er leckte sich über die rissigen Lippen. „Wir gehören doch zusammen.“
    Das Haar hing Hope ins Gesicht, verdeckte ihre Augen hinter einem dunklen Schleier. Eine Träne rann über ihre Wange. Aber Hopes Stimme blieb fest. „Du liebst mich nicht, ich liebe dich nicht.“
    „Warum sagst du sowas?“
    „Du willst mich nur benutzen, um deine Erben zu gebären. Weil Hannah es nicht kann. Damit deine Farm für die nächsten Generationen in Familienbesitz bleibt. So ist es doch.“
    Samuel sagte nichts, atmete ruhig. Er ging einen Schritt auf Hope zu. Schotter knirschte unter seinen Schuhen, ansonsten geschah nichts. „Das ist nicht wahr.“
    „Egal, wohin ich gehen würde, immer würdest du mir folgen. Ich bin nicht dein Eigentum. Jetzt nicht mehr.“
    „Was redest du da? Was hat Amos dir angetan, hm? Hat er dir Opiate gegeben?“ Wieder machte Samuel einen Schritt.
    Nun brach Hopes Stimme doch. „Solange du lebst, kann ich nicht frei sein.“ Der Lauf zitterte immer stärker. „Ich muss das tun.“
    Samuel schüttelte den Kopf. „War ich nicht immer gut zu dir? Habe ich dich nicht stets verteidigt, wenn Hannah es auf dich abgesehen hatte?“
    Hope entgegnete nichts, schniefte bloß leise.
    Samuel sagte, so beruhigend er konnte: „Und warum sind wir hier draußen? Du oder Amos, ihr hättet mich auch in der Mine erschießen können.“
    „Wir sind hier, weil …“ Sie ließ die Pistole sinken. „Geh nach Hause, Samuel. Geh zu deiner Frau. Solltest du jemandem von New Samaria erzählen oder je wieder nach mir suchen, stirbst du.“
    „Sag sowas nicht.“
    „Geh bitte nach Hause und sieh nicht zurück.“
    Wieder ein Schritt. Samuel konnte Hopes Duft riechen, die Narzissen. „Das werde ich nicht. Ich liebe dich.“
    „Nein, tust du nicht.“
    Sie sahen sich in die Augen. Der Mond spiegelte sich auf Hopes tränennassen Wangen. Samuel legte seine Hand langsam auf die Pistole. „Ist schon gut.“ Er berührte Hopes verkrampfte Finger. „Lass uns zuhause darüber reden.“
    „Verschwinde aus meinem Leben.“ Sie wollte den Revolver wegziehen.
    Samuel hielt ihn fest. „Du bist bloß verwirrt. Amos hat deine Gedanken vergiftet, siehst du das denn nicht?“
    „Hör auf“, zischte sie, zerrte fester am Revolver. Samuel ließ nicht locker und hob die Stimme. „Zwing mich nicht, dir wehzutun.“
    Hope zerrte erneut, noch kräftiger diesmal. Und dann knallte es. Das Echo hallte über die Ebene, erstickte jedes Geräusch, machte weitere Worte überflüssig. „Hope?“, fragte Samuel.
    Sie schrie auf und ließ den Revolver fallen. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Es tut mir leid“, sagte sie. „So leid.“ Sie presste ihren Handrücken an den Mund, drehte sich um und lief zum Pferd, ohne zurückzublicken, und schwang sich in den Sattel.
    Samuel wollte ihr folgen, sie aufhalten. Aber er konnte sich nicht bewegen, die Beine waren schwer und steif. Er sah an sich hinab. In seinem Schritt sickerte Blut aus der Hose. Samuel wollte aufschreien, doch es entwich nur ein Keuchen. Er sank auf die Knie. Hope ritt davon, das Hufgetrappel wurde leiser, verklang bald.
    Samuels Oberkörper wurde schwerer und schwerer, als würde ihn eine unsichtbare Hand niederdrücken. Er knallte zu Boden. Schmerz strahlte von seinem Schritt in den gesamten Körper aus, machte Denken unmöglich. Samuel presste die Hände auf sein zerfetztes Glied, aus dem heißes Blut sprudelte; und mit jedem vergossenen Tropfen wurde die Nacht kälter. So kalt, dass Samuel zitterte und seine Zähne klapperten. Das Heulen der Kojoten wurde lauter, kam näher. Die Sterne am Firmament verblassten. Und das Sangre-de-Cristo-Gebirge, über dem der Mond hing, verschmolz mit der Dunkelheit. Samuel schloss die Augen.

    Er war zuhause. Die Sonne strahlte. Die Farm und die Scheune sahen aus, als wären sie erst gestern errichtet worden. Der Zaun auf der Weide war fort und Gras spross aus dem kargen Boden. Grün und kräftig. Tau glitzerte auf den Halmen. Dort, wo einst die Rinder grasten, tanzten Kinder im Kreis. Sie lachten und johlten und hielten sich bei den Händen. Die Augen der Jungen waren voller Freude, und die Mädchen hatten bunte Schleifen im Haar, die bei jeder Drehung flatterten.
    In der Mitte des Kreises stand Hannah. Sie lachte und klatschte und trug eine Krone aus Blättern und Zweigen. Als sie Samuel erblickte, errötete sie und ihre Lippen formten Worte. Ich liebe dich. Dann tanzte sie noch ausgelassener, und die Kinder taten es ihr gleich. Obwohl sie sich schneller drehten und höher sprangen, glänzte kein Schweiß auf ihren weißen Gesichtern.
    Geändert von gibberish (17.01.2017 um 11:05 Uhr)

  2. #2
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    42
    Diese Geschichte wurde von einem Autor geschrieben, der hier im Forum angemeldet ist, es für diese Geschichte aber bevorzugt hat, eine Maske zu tragen.
    Der Text kann, wie jeder andere Text im Forum, kommentiert werden, nach zehn Tagen wird die Identität des Autors enthüllt.

    Als Kritiker kann man bis dahin Vermutungen über die Identität des Autors anstellen. Damit man anderen mit einem schlüssigen Rateversuch nicht den Spaß raubt, sind Spekulationen und Vermutungen bitte in Spoiler-Tags zu setzen.

    *Beispiel *
    Ich vermute, dass der Autor der Geschichte Rumpelstilzchen ist. Der schreibt doch auch immer von güldenem Haar und benutzt so viele Ausrufezeichen!


    Schreibweise:
    [spoiler]Ich vermute, dass der Autor der Geschichte ... [/Spoiler]
    Die eckigen Klammern setzt ihr mit der Tastenkombination Alt-gr+8 bzw. Alt-gr+9.

    Da dies jedoch kein Ratespiel ist, sind Beiträge ohne Textarbeit, also reine „Vermutungen“, nicht erwünscht.

    Viel Spaß beim Kommentieren und Raten!

    ---
    Alles weitere rund um den Maskenball findet ihr hier.

  3. #3
    GoMusic ist offline Moderator
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    Aktuelles Buch: G.R.R. Martin, G. Dozois: Königin im Exil

    Hallo Maske,

    habe ich da tatsächlich einen Western gelesen? Wie cool ist das denn ...

    Ich habe den Text in einem Rutsch durchgelesen, dann ein zweites Mal, um ein paar Kleinigkeiten aufzuführen:

    Da entdeckte Samuel, dass er auf Hufspuren stand, sie führten die Anhöhe hinab, vorbei an der Scheune und dem Farmhaus.
    Das heißt, das Vieh wurde am „Wohnhaus“ vorbei geführt, ohne dass Samuel etwas gemerkt hat. Die müssen doch Krach gemacht haben.

    Zwischen Holzspänen und plattgetretener Erde
    betrachtete die plattgedrückten Stellen,
    Hier fiel mir 2 x „platt“ so kurz nacheinander auf.

    Während sie las, bewegten sich ihre Augen nicht.
    Ich habe das direkt auch mal ausprobiert, hat aber nicht geklappt.

    In den nächsten Tagen spazierte Samuel lange über die Ebene, suchte nach seinem Vieh, fand nichts.
    Na ja, „spazieren“ ist da nicht das ganz richtige Wort, wenn er verzweifelt sein Vieh sucht.

    Täglich nahm Samuel den vierstündigen Marsch nach Santa Fe auf sich.
    Echt jetzt? Dann war er also jeden Tag mindestens acht Stunden unterwegs? Zu Fuß?

    In Santa Fe kaufte sich Samuel von seinem Notgroschen einen braunen Wallach, aber er ritt nicht nach Hause, ging lieber zu Fuß, hielt Ausschau, hoffte auf schwarze Umrisse von Rindern in der Ferne.
    Das verstehe ich nicht. Warum musste er denn zurück laufen? Er hätte ja auch ganz langsam reiten können.

    Zuhause erwartete ihn Hannahs Gezeter.
    Okay, das erklärt alles.

    Hannah genoss die Ruhe in dem Farmhaus, die viele Freizeit.
    Ich finde, „Freizeit“ passt sprachlich nicht zum Western. Besser: Freie Zeit.

    Nie half sie bei der Viehzucht, beschwerte sich immerzu, wenn Samuel fragte, ob sie ihm beim Melken oder Stallmisten zur Hand gehen könne.
    Eigentlich müsste es ja heißen „hatte nie geholfen“, weil das Vieh ja schon weg ist.

    Wohnzimmer
    Klingt nach moderner Mietwohnung, anstatt nach Farmhaus. Vielleicht Wohnstube o.ä.
    Du sagst ja auch „Schlafgemach“ statt „Schlafzimmer“.

    Während des Ritts starrte Jeremiah zum Gebirge. Als würde es verschwinden, wenn er nicht hinsähe.
    Eine sehr schöne Formulierung. Werde ich mir merken

    Hannah hatte nichts gesagt, nur genickt und dann weitergestrickt. Socken, die meist zwei Nummern zu klein waren.
    Die beiden haben sich absolut nichts mehr zu sagen.

    Is gefährlich
    Ist gefährlich.

    „Oh Sam, mein Freund, die Nigger entführen doch ihresgleichen nicht.“
    Womit er Recht behalten sollte ...

    „Ich mach nur schnell die Flasche voll.“ Eine fremde Stimme erschallte nahe des Pfades. Hinter einer Biegung trat ein Mann hervor, ein Nigger.
    Hier würde ich einen neue Zeile anfangen. Ich dachte zuerst, die fremde Stimme sagte das mit Flasche leer, äh Flasche voll.

    Samuel wollte das Gewehr heben, doch es war zu schwer für seine Arme. Mit offenem Mund saß er auf seinem Pferd, starrte auf die Mündung des Revolvers, ein schwarzes Loch, das auf Jeremiahs Gesicht zielte.
    Hier habe ich die Perspektive nicht verstanden. Wie kann Sam in die Mündung hineinschauen, wenn das Schießeisen doch auf Jeremiah gerichtet ist?

    „Unser Plan ist bereits ein Erfolg, denn das hier.“ Er ließ den Zeigefinger kreisen. „Das ist nicht New Samaria.
    „Unser Plan ist bereits ein Erfolg, denn das hier,“ er ließ den Zeigefinger kreisen, „das ist nicht New Samaria …“

    (sie …)lief zum Pferd, schwang sich in den Sattel, ohne zurückzublicken.
    Stelle ich mir auch schwer auf, beim auf den Sattel schwingen zurückzublicken.

    Hope ritt davon, das Hufgetrappelt wurde leiser
    Hufgetrappel

    Samuel Oberkörper
    Samuels

    Obwohl sie sich schneller drehten und höher sprangen, glänzte kein Schweiß auf ihren weißen Gesichtern.
    Den letzten Halbsatz habe ich nicht verstanden. Macht aber nichts.

    Habe mich sehr amüsiert. Eine sehr schöne Geschichte.
    Gefallen haben mir auch die Kapitelbezeichnungen, musste direkt an einen Tarantino-Film denken. Überhaupt hat mich das ganze Setting daran erinnert.

    Keine Ahnung, wer der Autor sein könnte. Lass mich überraschen und fordere sofort einen weiteren Western von dir. Keine Ausrede.

    Liebe Grüße,
    GoMusic


    EDIT:
    Ich habe einige Zeit gebraucht, um darauf zu kommen, von wem die Story sein könnte. Zunächst hatte ich zwei Autoren, die ich wegen zwei spezieller Schreibweisen, die ich glaube ich bei beiden schon mal im Kommentar angemerkt hatte, im Verdacht.
    Die beiden waren @Kanji und @gibberish. Doch dann fand ich mehr Überschneidung mit anderen Geschichten und ähnlichem Muster bei gibberish. Also meine Vermutung: gibberish
    Geändert von GoMusic (05.01.2017 um 16:16 Uhr)

  4. #4
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    1
    Liebe Maske,

    auch ich habe deine Geschichte in einem durchlesen können. Sie hat alles, was ein Western braucht: den Farmer, dem von Viehdieben seine Rinder gestohlen werden, und der sich auf den Weg macht, sein Vieh und die Diebe zu finden, dazu einen zwischenmenschlichen Konflikt: die Farmersfrau, die keine Kinder bekommen kann und Hope, die junge schöne Schwarze. Dazu dann die Viehdiebe: eine Gruppe aus Negern und Indianern, denen sich Hope angeschlossen hat. Nicht ganz klar wird mir, warum sie so gehandelt hat, denn die Sklaverei ist ja zum Zeitpunkt der Geschichte abgeschafft und Hope ist freiwillig auf der Farm geblieben. Aus Selbstschutz mag sie mitgegangen sein, aber warum erschießt sie später Samuel? Ihre Begründung, dass er mit ihr nur einen Erben zeugen wollte, kann ich nicht so recht nachvollziehen: ein Mischling als Erbe? In dieser Zeit?

    Probleme hatte ich nicht nur mit ihrer Charakterzeichnung:
    Über Hannah erfahre ich z.B., dass sie bisher keine Kinder bekommen konnte und auf Milch und Tinkturen setzt. Dabei kommt sie mir hier fast zu alt zum Kinderkriegen vor:

    Zu lange hatte er ihre schwarze Haut nicht mehr berührt, die so viel weicher war als die faltige und trockene Haut seiner Frau.
    Später lese ich dagegen, dass sie sagt, dass die Arbeit auf der Farm

    nicht gut für ihre makellose Haut (sei),
    Samuel liebt seine zänkische und faule Frau nicht, doch in seiner Todesfantasie sieht er sie so:

    Als sie Samuel erblickte, errötete sie und ihre Lippen formten Worte. Ich liebe dich.
    Die anderen Personen der Geschichte handeln, wie es ihrer Rolle in einem Western entspricht: Der Farmer macht sich auf, sucht sein Vieh, die ehemaligen Sklaven haben sich zusammengeschlossen, wollen sich für erlittenes Unrecht rächen. Wie es zu einer Einigung mit den Indianern kam, bleibt unklar (habe ich vielleicht übersehen).

    Insgesamt liest sich die Geschichte flüssig und die Handlung wird sprachlich bildhaft und ausgestattet mit vielen Geschichts- und Orts-Details gut nachvollziehbar dargestellt.

    Und doch fehlt mir etwas. Da wird ein typischer Western erzählt. Und vielleicht deshalb bleibt das Geschehen immer ein wenig zu oberflächlich, immer ein bisschen zu nahe an den Versatzstücken und den Klischees des Genres. Auch kann ich mir den Konflikt Samuel/Hope nicht richtig vorstellen. Zu unklar ist mir Hope in der Motivation ihres Handelns.

    Doch es ist eine lange Geschichte und um sie wirklich beurteilen zu können, müsste ich sie vielleicht noch einmal lesen. So ist dies nur mein erster Eindruck.

    Noch zwei Kleinigkeiten:

    Sieben Viehhirte(n) hatten bereits Diebstähle gemeldet,
    Und so Gott will wird eure Herrschaft über uns wird enden; und dann wird es Gleichheit geben.“
    Liebe Grüße
    barnhelm


    Ich höre diesmal keinen besonderen Erzählsound. Der Autor schreibt fast fehlerfrei und formuliert gut. Die Situationen sind gut vorstellbar, bei der Charakteristik der Personen sehe ich Schwachstellen. Irgendwie erinnerte mich die Handlung an @gibberish s ‚Kreise’. Vielleicht verbirgt er sich ja unter der Maske?
    Geändert von barnhelm (04.01.2017 um 13:38 Uhr) Grund: Rinder, nicht Kühe

  5. #5
    Kanji ist offline Mitglied
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    Aktuelles Buch: Haruki Murakami 'Von Beruf Schriftsteller'

    Hej @Maskenball,

    gute Idee, einen Ball zu starten. Ich mag das sehr und habe mich sogleich darauf gestürzt.

    Dein Erzählstil hat mich durch die lange Geschichte gleiten lassen. Die Abschnitte liegen mir gut. Und die Kapitel, in denen du mir die Charaktere näher bringst, lassen mich auf Spannung und Extreme hoffen. Möglicherweise eine unterbewusste Leseerfahrung.

    Unter anderen Umständen hätte ich einen Western gemieden. Das Schema langweilt mich meist schnell.
    In diesem Fall habe ich mich allerdings auch gefragt, worauf es hinauslaufen soll und habe mich dann bemüht, einen aktuellen Zusammenhang zu finden. Angst vor Unterwanderung von Fremden ginge wohl durch.

    Die Protagonisten sind deutlich beschrieben und beneidenswert gut gezeigt. Nur erscheinen sie mir zu eindimensional. Aber wie gesagt, könnte das an meine Erwartungshaltung geknüpft sein. Besonders ärgerlich empfinde ich den Charakter Hannahs. Ihr Alter ist diffus und widersprüchlich, was ihr Aussehen und ihre Stellung betrifft. Arbeitet sie sich jetzt alt und runzlich, oder kann sie tatsächlich gar nichts, nicht mal Socken stricken. Ich bin unzufrieden mit ihr.

    Bei Samuel geht es mir ähnlich. Er ist ungerecht in Bezug auf seine Frau, die ja wohl allen Grund zur Eigersucht hat und etwas unentschlossen in seiner Aktion und Sprache.

    Hope sagte: „Ich bin so froh, dass du gekommen bist, Sam.“ Dann küsste sie ihn, warm und zärtlich. Als sich ihre Lippen lösten, sagte sie: „Lass uns nach Hause gehen.“
    Amos sagte: „Damit er seinen Freunden in Santa Fe verrät, was wir vorhaben und wo wir sind?“
    Hope und Amos sahen sich wieder lange an. Dann sagte sie: „Das wird er nicht. Nicht wahr, Liebster?“
    Beim Klang des letzten Wortes spürte Samuel ein Kribbeln im Schritt und Wärme breitete sich in seinem Körper aus, wanderte bis in die Fingerspitzen, ließ ihn lächeln. Er fühlte sich geliebt und geborgen und alle Sorgen erschienen so nichtig. „Nein, werde ich nicht.“
    Amos nickte langsam und sagte: „Dann verschwindet, bevor ich euch beide abknallen lasse.“
    Während seine Fesseln gelöst wurden, sagte Samuel: „Du wirst schon noch erkennen, dass ihr euren Kampf nicht gewinnen könnt. Alle werdet ihr im Wüstensand verbluten.“
    Amos sagte: „Ich bin sicher, Gott wird schon bald über mich richten, mein Freund. Und über dich.“ Er berührte die Krempe seines Hutes, schenkte Hope ein warmes Lächeln und sagte, ohne den Blick von ihr abzuwenden: „Ich wünsche eine angenehme Heimreise.“
    Das ist schon kitschig

    Wie gut, dass Hope die Wende einläutet.

    Hör auf“, zischte sie, rüttelte fester am Revolver.
    Rüttelt ? Wie an einer Tür?

    Hufgetrappelt
    ohne t

    Jeremiah erscheint mir der beste, also rundherum stimmigste Charakter zu sein. Der ist verbittet, rassistisch und uneinsichtig. Handelt entsprechend.

    Er war zuhause. Die Sonne strahlte. Die Farm und die Scheune sahen aus, als wären sie erst gestern errichtet worden. Der Zaun auf der Weide war fort und Gras spross aus dem kargen Boden. Grün und kräftig. Tau glitzerte auf den Halmen. Dort, wo einst die Rinder grasten, tanzten Kinder im Kreis. Sie lachten und johlten und hielten sich bei den Händen. Die Augen der Jungen waren voller Freude, und die Mädchen hatten bunte Schleifen im Haar, die bei jeder Drehung flatterten.
    In der Mitte des Kreises stand Hannah. Sie lachte und klatschte und trug eine Krone aus Blättern und Zweigen. Als sie Samuel erblickte, errötete sie und ihre Lippen formten Worte. Ich liebe dich. Dann tanzte sie noch ausgelassener, und die Kinder taten es ihr gleich. Obwohl sie sich schneller drehten und höher sprangen, glänzte kein Schweiß auf ihren weißen Gesichtern.
    Aber da ist Samuel ja wohl schon jenseits von Gut und Böse, nicht wahr?

    Und ich neige dazu, Namen zu verschwechseln, aber du hast mich sehr behutsam immer wieder hervorragend verwiesen und verstehen lassen

    Danke für die unterhaltsame Geschichte, Kanji, die nicht ahnt, wer sich hinter der Wild-West-Maske verbirgt.
    Geändert von Kanji (05.01.2017 um 21:14 Uhr)

  6. #6
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    Aktuelles Buch: Daniel Suarez: Influx

    Hallo Maske,

    kaum ist die Challenge vorbei, geht schon der Maskenball weiter - man kommt kaum zum Durchatmen. Wenn's nicht so viel Spaß machen würde ...

    Ein Western, das ist schon megacool. Ich kann mich nicht erinnern, hier schon einen gelesen zu haben (was nicht allzu viel heißt). Zu erzeugst eine Superstimmung, so unterkühlt und melancholisch. Immer wieder Stille, dazu ein sparsamer Gebrauch von Adjektiven und Adverbien - das muss ich mir zur späteren Verwendung merken.

    Als Film könnte das so ein desillusioniertes Spätwerk von und mit Clint Eastwood sein, in dem die naive Cowboyromantik früherer Streifen entzaubert wird. Am Anfang, mit den rätselhaft verschwundenen Rindern, dachte ich einen verwirrten Moment lang an Cowboys & Aliens, aber zum Glück waren es dann doch keine Außerirdischen, die das Vieh entführt hatten. Nur hatte ich von da an den Jeremiah mit dem Gesicht von Harrison Ford vor Augen. Na ja, es gibt Schlimmeres.

    Inhaltlich wurde der Text dann zu einem Rassendrama mit eingestreuter Liebesgeschichte. Bestimmt hast du lauter Anspielungen drin, von denen ich nur einen Bruchteil verstanden habe. Aufgefallen sind mir die Namen: Hope = Hoffnung für die Schwarzen, ist klar. "Gute" biblische Namen für die "aufrechten" Farmer (aber auch für Amos, der sich mit ihnen auf eine Stufe zu stellen versucht). Francis scheint nicht viel mit dem heiligen Franziskus gemein zu haben. @Friedrichard kann uns sicher viel über die entsprechenden biblischen/historischen Personen verraten.

    Die Story als Allegorie auf gegenwärtige Verhältnisse zu lesen (Diskriminierung, Vorurteile, Fremdenhass; Rebellion gegen selbige; bis hin zum Terrorismus und seinen Ursachen) drängt sich einerseits auf und andererseits nicht. Ja, weil es natürlich unübersehbare Parallelen gibt. Nein, weil diese Parallelen bei näherer Betrachtung doch relativ grob sind und nicht allzu weit tragen; außerdem ist die Thematik letztlich zeitlos und der Bezug damit in gewisser Weise fast beliebig.

    So weit meine Gedanken. Ein paar Textstellen (Achtung, Pingelmodus ):

    Noch vor Sonnenaufgang nahm Samuel zwei Eimer und schlenderte über seine Farm, hin zur Anhöhe, auf der die Kühe grasten.
    (...)
    neben ihm atmete Hannah ruhig und regelmäßig und vor dem Fenster war es dunkel und still, da waren keine Fackeln, keine Männerstimmen. Nur das Hufgetrappel seiner Rinder.
    (...)
    Da entdeckte Samuel, dass er auf Hufspuren stand, sie führten die Anhöhe hinab, vorbei an der Scheune und dem Farmhaus.
    Die Geographie der Farm erschließt sich mir nicht. Wenn die Weide auf der Anhöhe liegt, wird man morgens kein Getrappel vor dem Fenster hören. Und wenn das Vieh am Haus vorbeigeführt wurde, hätte das doch die Bewohner wecken müssen?

    Samuel hatte gelächelt und war zurück auf sein Bett gesunken.
    Find ich seltsam, dass er nach so einem angstbesetzten Traum lächelt.

    „Bei dem Niggermädchen.“
    Samuel hob den Zeigefinger, sagte: „Du sollst sie doch nicht so nennen.“
    Ich weiß nicht, ob das Wort 1878 schon als Beleidigung gegolten hat. Mir fehlt gerade eine verlässliche Quelle dazu; Wikipedia suggeriert mir, dass der Begriff so ungefähr um die Zeit seine negativen Konnotationen bekam. Whatever.

    Während sie las, bewegten sich ihre Augen nicht.
    @GoMusic meinte, das geht nicht. Ich denke, du wolltest eher sagen, dass sie nicht wirklich liest, sondern nur aufs Papier starrt. Richtig?

    Trotzdem war es so schwül, dass Samuel schwitzte und seine Kleidung auf der Haut klebte, als wären der Schweiß aus Honig.
    wäre

    In Santa Fe kaufte sich Samuel von seinem Notgroschen einen braunen Wallach, aber er ritt nicht nach Hause, ging lieber zu Fuß
    Es scheint mir nicht besonders klug, gerade jetzt ein Pferd zu kaufen, wenn die Einnahmen aus der Viehzucht fehlen. Man sollte meinen, wenn Samuel ein Pferd braucht, dann hat er schon eines zuhause; und wenn nicht, dann eben nicht. Und eine Pferdezucht als neue Einkommensquelle wird er mit einem Wallach auch nicht aufbauen können.

    der Bursche vom Nachbarhof, der auf Samuel zugaloppierte und rief: „Mister Davidson, Sir.“
    Wenn der Junge ruft, kann man auch ein Ausrufezeichen spendieren.

    Er gab dem Jungen zwölf Cent.
    Habe wieder keine Quelle zur Hand, aber war das damals nicht ganz schön viel Geld? Laut Wikipedia müsste der Dollar damals ungefähr die dreißigfache Kaufkraft im Vergleich zu heute gehabt haben. Na ja, okay, drei Dollar fuffzig - lassen wir's mal durchgehen.

    Konnte einem der Arschlöcher ne Ladung Schrott in die Kniescheibe jagen, bevor die Bande abgehauen ist.“
    Das muss wehgetan haben! Schrot ist ja schon schmerzhaft ...

    „Schon komisch, was die Leute alles glauben. Muss nur irgendwer was niederschreiben, schon wird es zur Wahrheit.“
    „Wie meinst du das?“
    „Liest du Zeitung?“
    „Klar.“
    „Dann weißt du, wer die Rinder gestohlen hat.“
    „Navajo.“
    Jeremiah hört auf zu blättern, schien eine passende Stelle für sein Gebet vor dem Grabe gefunden zu haben. „Ich sag dir jetzt mal was, Sam. In der Zeitung steht Schwachsinn, und die Leute in der Stadt haben auch keine Ahnung. Die reden viel, aber gesehen haben sie nichts. Ich schon. Nein, Rothäute haben mich gestern Nacht nicht überfallen. Diese Viehdiebe, das sind allesamt Nigger.“
    "Lügenpresse" - damals schon? Wobei das mit den Navajo ja letztlich gar nicht so ganz falsch ist. Jedenfalls taugen sie auch nicht so richtig als Gegensatz zu den Schwarzen, etwa in der Form: "Nein, die armen Navajo werden zu Unrecht beschuldigt, in Wahrheit sind's die bösen Schwarzen." Letztlich sind es beides Minderheiten, denen die Weißen mit übelsten Vorurteilen begegnen.

    Was will ich damit eigentlich sagen? Ich weiß nicht genau. Vielleicht, dass hier ein Gegensatz angedeutet wird, der nicht taugt.

    Nach kurzem Warten auf Jeremiahs Farm hatte Samuel eingesehen, dass niemand mehr kommen würde, dass die anderen Hirten zu viel Angst hatten und mit der Rache an den Dieben nichts zu tun haben wollten.
    Das finde ich nicht plausibel. Was machen denn die anderen Rancher? (Nebenbei: Sind das nicht eigentlich alles Rancher statt Farmer?) Legen die die Hände in den Schoß und warten darauf, dass der überforderte Sheriff von Santa Fe irgendwas schafft?

    „Willkommen in New Samaria“, sagte der Nigger namens Francis.
    New Samaria, auch sehr symbolisch, Samariter und so; die waren ja in der Bibel auch Opfer von Vorurteilen. So richtig barmherzig kommen die "neuen Samariter" allerdings nicht rüber, auch wenn es gegen Ende zunächst so scheint.

    Ohne uns hätte ihr eure Farmen nicht, keine Ländereien, keine Kühe.
    hättet

    „Und wir werden Santa Fe aushungern, ohne euer Vieh wird es nicht lang dauern. Und bald wird die Stadt uns gehören. Und dann werden sich Schwarze und Navajo und Mexikaner New Samaria anschließen. Und wir werden eine Armee sein. Und wir werden uns das Land zurückholen, das wir aufgebaut haben, das uns vom weißen Mann gestohlen wurde. Und so Gott will wird eure Herrschaft über uns wird enden; und dann wird es Gleichheit geben.“
    Ein bisschen größenwahnsinnig, der gute Amos? Das kann natürlich nicht gutgehen, aber das sagt sich in der historischen Rückschau selbstverständlich leicht. Ich frage mich, wie viele solche Bewegungen es tatsächlich gegeben hat. Hast du dazu irgendwas recherchiert?

    Er war zuhause. Die Sonne strahlte. (...) In der Mitte des Kreises stand Hannah. Sie lachte und klatschte und trug eine Krone aus Blättern und Zweigen. Als sie Samuel erblickte, errötete sie und ihre Lippen formten Worte. Ich liebe dich.
    Dass er hier dann doch Hannah vor sich sieht und nicht Hope, lässt sich m.E. nicht aus dem vorangehenden Geschehen ableiten, auch wenn er von Hope irgendwie enttäuscht ist. Es sei denn, du wolltest aussagen, dass im Augenblick der Wahrheit eben doch die Weißen weiß (und die Schwarzen schwarz) sind.

    So viel von mir. Eine sehr gelungene Geschichte mit viel Stoff zum Nachdenken!

    Grüße vom Holg ...


    PS: Ich habe keinen Schimmer, wer du bist.

  7. #7
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    Aktuelles Buch: Stephen King - Es

    Howdy, coole Geschichte!

    Ich als Huaso in Ausbildung habe sie in einem Zug durchgelesen und sie hat mich begeistert. Ich kann gar nicht viel kritisieren, die Stimmung ist spürbar und die Handlung nachvollziehbar. Mir hätte vor dem ganzen Geschehnis noch eine Szene zwischen Hope und Samuel gewünscht, um die Behandlung seinerseits tatsächlich zu erleben - wobei ich sie mir vorstellen kann. Oft gibt es ja einen kleinen Unterschied zwischen Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung / der Realität.

    Und weil mich (deshalb) der Charakter von Samuel etwas an einen aus einer Geschichte von @GoMusic erinnert, vermute ich @GoMusic hinter dieser Geschichte. Da gab es auch schonmal eine solche 'Liebesgeschichte.' Und ich spüre hier eine ähnliche Geschichte wie in Ananasrenetten, eben auch von GoMusic.


    Glückwunsch! Denke die Geschichte wird sicherlich noch Empfohlen werden, wenn nicht, mach ich es halt irgendwann. Aber ich hab ja schon zwei Mal.

    Beste Grüße,

    Sonne

  8. #8
    Friedrichard ist offline Senior-Mitglied
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    Aktuelles Buch: Curtis: The North American Indian, 1907/1930

    Francis scheint nicht viel mit dem heiligen Franziskus gemein zu haben. @Friedrichard kann uns sicher viel über die entsprechenden biblischen/historischen Personen verraten.
    Who's calling me, it's @The Incredible Holg, but here Eye'm coming to the homelands, Eye've never seen.

    Quelle der Geschichte ist mutmaßlich das alttestamentarische Buch Samuel, einem Propheten und zugleich dem letzten Richter (so'ne Art Staatsoberhaupt, wo's keinen Staat gibt) Israels, wonach jenes unbekannte höhere Wesen, dass wir alle seit Dr. Murkes gesammeltem Schweigen verehren, der Frau des Elkana den Schoß verschloss, nicht aber einer anderen Frau (aus dem Gezänk der beiden Weiber wird später einmal der Hexenhammer die Gefährdung der Welt durch Hexenbrut ableiten, also nach dem Rassendrama auch das Drama der eigenwilligen Frau wider das Patriarchat. Die Welt ist halt immer schon ein Dorf, man hat es nur erst immer zu spät bemerkt, was man heute in Albträumen – mehr will mir das Ende der Geschichte nicht gestatten – halt so sieht.

    Der Herr hat aber im Buch Samuel ein einsehen, und Hannah (= Gott ist gnädig) gebiert den Samuel (= von Gott erbeten, so bekommen), eben den letzten Richter im 11. Jh. v. Chr., der den David salbte …

    Jeremiah, Amos u. a. Sind Propheten einer anderen Zeit … wie‘s ja auch heute Leute wie aus einer anderen Zeit gibt, schließlich war früher ja alles schöner und besser ...

    Nunja,

    verehrte Maske,

    die zwölf Seiten Manuskript haben mich nicht vom Hocker gehauen (was keineswegs durch das kindlich-lautmalerische „muhen“ der Kühe ausgelöst wird,
    , aber er entdeckte kein Vieh, hörte kein weit entferntes Muhen.
    deren Äußerung man durchaus als „brüllen“ bezeichnen darf). Was natürlich schön dargestellt ist, ist die verquere Ansicht über Herkunft und Besitzständ auch des kleinsten Lichtes auf Seiten der Eroberer, zuvor Spanier (Pueblos, Apachen und Navajos führten ein Jahrhundert lang Krieg gegen Spanien ...) dann des gemeinen Westeuropäers, der nicht unbedingt die kathoische Mission fortführte.

    Es beginnt auffällig mit dem Kleben an der Schulgrammatik (erster Hinweis zur Identität ist das aber nicht, dafür sind allzu viele hierorts darin gefangen, bei GoMusic hatt ich vorhin ein bisschen rufen danach gehört ... es kann ja auch eine Finte sein …) Hier schon direkt zu Anfang, wenn statt
    Seit sie vor zwei Jahren beim Heiler in Santa Fe gewesen war.
    oder
    Samuel hatte sie Hope geschenkt, als sie noch ein Kind gewesen war.
    ein „sein“ gefahrlos eingespart werden kann.

    Auch ein einsames
    „Mhm.“
    das lautschriftlich nicht anders beschrieben werden kann wie jedes schlichte, langgezogenes [m:] halt, lässt keinen Rückschluss zu.

    Aber, liebe Maske, Du musst doch nicht flüchten, zB im
    Ränder waren gezackt, das Holz durch[ge]sägt.
    Hannah schw[ie]g eine Weile, sagte schließlich:
    Sieben Viehhirte[n] hatten bereits Diebstähle gemeldet, und vermehrt wurden Rothäute in den Bergen gesichtet.
    Ohne uns hätte[t] ihr eure Farmen nicht, keine Ländereien, keine Kühe.
    Gruß, schönes Wochenende und - sofern noch nicht geschehen - ein gutes Neues vom

    Friedel

  9. #9
    ernst offshore ist offline Senior-Mitglied
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    Aktuelles Buch: Noam Chomsky Die Herren der Welt

    Hallo Du

    Die Story an sich (der Plot, vielleicht überhaupt das Genre?) ist nicht so meins, schicke ich voraus, wirkt mir ein bisschen zu … äh, na ja, zu Karl-May-mäßig irgendwie. Ich hab’s eher unbeeindruckt gelesen, muss ich zugeben. Deshalb will ich mich zu Handlung, Dramaturgie, Spannungsaufbau, Konflikt, usw. gar nicht äußern.
    Aber gleichzeitig will ich auch vorauschicken, dass ich das sprachlich überwiegend wirklich gelungen finde, also jetzt nicht gerade stilistisch brillant, aber halt schon sehr sicher und gewandt geschrieben.

    Ich beschränke mich jetzt darauf, dir exemplarisch ein paar Sachen zu zeigen, die mir aufgefallen sind. Im Grunde sind’s nur ein paar Gedanken zu Details der sprachlichen Gestaltung. Also vorwiegend echte Winzigkeiten, wo ich zum Teil nicht einmal plausibel begründen kann*), was nun genau mir z.B. an dieser Wortwahl oder an jener Satzstellung nicht hundertpro gefällt, also im Grunde lauter Sachen, an denen ich auch bei eigenen Texten manchmal schier verzweifle. Wo ich merke, verdammt, das haut nicht wirklich hin und ich dann stundenlang an z.B. einem einzigen Scheißnebensatz mit sieben Wörtern herumfuhrwerke und trotzdem auf keinen grünen Zweig komme.

    Egal, ich versuch‘s einfach:

    Er hatte keine Milch mehr, die letzten Liter am Vortag verkauft, und seine Frau Hannah bestand bei jedem Frühstück auf ein Glas. Seit sie vor zwei Jahren beim Heiler in Santa Fe gewesen war. Samuel wusste, wenn sie ihre Milch nicht bekäme, würde sie zetern und schreien, dann bloß noch wimmern. Als hätte sie erfahren, dass sie sterben müsse.
    Für mich ich das fast ein Lehrbeispiel für "hinterfragenswerte Verwendung von Ellipsen".
    Wo mir das nachgestellte „Als hätte sie erfahren, usw.…“ stilistisch noch allemal plausibel erscheint, wirkt mir der andere Teilsatz einfach nur unbeholfen. Beinahe so, als hättest du ihn beim Posten noch schnell eingefügt („Ups, ganz vergessen …“), oder wie ein unbearbeitetes Überbleibsel aus einer Rohfassung der Geschichte, wo du dir quasi Stichworte notiert hast.
    Also stilistisch überhaupt nicht begründet. Einfach nicht gut zu lesen.

    Samuel gähnte und ging schneller. Rötliche Wolken hingen über der Farm, der Horizont wurde allmählich heller. Grillen zirpten in den Büschen, als wollten sie einen guten Morgen wünschen. Der Wind war kalt. Ungewöhnlich für einen August in New Mexico.
    Neben seiner Scheune, in der Hope lebte, hielt Samuel inne. Sie müsste jeden Moment erwachen, mit den ersten Sonnenstrahlen, wie immer. Samuel wollte kurz nach Hope sehen. In der Nacht hatte er wieder von ihr geträumt, diesmal jedoch nicht von ihrem Lächeln oder ihren vollen Lippen.
    Der Absatz ist schön. Eine ruhige, unaufgeregte Sprache, sehr bildkräftig. Beinahe poetisch.
    Das Hervorgehobene hingegen finde ich gar nicht gut.
    Neben seiner Scheune, in der Hope lebte, hielt Samuel inne.
    Ich bin mir beinahe sicher, dass dich das Possessivpronomen hier auch gestört hat (der Leser weiß ja mittlerweile, dass es sich um Samuels Farm handelt) und du es nur deshalb verwendet hast, weil dir „Neben der Scheune, in der Hope lebte, …“ dann doch irgendwie zu uneindeutig geklungen hätte, stimmt’s?
    Die bessere Lösung allerdings wäre gewesen, den ganzen Relativsatz zu hinterfragen, also dich zu fragen, ob die Erwähnung, dass Hope in der Scheune wohnt, hier überhaupt notwendig ist, bzw. ob sich das dem Leser nicht eh von selbst erschließt.

    Neben der Scheune hielt Samuel inne. Hope müsste jeden Moment erwachen, mit den ersten Sonnenstrahlen, wie immer. Er wollte kurz nach ihr sehen, … usw.
    Also so hätt’s allemal gereicht, finde ich.

    Als er die umzäunte Weide erblickte, …
    Kann weg. (Im nächsten Absatz wir der Zaun eh erwähnt)

    Nahe seiner Position war der Zaun zerstört.
    Unschön. (Ich nenn’s mal „Unfallbericht-Diktion“) Passt einfach nicht zum restlichen Sprachduktus.

    Die Spuren verliefen gen Norden, wo die Ebene zwischen Santa Fe und dem Sangre-de-Cristo-Gebirge begann.
    *)So, und jetzt wird’s echt schwierig:
    Du meinst den Satz zweifellos so:
    Die Spuren verliefen gen Norden, wo die (zwischen A und B liegende) Ebene begann.
    Ich lese ihn aber so:
    Die Spuren verliefen gen Norden, wo zwischen A und B die Ebene begann.
    Checkst du’s? Das sind zwei gänzlich unterschiedliche Aussagen.
    Kompromissvorschlag:
    Die Spuren verliefen gen Norden, wo sich die Ebene zwischen Santa Fe und dem Sangre-de-Cristo-Gebirge erstreckte.
    (Und du wirst mir jetzt wahrscheinlich vorschlagen, einen Arzt zu konsultieren. )

    … zwei Schwalben auf, die gen Dach flogen,
    "gen Norden" fand ich okay, immerhin 19. Jahrhundert und so. Aber bitte nicht nur vier Zeilen später gleich noch einmal. Da wirkt es weniger stilistisch beabsichtigt, als vielmehr unbedacht.

    Der Stall, in dem Samuels Pferd für gewöhnlich stand, war leer. […] Um diese Zeit war Hope für gewöhnlich wach
    Auch hier: gute Wortwahl, aber zu unmittelbar hintereinander.
    (Darüber hinaus könnte man jetzt noch diskutieren, ob „Stall“ hier der richtige Begriff ist. Zumindest ich verstehe unter einem Stall ein eigenständiges Gebäude, also nichts, was innerhalb einer Scheune steht. Eventuell: Der Platz, an dem Samuels Pferd für gewöhnlich stand, …)

    Samuel ging neben der leeren Strohmatratze auf die Knie, betrachtete die plattgedrückten Stellen, menschliche Konturen.
    Nein!
    Das hat jetzt nichts mit Stilistik zu tun, sondern ich glaub’s einfach nicht. Also dass man da außer vielleicht einer Mulde auch nur irgendwas erkennen könnte.

    Sonnenlicht fiel durch die Ritzen zwischen den Brettern der Scheune, zeichneten Streifen auf Samuels Brust und erhellten den Heuboden.
    Ich würde das Fette streichen. Zum einen liest sich so eine Substantivhäufung nicht schön, zum anderen entwirfst du uns hier ein Bild, wie wir es sowieso aus mindestens 4000 einschlägigen Filmszenen kennen. (Vertraue der Phantasie des Lesers!)
    (Das Prädikat „zeichnete“ müsste aber so oder so im Singular stehen.)

    Unter dem Datum 14. August 1878 standen zwei große Schlagzeilen.
    Ich finde die exakte Datumsangabe hier störend. (Zu übergenau erklärend, weil ich als Leser eh schon längst ahne, in welcher Zeit die Geschichte spielt, bzw. sich das mir dann aus den Schlagzeilen erschließt.)

    In den nächsten Tagen spazierte Samuel lange über die Ebene,
    Unpassendes Verb.

    als wären [wäre] der Schweiß aus Honig.
    Sieben Viehhirte [Viehirten]
    Sie verlangte nach ihrer Milch und die Tinktur ging ihr aus, sie müsse neue kaufen, aber ohne Vieh hatten sie kein Geld dafür.
    Der Konjunktiv I schreit hier förmlich nach einer Ergänzung, finde ich. … sie müsse neue kaufen, jammerte sie. So was in der Art.
    Oder du schreibst: … sie brauchte neue,

    der auf Samuel zugaloppierte [zu galoppierte]
    Samuel lächelte. Der Bursche erwiderte es
    Sprachlich unsauber
    (So ginge es: Samuel schenkte ihm ein Lächeln. Der Bursche erwiderte es.)

    Er kramte in seiner Hosentasche
    Jeremiah stand neben einem Kaktus hinter seinem Haus. Vor ihm frisch aufgewühlte Erde. Seine Kleidung war verdreckt, sein Gesicht voll brauner Schlieren.
    Ich rate grundsätzlich, Possessivpronomen nur dann zu verwenden, wenn sie fürs Verständnis unabdingbar sind, bzw. um Wiederholungen von Artikeln zu vermeiden.

    Dann ging Jeremiah zur Treppe, die hinab in sein Haus führte.
    Völlig unnötig. (Das Possessivpronomen also quasi doppelt unnötig. )

    Stundenlang ritten sie. Über die weite Ebene mit ihren Kakteen und vertrockneten Büschen.
    Auch hier ist mir die Satzfragmentierung überhaupt nicht einsichtig. (Solche Stellen gibt’s tatsächlich viele im Text.)

    Die Krempe seines Hutes legte Schatten über seine Augen,
    Welches könnte weg? Genau, das erste.

    Er wollte zurück zu seinem Pferd eilen. Dort, wo er seine Pistole gelassen hatte.
    Sprachlich unsauber. (Weil man es nämlich so liest: Er wollte zurück zu seinem Pferd eilen. Dort eilen, wo …
    Es müsste „dorthin“ heißen.

    Tote Kühe bedeckten den Boden. Ihre Augen waren weiß, ihr Fell gräulich und dreckverkrustet. Dutzende Fliegen krochen in ihre Nüstern und Ohren und wieder heraus.
    In Anbetracht der vielen Rinderkadaver würde ich hier zumindest „hunderte“, wenn nicht gar „unzählige“ schreiben

    Mundwickel


    Ihre langen schwarzen Haare umspielten ihr junges Gesicht. Ihre Lippen ...
    Sie presste ihren Handrücken an den Mund,
    Dazu brauch ich jetzt nix mehr sagen, oder?

    Er sah an sich herab.
    hinab

    Wie gesagt, nur Scheißpeanuts. Ansonsten wirklich gut geschrieben.
    Überhaupt steckt für mein Gefühl viel Arbeit und Hingabe in der Geschichte, schon dafür meine Hochachtung.
    Wer immer du sein magst.

    offshore


    Edit:
    Jetzt doch noch was zum Inhaltlichen, weil ich jetzt auch die anderen Kommentare gelesen habe. Bei diesen Anmerkungen nämlich:

    Zitat Zitat von GoMusic
    Da entdeckte Samuel, dass er auf Hufspuren stand, sie führten die Anhöhe hinab, vorbei an der Scheune und dem Farmhaus.
    Das heißt, das Vieh wurde am „Wohnhaus“ vorbei geführt, ohne dass Samuel etwas gemerkt hat. Die müssen doch Krach gemacht haben.
    Zitat Zitat von The Incredible Holg
    Und wenn das Vieh am Haus vorbeigeführt wurde, hätte das doch die Bewohner wecken müssen?
    … ist mir wieder eingefallen, dass mir diesbezüglich auch was seltsam erschienen ist. Und zwar weniger, dass Samuel vermeintlich nichts gehört hat und er nicht aufgewacht ist, sondern dass eben genau das ja passiert ist:

    Dann war Samuel aufgewacht, hatte sich aufgesetzt. Kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn, bedeckte Kopfkissen und Laken; doch neben ihm atmete Hannah ruhig und regelmäßig und vor dem Fenster war es dunkel und still, da waren keine Fackeln, keine Männerstimmen. Nur das Hufgetrappel seiner Rinder. Samuel hatte gelächelt und war zurück auf sein Bett gesunken.
    Da geht es eindeutig um die Nacht, in der die Herde gestohlen wird. Und später lese ich, dass die gestohlenen Rinder tatsächlich am Farmhaus vorbeigeführt worden sind.
    Was nichts anderes heißt, als dass ein Viehzüchter(!) mitten in der Nacht Hufgetrappel vor dem Haus hört (wo seine Kühe ja eigentlich ein Stück weit weg auf der Weide sein sollten und wo Kühe in aller Regel auch so was wie Nachtruhe halten) und sich kein bisschen darüber wundert. Einfach weiterschläft.
    Kann ich mir einfach nicht vorstellen.
    Geändert von ernst offshore (09.01.2017 um 21:54 Uhr)

  10. #10
    dotslash ist offline Moderator
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    Aktuelles Buch: Mord in Switzerland

    Hi Maske

    Wieder mal ein Western, das Genre ist nicht tot zu kriegen.

    Ein Südstaaten-Farmer, verklärt auf politisch korrekt machend, verliert wie viele andere seine Herde an Viehdiebe, und macht sich mit dem Nachbarn auf die Suche. Schöner Nebeneffekt: Er entfernt sich gleichzeitig von seiner nörgelnden, kinderlosen Frau und hofft, seine aus der Sklavereizeit geerbte Geliebte ebenfalls wieder zu finden und heimzuholen, auf dass sie seine Nachkommen gebäre.
    Als die Beiden Farmer in die Hände der (schwarzen) Viehdiebe fallen, nimmt das Drama seinen Lauf und der Plot gewinnt an Fahrt.
    Ich konnte die Geschichte in einem Rutsch durchlesen und das werte ich als poisitiv. Erinnerte mich etwas an alte "Lassiter"-Heftchen von meinem Opa, seichte Story, süffig zu lesen.

    Allerdings fand ich nicht alle Geschehnisse einleuchtend.
    Da wurde Samuel zu Beginn das Vieh geklaut und er setzt sich seelenruhig an den Frühstückstisch und reicht der Frau einen Teil der Zeitung.
    Und dann wechselt mir der Autor zu oft die Erzähl-Perspektive, obwohl die Kapitel jeweils mit einem Protagonisten betittelt sind.
    Auch verwendet der Erzähler oft den Begriff "Nigger", obwohl er aus der Sicht Samuels erzählt, der sich ja wiederum gegen den Begriff stark macht.

    Hannah mochte es ohnehin nicht, wenn er allein mit Hope war, würde wieder mit ihm streiten.
    Bin ich gestolpert. Wenn er mit Hope allein war.
    Aber auch so, konnte seine Frau das sehen? Besser: "..., wenn er zu lange weg blieb," dann ist es mehr so die Ahnung von Hannah, dass er sich bei der Niggerin rumtreibt.

    Die Ränder waren gezackt, das Holz durchsägt.
    durchgesägt

    Samuels Schritte scheuchten zwei Schwalben auf, die gen Dach flogen, sich versteckten.
    "Richtung Dach flogen".
    Es gibt noch andere solcher poetischer Einsprengsel, die zwar zur naiven Verklärtheit des Samuels passen würden, für mich trotzdem zu aufgesetzt wirken.

    Neben Samuel lag eine Stoffpuppe mit langen Strähnen aus schwarzem Pferdehaar.
    "Neben der Matratze" fände ich besser.

    Samuel hob den Zeigefinger, sagte: „Du sollst sie doch nicht so nennen.“
    doch weglassen, macht es eindringlicher.

    Hannah schweig eine Weile,
    schwieg

    aber er ritt nicht nach Hause, ging lieber zu Fuß, hielt Ausschau,
    Unlogisch, zu Pferd sieht man weiter.

    Doch sie hatte sich befreien können, sei tagelang gelaufen,
    hätte, bin mir aber nicht ganz sicher.

    „Jeremiah hat sich beklauen lassen? Der knallt doch sonst jeden ab, der in die Nähe seiner Farm kommt.“
    „Ganz genau, Sir. Er hat einen von der Bande erwischt.“
    Das liest sich hier, als hätte er ihn direkt erschossen, und nicht wie sich später herausstellt, erst einmal gefangen genommen.

    Hinter einer Biegung trat ein Mann hervor, ein Nigger.
    Allgemein würde ich den Erzähler von "Schwarzen" reden lassen, das grenzt ihn besser ab von der direkten Rede Jeremiahs.

    Und so Gott will wird eure Herrschaft über uns wird enden;
    ein 'wird' darf weg.

    Deshalb habe ich behauptet, ich wolle New Samaria helfen.“
    Amos legte die Stirn in Falten. „Hä? Aber …“
    ...
    Amos nickte langsam und sagte: „Dann verschwindet, bevor ich euch beide abknallen lasse.“
    Boah ist der Samuel naiv. Amos lässt sie beide einfach so gehen, obwohl Hope offensichtlich gelogen hat und jetzt was von Liebe labert? Ich fand diesen Abschnitt schon arg konstruiert, den würde ich noch etwas schlüssiger schleifen.
    "Du liebst einen Kerl, der deine Eltern unterdrückt hat? Dann haut doch ab, verschwindet und lasst euch nie mehr blicken." Irgendwie so.

    Ich hab Amos gebeten, ihn mir [zu] gegeben.
    Ja, der letzte Abschnitt, bei dem in Samuel zum letzten Mal sein tiefster Wunsch als Fantasieszene aufpoppt, bestätigt Hopes Aussage: Er hat sie nie wirklich geliebt und so wurde Samuel letztendlich Opfer seines unerfüllten Verlangens nach einem (weissen) Stammhalter.

    Fazit: Eine Geschichte um Macht, Liebe und Sehnsucht im Western-Milieu, leicht und bekömmlich umgesetzt. Hast mich gut unterhalten.
    Die Sch(l)ussszene - Hopes schwierige Abrechnung mit Samuel - sei noch besonders erwähnt.

    Gruss dot

    Ich dachte auch erst an GoMusic, kann mir aber nicht vorstellen, dass er sich mit einem solchen Fake-Kommentar verstecken würde. Nee, ich sag mal was ganz Verrücktes:
    Hier schreibt doch eine Frau extra wie ein Kerl, ohne jedoch die sanfte Poesie ganz auszublenden: Die Autorin ist @wieselmaus, jawoll.
    P.S: Nee, Quatsch, hab keine Ahnung wer hinter diesem Western steckt. Bin echt gespannt ...
    Geändert von dotslash (12.01.2017 um 09:23 Uhr)

  11. #11
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    Und unter der Maske verbirgt sich ...

  12. #12
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    Aktuelles Buch: Cormac McCarthy - No Country for Old Men

    Hallo an alle,

    wirklich tolle Kommentare habt ihr mir dagelassen, das find ich fantastisch. Und es freut mich, dass mich @GoMusic und @barnhelm entlarven konnten. Sobald ich den Text bearbeiten kann, werde ich die Fehler selbstverständlich ausbessern und eure Anmerkungen umsetzen, viele sind wirklich richtig gut, habt Dank allesamt.

    Ich habe viele Genres ausprobiert im Laufe meiner "Karriere" als Autor, und jetzt da sogar der Western abgehakt ist, hab ich so ziemlich alle durch, glaub ich. Da wollte ich natürlich wissen, ob man mich auch erkennt, wenn ich mich in andere Gefilde wage. Ja, Kreise war einem Western recht ähnlich. Weite Landschaften, alte Farmer, Abgeschiedenheit - dass man mich daran erkennen könnte, da hab ich auch dran gedacht. Freut mich sehr, dass Kreise bei dem ein oder anderen hängengeblieben ist.

    ---

    Hey @GoMusic,

    Das heißt, das Vieh wurde am „Wohnhaus“ vorbei geführt, ohne dass Samuel etwas gemerkt hat. Die müssen doch Krach gemacht haben.
    Ja, das wurde hier häufiger angesprochen, die Tiere kommen ja auch an seinem Haus vorbei und er hört sie sogar. Aber er ist mit den Gedanken noch so beim Traum von Hope, dass er das gar nicht richtig wahrnimmt, quasi verblendet ist. So war mein Gedanke dahinter. Aber da so viele von euch darüber gestolpert sind, werde ich das gerne ändern.

    Hier würde ich einen neue Zeile anfangen. Ich dachte zuerst, die fremde Stimme sagte das mit Flasche leer, äh Flasche voll.
    So ist es ja auch, da hast du dich nicht vertan.

    Deine anderen Anmerkungen werde ich vorbehaltlos umsetzen, vielen vielen Dank für's aufmerksame Lesen, GoMusic.

    Habe mich sehr amüsiert. Eine sehr schöne Geschichte.
    Gefallen haben mir auch die Kapitelbezeichnungen, musste direkt an einen Tarantino-Film denken. Überhaupt hat mich das ganze Setting daran erinnert.
    Find ich toll. Ich habe zwar beim Schreiben überhaupt nicht an Tarantino gedacht, aber das macht nichts, das nehme ich jetzt mal als Lob und Ansporn und überhaupt. Jedenfalls schön, dass der Text dir gefallen hat. Und dass du mich erkennen konntest.

    Lass mich überraschen und fordere sofort einen weiteren Western von dir. Keine Ausrede.
    Na, ich weiß nicht, ist ja doch kein einfaches Genre, schnell klischeehaft. Aber mal sehen, ob ich da noch irgendwann eine Kugel im Laufe habe.

    Liebe Grüße
    gibberish

    ---

    Liebe @barnhelm,

    wirklich toll, dass du wieder bei mir vorbeischaust, auch wenn du es anfangs nicht gewusst hast.

    auch ich habe deine Geschichte in einem durchlesen können.
    Da bin ich erstmal beruhigt. Der Text ist meine längste Geschichte hier, und es ist keine Selbstverständlichkeit, ihn durchzulesen, geschweige denn in einem Rutsch.

    Deine Anmerkungen sind wie immer toll, und auf einige deiner Fragen möchte ich gern näher eingehen und sagen, was ich mir so gedacht habe beim Schreiben.

    Nicht ganz klar wird mir, warum sie so gehandelt hat, denn die Sklaverei ist ja zum Zeitpunkt der Geschichte abgeschafft und Hope ist freiwillig auf der Farm geblieben.
    Naja, Sklaverei schon, aber das bedeutete ja nicht, dass die Schwarzen wesentlich besser behandelt wurden, das war ja noch bis in die 70er eine Art Unterdrückung für Schwarze, nicht nur in den USA, und manch einer würde behaupten, sie seien heute noch nicht gleichberechtigt, zum Beispiel die Geschehnisse mit der US-Polizei und den Schwarzen, die immer wieder in den Medien hochkochen. Also die Grundlage für Amos' Handeln ist nicht die Sklaverei sondern eben diese Ungleichbehandlung, die noch sehr lange anhielt.

    Aus Selbstschutz mag sie mitgegangen sein, aber warum erschießt sie später Samuel?
    Sie ist erstmal mit Amos mitgegangen, weil sie gehofft hat, Samuel dadurch loszuwerden. Ich meine, einfach die Farm verlassen kann sie ja nicht, schwarze Frauen wurden damals nicht gerade mit Jobs überhäuft, jedenfalls keine anständigen. Und obdachlos will keiner sein, da kam Hope der Überfall der Viehdiebe gerade recht. Als Samuel dann doch kam (wie Hope bereit erwartet hat), da wollte sie ihm ja noch eine Chance geben, abzuhauen, deswegen sind sie da draußen allein in der Wildnis. Aber Sam konnte sie nicht gehen lassen.

    Und nicht Hope hat Sam erschossen, er hat es selbst getan im Gerangel. Eben weil er nicht loslassen konnte, die Hoffnung, Kinder zu haben und die Zukunft seiner Farm zu sichern, nicht vergessen konnte. Und klar, er wollte trotz allem weiße Kinder von Hope, deshalb der letzte Absatz.

    Über Hannah erfahre ich z.B., dass sie bisher keine Kinder bekommen konnte und auf Milch und Tinkturen setzt. Dabei kommt sie mir hier fast zu alt zum Kinderkriegen vor
    Ich hatte so Ende dreißig, Anfang vierzig im Kopf, was ja im Wilden Westen nicht unbedingt jung ist, aber alt nun auch nicht. Und dass ihr Alter so verzerrt ist, liegt eher daran, dass Sam sie als älter empfindet, als sie ist, eben aus der Furcht heraus, sie könne keine Kinder mehr kriegen, weil sie vielleicht schon zu alt ist. So denkt er jedenfalls, und so habe ich das beabsichtigt.

    Wie es zu einer Einigung mit den Indianern kam, bleibt unklar (habe ich vielleicht übersehen).
    Der Feind meines Feindes und so.

    Insgesamt liest sich die Geschichte flüssig und die Handlung wird sprachlich bildhaft und ausgestattet mit vielen Geschichts- und Orts-Details gut nachvollziehbar dargestellt.
    Das freut mich sehr, vielen Dank für dieses Lob.

    Und doch fehlt mir etwas. Da wird ein typischer Western erzählt. Und vielleicht deshalb bleibt das Geschehen immer ein wenig zu oberflächlich, immer ein bisschen zu nahe an den Versatzstücken und den Klischees des Genres.
    Ja, das kann beim Western schnell passieren, weil da wenig Spielraum bleibt, was die Charaktere und Orte und so weiter angeht. Es war halt auch eine Ära, die von eher einfachen Charakteren geprägt war, um es mal so zu sagen. Trotzdem gibt mir dein Kommentar zu denken, weil ich eigentlich nicht das Gefühl hatte, etwas Klischeehaftes oder Abgegriffenes zu erzählen. Aber vielleicht kenne ich dafür zu wenige Western, kann ja auch sein.

    Zu unklar ist mir Hope in der Motivation ihres Handelns.
    Sie will einfach nur weg von Sam, weil er sie als Eigentum sieht; gleichzeitig hat sie aber auch Mitleid mit ihm, weil er ja doch meist nett zu ihr war. Mehr gibt's da eigentlich nicht zu sagen. Ich wollte Hope sehr mysteriös halten, anfangs hatte ich nicht einmal vor, sie in der Geschichte zu zeigen. Sie steht eher für eine Idee, Samuels Hoffnungen eben, die er nicht loslassen kann.

    Die Kleinigkeiten werden selbstverständlich ausgemerzt.

    Und es freut mich sehr, dass dir Kreise so im Gedächtnis geblieben ist, dass du dich vom Viehkönig gleich daran erinnert fühltest. Und in der Tat, ich bin die Maske.

    Vielen Dank fürs Lesen dieses langen Textes und für das Kommentieren. Es ist mir wie immer eine große Freude, barnhelm.

    Liebe Grüße
    gibberish

    ---

    Alle anderen, seid bedankt. Morgen werde ich euch weiter antworten. Bis dann.
    Geändert von gibberish (13.01.2017 um 18:39 Uhr)

  13. #13
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    Aktuelles Buch: Cormac McCarthy - No Country for Old Men

    Wie das immer so ist: Wenn man sich was vornimmt, kommt was dazwischen. Am Wochenende war ich kaum zuhause und habe ich leider keine Zeit gefunden, euch zu antworten, aber jetzt geht's weiter:

    Liebe @Kanji,

    Dein Erzählstil hat mich durch die lange Geschichte gleiten lassen. Die Abschnitte liegen mir gut. Und die Kapitel, in denen du mir die Charaktere näher bringst, lassen mich auf Spannung und Extreme hoffen. Möglicherweise eine unterbewusste Leseerfahrung.
    Das finde ich schön, vor allem, dass der Text dich bei der Stange halten konnte, obwohl der Western nicht so deins ist. Und gerade weil der Text so lang ist, habe ich mir für die Einteilung in Kapitel mit angenehmer Länge entschieden. Da bin ich ja dann doch vorsichtig. Nicht, dass die Leser abspringen bei so einem Textklotz.

    Es gibt ja so Autoren, die beenden jedes Kapitel mit einem Knall. Dan Brown oder Stephen King machen das oft. Deshalb kann ich deine Erwartung völlig verstehen. Am Ende eines Kapitels kommt ja oft eine Art Wendung oder Offenbarung oder was immer, damit der Leser gleich weiterliest. Hier habe ich das nicht unbedingt beabsichtigt (klar, weiterlesen soll man schon); ich habe die Einteilung dahingehend gewählt, welcher Charakter wann und wie im Mittelpunkt steht. Und wenn du sagst:

    Und ich neige dazu, Namen zu verschwechseln, aber du hast mich sehr behutsam immer wieder hervorragend verwiesen und verstehen lassen
    gehe ich einfach mal davon aus, dass diese Einteilung doch für einen verstärkten Fokus auf die Charaktere gesorgt hat, und sie deshalb auch leichter hängenbleiben.

    In diesem Fall habe ich mich allerdings auch gefragt, worauf es hinauslaufen soll und habe mich dann bemüht, einen aktuellen Zusammenhang zu finden. Angst vor Unterwanderung von Fremden ginge wohl durch.
    Ja, das ist sicher ein Thema, das ich ansprechen wollte. Aktueller Bezug war mir schon wichtig, und ich finde es schön, dass du über solche Parallelen nachgedacht hast. Die Angst vor Unterwanderung, vor dem Verlust der "Heimat", das spricht Jeremiah ja unverblümt an. Und doch braucht man andere Völker zum Leben, Frieden funktioniert nur miteinander, sonst wird es immer wieder größere Konflikte geben. Das war auch ein bisschen der Hintergrund der Idee, Samuels Glück so von Hope abhängig zu machen. Aber ja, am Ende bleibt es doch beim Schwarz/Weiß für ihn.

    Nur erscheinen sie mir zu eindimensional. Aber wie gesagt, könnte das an meine Erwartungshaltung geknüpft sein.
    Ja, das ist schwierig. Ich wollte schon etwas komplexer werden, aber im Western, naja, ich will mich nicht rausreden, aber die Charaktere sind eher strenger definiert als in anderen Genres, denke ich. Farmer, Cowboys, Sheriffs, Sklaven, Indianer; da ist nicht viel Spielraum für etwas, was man so oder so ähnlich nicht schon gesehen oder gelesen hat. Aber ich habe versucht, das doch zu tun, indem ich Charaktere reinbringe, die (abgesehen von Hope) alle mehr oder weniger auf der Bibel basieren, beziehungsweise habe ich mich von der Bibel hierbei inspirieren lassen. Ist jetzt auch nicht unbedingt die frischeste Quelle für komplexe Charaktere, aber die Mischung aus Western und Bibel find ich jedenfalls interessant und es hat mir Spaß gemacht, damit zu arbeiten. Vielleicht gelingt es mir ja noch, die ein oder andere Facette eines Charakters stärker herauszuarbeiten. Da muss ich aber auf die Länge der Geschichte aufpassen.

    Arbeitet sie sich jetzt alt und runzlich, oder kann sie tatsächlich gar nichts, nicht mal Socken stricken. Ich bin unzufrieden mit ihr.
    Naja, das liegt eher an der Wahrnehmung Samuels, die sich nicht so ganz mit der Realität deckt, so zumindest der Gedanke dahinter. Hannah ist nicht alt und runzelig, aber eben unfruchtbar, und Samuel befürchtet, das läge mitunter an ihrem Alter, auch wenn dem nicht so ist. Er ist halt auch nicht der Hellste.

    Und die zu kleinen Socken sollten nochmal für ihren Kinderwunsch stehen.

    Er ist ungerecht in Bezug auf seine Frau, die ja wohl allen Grund zur Eigersucht hat und etwas unentschlossen in seiner Aktion und Sprache.
    Ja, er ist tatsächlich unentschlossen. Ich habe ihn auch etwas wortkarg gestaltet, oder es zumindest versucht. Nur im letzten Kapitel kommt er etwas aus sich raus. Er will halt doch mit seiner Frau zusammenbleiben, trotzdem ist da dieser Kinderwunsch, der ja auch die Zukunft seiner Farm sichern würde. Er ist da hin und her gerissen.

    Es freut mich jedenfalls, dass dir Jeremiah gefällt.

    Vielen dank für deine tollen Anmerkungen und das Lesen dieses langen Textes, Kanji.

    Liebe Grüße
    gibberish

    ---

    Hey @schwarze sonne,

    Ich als Huaso in Ausbildung habe sie in einem Zug durchgelesen und sie hat mich begeistert. Ich kann gar nicht viel kritisieren, die Stimmung ist spürbar und die Handlung nachvollziehbar.
    Freut mich sehr, und wenn du dich mit der Materie auskennst, dann umso mehr. Danke, danke.

    Mir hätte vor dem ganzen Geschehnis noch eine Szene zwischen Hope und Samuel gewünscht, um die Behandlung seinerseits tatsächlich zu erleben - wobei ich sie mir vorstellen kann. Oft gibt es ja einen kleinen Unterschied zwischen Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung / der Realität.
    Es war anfangs mein Anliegen, Hope gar nicht zu zeigen, sie quasi nur als Motivation für Samuel im Hintergrund zu lassen. Aber wie das so ist, der Plot macht sich irgendwann selbstständig, und dann war sie doch drin. Trotzdem wollte ich sie in bisschen diffus lassen, um ein bisschen Spannung reinzubringen und um Samuels Gedanken ein bisschen deutlicher zu machen. Er weiß ja auch nicht, wo sie ist, wie es ihr geht, ob sie noch lebt. Und ich weiß jetzt nicht, ob Hope als Charakter unbedingt detaillierter sein muss, um die Funktion zu erfüllen, die sie in der Geschichte hat.

    Wenn du dir du Behandlung von Hope durch Samuel vorstellen kannst, dann wird sie wohl auch so sein, wie du dir das vorstellst.

    Denke die Geschichte wird sicherlich noch Empfohlen werden, wenn nicht, mach ich es halt irgendwann. Aber ich hab ja schon zwei Mal.
    Alle guten Dinge sind drei, oder?

    Nein, Spaß beiseite, ich fühle mich sehr geehrt, dass du das so siehst und das macht mich wirklich froh. Ich weiß ja nie, wie eine Geschichte ankommen wird, und dann zu lesen, dass jemand sie so gut findet, mehr kann ich mir nicht wünschen. Vielen Dank dafür, schwarze sonne.

    Ich hoffe, es läuft alles super bei dir in Chile, und ich wünsche dir einen schönen Start in die Woche
    gibberish

    ---
    @The Incredible Holg, dich habe ich heut ganz dezent übersprungen. Dein Kommentar ist wahnsinnig gut, und ich möchte vieles dazu sagen, aber mir läuft wieder mal die Zeit davon. Aber eine Antwort wirst du selbstverständlich erhalten, und die anderen natürlich auch. Bis dahin.
    Geändert von gibberish (16.01.2017 um 20:00 Uhr)

  14. #14
    zigga ist offline Mitglied
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    Hallo gibberish,

    also sprachlich und vom Erzählton her fand ichs super, es liest sich. Die Ausgangslage fand ich auch super, mir hat auch der innere Konflikt deines Prots gefallen, dass er das schwarze Mädchen liebt, und dass sich das dann mit dem Viehklau zusammenzieht. Sehr gut.
    Aber im Laufe der Geschichte bin ich dann über zwei Plotsachen gestolpert, die mich echt rausgehauen haben:

    „Ich bin freiwillig mit ihnen gegangen“, sagte Hope. „Damals in der Scheune … Ich hatte Angst und wollte nicht, dass mir die Männer wehtun. Deshalb habe ich behauptet, ich wolle New Samaria helfen.“
    Amos sagte: „Damit er seinen Freunden in Santa Fe verrät, was wir vorhaben und wo wir sind?“
    Hope und Amos sahen sich wieder lange an. Dann sagte sie: „Das wird er nicht. Nicht wahr, Liebster?“
    Beim Klang des letzten Wortes spürte Samuel ein Kribbeln im Schritt und Wärme breitete sich in seinem Körper aus, wanderte bis in die Fingerspitzen, ließ ihn lächeln. Er fühlte sich geliebt und geborgen und alle Sorgen erschienen so nichtig. „Nein, werde ich nicht.“
    Amos nickte langsam und sagte: „Dann verschwindet, bevor ich euch beide abknallen lasse.“
    Also bei dieser Stelle bin ich schon sehr gestolpert. WAS?, hab ich mir gedacht, der lässt sie einfach so laufen?!?!?!


    „Geklaut? Nein. Ich hab Amos gebeten, ihn mir gegeben. Ich wusste, dass du kommen würdest. Und ich habe versprochen, alles zu tun, um New Samaria zu beschützen. Das ist jetzt mein Zuhause.“
    Samuel sagte, so beruhigend er konnte: „Und warum sind wir hier draußen? Du oder Amos, ihr hättet mich auch in der Mine erschießen können.“
    „Wir sind hier, weil …“ Sie ließ die Pistole sinken. „Geh nach Hause, Samuel. Geh zu deiner Frau. Solltest du jemandem von New Samaria erzählen oder je wieder nach mir suchen, stirbst du.“
    Das wird dann so aufgelöst ... also ich weiß nicht. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich das wirklich verstanden habe, auch was die Beziehung zwischen den Figuren angeht. Mag an der späten Stunde liegen, ich werde da noch mal drüberlesen, aber wieso bringen sie deinen Prot tatsächlich nicht einfach in dem Versteck um? Sie will ihn laufen lassen, aber erschießt ihn dann doch?
    Also mir fehlt hier auf jeden Fall noch die Perspektive von Hope. Dass sie sich ausgenutzt fühlt, das kam sehr plötzlich, und irgendwie scheint sie sich ja doch nicht ausgenutzt zu fühlen, ach, irgendwie ergibt es sich mir nicht ganz, ich fände das viel schöner, wenn du evtl. noch ein Kapitel einschieben würdest, und aus der Sicht von Hope erzählen würdest, wie der Prot nachts zu ihr ins Bett krabbelt und sie vergewaltigt und danach sagt er, dass er sie liebt, und sie erwidert es, aber bloß, weil sie Schiss hat, er könnte sie umbringen oder so. Irgendwas, damit ich die Beziehung der beiden wirklich spüre, miterleben kann, das richtig einschätzen kann als Leser. So ist das für mich sehr ungriffig.

    Noch eine Sache: Ich finde, du zeichnest den Wilden Westen mit seinem Land schon sehr schön. Gerne mehr davon! Wo drückt der Schuh, wie riecht der Wind, wie fühlt sich die Sonne an, gerne noch mehr Details und Sinneseindrücke - natürlich nicht im Overkill, so schön dosiert, also das ist immer etwas, was ich an Westerngeschichten früher geliebt habe, dass ich richtig die Landschaft und die Menschen vor mir gesehen habe. Hast du auch schon, aber ich fände die Story noch schöner, wenn da noch mehr "Sinneseindrücke" drin wären. Just my opinion!

    Also, gibberish, fands von der Erzählstimme wieder gut und hatte echt Zug, aber zum Schluss hats mich irgendwie bisschen rausgehauen, weil das mit Hope so plötzlich kam, dass sie ihn eigentlich gar nicht will, oder dann doch, irgendwie hat sich mir das nicht ganz erschlossen und wirkte im Erzählverlauf auch etwas unorganisch auf mich. Wäre das mein Text, würde ich wahrscheinlich überlegen, ob ich Hope nicht eine andere Rolle geben würde, ob ich sie nicht dem Prot helfen wollen lassen würde, wenn auch insgeheim, und den Höhepunkt auf eine Schießerei oder einen Ausbruch oder etwas in die Richtung lenken würde. Aber gut. So ist der Aha-Effekt dieser Geschichte: Prot ist - anders als anfangs angenommen - ein Vergewaltiger. Ich hätte es schöner gefunden, wenn er mir sympathisch bleiben würde und sich Hopes Rolle für mich als Leser nicht so abrupt und "unszenisch" ändern würde.

    Trotzdem eigentlich gerne gelesen, bleib am Ball,

    Viele Grüße
    zigga
    Geändert von zigga (17.01.2017 um 02:26 Uhr)

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