Abstimmungsergebnis zur Challenge "Auf der Mauer stand mit Kreide"

Meister Reinhard: Scherben bringen Glück

Stichworte

Alltag, Romantik, Sonstige

Ergebnis 1 bis 11 von 11
  1. #1
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    Aktuelles Buch: Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär


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    Scherben bringen Glück

    Wir mit Jonny der ersten Geige im Club. Es ist zu laut. Spiegelberg bewegt die Lippen. Mhm. Ja. Sicher. Uhn ts uhn ts uhn ts hämmert der Bass. Ich verstehe kein Wort und nicke eifrig, lehne mich zu ihm rüber und brülle ihm ins Ohr: „Willst du nicht langsam mal wieder was holen?“
    Ich deute auf seine Verzehrkarte.
    „Nicht meine“, brüllt der Spiegelberg zurück und deutet seinerseits auf ein Mädchen, das ein paar Meter neben uns an der Theke steht und gerade ihr Handtäschchen durchwühlt. Schon klar, hat sie verloren, die Karte. Spiegelberg schlendert zu ihr rüber.
    „Was macht er?“, will Jonny die erste Geige wissen. Zumindest glaube ich, das von seinem fragenden Gesicht ablesen zu können, denn verstehen kann ich ihn selbstverständlich nicht. Und dann fährt die Musik runter. So smooth-come-down-mäßig legt sich ein warmes Techno Gebrumme über die Area.
    „... nichts für ungut, aber Spiegelberg ist ein ziemlich...“
    Und dann ätzt der Sound schon weiter. Ich kann mir allerdings denken, was für einer Spiegelberg in den Augen Jonnys der ersten Geige ist. Während die schrillen Klänge exponentiell panischer werden und mir die akustische Interpretation eines epileptischen Anfalls vermitteln, schaue ich zum Spiegelberg, der die Verzehrkarte zurückgibt. Dann der Beatdrop, die Geige schüttelt angesichts musikalischer Schwerverbrechen den Kopf, zweihundert Assis springe einmal asynchron in die Luft und der Speigelberg fängt sich so richtig eine. Klassischer Bitchslap mit der flachen Hand. Zweihundert Kanacken am Abspacken. Der Spiegelberg kommt wieder zu uns rüber, reibt seine Wange und sieht sich belustigt nach der schlagfertigen Braut um.
    „Habt ihr das gesehen?“, formen seine Lippen. Ich habe keinen Bock mehr und winke die anderen beiden mit nach draußen.
    „Die kleine...“, lacht Spiegelberg heiser, „in die könnt ich mich glatt verlieben!“
    „Weil sie dir eine geknallt hat?“, fragt Jonny die erste Geige.
    „Quatsch, weil sie so... so echt ist. Die ist halt...“ Spiegelberg gestikuliert hilflos in der Luft herum. „Was hast du ihr gesagt?“, will ich wissen.
    „Ja nix. Das ist es ja. Die ist so echt... halt echt kaputt. Nicht so wie du, Jonny. Du liebst mich doch eigentlich.“
    Spiegelberg packt Jonny am Kragen. „Lass dich knutschen, du Homo.“ Jonny weicht mit dem Kopf Spiegelbergs Zunge aus, die ihm ansonsten glatt die Wange geschlabbert hätte.
    „Fick dich, Spiegelberg, fass' mich nicht an.“ Ich gehe lieber nicht dazwischen. Meistens müssen die bloß irgendwas aneinander auslassen. Und da interveniert Madame Preisboxerin von vor fünf Minuten. Blondiert, Ge-Eyelinert und in Hot-Pants steht sie da, tritt von einem Bein aufs andere und fixiert den Spiegelberg.
    „Hey Idiot!“
    Unschwer zu checken, wer gemeint ist.
    „Das ist mein Name!“, grinst der Spiegelberg und lässt vom grimmigen Jonny der ersten Geige ab. „Tu' mir einen Gefallen“, verlangt sie, „Fick mich“
    Bitte was? Spiegelberg schaut mich an, schaut Jonny an.
    „Wenn 's weiter nichts ist...“
    Er öffnet seinen Hosenstall.
    „Auf dem Klo, du Armleuchter!“, sagt sie. Spiegelberg kichert laut, irre und schrill. Leute gucken sich irritiert zu uns um.
    „Finger weg“, zischt das Mädchen als Spiegelberg ihre Taille umschlingen will. Er hebt mit betont unschuldiger Miene die Hände. So schreiten sie von dannen. Sie vorne weg und der Spiegelberg wie 'n hechelnder Köter hinterher.
    „Wie alt ist die Olle? siebzehn? achtzehn?“, ächzt Jonny die erste Geige.
    „Höchstens“, entgegne ich.
    „Wasted youth“, zitiert die Geige Meat Loaf, „die ist doch kaputt!“
    Eine Viertel Stunde später kommen die beiden wieder. Sie nicht gerade glücklich. Er umso mehr. Sie dreht sich weg, will gehen. Er packt ihren Arm.
    „Was?“
    Spiegelberg schreibt ihr seine Nummer auf eine Serviette. Er bekommt noch den Mittleren von ihr gezeigt, aber die Nummer nimmt sie trotzdem.

    Eine Frohnatur war der Speigelberg ja schon immer. Aber dabei war er stets auch ein richtig asozialer Penner, aber immer gut drauf. Na ja, jetzt ist er auf jeden Fall zum Hippie mutiert. Für seine Verhältnisse. Also eigentlich normal, aber aus Siegelberg-Perspektive ist normal halt Hippie und schwul, denke ich, während ich ihm zusehe, wie er eine Topfpflanze auf seiner Fensterbank hin und her schiebt. „Was meinst du? Hier oder besser hier?“
    „Bist du jetzt vollkommen durchgedreht?“, entfährt es mir.
    „Hab' den Dreckstall halt aufgeräumt. So machen das ordentliche Leute.“
    „Du verhältst dich widernatürlich.“
    „Fick auf Natur, ich bekomme gerade mein Leben in den Griff. Du ziehst mich voll down.“
    „Ich trau' der Sache halt nicht.“
    „Welcher Sache?“
    „Ja, dem Ganzen hier. Um Himmelswillen, ist das da so ein Bad-Duft-Dings?“
    „Was? Ich will meiner Nase schmeicheln.“
    „Du weißt aber schon, dass ich der Schwule von uns beiden bin, oder?“
    Es klingelt an der Tür.
    „Das ist sie. Schnell verpiss' dich aufs Klo, oder so!“, drängt mich der Spiegelberg. Ich bleibe wie angewurzelt stehen. Spiegelberg öffnet die Tür und flötet das ekelhafteste, behindert'ste, fröhliche „Hallöchen“, das ich jemals in meinem ganzen Leben zu vernehmen das Pech hatte. Das schlagkräftige Clubmädel. Na toll.
    „Hör auf, mich anzurufen“, sagt sie todernst. Er grinst dümmlich und breitet theatralisch die Arme aus.
    „Fällt dir was auf?“
    „Du hast aufgeräumt, toll. Deine nächste Bekanntschaft wird sich sicher freuen.“
    „Hab ich nur für dich gemacht!“
    „Jaja. Fick dich, Spiegelberg“
    „Fick dich? Was ist mit 'Fick mich' passiert?“
    Sie wendet sich zum Gehen.
    „Ich hol' dich dann morgen von der Schule ab“, trällert Spiegelberg. 180 Grad, steht sie wieder in der Bude und richtet ein Pfefferspray auf ihn.
    „Komm irgendwem zu nahe und ich geh' zur Polizei.“
    „Tu' das. Deine Mom will bestimmt auch wissen, wie die Flecken in das Kleid kommen.“
    Oh Gott, was geht hier ab? Sie grinst; allerdings mit zitterndem Mundwinkel.
    „Vielleicht hast du mich auch vergewaltigt, weiß nicht mehr so genau.“
    Spiegelberg lacht und zeigt auf mich.
    „Ich glaub' er hier hat'n besseres Gedächtnis als du.“ Dieser Arsch! Sie registriert mich erschrocken und keine Frage, sie hat die Buchs voll. Weiß der Spiegelberg natürlich auch.
    „Hey, klärt ihr das unter euch“, sage ich. Nie. Niemals würde der Spiegelberg freiwillig zur Polizei gehen. Es muss nur irgendwer dieser Möchtegern Lara Croft zwitschern, dass wir nicht ganz koscher drauf sind und sie durchblickt den Bluff. Dann sind wir alle geliefert. Kann nämlich durchaus sein, dass Spiegelberg uns mit reinreißt und Schwupp: Universum Spiegelberg bricht zusammen. Ich muss Jonny anrufen.
    „Lass mich einfach in Ruhe.“ Sie nimmt das Pfefferspray runter, verpasst mir nochmal 'nen Todesblick und geht. Ich schlage die Tür zu. Ziemlich angepisst packe ich mir den Spiegelberg. „Bist du, irre?“ Der bleibt cool. „Möge das Spiel beginnen.“ Offenbar ist er doch ganz der Alte.

    Eilig steige ich die Stufen des Treppenhauses hinab. Unten steht sie noch vor dem Haus und hält schwer atmend mit Mühe die Tränen zurück.
    „Hey, halt dich einfach von ihm fern und wir haben kein Problem.“, sage ich, „der Kerl beruhigt sich wieder. Und wenn nicht, ist es in ein, zwei Wochen vorbei, wenn du ihm zu langweilig wirst, klar?“ Und damit ist die Sache erledigt, denke ich mir.

    Ich rufe Jonny und die Leute doch nicht an. Ein paar mal tief durchatmen. Ha. Gehört halt dazu etwas Panik. Kein Problem. Der Spiegelberg weiß auch ein bisschen, was er tut. Er soll mich nur da raus halten. Shit, ich brauch was zu trinken.

    Es zieht schon Kreise. Kennt ihn ja auch jeder, den Spiegelberg. Ich in 'ner Spelunke am Tresen und hinter mir sind 'se am Rumspinnen.
    „Hat 'ne Feste jetzt, erzählt man sich auf der Straße.“
    „Laber' nicht, der Typ ist so durch, was soll das 'n für eine sein.“
    „'Ne ganz junge.“
    „Wie jung?“
    „Ja Kah, Ah, 12, was weiß ich.“
    „Würd' ich ihm zutrauen.“
    „Kennst du ihn überhaupt?“
    „Ja sicher, hab' meinen Mp3-Player von ihm wieder.“
    „Wie denn das?“
    „Ja, hab' das Teil halt im Bus vergessen, bei dem Verein angerufen, aber nada, nix gefunden. Und die meinten probier's mal beim Spiegelberg.“
    „Hä, was'n mit denen los?“
    „Keine Ahnung, aber auf jeden Fall musst du erst mal an die Nummer ran kommen.“
    „Und wie?“
    „Ja, keine Ahnung, hab die von meinem Cousin.“
    „Quatsch, dem Knacki? Ohne Spaß, ihr seid voll die Gangsterfamilie.“
    „Halt die Fresse. Auf jeden Fall, hatte der Kerl tatsächlich meinen Mp3-Player.“
    „Hat er 'n dir zurückgegeben?“
    „Ja gegen Finderlohn halt.“
    „Digga... und warum denkst' jetzt er ist 'n Pedo?“
    „Ja was man sich halt so erzählt.“
    „Was erzählt man sich denn?“
    „Ach keine Ahnung, leck mich, ich würd's ihm auf jeden Fall zutrauen. Du hast ihn ja nicht gesehen.“
    Geschieht ihm Recht, denke ich. Ich hätte das Gespräch aufnehmen sollen, um ihm ein bisschen Angst vor dem Knast zu machen.

    Wie ich dann nach 'ner Woche wieder bei ihm vorbeischaue, denke ich, ich seh' nicht recht. Da kommt die Kleine schon wieder aus der spigelbergschen Residenz. Im Treppenhaus passe ich sie ab. „Was, verfickt nochmal, ist los mit dir? Planst du einen Anschlag auf ihn, oder was?“
    Sie guckt mich nur verheult und angewidert an, stürmt an mir vorbei und es schnürt mir die Luft ab. Was ist hier los? Von unten kommt der dicke, depressive Nachbar vom Spiegelberg. „Das Mädel“, sage ich, „wie oft war die letzte Woche hier?“
    Er brummt nur und schiebt mich zur Seite.
    „Verfickten dank auch!“
    Ich hämmere gegen des Spiegelbergs Pforte. Er öffnet in nackter Pracht und strahlt mich an.
    „Was läuft da?“, frage ich schon relativ ungehalten und dränge mich an ihm vorbei in die Bude. An den sauberen Look habe ich mich immer noch nicht gewöhnt.
    „Siehst du meine Topfpflanze hier irgendwo?“, ist seine konstruktive Entgegnung. Ich schlendere durchs Wohnzimmer und werfe ihm eine Hose zu. Irgendwas stimmt hier nicht.
    „Erpresst du sie? Das ist doch nicht normal!“
    „Nein, im Ernst wo ist meine Pflanze?“
    „Ich glaube, du drehst langsam wieder durch. Ich rufe jetzt meine Schwester an.“
    Ich hole mein Handy raus. Der Spiegelberg lässt sofort den Bund seiner Hose wieder fallen, springt rüber und entwendet es mir prompt, indem wir uns eine halbe Minute darum käbbeln. Schließlich beißt er mir in die Hand
    „Nein, nein, nein, nein, man uncool, seeeehr uncool.“, meint er.
    „Selbst schuld, würde ich sagen.“
    „Hey, das hat hiermit überhaupt nichts zu tun!“
    „Gut, wenn du nicht willst, dass ich Madame Psycho auf dich hetze, dann rück' endlich raus mit der Sprache! Was geht mit dieser Braut? Was drohst du zu tun, wenn sie nicht... kooperativ ist?“ Spiegelberg atmet ein paar mal energisch durch. Oh, meine Schwester jagt ihm 'ne scheiß Angst ein. Dann sagt er: „Du wirst mir das jetzt vielleicht nicht glauben, aber ich habe mich verliebt.“
    Er hat Recht. Ich glaub's ihm nicht.
    „Ich kann nicht anders, ich brauch' sie einfach, ich bin abhängig.“
    „Jens, das ist krank.“
    „Wie kann die Liebe krank sein?“
    „Es ist krank ein vielleicht minderjähriges Mädchen durch emotionale Erpressung zu Sex zu zwingen.“
    „Nein, nein man du verstehst das nicht! Ich will nicht sagen, ich hätte nicht nachgeholfen, aber sie ist genauso besessen von mir, wie ich von ihr.“
    „Bullshit!“
    „Doch!“
    „Bullshit, sag' ich, die ist völlig durch, Alter, Stockholm-Syndrom oder so. Haste mal gesehen wie fertig die ist? Sehen wir den Tatsachen ins Auge, Jenne. Du bist widerwärtig, und wenn so 'ne junge, heiße Schnitte eine total kranke Beziehung zu dir führt, dann geht da was nicht mit rechten Dingen zu.“
    Spiegelberg tritt gegen seinen Couchsessel. Der kippt um und es klirrt.
    „Jetzt mach mir keinen auf Moral, du Wichser! Seit wann kümmern dich meine Fotzen, bleib bei Schwänzen, okay? Oder hast du mal wieder einen Altruismus-Anfall?“
    „Die Olle ist mir doch völlig, egal! Aber, wenn sie irgendwann austickt, weil du ein ekliges Arschloch bist, dann bist du am Arsch, und ich bin am Arsch und Jonny und die Leute sind dann auch am Arsch! Und wenn wir dich nicht jucken, dann beende es ihr zuliebe. Wo du jetzt offenbar unter die Romantiker gegangen bist, solltest du aufhören, ihr eine Beziehung aufzuzwingen.“
    „Du hörst nicht zu, man! Sie kommt doch zu mir. Die ist süchtig.“ Ah Drogen, denke ich. Das erklärt einiges. Spiegelberg lehnt sich grinsend zu mir rüber.
    „Und zwar süchtig, nach meinem Schwanz!“
    Ich raufe mir die Haare.
    „Ach, übrigens die Pflanze liegt unter dem Sessel begraben.“
    Spiegelberg, der mittlerweile immerhin die Hose an hat, stellt seinen Sessel wieder hin und betrachtet die Scherben.
    „Sieht auch schön aus“, meint er, „sieht auch schön aus.“

    Ich rufe Jonny die erste Geige an und schildere ihm die Situation.
    „Okay, bleib ruhig“, meint er. Ja schon klar.
    „Was machen wir?“, frage ich.
    „Hey, ich weiß, du bist gegen Gewalt und so, aber mir geht’s hier um Schadenminimierung, auch für die Kleine. Verstehst du das?“
    „Ja.“
    Jonny hat halt den Durchblick.
    „Kein Theater?“
    „Kein Theater.“, verspreche ich.
    „Gut, wir knöpfen uns zuerst Spiegelberg vor. Ich will wissen, was er gegen sie in der Hand hat. Wenn er sie bis jetzt damit unter Kontrolle gehalten hat, dann können wir das auch weiterhin. Wir müssen ihm bloß eintrichtern sich von der Ollen fernzuhalten. Wie schwer kann das sein?“
    „Du hast ja keine Ahnung.“
    „Kommst du mit?“
    „Wenn nicht, wird er wohl kaum den Mund aufmachen.“

    Okay. Gesagt, getan. Also ich Jonny und zwei Stiernacken zum Spiegelberg. Sein Depri-Nachbar kommt in den Flur.
    „Was'n los?“, will der wissen. Ignorantes Arschloch. Mich korben und wenn was abgeht, den Skandal-geilen raus hängen lassen.
    „Geh und spring vom Dach, du Penner.“
    Meine Nerven liegen Blank.
    „Gab ganz schönen Lärm eben beim Jens.“
    „Verpiss dich, sag' ich!“
    Murrend verschwindet er wieder hinter seiner Wohnungstür. Jonny legt mir 'ne Hand auf die Schulter.
    „Hey, alles klar? Wird schon. Beruhig' dich mal.“
    Die Tür vom Spiegelberg ist offen, die Bude verwüstet. Möbel wurden umgeschmissen, Lampen zerdeppert, der Teppich ist angekokelt, mit Geschirr wurde auch geworfen. Der Spiegelberg selbst chillt auf'm Sofa, Augen gerötet und geschwollen, linker Arm hängt nutzlos und am Handgelenk zermatscht an ihm herunter.
    „Leute“, begrüßt er uns. Die Stiernacken schließen die Tür.
    „Ihr seid 'n bisschen spät.“
    „Wo ist sie?“, will Jonny wissen.
    „Weg, wahrscheinlich für immer.“
    „War sie das?“, frage ich.
    „Mit 'nem Tennisschläger“, lacht der Spiegelberg, „die ist krass. Hat echt Spaß gemacht die Randale. Sie brauchte das mal. Aber jetzt hat sie mir das Herz gebrochen.“
    „Und den Arm.“
    „Sie ist meine Kathy Bates wie in Misery.“
    „Sicher das du nicht ihre bist?“
    Spiegelberg wendet sich an Jonny.
    „Hey, die beiden Gorillas hätten zu Hause bleiben können.“
    „Ach ja?“
    „Ja, es ist aus. Ich kann ihr nichts mehr beibringen. Ich sag' euch alles, was ihr wissen wollt.“
    Und draußen vorm Fenster fällt ein Körper vorbei. Der Spiegelberg springt auf, will sich mit dem gebrochenen Handgelenk abstützen. Natürlich schmiert er sich schreiend ab. Ich will ihm aufhelfen, aber er wehrt ab und zeigt nach draußen. Ich öffne das Fenster und schaue mir den blutigen Klops Mensch an, der sich da soeben endgültig verabschiedet hat.
    „Wer?“, ächzt der Spiegelberg, „wer liegt da?“
    „Dein fetter Nachbar“, antworte ich, „Was hast du denn gedacht?“

    „Nymphomanin, also“, stelle ich überflüssiger Weise fest, als ich gerade mal den Spiegelberg im Krankenhaus besuche.
    „Was auch immer“, meint der Spiegelberg überflüssiger Weise. Er liegt im Bett. Arm vergibst. Die gepfeffersprayten Augen sind auch wieder in Ordnung.
    „Hätte man drauf kommen können.“
    „Bist du aber nicht.“
    „Warum hast du das nicht gleich gesagt?“
    „Ging nicht. Hatte ihr versprochen, die Schnauze zu halten“
    „Wie nett von dir.“
    „Nicht wahr? Ich hab' sie wirklich gemocht. Glaubst du's mir jetzt?“
    „Nicht wirklich. Aber sie muss dich offenbar ziemlich gehasst haben.“
    „Ich weiß ja nicht.“
    „Sie hat dich mit 'nem Tennisschläger verprügelt und deine Bude in eine Ruine verwandelt.“
    Spiegelberg setzt sich auf. Er zieht sich hoch an diesem Dreieck, das immer über Krankenhausbetten hängt.
    „Ja aber sie hat nicht mich gehasst, sondern vielmehr ihre eigene Gestörtheit.“
    „Hört, hört, Sigmund Spiegelberg.“
    „Das war ja das Geile daran. Oberflächlich schien sie mich zu hassen, aber sie konnte keine fünf Minuten neben mir stehen, ohne mit mir zu ficken. Ich musste nicht mal großartig was tun. Eine versaute SMS und sie kam angetanzt. Ich glaube... das war Liebe.“
    „Ist dir mal in den Sinn gekommen, dass sie dich gehasst hat, weil du ihren Dachschaden ausgenutzt hast, um Beischlaf zu erzwingen?“
    „Nein, man. Weißt du, ich hab jetzt schon wieder - und gewiss ein weiteres Mal zu viel - diese weiß-gekittelten Klassifikations-Nazis um mich rum und das sind Leute, die ihr Leben damit verbringen, zu bestimmen, was für einer das sein soll, den man gemein hin als gesund bezeichnet.“
    „Da haben sie ja 'n Haufen Arbeit vor sich mit deinem Oberstübchen.“
    „Und genau das meine ich, Alter. Diese penetranten Bastarde. Die kommen zu dir in dein Haus, pflanzen sich auf deine Couch, süppeln dein verkacktes Bier und dann ziehen sie mit dem Finger 'ne fette Staubschicht von deinem Fernseher, hängen die Bilder gerade hin und reparieren deinen Dachschaden. Sie sagen, was du essen und trinken darfst, was du für Drogen schlucken sollst, wann, wie oft, du mit wem schlafen darfst. Und wenn irgendwer behauptet, man ist danach noch Derselbe wie vorher, dann kann dieser Typ sich ins Knie ficken. Wer zur Hölle hat ihn darum gebeten? Das notgeile Mädchen, das sich dreimal am Tag das Hirn raus vögeln lässt, ist ja wohl nicht das Selbe Mädchen, das keusch wie 'ne Nonne Tabletten einwirft, damit es sich von Jungs fern hält.“
    Spiegelberg tippt sich mit dem Finger gegen die Schläfe.
    „Ich mag den Saustall hier oben und ich liebe den Saustall bei anderen voll von zerdepperten Lampen, angekokelten Teppichen, undichten Dächern und kaputten Blumenkübeln. Wie bei der da.“ Er nickt mit dem Kopf in Richtung einer Blonden zwei Betten weiter. Ihr heulender Freund steht mit einem Blumenstrauß vor ihr.
    „Die bei diesem Lappen?“
    „Ja man, die stirbt vielleicht demnächst. Wetten ich kann die vorher noch klar machen? Im Moment der Schwäche... weil es doch schon eingesetzt hat, weißt du. Die ist schon gebrochen und dieser Eumel, der weiß das auch, der bleibt nur noch, bis sie den Löffel abgegeben hat. Der kommt nicht mehr, weil er sie noch liebt. Der Spasti liebt heile Dinge, Dinge die in Ordnung sind wie Brunch oder Sonntagsnachmittagsspaziergänge, nach Hause kommen und die Familie wartet, am Wochenende erst um zehn Uhr aufstehen, DVD-Abende, seine Oma besuchen, Minigolf im Park oder wenn du aufwachst und ihr Haar riecht nach Sonnenblumen oder 'ner ähnlich schwulen Scheiße. Aber der Dreck und das, was übrigbleibt, und der Aas, wenn sich die Gutmenschen glücklich gefressen haben. Das bleibt für den Spiegelberg.“
    „Als du dachtest, deine Angebetete hätte sich vom Haus geschmissen...“
    „Leck mich, das kam von dem Pfefferspray. Aber die da hinten. Die ist 'n todsicheres Ding.“ Schönes Mädel ist das. Der arme Tropf neben ihr tut mir richtig Leid, aber gegen die Naturgewalt hilft's nicht. Willkommen im Universum Spiegelberg, denke ich und frage: „Ganz schön kaputt, findest du nicht?“ „Ja, ziemlich kaputt“, bestätigt Spiegelberg.
    Geändert von Meister Reinhard (10.01.2017 um 20:04 Uhr)

  2. #2
    Chris Stone ist offline Senior-Mitglied
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    Aktuelles Buch: Robert Swindells - Abomination

    Hallo Meister Reinhard!

    "Wir mit Jonny der ersten Geige im Club."
    => Ernsthaft? Das soll dein erster Satz sein? Der schafft es locker auf die Liste der schlechtesten ersten Sätze aller Zeiten!

    "Uhn ts" ist für mich auch nicht ansprechender. Und damit hast du es mit nur zwei Sätzen geschafft, dass ich deinen Text nicht lesen möchte.

    Tja, sorry. Es finden sich sicher Wortkrieger, die ein bisschen mehr zu deiner Geschichte schreiben werden. Ich lese lieber was anderes.

    Noch ein Tipp: Beschäftige dich mit der Zeichensetzung. Du hast viele Fehlerchen drin, und einiges sieht einfach nach Schlamperei aus. Nimm dir ein bisschen mehr Zeit.

    Grüße,
    Chris

  3. #3
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    Aktuelles Buch: Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär

    Jo Chris,

    äh... ja danke das du trotz allem einen Kommentar da gelassen hast.

    Was stimmt denn mit dem ersten Satz nicht? Ich feiere den immer noch hart. Ich muss da noch argumentativ kaputt belehrt werden.

    Und sorry für "uhn ts". Da ist keineswegs die Onomatopoesie mit mir durchgegangen. Konnte mir nur die Anspielung nicht verkneifen: https://www.youtube.com/watch?v=s_RGaSV0KIg

    MfG

    Der Reinhard

  4. #4
    Chris Stone ist offline Senior-Mitglied
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    Aktuelles Buch: Robert Swindells - Abomination

    Hallo Reinhard!

    Dann die Gegenfrage: Warum feierst du den ersten Satz? Was findest du toll daran, was denkst du, dass er für die Geschichte leistet?

    "Wir mit Jonny der ersten Geige im Club."
    => Da sind also irgendwelche "wir" mit einem Jonny, den der Leser auch nicht kennt, in irgendeinem Club. Der Jonny soll eine erste Geige sein. In einem Orchester? Oder ist das 'ne Metapher? Was machen die im Club? Frage ich, weil dem Satz nunmal des Verb fehlt. (Und zwei Kommas wären ebenfalls nützlich.) Im Grunde sagt der Satz nichts als: Irgendwer, irgendwo.

    Grüße,
    Chris

  5. #5
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    Aktuelles Buch: Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär

    Hi Chris,

    ich finde der Satz wirft einen einerseits so schön ins Ungewisse, sodass der Leser im Optimalfall etwas mehr wissen will (im Bezug auf jemanden der sich Jonny die erste Geige nennt, auch wenn dich das offenbar kalt gelassen hat. Warum er "die Geige" heißt behalte ich vorerst noch für mich... er ist hier ja auch nur eine Nebenfigur), reduziert aber gleichzeitig auf eine bestimmte Situation: Ein paar Typen hängen in einem Club ab. Und der Erzähler ist einer davon, der den Leser an dem Moment teilhaben lässt. Aber nicht wirklich aufschlussreich. Als würde er zum Leser wie zu einem Kumpel sprechen und schnell alles Relevante abhaken (Wo, mit wem). Dabei ist er sich des Interesses des Gegenübers sicher, weil ja eigentlich das fiktive Du von ihm etwas wissen will. Er ist schludrig, beinahe selber desinteressiert. Er erzählt nicht welcher Club das ist, ob es ein toller Abend war, er fühlt sich ja auch nicht ganz wohl da, also sagt er das Nötigste und kommentiert weiter sein Unwohlsein an diesem Ort.

    Natürlich kann ich das Interesse der Lesers nicht voraussetzen wie meine Figur, aber ich wollte die Erzählperspektive und Stil der Welt anpassen in der sich die Figuren befinden.
    Eine Subkultur der kleinen Gangster, die sich alle mehr oder weniger kennen. In der Gerüchte schnell die Runde machen und Persönlichkeiten wie Jonny die erste Geige und Jens Spiegelberg schon durch Mythologiesierung berühmt-berüchtigt geworden sind. Der Ich-Erzähler klärt auf über eine Situation, die schon zur Hälfte bekannt ist, aber eben ziemlich verzerrt. Eine ganze Menge ist schon getratscht worden.

    Mia Wallace, Pulp Fiction: "Wenn ihr kleinen Gangster euch trefft, ist das schlimmer als ein Nähkränzchen."

    Ich hatte gehofft mit dem ersten Satz direkt den ranzig-rauen Ton der Geschichte zu treffen.
    Natürlich wäre es für die Spannung verträglicher gewesen, die Problematik direkt anzudeuten, aber das erschien mir zu künstlich (künstlich im besten Sinne) für einen mündlichen Bericht, der intuitiv (so geht es mir zumindest), damit beginnt wann, wo, mit wem etwas geschah.

    Jetzt kann man einwerfen, dass ein Erffahrungsbericht, ja in der Vergangenheit geschrieben sein sollte. Da mischen sich jetzt Stilmittel zu einer gemeinsamen Intention. Einerseits Voraussetzung von Unbekanntem im Bericht und andererseits das Tempus Präsens, das die Nähe zum Geschehen ausdrückt, um dem Leser sowohl Partizipation an der Welt und Teilnahme am Geschehen zu suggerieren.
    Dafür nehme ich in Kauf, dass es auf der Metaebene etwas Paradox wird, was hoffentlich niemandem auffällt, der mit der Handlung beschäftigt ist. Denn:

    Langfristig hatte ich gehofft den Leser als fiktiven Gesprächspartner oder Begleiter des Ich-Erzählers für ein düsteres Dazugehör-Feeling in einer ziemlich schnutzigen und natürlich pseudo-cool überspitzten Subkultur zu begeistern.

    Ich betrachte den ersten Satz als Produkt dieses Prinzips. Darum mag ich ihn. Versteh mich nicht falsch. Der Leser soll das alles natürlich nicht aus einem Satz ableiten. Das ist unmöglich. Genaugenommen soll er aus dem Satz gar nichts ableiten, ihn bloß auf sich wirken lassen. Was ich oben erläutert habe ist trockenes Konzept, dass niemals in einer Geschichte explizit werden sollte.

    Du mochtest den Satz nicht. Es war ja auch keine besonders nette Figur, die ihn dir vermittelt hat.
    Damit muss ich jetzt leben, aber ich hoffe es wurde einigermaßen klar, warum ich ihn geschrieben habe.

    In der Hoffnung meine Gedanken halbwegs nachvollziehbar geschildert zu haben.

    Der Reinhard
    Geändert von Meister Reinhard (03.01.2017 um 17:46 Uhr)

  6. #6
    ernst offshore ist offline Senior-Mitglied
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    Aktuelles Buch: Noam Chomsky Die Herren der Welt

    (Edit: In Unkenntnis deines letzten Beitrags geschrieben.)


    Zitat Zitat von Meister Reinhard
    Was stimmt denn mit dem ersten Satz nicht? Ich feiere den immer noch hart. Ich muss da noch argumentativ kaputt belehrt werden.
    Dann will ich’s mal versuchen, Meister.

    Wir mit Jonny der ersten Geige im Club.
    Der Satz ist zweifellos vollkommen korrekt. (Auch wenn man jetzt natürlich darüber diskutieren kann, ob man eine prädikatlose Ellipse überhaupt als Satz bezeichnen soll oder nicht eher als "Wortgruppe" oder "satzähnliche Struktur".) Aber egal, wie man’s nennt, ihre Verwendung widerspricht selbstverständlich keiner grammatikalischen Regel.
    Auch die (in diesem Fall „enge“) Apposition verwendest du korrekt: Nämlich ohne Kommas und im Kasus mit dem Bezugswort übereinstimmend. (So wie in: das Pferd Alexanders des Großen; mit Iwan dem Schrecklichen; usw.)
    So gesehen stimmt also alles.

    Trotzdem, und da geh ich jetzt mit Chris konform (auch wenn sie es natürlich weit weniger rustikal ausgedrückt hat), ist das als erster Satz einer Geschichte einfach scheiße.

    Warum?

    Na ja, unter anderem auch deshalb, weil es ja dann so weitergeht:

    Wir mit Jonny der ersten Geige im Club. Uhn ts …
    So. Und jetzt zeig mir einen Leser, der sich nicht spätestens hier in der Rubrik Experimente wähnt, bzw., der diesen Anfang nicht mindestens dreimal liest, bevor er ihn kapiert.
    Und zumindest ich möchte Sätze nur aus einem einzigen Grund mehrmals lesen müssen: Weil sie stilistisch brillant sind. Nicht deshalb, weil sie sich mir semantisch einfach nicht erschließen.


    Erstaunlicherweise bin ich aber trotzdem nicht abgeschreckt und werde jetzt einfach weiterlesen.
    Mal sehen, ob ich anschließend noch was zur Story zu sagen habe.

    Bis später, Meister. (Vielleicht)

    offshore
    Geändert von ernst offshore (03.01.2017 um 18:53 Uhr)

  7. #7
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    Aktuelles Buch: Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär

    Okay offshore,

    jetzt klagst du über Verständlichkeit. Das ist ein Problem. Allein von meiner Überlegung her, würde ich dazu tendieren, zu behaupten, dass wir beim Lesen ständig in Rückbezügen denken und zuvor Gelesenes automatisch mit dem gerade Gelesenen in Verbindung bringen. Also mit den Stichworten Club, Bass und Lautstärke, dachte ich eigentlich Missverständnisse zu vermeiden.

    Also war das jetzt die Häufung unkonventioneller Mittel, die euch gestört hat?

    Was würdest du vorschlagen?

    "Uhn ts" weglassen? Ich kann es ja durch Boom Boom Boom ersetzen dann hab ich anstatt der Bloodhound Gang eine Referenz zu K.I.Z. Die sind auch Assi-genug, um zur Geschichte zu passen.

    Der Reinhard

  8. #8
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    Hallo Meister!
    Ich will auch mal was sagen, wenn ich darf.
    Der Anfang hat mich tatsächlich etwas durchgeruckelt. Weniger der erste Satz - ich mag es, wenn den Figuren nach dem Maul geschrieben wird - als das unsägliche Uhn ts. Erstens hat es meinen Fluss unterbrochen, weil ich nicht gleich verstand, was das heißen soll. Aber das finde ich nicht so schlimm. Zwei Sätze später ist es dann klar und soweit kann ich mich auf einen Text einlassen, dass manche Dinge nicht sofort verständlich sein müssen. Aber ich fand das so ein bisschen aufgesetzt albern. Als wenn Onkel Erwin eine lustigen Witz erzählt und mit Geräuschen untermalt. Beim Lesen verfliegt der Effekt, der sowieso etwas abgedroschen ist. Nee, nicht mein Ding.

    Die Story insgesamt weckt ambivalente Empfindungen in mir. Einerseits mag ich die Erzählweise und die Figuren kommen ganz gut rüber. Vielleicht alle hart an der Grenze zur Parodie, aber es passt irgendwie auch zu der ganzen Atmosphäre. Diese überdrehten Egozonis, meist gut unterwegs auf Koka und anderen Sachen. Die Nymphotante - in ihrer Darstellung eher Männerfantasy als authentisch, aber was soll's?
    Andererseits frage ich mich schon, was mir die Geschichte jetzt als Aussage mit auf den Weg gibt. Und da erinnert mich die ganze Sache an einige Geration X (oder Y?) Romane, die zeitweise durch das Feuilleton gepeitscht wurden. Das Thematisieren der abgefuckten Party (Bedeutungsschwere wird von Literaturkritikern gerne in die Ziellosigkeit und Leere der Prota-Existenz hinein interpretiert) war ja unter anderem die Bass-line für den sensationell schlechten und abgekupferten DiskoDrogenFicken-Roman "Axolotl Roadkill." Ich glaube so etwas fasziniert zumeist eine Klientel, die so eine Welt nur vom Hörensagen kennt. Mir drängt sich dabei der Eindruck von des Kaisers neuen Kleidern auf. Ich sehe keine existenzielle Auseinandersetzung mit dem Dasein, sondern nur DiskoDrogenFicken. Und das ist mir dann zu wenig.

    Schwierig für mich, einen Standpunkt zu finden. Wie gesagt: ich mag das leicht übertriebene und trotzdem wahrhaftige an den Figuren. Die Geschichte selber gibt mir zu wenig.

    War es aber des Lesens wert.

    Grüße
    Kellerkind

  9. #9
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    Hi Kellerkind,

    erstmal danke fürs lesen und kommentieren.

    Oh, da muss ich aber aufpassen, dass die Geschichte nicht auf die Darstellung von Spiegelbergs Hedonismus reduziert wird.
    Gut mal überlegen. Du willst existenzielle Ausainandersetzung? Was ist denn das genau? Kann man das essen?

    Nee, also ich bin kein Fan von konkret eingewebten Aussagen. Das fühlt sich für mich so belehrend an wie episches Theater von Brecht.
    Unabhängig vom Stil und der Welt, die ich oben erläutert habe, lag der Geschichte Folgendes zu Grunde:

    Ich versuche mal zu erklären. Also der Spiegelberg, bekenndender Hedonist, fühlt sich von Leuten angezogen, die einen Knall haben und besteht dabei darauf, dass es keinen Unterschied zwischen unkonventionellem Charakter und psychischer Erkrankung gibt. Darum glaubt er auch, dass die Nymphomanin ihn mag. Und das will er seinen Mitmenschen vermitteln, im Glauben etwas Gutes zu tun. Allerdings ist Spiegelberg Repräsentant der totalen Eskalation und des Chaos. Wenn der denkt etwas Gutes zu tun (er meint ja der Nymphomanin eine wichtige Lektion über das Leben erteilt zu haben) hat das meistens die schlimmsten Folgen.

    Das sollte eigentlich schon in der "Bierpfütze" anklingen. Leider hat das keiner in den Kommentaren angesprochen.

    Wenn man jetzt ganz praktisch in Fallbeispielen denkt, werden in der Geschichte psychiatrische Diagnosen als Klassifikationen von charkterlichen Anomalien zu psychischen Erkrankungen defätisiert.
    Möglicherweise übertragbar auf die Strittigkeit einer medikamentösen Behandlung von ADHS. (Darum geht es konkret natürlich nicht in der Geschichte)

    Dieser Ansatz wird stark radikalisiert. Dem Spiegelberg nimmt ja auch keiner sein Geschwätz ab.
    Er ist quasi die personifizierte Rechtfertigung der Andersartigkeit; bei ihm in Form von völliger Rücksichtslosigkeit. Psychische Störungen hält er für individuelle Wesenszüge.

    Als "existenzielle Auseinandersetzung" würde ich dieses Ergebnis jetzt auch nicht beschreiben.

    Meine Frage wäre abschließend, ist das wirklich zu wenig oder kommt das einfach noch nicht genug rüber?

    MfG

    Der Reinhard

    PS: Sorry, an alle Nymphomanen da draußen, das ich das nette Mädel so oberflächlich dargestellt habe. Aber bevor ich sie halbgar und möglicherweise geschmackloslos beschreibe, dachte ich, ich lasse sie zunächst eher als Phänomen und weniger als Figur auftreten. Dem gerecht zu werden würde meiner Meinung nach den Rahmen der Geschichte sprengen. Ich hab sie übrigens Kira genannt und spendiere ihr noch einen Auftritt, wenn ich in der Lage bin die Thematik einfühlsam und gleichzeitig ungeschönt zu beschreiben.

  10. #10
    maria.meerhaba ist offline Senior-Mitglied
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    Aktuelles Buch: Gezeichnet

    Hallo @Meister Reinhard,
    und wie kann man sich selbst Meister nennen?

    Wir mit Jonny der ersten Geige im Club.
    Das ist mit Abstand der unschönste Satz des Jahres 2017. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand anderer das toppen wird. Das Fehlen des Verbes sorgt dafür, dass ich diesen Satz gleich mehrmals gelesen habe, um es zu verstehen. Na ja, so ganz verstehe ich ihn auch nicht. Jonny ist eine Geige? Was soll das jetzt wieder bedeuten?

    Uhn ts uhn ts uhn ts hämmert der Bass.
    Wieso versuchst du es wie in einem Comic dem Bassgeräusch einen Text zu geben? Außerdem funktioniert so was erst dann, wenn man ein konkretes Bild vom Erzähler hat.

    Schon klar, hat sie verloren die Karte.
    Sie hat die Karte verloren.

    zweihundert Assis springe einmal asynchron in die Luft und der Speigelberg fängt sich so richtig eine. Klassischer Bitchslap mit der flachen Hand. Zweihundert Kanacken
    Was jetzt? Assis oder Kanacken? Oder Kanackenassis?

    180 Grad, steht sie wieder in der Bude und richtet ein Pfefferspray auf ihn.
    180 Grad, ich mag so was eigentlich, diese coole Art des Schreibens. Der Stil hat ja auch einen Namen. Fällt mir gerade nicht ein. Aber der Geschichte fehlt einfach der Flow, damit solche Bemerkungen funktionieren und dafür sorgt einfach dein grauenhafter Anfang nicht. Der bringt die Figuren dem Leser nicht näher, der distanziert einen Leser gleich am Anfang, weil er gezwungen wird, mehrmals die Sätze zu lesen, um zu verstehen.

    Ziemlich angepisst packe ich mir den Spiegelberg.
    Spiegelberg ist ein ziemliches Arschloch. Und sein Bild zeichnest du gut. Viel zu gut. Denn der Erzähler und Jonny gehen bei der Beschreibung von Spiegelberg unter und bekommen kein Gesicht, während ich Spiegelberg und die kleine Schlampe deutlich vor Augen habe. Der Erzähler braucht genau so viel Platz wie Spiegelberg. Er braucht auch ein Gesicht. Stattdessen hat er nur leichte rassistische Züge bekommen.

    Spiegelberg wird wütend.
    Mach ihn nicht wütend mit einem einzigen Wort, mach ihn wütend mit einer Beschreibung, ohne das Wort Wut überhaupt zu benutzen. Er kann die Faust ballen, zu zittern anfangen, seine Augenbrauen so verziehen, dass sich Falten bilden und der Erzähler plötzlich einen Schritt zurück macht und sich wundert, wie schnell sein Herz zu schlagen begonnen hat. Irgendetwas in der Richtung gibt Wut die Kraft, die es braucht, um im Text zu beben.

    dann beende es ihr zur Liebe
    Ihr zuliebe.

    Ich öffne das Fenster und schaue mir den blutigen Klops Mensch an, der sich da soeben endgültig verabschiedet hat.
    So was von unnötig. Die ganze Zeit hat er die zweite Geige gespielt und dann springt er aus dem Fenster und will eine Hauptrolle in der Geschichte. Braucht er nicht, nervt nur und niemanden interessiert es, dass der abgesackt ist.

    Zitat Zitat von Meister Reinhard Beitrag anzeigen
    ich finde der Satz wirft einen einerseits so schön ins Ungewisse, sodass der Leser im Optimalfall etwas mehr wissen will (im Bezug auf jemanden der sich Jonny die erste Geige nennt, auch wenn dich das offenbar kalt gelassen hat. Warum er "die Geige" heißt behalte ich vorerst noch für mich... er ist hier ja auch nur eine Nebenfigur),
    Das interessiert mir dann schon, wieso er die Geige genannt wird. Ich meine, du liebst scheinbar deinen ersten Satz und dann verheimlichst du gerade das alle erste in deinem Satz. Bäh. Mag sein, dass dir der erste Satz sehr gut gefällt, jedem das seine und schlussendlich bist du der Autor, aber ich finde ihn grauenhaft hässlich und hässlich ist ein Wort, das ich selten verwende. Um ganz ehrlich zu sein: Ich habe die Geschichte weiter gelesen, um sie zu zerreißen.

    Was die Geschichte betrifft: So Richtung Mitte kommt sie in Fahrt, Spiegelberg wird interessant, sogar schon sympathisch, obwohl er so ein Arschloch ist, aber alle anderen Figuren bleiben Randfiguren und scheinbar in deinen Augen völlig uninteressante Figuren. Sogar der Erzähler selbst ist eine Randfigur, die kein Gesicht bekommt und dessen Gefühle nicht zu mir durchgedrungen sind. Ich hasse so was, aber die Geschichte zwischen Spiegelberg und dem Mädchen war so interessant, dass ich es gerne mitverfolgt habe. Er war cool. Sogar die Ausrede, dass sie ein Psycho ist, das finde ich in den meisten Fällen billig, aber in deinem Fall war die Enttäuschung von ihm so gut gezeichnet, dass er mir schon fast leid tat. Ja, das geht.

    Doch dein Stil ist noch unreif, vor allem am Anfang klingt es unbeholfen, als hättest du die Geschichte planlos zu schreiben begonnen. Es wirkt so, ist es aber nicht, so kommt es mir vor. Doch wirklich anfreunden kann ich mich halt nicht, die Distanz vom Erzähler und Leser ist für meinen Geschmack viel zu groß und es stört mich sehr, dass die ganzen Figuren kein Gesicht bekommen. Aber der Spiegelberg ist interessant. Wahrscheinlich auch nur, weil ich auf Arschlöcher stehe.

    LG
    Maria

    PS.: Das hier ist auf gar keinen Fall Romantik! Weg mit dem TAG.

  11. #11
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    Aktuelles Buch: Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär

    Hi Maria,

    habe gar nicht mehr damit gerechnet, dass noch was kommt. Besten Dank!

    Aber der Geschichte fehlt einfach der Flow, damit solche Bemerkungen funktionieren und dafür sorgt einfach dein grauenhafter Anfang nicht.
    Liegt das nur am Anfang oder auch am Stil allgemein?

    Stattdessen hat er nur leichte rassistische Züge bekommen.
    Nur weil er einmal Kanacken gesagt hat? Ist doch auch kein vehementer Negerkuss-Fanatiker gleich Rassist.

    Denn der Erzähler und Jonny gehen bei der Beschreibung von Spiegelberg unter und bekommen kein Gesicht
    Ja okay. Da weiß ich noch nicht, wie ich das realisieren soll. Ich charakterisiere den Spiegelberg, der ja auch die Hauptfigur ist, hauptsächlich durch seine Redeanteile. Also sollen die anderen jetzt mehr zu sagen haben?
    Der Ich-Erzähler ist jetzt auch nicht so der Typ, der Seitenweise über seine Gefühle spricht.

    Es liegt vielleicht auch daran, dass ich die Nebencharaktere voraussetze, weil ich versuche, hinsichtlich einer Figur eine abgeschlossene Geschichte zu schreiben und mit den anderen Figuren einen Zusammenhang zu anderen Geschichte herzustellen, in denen die Nebencharaktere Protagonisten sind.
    Das führt dann dazu, dass Jonny hier mehr Kulisse als Figur ist. Ich überlege auch die ganze Zeit, ob ich das nicht als Serie kenntzeichnen soll. Wie geht das überhaupt?

    So was von unnötig. Die ganze Zeit hat er die zweite Geige gespielt und dann springt er aus dem Fenster und will eine Hauptrolle in der Geschichte. Braucht er nicht, nervt nur und niemanden interessiert es, dass der abgesackt ist.
    Tut es auch nicht, aber ich brauche den toten Fettsack als Auslöser für folgende Sätze:

    „Wer?“, ächzt der Spiegelberg, „wer liegt da?“
    „Dein fetter Nachbar“, antworte ich, „Was hast du denn gedacht?“

    „Als du dachtest, deine Angebetete hätte sich vom Haus geschmissen..."

    Spiegelberg wird interessant, sogar schon sympathisch, obwohl er so ein Arschloch ist
    Super! Oxymoron sympathisches Arschloch war meine Intention bei ihm!

    Nochmal vielen Dank, dass du bis zum Ende durchgehalten hast. Sehr hilfreicher Kommentar.

    LG

    Der Reinhard

    PS.:

    und wie kann man sich selbst Meister nennen?
    Da habe ich doch kaum eine halbe Sekunde drüber nachgedacht... Pseudonym meiner Kindheit halt... von wegen... und weil Macht und Lichtschwert... und... ach vergesst es...

    PPS.:

    Wahrscheinlich auch nur, weil ich auf Arschlöcher stehe.
    Gute Einstellung

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