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Von den Dromvalpen

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04.12.2016
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Von den Dromvalpen

Die Sonne war schon lange am Horizont versunken, die Schreie aus der Kammer verklungen. Nervös grub das Mädchen seine Hände in den Saum seines Kleides und versuchte, artig zu warten. Der Vater, ein Händler, war noch immer nicht von seiner letzten Reise zurück, und es hatte ihm doch versprochen, brav zu sein.
Nach einer gefühlten Ewigkeit öffnete sich schließlich die hölzerne Türe. Die alte Iduskin trat aus der Kammer. Das Gesicht verschlossen, ernst. Die Augen glänzend und weich, voller Mitgefühl und Trauer. In den Händen ein Bündel aus sorgsam zusammengefaltetem Leinen, an dem noch zu deutlich das frische Blut klebte. Die Alte legte eine Hand beinahe zärtlich auf das Bündel und verließ das Haus, die Tür zur Kammer einen Spalt offen lassend.
Mit zitternden Händen und tapsigen Schritten näherte sich das Mädchen der Kammertür, erblickte auf der Bettstatt, welche mit wärmenden, weichen Fellen bedeckt war, die Mutter, die schluchzte und zitterte.
Doch mit der Gabe, welche Idu wohl jeder Mutter schenkt, bemerkte die Frau die Anwesenheit ihrer Tochter, ihres immer noch einzigen Kindes.
Sie riss sich zusammen und fuhr sich mit den Handrücken über die Wangen, um die Tränen fortzuwischen, und bemühte sich um ein Lächeln. Sie rutschte etwas beiseite und klopfte neben sich. Eine Aufforderung, die man dem Mädchen kein zweites Mal machen musste.
Sofort krabbelte das Kind unter die Felle, um sich an seiner Mutter festzuhalten. Die kleinen Hände schlangen sich fest um den Leib der Frau, auf der Suche nach Schutz. Die Äuglein des Kindes waren ebenso tränenverschleiert wie die der Mutter und voller Unverständnis, voller Fragen, weit aufgerissen zu dem vertrauten Gesicht blickend.
Die Hände der Frau fuhren beruhigend über das Köpfchen des Kindes, welches für die folgende Frage mehrfach ansetzen und sich zusammen reißen musste: „Wieso? Wieso haben die Götter das zugelassen? Ich... ich habe mich doch so auf mein Geschwisterchen gefreut...“
Die Mutter schwieg zunächst, musste sie sich doch erst sammeln und die passenden Worte zurechtlegen. Auch brauchte ihre Kehle einige Momente, ihre Stimme gehorchte ihr kaum. Langsam und leise richtete sie dann das Wort an ihre Tochter: „Die Alte Welt ist ein Ort der Dunkelheit und des Kampfes. Und wir, die Kinder der Wolfsgötter, haben das Glück, hier in der Ny Verden leben zu dürfen. Zu spielen, zu lernen und unsere Fähigkeiten und Sinne zu erproben. Solange, bis unsere Zeit gekommen ist. Aber dies bedeutet nicht, dass wir immer erst vor Ambrus treten, wenn wir ein Gebiet gemeistert haben. Vielmehr werden wir dann von den Göttern gerufen, wenn wir ihnen nützlich sein können.“
Das Kind hörte schweigend zu, versuchte, die Worte der Mutter zu verstehen, und dachte über diese nach. Zögerlich setzte das Mädchen an: „Aber...“. Doch die Worte wollten ihr nicht so recht über die Lippen gelangen. Die Mutter allerdings schien zu ahnen, was ihrem Kind das Gemüt so schwer werden ließ: „Aber wie kann ein so kleines Kind den Göttern nützlich sein? Wolltest Du das fragen? Für uns erscheint es grausam. Und es ist sehr schwer zu verstehen, noch schwerer, es zu akzeptieren. Aber manchmal, wenn die Schrecken in der Alten Welt zu stark werden, wenn das Rudel droht zu verzweifeln... dann ist ein Kind, ein Welpe des Rudels, so hoffnungsspendend wie der Blick Fregos nach einer langen Winternacht. Kinder, die so früh von Ambrus zu sich gerufen werden, nennt man Dromvalpen – Traumwelpen. Dem Totenwolf ist bewusst, wie grausam sein Urteil anmutet, aber er handelt nur zum Wohle des Rudels. Darum bat er einst seinen Bruder Tranq, jedem dieser Kinder einen Traum zu schenken. Damit sie verstehen und begreifen. Damit sie wissen, dass sie nicht verlassen sind.“
Das Kind schwieg noch immer und schloss die Augen, vergrub das Köpfchen tief in den Fellen der Bettstatt. Tief atmete es ein und aus, sog den Duft des Fells in seine Lungen. Als es die Augen wieder öffnete, erblickte es nicht mehr die Mutter. Auch das Bett war verschwunden. Stattdessen umhüllte das Mädchen ein Nebel, der sich langsam lichtete, und den schneeweißen Pelz des Totenwolfs offenbarte. Und als das Kind in die leeren Augen des Gottes blickte, erkannte es die eigene Gestalt. Die Umrisse eines kleinen, tapsigen Welpen spiegelten sich in Ambrus’ Augen.
Der Totenwolf erhob sich und leckte dem Welpen mitfühlend über die Schnauze.
“Es tut mir leid. Du hast die Kammer mit der alten Iduskin verlassen... und im Traum durch die Augen Deiner Schwester gesehen.“ sprach Ambrus, stupste den Welpen an und schritt mit diesem durch den Nebel auf ein Licht zu. Dieses entpuppte sich, je näher sie diesem kamen, als jene Kammer, in der sich der Welpe noch kurz zuvor selbst wähnte. Mutter und Schwester des Welpen lagen dort noch immer aneinander geschmiegt zwischen den Fellen. Leise, wie ein Flüstern, konnte man die Stimme des Mädchens hören: „Wie sollte der Name meiner Schwester sein?“. Die Mutter rang deutlich sichtbar mit den Tränen und mit brüchiger Stimme brachte sie so gerade noch heraus: „Tanka. Sie sollte Tanka heißen...“
Der Götterwolf blickte zu dem Welpen neben sich:
„Du wärest sehr geliebt worden. Oder vielmehr wirst Du es immer noch, selbst wenn Du von Ihnen getrennt bist. Aber die unsrigen brauchen Dich. Es wird Zeit für Dich, den Traum hinter Dir zu lassen und aufzuwachen. Und irgendwann... wirst Du Deine Mutter und Deine Schwester wiedersehen.“
Ambrus leckte dem Welpen erneut über das Köpfchen, welchem mit einem Male die Lider furchtbar schwer wurden, bevor sich gnädige Finsternis in seinem Geist ausbreitete.
Als sie nach einer gefühlten Ewigkeit die Augen aufschlug, drangen Kampflärm, Schreie und Knurren an die Ohren der jungen Wölfin. Sie musste zunächst aus dem Dickicht hervorkrabbeln, welches sie verborgen hielt. Sie befand sich in einer Schlucht, hohe Steilwände ragten zu drei Seiten empor, offensichtlich eine Sackgasse.
Nur wenige Schritte vor sich konnte sie Menschen und Wölfe erkennen, die gleichermaßen versuchten, unzählige Schrecken daran zu hindern, weiter vorzudringen. Blanker Stahl und reißende Fänge trafen auf Schuppen, Hörner und Gefieder. Doch das Rudel wurde Schritt für Schritt tiefer in die Schlucht hineingedrängt. Zu mächtig, zu zahlreich waren die Schrecken.
Tanka blickte sich verzweifelt um. War nicht gerade noch einer der Götterwölfe selbst bei ihr gewesen? Warum half Ambrus den Seinen nicht? Doch dann erkannte der Welpe, dass der Totenwolf dies längst getan hatte. Sie war deswegen dort und nicht in der Kammer bei ihrer Familie. Mit allem Mut, der in dem schmalen Leib steckte, erhob Tanka ihre Stimme und ließ ein zartes Heulen über dem Schlachtenlärm erklingen.
Ein Krieger, dessen Schild ob einer Schulterwunde eher über dem Boden schleifte denn ihn zu schützen, erblickte Tanka als erstes. „Ein Welpe!“ rief er aus, und sein Gesicht verzerrte sich zu einer grinsenden Fratze, bevor er sein Schwert durch den Kiefer eines Schreckens trieb.
„Wir streiten mit den Göttern! Und wenn es unser Schicksal ist, sterben wir mit ihnen. Aber nicht heute!“. Der Krieger stimmte nun seinerseits ein Heulen an, in das zunächst Tanka und nach und nach alle anderen mit einstimmten. Ob schwer verwundet oder von Geros Gabe übermannt, ob Mensch ob Wolf, das Geheul der eingekesselten Gemeinschaft brach sich an den Felsklippen und mischte sich bald mit den Schmerzensschreien der Schrecken, die sie nun nach und nach zurückdrängen konnten...

 

Hinweis:
Die Geschichte wurde für einen schon länger bespielten LARP (Life Action Role Play) Hintergrund geschrieben. Im Laufe der Jahre haben sich dabei einige Begriffe eingebürgert, die für Hintergrundfremde nicht sofort ersichtlich sind. Daher zum besseren Verständnis nun einige Begriffserklärungen:

Frego: Gott, Leitwolf, hat die Sonne erschaffen.
Fregos Auge, Fregos Blick: Synonym für die Sonne.
Idu: Göttin, Mutterwölfin
Iduskin: Person, die der Bondkin Idus angehört.
Bondkin: Eine kulturelle Besonderheit. Vereint die familiären Aspekte eines Clans/einer Sippe, die religiösen Aspekte einer Kaste und den wirtschaftlichen und politischen Aspekt einer Gilde/Zunft in sich.
Ambrus: Gott, Totengott. Richter der Seelen. Sohn von Frego und Idu.
Tranq: Gott, "der Wanderer", Traumwächter. Könnte als Trickster eingestuft werden. Sohn von Gero und Idu.
Gero: Gott, jüngerer Zwillingsbruder von Frego.
Ny Verden: "Neue Welt", Diesseits. Aus Sicht der bespielten LARP-Religion bereits das "Paradies", in welchem man leben und lernen darf, um dann in der Alten Welt (Jenseits) die ihm zugedachte Aufgabe erfüllen zu können.


Hallo PieOhPah,

und willkommen hier.

Solche Hinweise bitte immer in einem separaten Post unterhalb der Geschichte schreiben.

Ist das ein Ausschnitt aus einer Geschichte?
So erklärst du z.B. "Bondkin", was in der Geschichte allerdings gar nicht vorkommt oder erwähnt wird :confused:

Beste Grüße,
GoMusic

 

Hallo CoMusic,

vielen Dank für den Hinweis und das Editieren :)
Es gibt noch weitere Geschichten, die mal mehr, mal weniger in Zusammenhang stehen.
Der Begriff "Bondkin" kommt in der Geschichte nicht vor, aber wird benötigt um den Begriff "Iduskin" zu erklären.

LG
Pie

 

Hallo PieOhPah,

beim Lesen des Textes hatte ich nicht den Eindruck, einen Teil einer größeren Geschichte zu lesen, sondern eher eine große Geschichte gepresst in eine Kurzgeschichte. Es passiert sehr viel. Ein Kind wird tot geboren, der Hintergrund der Dromvalpen wird erklärt, das Kind wird älter, es erscheint in einer Schlacht.
So etwa ab dem zweiten Drittel fand ich die Geschichte wirklich atmosphärisch, auch wegen dieser Verwebung von Traum und Realität, wofür ich eine Schwäche habe. Am Anfang hat mich die irgendwie klischeehafte Wortwahl bei der Sprache gestört, aber das hat sich dann gebessert. Ein Beispiel ist das etwas häufige Diminutiv in folgendem Fragment.

Die Äuglein des Kindes waren ebenso tränenverschleiert wie die der Mutter und voller Unverständnis, voller Fragen, weit aufgerissen zu dem vertrauten Gesicht blickend.
Die Hände der Frau fuhren beruhigend über das Köpfchen des Kindes, welches für die folgende Frage mehrfach ansetzen und sich zusammen reißen musste: „Wieso? Wieso haben die Götter das zugelassen? Ich... ich habe mich doch so auf mein Geschwisterchen gefreut...“

Sehr stark finde ich das hier:
Kinder, die so früh von Ambrus zu sich gerufen werden, nennt man Dromvalpen – Traumwelpen. Dem Totenwolf ist bewusst, wie grausam sein Urteil anmutet, aber er handelt nur zum Wohle des Rudels. Darum bat er einst seinen Bruder Tranq, jedem dieser Kinder einen Traum zu schenken. Damit sie verstehen und begreifen. Damit sie wissen, dass sie nicht verlassen sind.“
Das Kind schwieg noch immer und schloss die Augen, vergrub das Köpfchen tief in den Fellen der Bettstatt. Tief atmete es ein und aus, sog den Duft des Fells in seine Lungen. Als es die Augen wieder öffnete, erblickte es nicht mehr die Mutter. Auch das Bett war verschwunden. Stattdessen umhüllte das Mädchen ein Nebel, der sich langsam lichtete, und den schneeweißen Pelz des Totenwolfs offenbarte. Und als das Kind in die leeren Augen des Gottes blickte, erkannte es die eigene Gestalt. Die Umrisse eines kleinen, tapsigen Welpen spiegelten sich in Ambrus’ Augen.
Der Totenwolf erhob sich und leckte dem Welpen mitfühlend über die Schnauze.
“Es tut mir leid. Du hast die Kammer mit der alten Iduskin verlassen... und im Traum durch die Augen Deiner Schwester gesehen.“

Wobei mir nicht klar ist, wie der weibliche Dromvalpe (oder auch Singular "Dromvalpen"? Würde den skandinavischen Sprachen entsprechen) durch die Augen ihrer Schwester sehen soll, ohne sich bewusst zu werden, dass sie nur Zuschauerin in einem fremden Kopf ist. Vielmehr scheinen die Geister zu verschmelzen.

Wie genau wird das Mädchen am Ende als Dromvalpe erkannt? Sieht sie wirklich wie ein Wolf aus? War sie in Fregos Reich ein Wolf?

Mein Fazit: Lesenswert und atmosphärisch, aber mit sehr komprimierter Handlung.

Gruß
Leif

 

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