Abstimmungsergebnis zur Challenge "Auf der Mauer stand mit Kreide"

Eisenmann: Fleischmaschine

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  1. #16
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    Lieber @Eisenmann,

    das ist ein Experiment und ich erahne deine Intention und worauf du abzielst.

    Du nimmst uns mit in eine Fritz Lang- oder Orwell-Welt, in der die Wesen nur noch agieren, alle das Gleiche tun, auf dieselben Befehle reagieren, auf derselben Linie stehen und auf ein Zeichen warten, um den nächsten Schritt zu tun.
    Alle verhalten sich wie Roboter. Allerdings hatte ich an zwei Stellen das Gefühl, dass du diese Roboter-Ebene verlässt:

    Er löffelt warmen, geschmacklosen Brei. Er kaut warme, geschmacklose Riegel. Er trinkt warme, geschmacklose Flüssigkeit.
    Geschmack ist eine Sinnes-Wahrnehmung. Eine Maschine wird warm und kalt unterscheiden können/müssen, aber ist es für sie von Wert zu unterscheiden, ob etwas schmeckt oder nicht? Da geht eine Bewertung des Autors mit ein.

    Und auch hier scheint mir deine Roboter-Darstellung nicht konsequent:

    Auf seiner Pritsche liegt D 15. D 15 ist anders als er. D 15 legt sich auf ihn und er fühlt, wie sich ein Teil seines Körpers verändert. D 15 bewegt sich auf ihm. Er bewegt sich in D 15. Er spürt, wie er verkrampft und dann entspannt. … Er sieht ihr dabei zu.
    Da ist er wieder – dieser Bereich der Empfindungen. Wie soll ich mir ein Wesen vorstellen, das zwar Geschmacksnerven hat, sich verkrampfen und entspannen kann, aber völlig unbeeindruckt und kalt dasteht, wenn ein Mit-Wesen stirbt und abtransportiert wird?

    Und spätestens hier frage ich mich, was du eigentlich mit deinem Text sagen möchtest. Natürlich kommt es uns oft so vor, als würde unser Leben ablaufen, wie du es hier zeichnest: immer auf einer vorgezeichneten Linie zu verharren, um dann auf ein Zeichen hin zu agieren, fremdbestimmt zu handeln. Aber wenn das die Aussage deines Textes sein soll, so muss ich leider sagen, dass dein Text für mich zu sehr an der Oberfläche bleibt, zumal es sich ja um eine Szene handelt, die uns schon des öfternen kredenzt worden ist. Aber während ich z.B. bei Orwell den Großen Bruder als Macht im Hintergrund ausmachen kann, zeigt dein Text mir lediglich das Agieren der (menschlichen) Roboter. Mir kommt es so vor, als hätte ich hier ein Teilstück einer Dystopie vor mir, deren Gesamtzusammenhang mir fehlt. Und damit fehlt mir leider auch eine Aussage. Die muss ich mir aus den Vorlagen holen.

    Ganz anders ist es, wenn ich mir die Form deines Textes betrachte. Da finde ich dein Experiment wirklich gut gelungen: Form und Inhalt entsprechen einander. Du setzt den roboterhaft-stereotypen Ablauf durch die fortlaufend immer gleichen Wiederholungen eindringlich um. Das hat mir gut gefallen.

    Zum Schluss noch eine typische Eisenmann-Formulierung, die so entweder absolut nicht in den Text passt oder mit der du ihn bewusst brechen willst:

    Dann fällt er um, soweit das mit dem eingequetschten Arm geht.
    Liebe Grüße
    barnhelm

    Noch ein Zitat zum Thema:
    „Jedoch, sagen Sie nur noch: Der Herr, der morgen kommen soll,
    ist das nun ein Automat oder ein richtiger Mensch?“
    „Ich nehme an, noch ein richtiger Mensch. Aber es bliebe sich gleich. Guten Tag.“
    (Hermann Kasack, Mechanischer Doppelgänger)
    Geändert von barnhelm (07.01.2017 um 09:14 Uhr)

  2. #17
    Marlowe ist offline Mitglied
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    Aktuelles Buch: Gott: Eine kleine Geschichte des Größten von Manfred Lütz

    Großartig, ich würde kein Wort an dem Text verändern, weil er ein rundum gelungenes Experiment geworden ist. Faszinierend eindringlich, Bilder, die einem eingehämmert erscheinen, wenn das letzte Wort gelesen ist.

  3. #18
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    Aktuelles Buch: Stephen King - Es

    Klasse Geschichte, Eisenmann!

    Ich will gar nicht viel sagen, ich kann nur @Marlowe beipflichten und es als rundum gelungenes Experiment bezeichnen. Ich fände es nur stimmiger, wenn D sein Sperma abgeben muss, und es G eingesetzt wird. Dann wären noch mehr Parallelen zur Haltung der Kühe bzw. Stiere und vorallem zur Pferdezucht vorhanden. Die Hengste dürfen ja auch nur in der Box stehen, bis sie etwas trainiert werden, um dann irgendwann ihr Sperma abgeben zu dürfen. Manchmal müssen sie dann noch zum Rodeo / Pferderennen / Polo/ was auch immer - auch sehr grau. Aber gut, das war jetzt meine Deutung und meine Gedanke

    Ich finde die Geschichte super, sie funktioniert und wirkt auch ohne meine Fantasie!

    Grüße,

    Sonne

  4. #19
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    Aktuelles Buch: Perverse Peitschenexzesse blutjunger Nonnenschülerinnen :D

    @HoWoA

    Hallo Holger!

    Vielen Dank nicht nur für dein Feedback und das Lob, sondern auch dafür, dass du diese Geschichte aus dem "Keller" wieder hervorgeholt hast. Es ist immer schade, wenn so viele Geschichten (zwangsläufig) immer mal wieder in Vergessenheit geraten oder -wenn z.B. gerade mal viel im Forum los ist - übersehen werden. Wie gesagt - vielen Dank für deine Zeit und Mühe.

    Zu deinen Anmerkungen:

    Stimmt, der Satz ist in der Tat nicht so simpel-holzschnittartig wie der Rest.

    Was Die "Neugierde" von G48 angeht, so wollte ich die Menschen nicht (ganz so) als lobotomierte Zombies darstellen. Gewisse Emotions-Rudimente sollten noch vorhanden sein. In der Rohfassung hatte ich noch mehr solcher Passagen drin, aber die habe ich dann wieder rausgeschmissen, weil dadurch diese Automaten-Atmosphäre wieder verwässert worden wäre.

    Viele Grüße zurück vom EISENMANN
    ------------------------------------------------------
    @barnhelm

    Hi barnhelm!

    Vielen Dank für dein Feedback und deine Anmerkungen. Das Zitat am Ende von Hermann Kasack passt ja wie die Faust aufs Auge. Das kann einem doch ganz schön zu denken geben, wie weit wir noch von dem Dasein einer Fleischmaschine entfernt sind.

    Es freut mich übrigens sehr, dass die Roboter-Darstellung nicht konsequent ist, denn das sollte sie auch gar nicht sein. Es war mir wichtig, den/die Menschen eben nicht nur noch wie Automaten darzustellen, sondern noch kleine Funken und Reste von Menschlichkeit erhalten bleiben zu lassen.
    Was das "geschmacklos" angeht, so diente das allerdings eher der Beschreibung der tristen, grauen Fabrikatmosphäre, und sollte weniger eine Emotionalität des Protagonisten darstellen.

    Was ist mit dem Text sagen wollte, hast du eigentlich schon sehr treffend selber auf den Punkt gebracht: eine Dystopie, die durch eine einzelne, isolierte Szene dargestellt wird. Weil in meiner Vorstellung in so einer Zukunft jeder Tag wie der andere ist - genauso automatisiert, grau und gesichtslos wie die Arbeit in der Fabrik. Selbst die wohl intimste Form der Zwischenmenschlichkeit wird hier auf einen bloßen Fließbandablauf ohne jede Form von Emotionalität, Schamgefühl oder tatsächlicher menschlicher Nähe reduziert.

    Der Text erhebt keinen Anspruch auf ein möglicherweise optimistisches Ende oder die Aussicht auf eine Änderung der Zustände. In einem Buch - das wieselmaus dann ja gerne lesen würde- würde es wohl klassisch-klischeehafter weise dann irgendwann zu einer Zeit der Maschinenstürmer und Revolution kommen. Das kennt man ja schon.
    Hier soll es einen solchen Ausblick nicht geben. G 48 wird sich aus dem roboterhaft-stereotypen Ablauf nicht befreien können, weil ihm ganz einfach auch die dafür notwendig Fantasie, Größe des menschlichen Geistes und die Kraft der Hoffnung und Träume fehtl. Er ist eben im wahrsten Sinne des Wortes eine "Fleischmaschine" - und Maschinen tun (nur) das, wozu sie programmiert sind.

    Vielen Dank für deine Anmerkungen und Gedanken
    EISENMANN
    -----------------------------------------------------------
    @Marlowe

    Hi Marlowe!

    Vielen Dank für dein Lob - das geht runter wie (Maschinen-)Öl! Besonders freut es mich, dass du die Geschichte als "eindringlich" empfunden hast, denn genau diese Wirkung sollte sie entfalten!

    Viele Grüße vom EISENMANN - dem übrigens dein Nickname gut gefällt!
    ----------------------------------------------------
    @schwarze sonne

    Heyho Sonne!

    Vielen Dank für dein Lob und deine Anmerkungen. Stimmt - ein auch noch auf dieser Ebene stattfindender "Befruchtungsprozess" wäre dann wohl der krönende Abschluss der Entmenschlichung des Menschen. Wenn man so darüber nachdenkt, kann einen wirklich eine Gänsehaut überkommen. Besonders weil es so eine Form der Entmenschlichung bis hin zur bloßen "Nummerierung" der Menschen ja sogar schon in den KZ's gegeben hat. Und künstliche Befruchtung ist ja heutzutage schon ein absolut alter Hut.

    ich weiß echt nicht, wo das alles irgendwann noch hinführen wird. Jedenfalls habe ich mich sehr über dein Lob gefreut - vielen Dank dafür.

    Grüße vom EISENMANN

  5. #20
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    Vorab ein herzliches Dankeschön an @HoWoA für das Hochholen dieses Textes. Bei der Fülle an Texten hier hätte ich als Neuling, der sich erst durch all das durchwühlen muss, das hier schätzungsweise erst in zwei Jahren gefunden.

    Hallo @Eisenmann
    es ist dir erneut gelungen mich mit einem deiner Texte zu beeindrucken.
    Sehr intensiv, diese Beschreibung, bildhaft in ihrer Tristesse und grauen Atmosphäre.
    Nahezu perfekt. Mit einem kleinen Schwachpunkt in meinen Augen. Und hier erweist es sich, dass es manchmal gut ist, Kommentare zu lesen, bevor man selbst kommentiert, denn das hier:
    Es freut mich übrigens sehr, dass die Roboter-Darstellung nicht konsequent ist, denn das sollte sie auch gar nicht sein. Es war mir wichtig, den/die Menschen eben nicht nur noch wie Automaten darzustellen, sondern noch kleine Funken und Reste von Menschlichkeit erhalten bleiben zu lassen.
    beantwortet eine Frage, die ich mir beim Lesen stellte und bildet gleichzeitig für mich eben diesen einen Schwachpunkt. Es liegt höchstwahrscheinlich an der Kürze des Textes. Diese deine Absicht der Inkonsequenz kommt nicht eindeutig durch. Es wirkt, als hätte der Autor (also du ) sein eigenes Menschsein nicht ganz verleugnen können. Würde der Text fortgesetzt, ergäbe sich bestimmt aus dem weiteren Verlauf diese Absicht, diesen Hauch von Menschlichkeit, der sich auch unter widrigsten Umständen erhält, durchblitzen zu lassen. Am deutlichsten zeigt sich für mich diese deine Absicht in diesem Satz:
    Er sieht ihr dabei zu.
    Der einzige Satz, in dem G48 einen Menschen als Mensch wahrnimmt und der mich dann doch vermuten ließ, dass auch die anderen Brüche beabsichtigt sind.
    Wie sich die Absicht deutlicher machen ließe? Sehr schwierig wegen der Kürze. Am einfachsten wäre wohl der, zugegeben billige, Trick einer anderen Schriftart oder Formatierung für die Brüche.
    Oder ich warte einfach auf die Fortführung des Experiments und sehe dann, ob es deutlicher wird
    Ob ich das Buch, so es denn geschrieben würde, lesen würde weiß ich nicht. Es wäre sicher schwer zu ertragen. Aber ich freue mich, dass du anscheinend auch dem Glauben anhängst, dass trotz vieler Gegenbeweise der Mensch im Menschsein nicht gebrochen werden kann.
    Danke für den Einblick in dieses Experiment sagt Blaustrumpf
    Geändert von Blaustrumpf (07.01.2017 um 19:01 Uhr)

  6. #21
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    Aktuelles Buch: Perverse Peitschenexzesse blutjunger Nonnenschülerinnen :D

    @Blaustrumpf

    Hi Blaustrumpf!

    Vielen Dank für dein Feedback und dein Lob! Es ist schön, dass dir diese zugegebnermaßen doch recht düstere Zukunftsmalerei von mir gefallen hat und dich beeindrucken konnte.

    Es ist tatsächlich nicht leicht, in den (kurzen) Text weitere Reste und Rudimente von Menschlichkeit einzubauen. Vor allem wollte ich nicht die automatenhafte Erzählart und Struktur der Atmosphäre dadurch verwässern, indem ich "normale" Erzählpassagen einbaue. Wenn ich mir vorstelle, ein ganzes Buch in so einem Stil zu lesen (oder zu schreiben), dann kann ich mir auch gut denken, dass das keine leichte Kost ist. Immer gleicher Satzbau, und das über zig Seiten. Wow - ich könnte so ein Buch wohl nur häppchenweise lesen.

    Was die Fortführung des Experiments angeht - nun, eigentlich ist da keine Fortführung gedacht. Ich hatte/habe nicht vo, G48 aus seiner inhumanen Arbeitshölle und stumpfsinnigem Dahinvegetieren zu befreien. Sorry!

    Vielen Dank nochmal für dein Lob
    EISENMANN

  7. #22
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    Hallo @Eisenmann,

    etwas spät, aber hoffentlich nicht zu spät, möchte ich Dich noch wissen lassen, dass mir Dein Experiment sehr gut gefallen hat. Für mich hätte diese Geschichte sogar noch mehr Sätze dieser Machart haben können. Das entwickelt beim Lesen eine meditative Stimmung.

    Hier

    Auf dem Boden befindet sich eine grüne Linie. G 48 stellt sich auf die Linie und wartet.
    bin ich etwas gestolpert, da ich erwartete danach etwas in dieser Art zu lesen:

    G 46 steht hinter ihm auf der Linie und wartet. G 47 steht rechts neben ihm auf einer parallelen Linie und wartet. G 48 steht links neben ihm auf einer weiteren parallelen Linie und wartet.

    Wenn man den "Schwarmaspekt" betonen wollte, könnte man dann im nächsten Satz auch "sie" einführen:

    Die Sirene heult. Sie setzen sich in Bewegung und folgen den Linien, die in den Speisesaal führen.

    Jetzt höre ich aber lieber auf, sonst werde ich noch selbst zum Bork.

    Ich frage mich aber gerade, ob man nach diesem Muster als Experiment auch eine Geschichte schreiben kann, indem einfach jedes Mitglied ein Wort oder Satzzeichen hinzufügt (die einzige Regel wäre, dass jeder immer nur ein Wort schreiben darf).

    Jetzt aber: Geschichtenwerker geht zurück zur Arbeit.

    Gruß
    Geschichentwerker

  8. #23
    Mitglied seit
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    Aktuelles Buch: Perverse Peitschenexzesse blutjunger Nonnenschülerinnen :D

    Hey Ho Geschichtenwerker!

    Vielen Dank für dein Feedback und deine Ideen! Cool, dass du beim Lesen der Geschichte auch solche automatisierten Bilder und "Schwarm-"Vorstellungen hattest. Sehr schön!

    Das freut mich, dass du in diesem Stil sogar noch hättest mehr lesen können. Ich persönlich fand es überraschend schwierig, einen so gleichförmigen Schreib- und Sprachstil beizubehalten. Ich musste immer wieder ganze Sätze zurückspringen, damit ich auch möglichst das mache, was ich sonst so oft bei Geschichten bemängele - Wiederholungen, Wiederholungen, Wiederholungen. Da war ich schon ziemlich froh, dass die Geschichte relativ kurz ist.

    Hm - ich kann mir nicht recht vorstellen, wie man ein solches Schreibexperiment umsetzen könnte, wenn jedes Mitglied nur ein einziges Wort schreiben darf. Wäre aber auf jeden Fall mal was außergewöhnliches.

    Einen hoffentlich nicht mehr allzu arbeitsreiches Wochenende wünscht dir der EISENMANN

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